ESC Fina­le 2012: An ever­las­ting Pie­ce of Art

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Das geron­ti­sche Jahr

Euro­pa altert – und der Euro­vi­si­on Song Con­test reflek­tiert das. Muss­te die EBU noch 1990 eine Alters­un­ter­gren­ze von 16 Jah­ren ein­füh­ren, um den Wett­be­werb nicht zur Mini Play­back Show ver­kom­men zu las­sen, so schie­nen sich die Teil­neh­mer­län­der die­ses Jahr­gangs einen Wett­streit um den ältes­ten Grand-Prix-Par­ti­zi­pan­ten zu lie­fern. Nicht nur die Jugos schick­ten mit dem ser­bi­schen Bal­kan­bal­la­den­kö­nig Žel­j­ko Jok­si­mo­vić (40) und der maze­do­ni­schen Nina Hagen, Kalio­pi (46), lebens­er­fah­re­ne Bar­den. Gleich der ers­te Star­ter des Abends riß die bis­he­ri­ge, vom kroa­ti­schen Geron­tor­ap­per 75 Cents geleg­te Meß­lat­te: das Ver­ei­nig­te König­reich ent­sand­te näm­lich den sich nach einem schon lan­ge ver­schie­de­nen deut­schen Kom­po­nis­ten nen­nen­den, mitt­ler­wei­le 76jährigen Schnul­zier Engel­bert Hum­per­dinck, stein­al­ten Men­schen wie mir noch bekannt durch sei­nen 1966er Super­hit ‘(Plea­se) Release me’.


Häupt­ling Leder­haut: der Engel, der Bert (UK)

Doch obschon der ech­sen­häu­ti­ge Croo­ner sei­ne Sache gut mach­te und sei­ne erstaun­lich unschnul­zi­ge, sanf­te Gitar­ren­bal­la­de ‘Love will set you free’ ziem­lich bra­vou­rös meis­ter­te – ein­schließ­lich der ent­schei­den­den hohen Schluß­no­te – lan­de­te er mit erbärm­li­chen 12 Pünkt­chen auf dem vor­letz­ten Platz. Haben Men­schen über 35 im Pop­ge­schäft also doch nichts ver­lo­ren, wie ich selbst bis noch vor weni­gen Jah­ren glaub­te? Das scheint Euro­pa anders zu sehen, denn es wähl­te eine Grup­pe von sechs rus­si­schen Groß­müt­ter­chen, die Bura­novs­ki­ye Babush­ki, auf den zwei­ten Platz. Die trach­ten­tra­gen­den udmur­ti­schen Omas dürf­ten denn auch einer der Gründe1)Ein ande­rer dürf­te die schlech­te Wahl des Aus­schnit­tes für den Schnell­durch­lauf gewe­sen sein, der sich aus­ge­rech­net auf eine Pas­sa­ge fokus­sier­te, die Engel­bert ver­geig­te, und die ihn die Stim­men der Anru­fer gekos­tet haben dürf­te. Außer­dem soll er beim Jury­fi­na­le am Frei­tag erbärm­lich gesun­gen haben, so dass auch die Juro­ren ihn abstraften. für Engel­berts schlech­tes Abschnei­den gewe­sen sein, stah­len sie ihm doch schlicht­weg die Schau. Und den Rekord: die kleins­te (und nied­lichs­te!) der sechs Knitterge­sich­ter, Natal­ja Pugat­schowa, zähl­te gar stol­ze 86 Len­ze eben­falls 76 Len­ze, aber ein paar Mona­te mehr als Engel­bert und ist damit die ältes­te Euro­vi­si­ons­teil­neh­me­rin aller Zeiten!2)Strenggenommen liegt der aktu­el­le Alters­re­kord bei 83 Jah­ren: der Eva Rivas (AM 2010) auf der Büh­ne beglei­ten­de Duduk­spie­ler Djivan Gas­pay­ran sang aber nicht, son­dern flö­te­te nur lip­pen­syn­chron zum Halb­play­back. Da Backings für mei­ne Begrif­fe nicht zäh­len, bleibt der Alters­preis also in Russland.  Ob es nun ihren Sieg ver­hin­der­te oder ihre hohe Plat­zie­rung begüns­tig­te, dass sie ein so (übri­gens von der in mei­ner Hei­mat­stadt Frank­furt am Main leben­den Mary Apple­ga­te mit­kom­po­nier­tes) unpas­sen­des Lied im Dis­co-Stampf-Sound mit eng­li­scher Hook­li­ne sin­gen mus­sen, in dem sie sich so offen­sicht­lich gar nicht zurecht fan­den, mag dahin­ge­stellt blei­ben. “Par­ty for Every­bo­dy, danz!” konn­te man schön mit­grö­len, und so mach­te die­se lus­ti­ge Num­mer mit­samt Kekseba­cken ein­fach Spaß.


