Kein Lob dem Grand Prix

Eurovision Song Contest 2012 LogoNicht nur die miserablen Einschaltquoten von Unser Star für Baku werfen derzeit einen bedrückenden Schatten auf die deutsche Eurovisionsteilnahme. Auch hinsichtlich der desolaten Menschenrechtslage im Austragungsland Aserbaidschan und dem Umstand, dass für den Grand Prix im Zusammenhang mit der geplanten Aufhübschung Bakus alteingessene Bewohner unter einer brutalen Vertreibung leiden, gibt es derzeit Feuer aus allen Rohren. So gingen beispielsweise die direkt im Anschluss an die gestrige Finalshow sendenden Tagesthemen gar nicht auf den Sieg von Roman ein. Stattdessen zeigten sie ein längeres Feature über die Unterdrückung der Opposition im Erdölstaat am Kaspischen Meer. Ähnlich verfuhr bereits letzte Woche das Politmagazin Kontraste, das im Anschluß an das Viertelfinale in der ARD mit Schrifttafeln auf die Mißstände hinwies. Und am Mittwoch zeigte das Medienmagazin Zapp des NDR (und damit des für den deutschen Eurovisionsbeitrag verantwortlichen Senders) ein sehr gutes Feature, das sich kritisch mit der Teilnahme am Spektakel im Mai auseinandersetzte. Selbst der arme, sichtlich überforderte Roman Lob musste sich auf der Siegerpressekonferenz im Anschluß an USFB mit Fragen nach den Menschenrechten im Kaukasus auseinander setzen.

httpv://youtu.be/E16EjBnLWe0
Zapp-Bericht vom 15.02.2012

Dabei gießt ausgerechnet der deutsche Eurovisionschef Thomas Schreiber, um mal beim Hauptexportgut des Gastgeberlandes zu bleiben, Öl ins Feuer, wenn er sagt: „Sollte Weißrussland gewinnen, würde ich innerhalb der ARD die Frage stellen, ob Deutschland sich am Eurovision Song Contest in der Diktatur Weißrussland beteiligen solle.“ Wie schizophren ist das denn bitte? Lukaschenko ist pfui, aber Aliyew hui? Dabei ist das Thema ja gar nicht so sehr die Teilnahme als solches. Denn dafür ist es ohnehin schon viel zu spät: wollte man innerhalb der EBU jeden Handschlag mit halbseidenen Regenten vermeiden, hätte man von vorne herein Länder wie Weißrussland, Aserbaidschan oder das von Berlusconi regierte Italien von der Teilnahme am paneuropäischen Gesangswettstreit ausschließen müssen. Darf ein Land beim ESC mitmachen, hat es aber auch das Recht, im Falle seines Triumphes den Gastgeber spielen zu dürfen. Alles andere ist ein Fall von Doppelmoral. Das heißt aber nicht, dass man nicht mit einer kritischen Haltung hinfahren und sich über die Lage vor Ort informieren sollte. Genau das fordern ja auch aserbaidschanische Menschenrechtler: kommt, sprecht mit uns und berichtet.

httpv://youtu.be/QofFYRVMuGM
1969: die spanische Franco-Diktatur präsentiert sich als „anders“

Schlimm ist nur, was die sich in ihrer üblichen Feigheit auf die nicht haltbare Position des „Unpolitischen“ zurückziehende EBU betreibt, die sich in ihrem panischen Bestreben, um keinen Preis die Wirklichkeit in ihr glamouröses Spektakel einbrechen zu lassen, zum Komplizen des Unterdrückungsregimes macht. Beispielsweise, in dem Jørgen Franck von der EBU zu den nächtlichen Zwangsräumungen von Anwohnern behauptet: „Sie stehen in Zusammenhang mit Baumaßnahmen für eine Autobahn nach Baku. Wir können keinen Zusammenhang mit dem Song Contest erkennen.“ Und die Generalsekretärin Ingrid Deltenre noch einen draufsetzt: „Es ist natürlich keine angenehme Situation für die Bewohner und ich fühle mit ihnen. Aber eine Stadt muss sich entwickeln. Das ist das, was dort passiert. Wie auch in vielen anderen Städten.“ Das ist, mit Verlaub, zynisch.

httpv://youtu.be/ECyeUYsU14E
Der einzige Tipp der EBU an die betroffenen Bewohner

Ich hätte ja mit der Vogel-Strauß-Politik der Veranstalter gar nicht so ein Problem, wenn sie dazu stehen würden. Sollen sie doch einfach offen zugeben, dass sie auf die politische Situation im Lande scheißen und einfach nur in aller Ruhe ihre Show durchziehen wollen. Das ist ja eine völlig legitime Haltung. Man darf halt nur nicht im selben Atemzug versuchen, sich zum edlen Menschen und Verteidiger westlicher Grundwerte aufschwingen zu wollen und zu behaupten, der ESC sei „eine Kraft für das Gute“ und „stehe für Veränderung“. Zumal, wenn man, wie Thomas Schreiber, gleichzeitig den Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung dafür kritisiert, dass der die deutschen Teilnehmer darum bittet, sich zu informieren und vor Ort für die Meinungsfreiheit zu werben. Das ist, mit Verlaub, schäbig.

4 Gedanken zu “Kein Lob dem Grand Prix

  1. Die Differenzierung zwischen Aserbaidschan und Weißrussland ist ja wohl der Gipfel der Doppelmoral. Da fällt mir nichts mehr ein.

  2. Doch, eins muss noch gesagt werden: ich finde es super, dass sich hier auch immer wieder auch *solche* Artikel finden!

Oder was denkst Du?