Perlen der Vorentscheidung: fünfter Supersamstag

Kann die EBU nicht mal eine Koordinationsstelle für Eurovisionsvorentscheidungen einrichten? Denn so, wie es momentan läuft, artet es in Stress aus: neben gleich drei nationalen Vorentscheidungen in Norwegen, Ungarn und Island liefen gestern Abend zeitgleich auch noch zwei Semis, nämlich in Litauen und Schweden. Wie soll man sich bei so einem Angebot nur entscheiden? Jedenfalls am besten nicht, so wie ich, für das Melodifestivalen: nach einem fantastischen Auftakt letzte Woche enttäuschte die gestrige Vorrunde aus Göteborg auf ganzer Linie, fanden doch die schwedischen Televoter wieder zu ihrer altbekannten Geschmacksverirrung zurück. Ich hätte mich besser für das litauische Semi entschieden, in dem es diesmal nicht, wie letztes Mal, vor augenscheinlich Geisteskranken wimmelte. Überragender Sieger dieser Runde und heißer Anwärter für die Fahrkarte nach Baku wurde dort der Rollstuhl-Rapper Vytautas Matuzas. Und zu Recht!

httpv://youtu.be/9o-IcZhsXeI
Junge, der kann echt was! Vytautas Matuzas

Dabei dürfte noch nicht mal der Mitleidsbonus im Vordergrund gestanden haben: der durch die litauische Ausgabe des Supertalents bekannt gewordene Sprechgesangskünstler hat’s nämlich wirklich drauf! Trotz der osteuropatypischen, hart verzerrten Aussprache des Englischen versteht man ihn deutlich besser als so manchen stark nuschelnden Westküstenrapper. Sein ein wenig im nostalgischen Sound der Neunziger daherkommender Selbstvertrauenssong ‚Take it back‘ punktet außerdem mit einem starken, von einer Sängerin beigesteurtem Refrain. Klasse Nummer!

httpv://youtu.be/i_StKrUOa5w
Dansa i Neon: Mimi Oh, ein leuchtendes Vorbild

Nicht so klasse hingegen, was die schwedischen Voter zusammenwählten. Aus dem gestrigen, mal wieder im Dreiviertelplayback dargebrachten Aufgebot an Spitzenschlagern delegierten sie mit David Lindgren (ein Enkel von Astrid?) einen weiteren Eric-Saade-Aufguss ins Finale weiter, der jedoch trotz tadellos getanzter Choreografie irgendwie eher über die Ausstrahlung eines Bankbeamten verfügte. Der charismatische und hervorragend gereifte Ex-Alcazar-Sänger Andreas Lundstedt hingegen schied trotz stimmigen Gesamtpakets aus Kostümierung, Darbietung und Schwedenschlagers aus. Buh! Und dann verwechselten sie den Eurovision Song Contest noch mit dem Junior-ESC und schickten mit Ulrik Munthers den skandinavischen Justin Bieber weiter, während es für die fabelhaften Timoteij und ihren sensationellen Ethnoschlager ‚Stormande hav‘ nur für die Andra Chansen reichte. Buh!  Ich hoffe sehr, liebe Schweden, ihr besinnt Euch da noch eines besseren und wir sehen die Mädels im Finale wieder. Sonst sind wir geschiedene Leute!

httpv://youtu.be/neoLh31NwfY
Ebenfalls Opfer der allgemeinen Oh-Feindlichkeit: Minnie (NO)

Am meisten enttäuschte mich jedoch die Fortsetzung des gesamtskandivanischen Oh-Gates. Nachdem die Norweger ja bereits die fabelhafte Minnie Oh elimierten, ließen auch ihre Nachbarn die nicht minder fabelhafte Mimi Oh sang- und klanglos ausscheiden. Und das, obwohl die in schicken Neonfarben gekleidete Blondine, eine erklärte Anhängerin des eindeutig besten Popjahrzehnts, der Achtziger, eine exzellente Performance darbot. Dem Faß die Krone ins Gesicht schlug jedoch, dass an ihrer Stelle die skurrile New-Age-Drag-Queen Thomas di Leva ins Superfinale kam (wo er Gott sei Dank auch wieder ausschied). Ich kann nur meine Forderung nach vollständiger Entmündigung der Schweden wiederholen! Ah, und ergänzend zu meiner Eingangsfrage nach einer Koordinationsstelle hier noch einen herzlichen Dank an die EBU, die auf eurovision.tv wenigstens die gestrigen Finalrunden zum jederzeitigen (Wieder-)Anschauen zur Verfügung stellt. Ich schau jetzt noch mal Island, zum Trost.

4 Gedanken zu “Perlen der Vorentscheidung: fünfter Supersamstag

  1. Ahaaaa- nachdem die EBU einst den Kinder-Bonus (Sandra Kim, anyone?) wegstrich, hat man nun also den Behinderten-Bonus entdeckt 😉

    Nee, ohne Scheiß, das passt schon sehr gut so. Sehr stimmiges Gesamtpaket, gefällt mir wirklich sehr gut.

    (Und für die hübsche und wohlklingende Sängerin gibt’s von mir eh noch ein, zwei Schippen Bonuspunkte oben drauf.)

    Auch die drei Background-Cellisten (sind doch Cellos, oder?) runden das Gesamtbild ab.

    Ich glaube tatsächlich, dass wir hier einen Mitfavorit auf den Titel gesehen haben (wenn die Litauer denn im Finale die richtige Wahl treffen).

    Bis dahin mal vorläufig: Lithuania, 12 points 🙂

  2. Letzte Woche Marie Serneholt und nun auch noch Mimi Oh ausgeschieden. 🙁

    Wenn nun auch noch Timotej durchfallen, wird das dieses Jahr nichts mit Aussehens-Bonuspunkten von meiner Seite aus 🙁

    (Für hübsche blonde Nordländerinnen habe ich ja immer ein paar Pünktchen über, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte) 😉

  3. Das litauische Semi war tatsächlich wesentlich abwechslungsreicher und auch hochwertiger (und die Weiterkommer die „Richtigen“) als das schwedische, wo die einzigen beiden besseren Beiträge (Timoteij und Stray äh Top cats) auf die Andra Chansen verwiesen wurden.

    Aber nochmal zum „Oh Gate“: das kann doch unmöglich Dein Ernst sein. An Mimi-Oh ist doch nun wirklich nichts Besonderes dran. Die Schrillheit des Outfits allein kann doch die gähnende Langeweile des Songs und die eher dürftigen gesanglichen Qualitäten in keiner Weise kompensieren (gilt für den schwedischen wie auch den norwegischen Beitrag gleichermaßen). So etwas auch nur assoziativ in die Nähe der fabelhaften und talentierten Kuunkuiskaajat zu rücken, dafür finde ich keine Worte.

  4. es muss natürlich heißen: Mimi-Oh resp. Minnie-Oh (das ist so austauschbar, dass ich es glatt ganz vermengt habe) 🙂

Oder was denkst Du?