Kek­se! Lecker hap­pa hap­pa! (RU)

Unter dem hat­ten vor allem die Islän­der zu lei­den. Die wun­der­schö­ne, klas­sisch dra­ma­ti­sche Euro­vi­si­ons­bal­la­de ‘Never for­get’, vom äußerst ansehn­li­chen Jón­si, der äußerst durch­trai­nier­ten Gre­ta Saló­me und ihrem vier­köp­fi­gen Begleit­chor prä­zi­se und durch­dacht dar­ge­bo­ten, ging wohl im all­ge­mei­nen Geschnat­ter über die knuf­fi­gen Groß­müt­ter­chen unter (ganz ehr­lich: ohne Erin­ne­rung durch den Schnell­durch­lauf hät­te auch ich ver­ges­sen, für sie anzu­ru­fen). Sich selbst im Wege stan­den hin­ge­gen eini­ge ande­re der ganz hin­ten Plat­zier­ten. So die Fran­zö­sin Anggun, die mit drei halb­nack­ten, mus­kel­be­pack­ten Boden­tur­nern und derer gym­nas­ti­schen Leis­tungs­schau so erfolg­reich von ihrem Dan­ce­pop­song ‘Echo (You and I)’ ablenk­te, dass sich hin­ter­her nie­mand mehr dar­an erin­ner­te. Unnö­ti­ger­wei­se, denn eigent­lich war der ja gut. Und, dank kom­pe­ten­ter Backing­sän­ger, auch anhör­bar. Dass sie als visu­el­len Gag für ihr Trick­kleid aus­ge­rech­net die von Sert­ab Ere­ner bereits 2003 ein­ge­führ­ten Bän­der wähl­te, nahm dem Bei­trag end­gül­tig sei­ne musi­ka­lisch durch­aus vor­han­de­ne Ori­gi­na­li­tät. Scha­de, scha­de!


Dürf­te jeder­zeit auch über mich sprin­gen (2:36 Min): Angguns Sport­ler (FR)

Bei Solu­na Samay lohnt als Erklä­rung für ihr erfreu­lich schlech­tes Abschnei­den ein Ver­gleich zu ihrem Semi­fi­nal­auf­tritt, wo die avril­la­vi­gnes­ke Dänin zum einen ihre komi­sche Kapi­täns­müt­ze – ein Fami­li­en­erb­stück – frü­her abnahm und nicht bis zum Schluß auf­be­hielt. Viel ent­schei­den­der aber: die ganz links ste­hen­de Brat­schis­tin, Teil der fünf­köp­fi­gen “Jugend­mu­sik­schu­le” (Peter Urban), in der zu mei­nem Erstau­nen auch Sean Banan aus der schwe­di­schen Vor­ent­schei­dung Unter­schlupf fand, trug im Fina­le ein Stretch­bus­tier. Anders als noch im Semi, wo sie offen­bar ver­such­te, im Takt der Musik in ihren Milch­drü­sen Sah­ne zu schla­gen, was dem müden Radio­pop eine ganz eige­ne Dyna­mik ver­lieh. Die nun fehl­te, was sich im Ergeb­nis nie­der­schlug: ‘Should’ve known bet­ter’, Solu­na! Com­pact Dis­co aus Ungarn, die mit ihren ‘Sound of our Hearts’ über­ra­schend ins Fina­le kamen, erwisch­ten hier den Todes­s­lot #2. Sie wuß­ten, dass sie kei­ne Chan­ce hat­ten, und das merk­te man ihnen auch ein biss­chen an. Anders als der rumä­ni­schen Kap­pel­le Man­din­ga, die nach dem jemi­niesken Bei­na­he­fi­as­ko mit dem nicht funk­tio­nie­ren­den Ohr­stöp­sel im Semi nun unbe­schwert von tech­ni­schen Pan­nen ihren fröh­li­chen Strand­schla­ger ‘Zal­ei­lah’ durch­ex­er­zie­ren konn­ten. Doch ihre Per­for­mance wirk­te zu per­fek­tio­nis­tisch für authen­ti­sche süd­li­che Lebens­freu­de: Mit­tel­feld­ergeb­nis.


