Spartenkanal-Schnitzeljagd mit der ARD

Kaum ist die Eurovisionseuphorie um Lena Meyer-Landrut verebbt, da spielt die ARD auch schon wieder das beliebte Qualifikationsrundenlimbo. Nahm eine breitere Masse der Deutschen dank der Ausstrahlung der beiden Semis im Ersten bzw. auf ProSieben im Vorjahr erstmals überhaupt Notiz davon, dass dem samstäglichen Grand-Prix-Finale bereits seit 2004 Ausscheidungsrunden vorgeschaltet sind, in denen regelmäßig die interessanteren Beiträge ins Gras beißen, so gibt sich die Anstalt des öffentlichen Rechts heuer erneut jede erdenkliche Mühe, die Semis nach Leibeskräften vor den Gebührenzahlern zu verstecken. Und zwar, in dem sie diese in möglichst verwirrender Weise über ihre zahllosen Spartensender verteilt, von denen etliche im nur von einem geringeren Teil der Bevölkerung empfangbaren Digitalkabel unbemerkt vor sich hin senden. Offizielle Begründung für diese Ereignisvorenthaltung: die miserable Quote. Das alte Huhn-Ei-Dilemma…

httpv://youtu.be/KqZprvpWlcE
Dank ihres Sieges ein Ausnahmejahr: Lena 2011

Logisch: wenn ich die Semis im Vorfeld totschweige – also nicht aktiv im Programm bewerbe – und auf irgendwelchen Randsendern mit Durchschnittsquoten von unter einem Prozent verstecke, schaltet natürlich auch keiner ein. Wenn ich sie dann, wie 2011, erstmals ins Hauptprogramm hieve, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn sich auch dort erstmal nur eine Handvoll von Eurovisionsenthusiasten vor dem Bildschirm versammelt. Das Problem kennen Programmplaner schon von der Erstausstrahlung brandneuer Fernsehserien, die oftmals auch erst bei der zweiten Wiederholung zünden. Denn der Mensch ist nun mal ein Gewohnheitstier und braucht Zeit, sich an Neues zu gewöhnen. Aber mal davon abgesehen, dass die ARD mit ihrer idiotischen Quotenfixierung im Ersten das Hauptargument gegen die Gebührenfinanzierung ihres Programms liefert: selbst wenn ich es akzeptieren könnte, dass man die zahllosen, meist ohne erkennbares Senderprofil agierenden Spartenkanäle nur deswegen unterhält, damit man endlich diesen lästigen grundgesetzlichen Informationsauftrag dorthin auslagern und sich im Hauptkanal völlig ungestört der endgültigen Volksverdummung widmen kann: aus welchem Grund die Vollpfosten von der ARD meinen, die drei Grand-Prix-Runden über insgesamt vier Kanäle verteilen zu müssen, erschließt sich mir beim besten Willen nicht.

httpv://youtu.be/cRhJzdDFFHA
Semifinalperle: die unsäglicherweise ausgeschiedene Stella Mwangi

Auf den Parlamentssender Phoenix, welcher das zweite Semi vom Donnerstag live überträgt, griff man ja bereits 2009 zurück – und schon damals verstand ich nicht, was eine Unterhaltungsshow wie der Eurovision Song Contest dort verloren hat. Zum Digitalkanal EinsFestival, auf dem das erste Semi vom Dienstag läuft, passt es als Musikfestival wenigstens dem Namen nach. Auch wenn ich, am Rande bemerkt, nicht zu erkennen vermag, wie sich dieser Sender ansonsten von seinen Schwesterwellen EinsExtra und EinsPlus unterscheidet, die allesamt überwiegend Achtausstrahlungen von Politmagazinen, Reportagen und sonstigen spannenden Informationssendungen aus dem ARD-Programm in beliebiger Würfelung ins Digitalkabel pumpen. Warum kann man also nicht wenigstens beide Semis auf EinsFestival zeigen? Wollte Phoenix gar die zweite Vorrunde, um wenigstens einmal im Jahr auf mehr als vier Zuschauer in der Stunde zu kommen? Aber bei der Ignoranz der ARD gegenüber dem Gebührenzahler muss man ja schon froh sein, dass die teuer bezahlte Show überhaupt irgendwo live gezeigt wird. Also: danke, ARD!

