Wir trinken Tschai (AL 2012)

Als erste Kosovarin wird die 24jährige Rona Nishliu Albanien beim Eurovision Song Contest in Baku vertreten. Mit einer hochdramatischen Ballade über die durch das Trinken von viel zu heißem Gewürztee („Tschaaaaaaaaaaaaaaaiiiiiiiiii!“) verursachten Schmerzen konnte sie beim soeben zuende gegangenen Festivali i Këngës die Juroren überzeugen. Zuschauerstimmen waren bei der 50. Ausgabe des traditionellen albanischen Songfestivals nicht zugelassen. Ronas Beitrag ‚Suus‘ verfügt zwar nur in leisesten Spurenelementen über so etwas wie eine Melodie, von einem wahrnehmbaren Refrain erst gar nicht zu reden. Dafür beeindruckte die Fünftplatzierte von Albanien sucht den Superstar 2004 mit einer Vokalakrobatik, die an die besten Momente polnischer Eurovisionskunst der Neunziger heranreicht. Anscheinend will man da eine gerade frei gewordene Lücke füllen. Mal schauen, wie der Song nach der notwendigen Kürzung von aktuell viereinhalb auf eurovisionskonforme drei Minuten klingt und ob man ihm durch Transformation ins Englische den Charme raubt.

httpv://youtu.be/az7NlG0Iqxs
Jetzt bringt ihr doch endlich jemand ihren Tschai!

Besondere Erwähnung verdient außerdem die Frisursituation. Trug Rona Räubertochter im FiK-Semifinale das zu dicken Rastazöpfen verfilzte Haar noch offen, was in einem seltsamen Kontrast zu ihrem tristen Fummel und dem musikalischen Gewimmer aus den tiefsten Tälern der Neunziger stand, so arrangierte sie es für das heutige Finale zu einem beeindruckenden Dutt, der alleine für sich genommen schon des Sieges würdig war. Insbesondere im Lichte der schwachen Konkurrenz, die aus Schwärmen langweiliger Durchschnittsballaden, satanischen Murmlern, dem albanischen Pitbull und dem Little Drummer Bear bestand. Schockierend auch Ronas Outfit: ein katastrophal geschnittener Krokodillederblouson, der stellenweise den Eindruck erzeugte, ein Alligator verspeise gerade die Sängerin. Da ist dringend etwas Styling och Consulting fällig! Lustig hingegen die Punkteauszählung, als die überforderte Hilfskraft mit dem zeitnahen Eingeben der stakkatoartig schnell vorgelesenen „Pik“ (Punkte) in das eingeblendete Excel-Sheet nicht mehr hinterherkam, was zu deutlichem Murren im Publikum führte. Doch am Ende führte die auch in den Fan-Chats favorisierte Rona mit fünf von sieben möglichen Höchstwertungen souverän.

httpv://www.youtube.com/watch?v=dVvDxR8k5LY
Der Halbfinalauftritt im Drogendealerlook

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  • Ganz große Eurovisionskunst! (35%, 30 Votes)
  • Entsetzliches Geschreie! (34%, 29 Votes)
  • Tolle Stimme, aber wo ist das Lied? (20%, 17 Votes)
  • Noch nix. Erst mal den Remix abwarten. (12%, 10 Votes)

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8 Gedanken zu “Wir trinken Tschai (AL 2012)

  1. Mein Favorit war der Chanson „Lulet Mbledh Per Henen“; mit dem dramatischeren „Suus“ hat die Jury aber dennoch eine sehr gute Wahl getroffen. Meine strikte Bitte nun, den Beitrag so nach Baku zu schicken wie er gewählt wurde: d.h. keinen billigen Pop-Remix, keine Umdichtung ins Englische, keine Anbiederung an Jurys mit Allerweltskitsch und eine maßvolle Kürzung auf drei Minuten.
    Ein schöner Start in die ESC-Saison. 🙂

  2. Das Geschrei ist einfach unerträglich, was hat die Jury sich dabei nur gedacht. Das wird wieder nix mit dem Finale.

  3. Ich glaube noch nicht mal, dass das überhaupt keine Siegchancen hat. Für die paar west- und nordeuropäischen Länder ist das zwar überhaupt nix, aber der Rest Europas und bestimmt auch die eine oder andere Jury werden davon angetan sein.
    Und in der Tat, es ist zwar überhaupt nicht meine Musik, aber trotzdem hat es was.

  4. Da bleibt wirklich nur abzuwarten wie sich das in der finalen ESC-Version anhört. Ich finde es in dieser Version gar nicht verkehrt…

  5. Aua. Nein danke, so bitte gar nicht. Wie ich im Zusammenhang mit der Musikrichtung Metalcore gerne mal anmerke: ich bezahle doch kein Geld dafür, mich drei Minuten lang anschreien zu lassen. Meine Nummer 42 dieses Jahrgangs.

  6. Oh mein Gott! Was hat die Ärmste denn bloß gegessen, das solche Schmerzen verursacht? Oder hatte sie eine Nierenkolik? Hatten die keinen Arzt da?  Das kann man ja nicht mit ansehen (und -hören schon mal gar nicht).

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