Do it old-fashioned: Schreiber will Weißrussland weghaben

Thomas Schreiber, Unterhaltungskoordinator der ARD, geht mal wieder mit seinem Lieblingsthema hausieren: dem Ausschluß politisch umstrittener Länder vom Eurovision Song Contest. „Man muss sich fragen, ob Weißrussland, das nicht im Europarat ist und die Todesstrafe anwendet, teilnehmen darf“, erneuerte der deutsche Eurovisionsverantwortliche am Freitag sein Lieblingsfeindbild. Er regt eine Grundsatzdiskussion innerhalb der EBU darüber an, ob weiterhin grundsätzlich alle Mitgliedssender der weit über das geografische und politische Europa hinausreichenden Rundfunkunion beim Wettsingen mitmachen dürfen. „Auslöser der Debatte über die politische Situation in einzelnen Teilnehmerländern war der Sieg des aserbaidschanischen Duos (…) in Düsseldorf. Obwohl der ESC laut seiner Statuten eine völlig unpolitische Veranstaltung ist, konnten sich die Verantwortlichen der in den Medien immer stärker aufkommenden Kritik an der Menschenrechtssituation in Aserbaidschan irgendwann nicht mehr entziehen,“ nennt eine Pressemitteilung des NDR die Gründe für Schreibers Anregung.

httpv://youtu.be/frhQMuyH0lg
Vermutlich nicht Schreibers Lieblingslied: I love Belarus (BY 2011)

Damit dürfte auch das eigentliche Motiv des Vorschlags klar sein: es geht vermutlich weniger um die Verbesserung der Menschenrechtslage in den Mitgliedsstaaten der EBU, sondern um die Unterbindung der für die Veranstalter lästigen öffentlichen Debatte im Zusammenhang mit der „unpolitischen“ Show. Gerade deutsche Medien, allen voran die ARD, berichteten im Vorfeld des Eurovision Song Contest ja sehr kritisch, reflektiert und ausführlich über die Situation vor Ort, was zu einer Beschwerde der aserbaidschanischen Regierung über die angebliche „Kampagne“ Deutschlands gegen den erdöl- und einflussreichen Kaukasusstaat führte. Dabei zeigen gerade diese Vorkommnisse, wie sinnvoll es ist, auch undemokratische Staaten beim ESC mitmachen zu lassen: vor dessen Eurovisionssieg interessierte sich hierzulande doch keine Sau über die Menschenrechtslage in dem geografisch wie mental so weit entfernt liegenden Land. Auch nicht die ARD.

httpv://youtu.be/hnJZG0eyavs
Die Space Invaders aus Minsk: Litesound (BY 2012)

Nur die EBU selbst, die macht in der ganzen, wie ich finde, durchaus befruchtenden öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Thema eine überwiegend unglückliche Figur. Weil sie sich einerseits an dem unhaltbaren Mantra festklammert, der Grand Prix sei eine reine Unterhaltungssendung, aus der alles auch nur annähernd Politische ausgeklammert bleiben müsste – sich aber gleichzeitig zur Vorkämpferin demokratischer Freiheitsrechte in Europa stilisieren will. Das kann nicht funktionieren und führt zwangsläufig zur Schizophrenie, wie sie sich eben auch in Schreibers Weißrussland-Schelte äußert. Denn mal abgesehen davon, dass von Litesounds ‚We are the Wieners‘ keine Gefahr ausgeht, der ESC 2013 könnte in Minsk stattfinden: wollte man ernsthaft fordern, dass nur noch Länder mit dem Gütesiegel der politischen Korrektheit mitmachen dürfen, könnte man ganz schnell die Semis wieder abschaffen. Denn dann müsste man, neben weiten Teilen des Balkans, beispielsweise auch das Aserbaidschan ebenbürtig autokratisch regierte Russland ausschließen – oder, bis vor kurzem noch, Italien…

4 Gedanken zu “Do it old-fashioned: Schreiber will Weißrussland weghaben

  1. Was lernen wir also daraus? Gerade solche Länder sollten gewinnen, damit sie mit ihren Problemen endlich mal in einem breiten, öffentlichen Fokus stehen. Also alle fleißig für Litesound anrufen. 😉

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