Sendetermine Eurovision Song Contest 2012

  • Erstes Semifinale
  • Di, 22. Mai, 21:00 Uhr auf EinsFestival; Wiederholung ab 0:00 Uhr im NDR Fernsehen
  • Zweites Semifinale
  • Do, 24. Mai, 21:00 Uhr auf Phoenix; Wiederholung ab 23:00 Uhr auf EinsFestival
  • Finale
  • Sa, 26. Mai, 21:00 Uhr im Ersten; Wiederholung ab 0:25 Uhr und 9:30 Uhr auf EinsFestival

6 Gedanken zu “Spartenkanal-Schnitzeljagd mit der ARD

  1. Mensch bin ich froh, dass es nach 4 Wochen endlich wieder einen Post vom Hausherrn gibt. Dachte schon, dass dich Aliyew wegen deiner Artikel zu Aserbaidschan hat meucheln lassen.

  2. Ich kann es auch nicht nachvollziehen, warum man die Semifinals nach sonstwohin abschiebt. Es kann doch nicht so schwer sein, alle drei Sendungen auch mal im Ersten auszustrahlen.

  3. Es kann nicht so schwer sein? Ist es aber offensichtlich. Die ARD wird nicht so dumm sein, Quotengräber wie die Semis im Hauptprogramm des Ersten zu versenden. Und es wird wohl auch seine Gründe haben, dass Pro Sieben dieses Jahr kein Semi haben wollte (wofür ich dankbar bin, weil uns damit hoffentlich Steven Gätjen erspart bleibt). Mehr Werbung für die Semis scheitert am leider immer noch katastrophalen Ruf, den der ESC in Deutschland hat – was ginge wohl für ein Aufschrei durch die Feuilletons der sogenannten ernstzunehmenden Blätter, wenn die ARD mit Riesenaufwand die Leute über die Existenz der Halbfinals aufklären würde? Wie Oliver ganz richtig schreibt, ein klassisches Henne-Ei-Problem.

    Was ich andererseits ebensowenig nachvollziehen kann wie der Hausherr, ist die Verteilung der Semis. Hat Phoenix (das im Gegensatz zu EinsFestival zumindest in meiner Gegend im ‚freien‘ Kabel verfügbar ist) so viel wichtiges Zeug zu versenden, dass man keine zwei Abende freiräumen könnte?

  4. Aber echt hey. Für Damenfußball wird massenhaft Sendeplatz freigeschaufelt. Biathlon und andere Sportarten, die kein Mensch braucht räumen problemlos Serien und ganze  Sendeschienen aus dem Weg. Wie gut dass ich bisher erfolgreich den Fahndern der GEZ entgangen bin.

  5. Wie immer ist es mal wieder eine Frage der Sichtweise:
    die ARD versteckt nicht unbedingt die Semis im Programm sondern wertet seine drögen Spartenkanäle Phoenix und Festival mit den ESC-Semis auf und fischt in eigenen Gewässern nach potentiellen Fernsehzuschauern für eine gute Quote zum Finale.
    Der gemeine Fernsehzuschauer wäre nur vergrätzt und verstimmt, wenn Maischberger, Beckmann, Tagesthemen etc. wegen der Semifinalübertragung nicht auf dem gewohnten Sendeplatz erscheint und er würde wohlmöglich eine noch größere Anti-Haltung zum ESC entwickeln.

  6. Phoenix können alle schauen,also zumindest hier in Berlin auf DVBT,  Eins Festival nur wenige, nur Kabel. Voll blöd die ARD! Schade.

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