Ver­glei­chen Sie selbst, z.b. bei 1:07 Min. (DK, Semi)


Und hier im Fina­le – aber vor­her den Ton abdre­hen! (DK)

Einen ver­hee­ren­den Auf­tritt leg­te der mit gro­ßen Hoff­nun­gen und der ast­rei­nen, per­fekt cho­reo­gra­fier­ten schwe­di­schen Dan­ce­po­p­num­mer ‘Popu­lar’ ‘Stay’ gestar­te­te Too­ji hin. Hät­te das nor­we­gi­sche Fern­se­hen sei­nen Teil­neh­mer bes­ser mal zurück­ge­zo­gen, wie ursprüng­lich als Reak­ti­on auf die Schi­ka­nie­rung eines Jour­na­lis­ten des Gast­ge­ber­lan­des von 2010 durch das Gast­ge­ber­land 2012 ange­dacht. Der Prinz von Per­si­en, schon im Semi nicht beson­ders stimm­si­cher, wirk­te ob des Vor­falls anspannt und ver­geig­te sei­nen Vokal­part völ­lig. Da konn­te auch der Ghost­sin­ger im Büh­nen­hin­ter­grund nichts mehr ret­ten: letz­ter Platz. Die eben­falls ent­täu­schen­den, fast punkt­glei­chen Mit­tel­feld­ergeb­nis­se der bei­den Zypres­sen, Ver­zei­hung: zyprio­ti­schen Sän­ge­rin­nen Ivi Ada­mou (CY) und Eleft­he­ria Eleft­he­riou (GR) dürf­ten hin­ge­gen ihren musi­ka­lisch und cho­reo­gra­fisch sehr ähn­li­chen Ange­bo­ten geschul­det sein, die sich gegen­sei­tig die Punk­te klau­ten. Wobei erstaunt, dass Ivi mit dem lite­ra­risch wert­vol­len ‘La la Love’ noch einen Zäh­ler bes­ser abschnitt, klang ihre Stim­me dank stän­di­ger Klet­te­rei vom und auf den Bücher­tisch (für die Jün­ge­ren: Bücher sind die ana­lo­gen, noch auf Papier gedruck­ten Vor­läu­fer des E-Books. Bit­te? Papier? Ach, ver­gesst es!) doch wie eine ver­ros­te­te Feu­er­si­re­ne, im Gegen­satz zu der von Eleft­he­ri­as Ghost­sän­ge­rin.


Tol­ler Hüft­schwung, schlim­me Stim­me (NO)

Gut lief es hin­ge­gen für Roman Lob: das deut­sche Mon­chi­chi mit den rie­si­gen Knopf­au­gen, in die man sich so wun­der­bar hin­ein­ver­lie­ren kann, kam in gedeck­ter Offe­nes-Hemd-Shirt-Brust­tat­too-Kom­bi­na­ti­on und natür­lich mit sei­ner cha­rak­te­ris­ti­schen Eier­wär­mer­müt­ze auf die Büh­ne und sang mit hei­ser-honig­sü­ßer Bär­chen­stim­me sei­nen ster­bens­lang­wei­li­gen Alb­um­füll­ti­tel ‘Stan­ding still’. Er mach­te das aber mit soviel Anmut und aus sei­ner natür­li­chen Beschei­den­heit resul­tie­ren­dem Charme, dass ihm die Her­zen – auch meins! – den­noch rei­hen­wei­se zuflo­gen und es für einen her­vor­ra­gen­den ach­ten Platz im Gesamt­klas­se­ment reich­te, erstaun­li­cher­wei­se mit neun Punk­ten Vor­sprung vor der sen­sa­tio­nel­len Ame­lia Casa del Vino ali­as Nina Zil­li. Die ita­lie­ni­sche Diva sah ich ursprüng­lich als Sie­ge­rin, und rein von der Atti­tü­de her, mit der sie ihr motow­nes­kes ‘L’Amore é femmi­na’ vor­trug, wäre das auch nur gerecht gewe­sen. Doch lei­der zer­stör­te die hek­ti­sche Kame­ra­füh­rung und das stän­dig fla­ckern­de Büh­nen­bild die gran­dio­se Anmut ihrer Dar­bie­tung, wie auch ihre über­flüs­si­gen Ani­ma­ti­ons­ver­su­che und der noch über­flüs­si­ge­re Wech­sel vom Ita­lie­ni­schen ins Eng­li­sche. Scha­de drum!


