Bela­rus: Et bon­jour à toi, l’Artiste (BY 2012)

Unge­ach­tet etwai­ger poli­ti­scher Span­nun­gen scheint ein star­kes kul­tu­rel­les Band zwi­schen der Ukrai­ne und Weiß­russ­land zu exis­tie­ren. Nicht nur, dass bei­de Län­der die wohl chao­tischs­ten und kor­rup­tes­ten Euro­vi­si­ons­vor­ent­schei­dun­gen hin­le­gen: nun nähert man sich auch hin­sicht­lich der Bei­trä­ge an. Beim heu­te Nach­mit­tag zu einer arbeit­neh­mer­feind­li­chen Zeit (ab 16 Uhr) gestar­te­ten Fina­le des Euro­fests gewann mit Alyo­na Lanska­ya eine opti­sche wie stimm­li­che Alyo­sha-Dop­pel­gän­ge­rin, die beim, nun­ja: sin­gen ihrer struk­tur- wie melo­die­lo­sen Lei­dens­bal­la­de eben­so ver­zwei­felt in die Kame­ra schaut wie die ukrai­ni­sche Krä­he von 2010. Von ihrer Aus­spra­che mal ganz abge­se­hen (“All my Lie, I have wai­ting for your Apps to hold me”?). Um von dem super­drö­gen Song­de­sas­ter abzu­len­ken, turnt der­weil ein Tra­pez­künst­ler an einem mobi­len Halb­mond­ge­stän­ge her­um: hier ori­en­tier­te man sich sehr offen­sicht­lich an dem mehr als erfolg­rei­chen ukrai­ni­schen Sand­ma­le­rei-Spek­ta­kel vom Vor­jahr. Und es funk­tio­niert: mit ange­hal­te­nem Atem war­tet man die gan­ze Zeit gespannt dar­auf, dass der Mann im Mond ent­we­der her­un­ter­fällt und Alyo­na erschlägt oder sie beim Her­um­ham­peln mit der Spit­ze der Mond­si­chel auf­spießt. Lei­der pas­siert nichts von bei­dem.

httpv://youtu.be/sEjw9sJLPPI
Auch den Kla­mot­tens­ge­schmack teilt sich Alyo­na mit Alyo­sha

Zu Alyo­nas Ver­tei­di­gung ist zu sagen, dass ihre vier Konkurrent/innen durch die Bank eben­so mise­ra­ble Dar­bie­tun­gen ablie­fer­ten. Wobei Vik­to­ria Ale­sh­ko immer­hin noch mit einer an den Turm­bau zu Babel erin­nern­den Fri­sur erhei­ter­te. Als ein­zi­ger Bei­trag in dem von ohren­be­täu­ben­dem Applaus vom Ton­band unter­leg­ten Fina­le, bei dem man sich nicht sofort die Puls­adern auf­schnei­den woll­te, ent­pupp­te sich ‘We are the Heroes’ der in skur­ri­len Welt­raum-Motor­rad­fah­rer­kluf­ten ver­klei­de­ten Tee­nie­b­op­per Lite­sound. Oh, und natür­lich die von allen fünf Kom­bat­tan­ten in der über ein­stün­di­gen Wer­tungs­pau­se gemein­sam play­back vor­ge­tra­ge­ne, stark an Modern Tal­king erin­nern­de Titel­me­lo­die ‘Euro­fest’! Die soll­te man nach Baku schi­cken!

httpv://youtu.be/hnJZG0eyavs
We are the Win­ners, we are the Trim­mers: Shi­te­sound

Über­haupt, die Pau­sen­un­ter­hal­tung! Neben wirk­lich sämt­li­chen übli­chen Ver­däch­ti­gen (jawohl, inklu­si­ve Alex­an­der Rybak, Mari­ja Šerif­o­vic und der unver­meid­li­chen Rus­la­na!) unter­hielt auch Song­con­test-Vete­ra­nin Lys Assia die sicht­lich rat­lo­sen Zuschau­er in Minsk mit einer eben­falls play­back gesun­ge­nen Bon­tem­pi-Ver­si­on ihres 1956er Sie­ger­ti­tels ‘Refrain’. Die tritt auch über­all auf, wo noch ein paar Rap­pen ein­zu­kas­sie­ren sind! Kos­ten­be­wußt konn­te sie sich den Flie­ger mit ihren Lands­män­nern Sin­Plus tei­len, die sich zumin­dest von ihrer Aus­spra­che des Eng­li­schen her sehr har­mo­nisch ins bela­rus­si­sche Umfeld ein­füg­ten. Das End­ergeb­nis der Vor­ent­schei­dung muss, da es um Weiß­russ­land geht, natür­lich als vor­läu­fig betrach­tet wer­den. Noch bis nach der offi­zi­el­len Dead­line irgend­wann Ende März ist mit einem jeder­zei­ti­gen Aus­tausch des Bei­trags und / oder der Sän­ge­rin zu rech­nen. Auch da ist man nahe am Nach­bar­land…

