Welch ein Land, was für Männer! (IS 2012)

Woher haben die Isländer nur dieses musikalische Händchen? Selbst die langweiligsten ihrer sieben Finaltitel heute Abend atmeten noch Klasse und Stil. Und die Kerle, die dort auftraten: bärtig, kernig, einer leckerer als der andere! Am Ende gewann der bestaussehendste von ihnen: Jónsi, der uns schon 2004 in Istanbul in den ‚Heaven‘ sang, unterstützt von der einen Kopf kleineren Greta Salomé. ‚Mundu eftir mér‘ (‚Erinnere Dich meiner‘), ihr Beitrag für Baku, hat exakt alles, was ich von einer klassischen Eurovisionsballade will: Drama nämlich! Dramatisch aufspielende Geigen, dramatisch modulierter Gesang, dramatisch tiefe Blicke, ein dramatisch hingebungsvoll huhender Hintergrundchor und eine dramatische, große Rückung an der richtigen Stelle: das war grandios! Irland: sieh, lausche und lerne! Jetzt müssen die Isländer nur der Versuchung widerstehen, diesen Songdiamanten durch einen englischen Text zu entweihen. Ich würde nämlich gerne endlich mal nach Reykjavik, und mit diesem Titel könnte es gelingen!

httpv://youtu.be/PaNNfJOALng
Diese Stiefel! Grrr!

Auf dem zweiten Platz landete eine Art erwachsene Boyband namens Blár Opal. Ich bin froh, dass sie nicht gewannen, weil ich ‚Mundu eftir mér‘ wirlich liebe, aber ihr augenzwinkerndes ‚Stattu up‘ machte tatsächlich jede Menge Spaß. Sehr gefreut hätte ich mich über einen Sieg von Simbi & Hrútspungarnir, einer Art Trollkappelle mit lustigen Wikingerkostümen und einem extrem charmanten Folksong mit dem schönen Titel ‚Hey‘. Der, im Gegensatz beispielsweise zu den norwegischen Plumbo-Deppen, verspielt und schräg (und somit sympathisch) herüberkam, auch durch die Textzeile „Wer war die Slampe?“. Sowie den hübschen Hüpftanz von Simbi, der mich sofort an die wunderbaren Buranovskiye Babushki aus der russischen Vorentscheidung 2010 erinnerte. Tolle Männer, tolles Lied!

httpv://youtu.be/FFW-2IWixHQ
Krippenspiel auf Isländisch: Simba & die Hutsprunggarnitur

httpv://youtu.be/LrWhK9Q4aNA
Finde mindestens drei Gemeinsamkeiten: die Großmütterchen von Buranovsk

Klasse auch die Euroband-Frau Regína Ósk mit einem konventionellen, aber wunderbar eingängen Grand-Prix-Schlager namens ‚Hjartað brennur‘ (da ist wohl keine Übersetzung notwendig), auch wenn sie ihre Chancen mutwillig durch ein wirkliches grauenhaftes Kleid selbst sabotierte. Ein etwas dröges Lied hatte Magni Ásgeirsson mit ‚Hugarró‘ – dafür sah er im Lederkerl-Outfit zum Niederknien aus. Fantastisch auch der große Paul Oscar (IS 1997), der als Moderator fungierte. Auch wenn ich kein Isländisch verstehe, konnte ich seinen Grimassen und den Lachern im Saal entnehmen, dass er sein Handwerk als Entertainer beherrscht. Und die selbstverständliche Art und Weise, wie er hier sein Schwulsein präsentierte – mit Scherzen über Sakis Rouvas und andere männliche Eurovisionsgötter und gebrochenem Handgelenk, ohne jedoch ins Klischeehaft-Tuckige zu verfallen, – war vorbildlich und verdient eine lobende Erwähnung. Die Isländer sind schon ein verdammt cooles Völkchen, Hut ab!

httpv://youtu.be/mSeF7HZpI-I
Ihm würde ich gerne mal in der Lederkneipe begegnen: Magni

Kann Jónsi die Krone nach Reykjavik holen?