Wie im Por­no: ohne Ton ist’s bes­ser (DE)

Unglück­lich die bei­den auf­ein­an­der­fol­gen­den letz­ten Start­po­si­tio­nen für die Ukrai­ne und Mol­da­wi­en (Pasha Par­fe­nys phan­tas­ti­sche Penis­ver­herr­li­chung ‘Lăutar’ [“This Trum­pet makes you mine”]), da bei­de Län­der musi­ka­lisch stark auf die Rück­kehr der Poptrom­pe­te setz­ten und sich damit eben­falls gegen­sei­tig die Punk­te weg­nah­men. Pech für die in Peg­gy Marchs wei­ßem Fran­sen­kleid aus der deut­schen Vor­ent­schei­dung 1975 auf­tre­ten­de Gay­ta­na, die uns mit ihrer Fuß­ball­sta­di­on­hym­ne ‘Be my Guest’ zur EM in die Ukrai­ne ein­lud, dass die­se Ver­an­stal­tung mitt­ler­wei­le so umstrit­ten ist wie die Aus­rich­tung des ESCs im auto­kra­tisch regier­ten Aser­bai­dschan. Und an die­ser Stel­le eine Anre­gung an die ARD: wenn ihr doch schon so vie­le Spar­ten­ka­nä­le habt, könnt ihr dann nicht auf einem davon künf­tig zeit­gleich zum Ers­ten eine alter­na­ti­ve Kame­ra­fas­sung aus­strah­len, die bei sol­chen Auf­trit­ten anstel­le der Sän­ge­rin auf die halb­nack­ten, röcke­tra­gen­den, mus­kel­be­pack­ten Tän­zer fokus­siert? Rund 5% der Bevöl­ke­rung und geschätzt 25% der Grand-Prix-Zuschau­er wären Euch unend­lich dank­bar! Ein beson­de­res Lob hin­ge­gen an das Land der Oran­ge­nen Revo­lu­ti­on für die geschick­te Umge­hung der anti­quier­ten Sechs-Per­so­nen-Regel durch die digi­ta­le Hin­zu­fü­gung eines simu­lier­ten Flashmobs mit hun­der­ten von tan­zen­den Zei­chen­trick­men­schen auf den mit­ge­brach­ten mobi­len LED-Wän­den.


Die­se Blu­men­ba­de­hau­be! Schlimm! (UA)

Ein cle­ve­rer Trick, den auch Mal­ta nut­ze: das Dis­co­bun­ny Kurt Cal­le­ja ließ den Büh­nen­hin­ter­grund eben­falls mit den Sil­hou­et­ten zahl­lo­ser Club­gän­ger anrei­chern, was sei­nen medi­ter­ra­nen Tanz­flä­chen­fül­ler ‘This is the Night’ zwar visu­ell auf­pepp­te, aber den Scha­den nicht wie­der­gut­ma­chen konn­te, den Kurt selbst dem Titel mit sei­nem ent­setz­li­chen Gewim­mer wäh­rend der Bridge zufüg­te. Da half es auch nichts, dass er den jün­ge­ren, kna­cki­ge­ren Bru­der von Tim Schou (A Fri­end in Lon­don, DK 2011) als tan­zen­den Pseu­do-DJ in die Wag­scha­le warf. Kurts Fri­end Can Bono­mo schnitt hin­ge­gen mit sei­nem wun­der­schön dop­pel­deu­ti­gen See­fah­rer­lied ‘Love my me back’ gut ab, trotz der alber­nen Kos­tü­mie­rung: auf den aller­ers­ten Blick sah er in sei­nem lan­gen Leder­man­tel und mit Schirm­müt­ze aus wie ein Nazi­scher­ge im Spiel­film, was natür­lich vor dem Hin­ter­grund, dass es sich bei Can um einen Tür­ken jüdi­schen Glau­bens han­delt, beson­ders maka­ber wirkt. Die­ser Ein­druck ver­schob sich denn auch schnell in Rich­tung Graf Dra­cu­la & sei­ne Brü­der, denn auch sei­ne lecke­ren Tän­zer steck­ten in Fle­der­mau­sum­hän­gen, aus denen sie im Ver­lauf der Show ein Schiff um Can bau­ten (und über den einer von ihnen im Semi bei­na­he gestol­pert wäre).


