Eine wirklich fantastische Vorentscheidung stellten sie auf die Beine, die Esten, musikalisch womöglich die beste und abwechslungsreichste aller Teilnehmerländer. Acht der zehn Finalsongs wären absolut verdiente Sieger und eine Bereicherung des Eurovisionsangebotes in Baku gewesen. Nicht zu reden von den bereits in den Semis aussortierten Elektroknallern. Am Ende gewann, gleichermaßen ausgerechnet wie erwartet, eine eher klassisch gestrickte Eurovisionsballade mit wunderbaren Steigerungen: der ehemalige Estland-sucht-den-Superstar-Sieger Ott Lepland mit dem ergreifenden ‘Kuula’. Was noch für Erheiterung in den mediterranen Staaten sorgen dürfte, wo man anstelle des intendierten “Lausche” eher “Culo” (Arsch) verstehen dürfte. Oder Scheiße, das heißt “Kula” nämlich auf Ungarisch. Für griechische Ohren klingt es entweder wie das Wort für Plastiktüte oder wie eine abschätzige Bezeichnung für ein Mädchen. Und Norweger sprechen so “Cola” aus. Was man in Internetforen alles so lernt!
Flausch am Sonntag: der estnische Welpe und sein schönes Lied
Die Sprachbarriere soll mir jedoch die Freude an meinem neuen Grand-Prix-Favoriten 2012 nicht trüben. Dazu finde ich Ott viel zu niedlich, dem man die Freude über seinen Sieg im Superfinale der Eesti Laul sowohl im Gesicht ablesen konnte, wo sich ein paar Tränchen ihren Weg bahnten, als auch in tieferen Körperregionen, wo eine beachtliche Beule Zeugnis davon ablegte, wie sexy sich ein Sieg anfühlen kann. Dabei wirkte der Sänger gestern viel aufgeregter und unentspannter als noch im Semi oder bei der ersten Songvorstellung im estnischen Frühstücksfernsehen, wo er sich noch hinter einem Klavier versteckte und nicht krampfhaft am Mikrofonständer festklammern musste. Ott setzte sich im Superfinale mit satter Zweidrittelmehrheit gegen die ehemalige Vanilla-Ninja-Frontfrau Lenna Kuurmaa durch, die mit ‘Mina jään’ eine textlich wohl etwas nationalistische, musikalisch aber sehr sanfte Ballade am Start hatte.
Fallen sie dem Vergessen anheim? Tenfold Rabbit
Knapp am Einzug ins Superfinale scheiterten leider Tenfold Rabbit mit einer ebenso lakonischen wie gänsehauterzeugenden, aus lediglich drei Zeilen Text bestehenden Rockballade (‘Oblivion’), die gerade aus der mantraartigen Wiederholung der Was-hätte-sein-können-Verlustbeschreibung in quasi Endlosschleife ihren besonderen Reiz bezog. Zu meinen weiteren Favoriten zählte die etwas billig aufgebrezelte Teele Vira mit ihrer neonhellen Elektro-Dance-Hymne ‘City Nights’. Womöglich wurde ihr die ebenfalls beinahe mantraartig wiederholte Leadzeile “Deep inside of me” zum Verhängnis, denn da wollte man als Zuschauer nicht unbedingt sein. Und, ich lüge nicht, Loss Paranoias mit dem mitreißenden ‘Valedetektor’. Wirklich, ich plädiere dafür, die Eesti Laul zum Weltkulturerbe zu erklären (vielleicht, nach dem man sich auch hier hoffentlich bald von den nervigen und überflüssigen Laberjuroren verabschiedet). Wenn wir nur eine ein Zehntel so gute Show hinbekämen, wäre ich glücklich!