7 Gedanken zu “Bela­rus: Et bon­jour à toi, l’Artiste (<span class="caps">BY</span> 2012)”

  1. Also ich mag das Lied. Auch wenn es samt Per­for­mance eine Mischung aus Ukrai­ne 2010 und 2011 ist. Denn mit dra­ma­ti­schen Lei­dens­bal­la­den kann man bei mir immer punk­ten. Mein Favo­rit war aller­dings das Lied von Vic­to­ria, das fand ich von Melo­die­füh­rung und Arran­ge­ment her gän­se­hauter­zeu­gend, und auch Lite­sound wären wohl – wenn auch bis­her nicht mein Favo­rit – ein bes­se­rer Ver­tre­ter für Weiß­russ­land gewe­sen. Obwohl für mei­nen Geschmack Sin­plus noch mehr gerockt haben. Ich glau­be, die Schweiz posi­tio­niert sich in mei­ner dies­jäh­ri­gen Lieb­lings­lis­te gar nicht mal so schlecht. Wobei ich aber sowohl bei Weiß­russ­land als auch bei der Schweiz dazu sagen muss, dass ein akzent­frei­es Eng­lisch so ziem­lich das letz­te ist, auf das ich bei einem ESC-Bei­trag ach­te.

  2. Ja, aber “All my Life” ist ja gera­de eben *nicht* dra­ma­tisch. Es ist ein struk­tur­lo­ses, dis­har­mo­ni­sches Gewim­mer und Gewin­sel. Der islän­di­sche Song, *das* ver­ste­he ich unter einer dra­ma­ti­schen Bal­la­de! Alyo­na zuzu­hö­ren (und das galt auch für Alyo­sha und Whats­her­na­me aus 2011) ist für mich unge­fähr so ange­nehm wie eine Wur­zel­be­hand­lung ohne Nar­ko­se. Und das hat auch mit dem Eng­lisch zu tun – ich höre ja bei eng­li­schen Pop­songs erst mal gar nicht auf den Text, aber wenn die Aus­spra­che so kata­stro­phal falsch ist, dass ich das qua­si gegen mei­nen Wil­len regis­trie­re, dann ver­lei­det es mir den Genuß völ­lig. Wobei hier ja von Genuß eh kei­ne Rede sein kann. Vic­to­ria fand ich übri­gens fast noch schlim­mer – wir kom­men da geschmack­lich wohl auf kei­nen gemein­sa­men Nen­ner… 🙂  

  3. Bezüg­lich “all my life” und Mika New­ton kann ich zustim­men. Nur Alyo­sha 2010 sehe ich deut­lich in einer ande­ren Kate­go­rie. Deren Bei­trag hat­te mir sei­ner­zeit sehr gut gefal­len (und tut es noch), weil er wirk­lich eine inne­re Dra­ma­tik besass, die eben nicht auf Druck, son­dern auf eher kla­gen­den Tönen basier­te, was aber im Kon­text sehr stim­mig war.

    Die­ses Jahr hät­te ich mir lie­ber den Bei­trag von Gunesh gewünscht, kann aber mit dem tat­säch­li­chen Sie­ger leben (war immer­hin mein Platz 2, wesent­lich erträg­li­cher als Frau New­ton).

  4. Wäre auch lang­wei­lig, wenn allen das­sel­be gefällt. Zumin­dest sind wir uns einig, dass All my life kei­ne Dis­ney-Kitsch­bal­la­de ist. Und das reicht bei mir oft­mals schon, damit es mir gefällt. Ob das dann dra­ma­tisch oder melan­cho­lisch oder lei­dend ist – egal. Aber noch ist ja auch nicht gesagt, ob wirk­lich die­ser Song nach Baku geschickt wird.

  5. Unver­ges­sen der letzt­jäh­ri­ge vor­läu­fi­ge Bei­trag “Born in Belorussia”…Zwar auch tra­shig aber sma­shig ! Und  mit lan­des­ty­pi­schem Cha­rak­ter. Die­ser Song  und dann der end­gül­ti­ge Bei­trag wur­den wegen wegen natio­na­lis­ti­scher Tex­te aus­ge­buht. Und die­ses Jahr auch in Weiß­russ­land nur harm­lo­se Aller­welts­songs. Von den zur Aus­wahl ste­hen­den hät­te ich auch “Dreams” mit Vik­to­ria X. bevor­zugt, die hät­te zumin­dest etwas mehr klas­si­schen Stil in den ESC 2012 gebracht.

  6. Ich gehö­re auch eher zu denen, die den Song inkl. Sän­ge­rin ganz gut ertra­gen kön­nen. Ist jetzt nicht der oberbur­ner, aber lässt mich auch nicht schrei­end davon­ren­nen.

    Aber muss immer so ne Scheiß-Per­for­mance­ka­cke abge­zo­gen wer­den? Die­ser gan­ze Eis­kunst­lauf-Sand­ma­le­rei-Kin­der­bo­den­tur­nen-Mist- ich kann es echt nicht mehr sehen! Wenn ich schon die­sen Artis­ten zu dem Mond gehen sehe, möch­te ich mich am liebs­ten quer über mei­nen Mac über­ge­ben. Und der kann ja nun wirk­lich am Aller­we­nigs­ten dafür…

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