Bei 2:26 Min wär’s fast zum Schiff­bruch gekom­men (TR, im Semi)

Das unglück­brin­gen­de Jodeln hat­te sich Kurt womög­lich bei sei­nem est­ni­schen Kol­le­gen Ott Lep­land abge­schaut: der gelern­te Musi­cal­sän­ger modu­lier­te sich bei sei­ner ster­bens­schö­nen bal­ti­schen Sehn­suchts­bal­la­de ‘Kuula’ den wohl­ge­form­ten Arsch ab, blieb dabei im Gegen­satz zum Mal­te­ser aber stimm­si­cher. Er gehör­te damit zur beein­dru­cken­den Pha­lanx der – zu Recht – geschlos­sen unter den ers­ten Zehn lan­den­den Vokal­wun­der die­ses Jahr­gangs, zu denen die sen­sa­tio­nel­le spa­ni­sche Fla­men­co­sän­ge­rin Pas­to­ra Soler (scha­de, dass sie mit ‘Quéda­te con­mi­go’ eine so arg lah­me Bal­la­de hat­te) eben­so zu rech­nen ist wie die unglaub­li­che, wenn auch trotz aller Stuk­ka­teurs­ar­beit nur wenig für hoch­auf­lö­sen­des HDTV geeig­ne­te Alba­ne­rin Rona Nish­liu mit ihrem ergrei­fen­den Kla­ge­ge­sang ‘Suus’ (aka “Bring mir den Tsc­hai!”, wodurch sich auch der tee­kes­sel­ar­tig schril­le Ton im Mit­tel­teil erklärt: da war wohl das hei­ße Was­ser fer­tig!). Auch der Inter­pre­tin des Gast­ge­ber­lan­des, Sabi­na “Lip­pi” Babay­e­va, muss man eine gro­ße Stim­me beschei­ni­gen, die sie in der RnB-Bal­la­de ‘When the Music dies’ recht ein­drucks­voll unter Beweis stell­te, unter­stützt von der auf einem flie­gen­den Tep­pich sit­zen­den Muğam-Legen­de Alim Qasi­mov, der immer mal wie­der von der Sei­te muez­zin­ar­tig dazwi­schen­quäk­te.


Ein Diven­du­ell zwi­schen ihr und Nina Zil­li, das wär’s! (ES)

Sabi­na trug das wohl fort­schritt­lichs­te Trick­kleid des Abends: ein wei­ßer Feder­traum, der als Lein­wand für aller­lei Licht­spie­le­rei­en dien­te. Wobei: die flie­ßen­den gel­ben Licht­pro­jek­tio­nen erzeug­ten den Ein­druck einer inkon­ti­nen­ten Sän­ge­rin, die roten wirk­ten wie eine Regel. Doch der eigent­li­che Eklat geschah bereits viel frü­her: Sabi­nas Post­kar­te, eine jener so hoch­glanz­hüb­schen Tou­ris­mus­wer­be­clips des den Wett­be­werb spon­sie­ren­den aser­bai­dscha­ni­schen Frem­den­ver­kehrs­bü­ros, die zur Über­brü­ckung der Umbau­pau­sen die­nen, zeig­te aus­ge­rech­net Bil­der aus der Regi­on Kara­bach, jenes Gebie­tes, um wel­ches das Gast­ge­ber­land mit dem Nach­barn Arme­ni­en seit knapp ein­hun­dert Jah­ren einen blu­ti­gen Kon­flikt führt. Unter die­sem Vor­zei­chen erhielt ihr eigent­lich harm­lo­ser Schla­ger­text mit Zei­len wie “Du bist mein Alles, ver­lass’ mich jetzt nicht” und “Ich ver­su­che, uns am Leben zu hal­ten” eine ganz ande­re Bedeu­tung. Da ließ sich die ver­zwei­felt an ihrem unhalt­ba­ren Man­tra vom “unpo­li­ti­schen” Grand Prix fest­klam­mern­de EBU von den Ali­y­ews aber ganz schön vor­füh­ren. Wie über­haupt im Zusam­men­hang mit die­ser gan­zen Ver­an­stal­tung.