  • Die Krone vielleicht nicht, aber einen guten Platz. (38%, 21 Votes)
  • Nur, wenn sie 'Mundu eftir mér' nicht anglifizieren. (30%, 17 Votes)
  • Mit diesem altbackenen Balladenpomp? Niemals! (18%, 10 Votes)
  • Unbedingt. Er und / oder sein Song sind hinreißend! (13%, 7 Votes)
  • Nur, wenn sie 'Mundu eftir mér' anglifizieren. (2%, 1 Votes)

Total Voters: 56

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15 Gedanken zu “Welch ein Land, was für Männer! (IS 2012)

  1. Ja, die Isländer müssen der Versuchung widerstehen und mit dem isländischen Original in Baku antreten. Schon jetzt ist der isländische Beitrag ein Geheimtipp.

  2. Ich würde sogar sagen mehr als ein Geheimtipp – der Song ist schon verdammt stark. Opulent und brodelnd instrumentiert, stark gesungen – ein Lied wie ein Vulkan! Und Jónsi ist natürlich was für’s Auge. Das könnte noch richtig, richtig weit kommen.

  3. Jonsi sah damals schon zum Anbeißen aus. Und auch jetzt noch besser denn je. Und genauso muss auch für mich eine Eurovisionsballade klingen. Für Drama! Gegen Kitsch! Von daher auch noch einmal ein Danke an Norwegen, dass Nora verhindert wurde, auch wenn es wirklich schöner Kitsch war.

  4. So langsam glaube ich, der 2012er-Jahrgang wird richtig gut. Bislang halten sich die total furchtbaren Beiträge noch zurück und es ist schon einiges an gutem Material dabei. Aber das hier ist mit Abstand der beste Beitrag so weit.
    Vielleicht sollten sich die Isländer langsam mal Gedanken darüber machen, wo man im nächsten Jahr all die ESC-Fans und Journaille unterbringen will, wenn kurzfristig die Bevölkerungszahl Reykjaviks verdoppelt wird.

  5. Naja, vor Begeisterung kugeln tue ich mich jetzt nicht (da mir „Aldrei sleppir mér“ wesentlich besser gefallen hat), aber leben kann ich damit ganz gut. Jedenfalls besser als mit den sonstigen Alternativen im Finale. Hugarró wäre zwar sicher in gewisser Weise typisch gewesen, finde ich persönlich allerdings schrecklich (wie auch Stattu upp), die trolligen Hammelhoden mögen ja ganz witzig sein, werden aber kaum akzeptiert werden, und Regína war zwar als Teil der Eurobandidh super, ist aber mit ihrem diesjährigen Beitrag längst nicht auf diesem Niveau, sondern blasses Mittelmaß.
    In meinen Augen also die zweitbeste Lösung und damit akzeptabel.

  6. Oh ja. So hört sich Eurovision an, kein Zweifel!

    Auch ich wünsche mir, dass uns das in Landessprache erhalten bleibt. Aber wie stehen da die Chancen?

  7. In der Tat, eine sehr gute Wahl der Isländer 🙂

    Leider kann ich trotzdem nicht mitvoten, weil ich nur den Song, aber nicht „ihn“ hinreißend finde. 😉

  8.  Nun ja…

    Hübsche, blonde Nordländerinnen gebe ich ja immer gerne ein paar Punkte mit auf den Weg – aber ausgerechnet Greta gefällt mir jetzt nicht so dolle, um ehrlich zu sein…

  9.  Aaaaaaah – sehr schön 🙂

    Ja, denn auch beim ESC hat heterophobes Verhalten nichts zu suchen 😉 😉

    * * *

    Allein: Das Voten klappt bei mir irgendwie nicht…

    Nachdem ich auf „Vote“ klicke, passiert irgendwie nichts. Wenn ich nochmal klicke oder auf „View Results“ gehe, bekomme ich die Anzeige „Your last request is being processed. Please wait a while…“

    Also waite ich a while, aber es passiert leider immer noch nichts.

    Bin ich das nur, oder hat das noch jemand?

  10. Beim Voten ist mir das noch nicht passiert, aber ich kann meistens keine Kommentare in das dafür vorgesehene Feld eintragen. Beim Antworten auf Kommentare geht es erstaunlicherweise fast immer, aber nicht bei Kommentaren auf top level. Irgendwie habe ich sowieso den Eindruck, dass mit dem neuen CMS irgendwas nicht ganz koscher ist. Da laufen offenbar jede Menge komische Prozesse im Hintgergrund ab.

  11. Warum hat es zwei der besten Lieder des Jahrgangs auf den Todesslot in den Semis verschlagen? Naja, unter die Top 10 in ihren Semis kommen sie hoffentlich beide. Die Isländer wieder – wie machen die das mit weniger Einwohnern als Bielefeld?

Oder was denkst Du?