Chia­ra Oho­ven singt für Aser­bai­dschan

Dass die mit eiser­ner Hand regie­ren­de, kor­rup­te Herr­scher­fa­mi­lie am Bau der Ver­an­stal­tungs­hal­le, für die ehe­ma­li­ge Anwoh­ner bru­tal und ent­schä­di­gungs­los ver­trie­ben wur­den, mit­ver­dien­te; dass die Ehe­frau des Prä­si­den­ten das Vor­be­rei­tungs­ko­mi­tee lei­te­te und sein (aller­dings ver­dammt gut­aus­se­hen­der) Schwie­ger­sohn Emin als Pau­se­nact im Fina­le auf­tre­ten durf­te, wo auch eine gigan­tisch-prot­zi­ge Büh­nen­show nicht von der Dürf­tig­keit sei­nes Pop­lied­chens ablen­ken konn­te; dass trotz aller inter­na­tio­na­ler Auf­merk­sam­keit auch wäh­rend der Euro­vi­si­ons­wo­chen in Baku fried­li­che Demons­tran­ten durch die Staats­macht bru­tal zusam­men­ge­knüp­pelt und fest­ge­nom­men wur­den; dass die Gegen­ver­an­stal­tung Sing for Demo­cra­cy der ört­li­chen Men­schen­recht­ler in einen klei­nen Jazz­kel­ler aus­wei­chen muss­te, weil man alle Anträ­ge auf eine Ver­an­stal­tung unter frei­em Him­mel abschmet­ter­te; dass man trotz aller Zusa­gen auf freie Bericht­erstat­tung für die anrei­sen­den Jour­na­lis­ten die­se am Doku­men­tie­ren bei­spiels­wei­se noch nicht fer­tig­ge­stell­ter Bau­stel­len hin­der­te oder gar unter Ver­dacht auf Indus­trie­spio­na­ge fest­hielt: alles dies über­la­ger­te den Glanz und Gla­mour die­ser Ver­an­stal­tung und nahm mir in die­sem Jahr doch deut­lich den Spaß an mei­nem Lieb­lingsevent.


You make me dance like a Maniac (GR)

Zurück zum Erfreu­li­chen: der Sie­ge­rin. Die Vor­herr­schaft der Skan­di­na­vi­er zeich­net sich ja bereits seit Jah­ren beim Con­test ab – nicht unbe­dingt in den Ergeb­nis­sen der schwe­di­schen Bei­trä­ge, aber in der ste­tig stei­gen­der Anzahl von Grand-Prix-Songs mit Song­wri­tern aus dem Land der Elche. An sich könn­te man den Euro­vi­si­on Song Con­test gleich in Melo­di­fes­ti­va­len umtau­fen: 16 der 42 Titel stamm­ten heu­er aus schwe­di­scher Feder, wie Peter Urban erwähn­te, und erst­mals in die­sem Jahr­tau­send fand sich auch der Sie­ger­bei­trag dar­un­ter. Die wie eine Kreu­zung aus den Dro­gen­ver­herr­li­chungs­songs (‘Ebenee­zer Goo­de’) der gol­de­nen Tech­no-Ära der Neun­zi­ger und aktu­el­lem Dan­ce­pop fran­zö­si­scher Mach­art daher­kom­men­de Song ‘Eupho­ria’ führ­te von Beginn an die Hit­lis­ten der orga­ni­sier­ten Euro­vi­si­ons­fans und lag auch in den Wett­bü­ros vor­ne. Dass er mit so deut­li­chem Abstand gewann, erstaunt den­noch: für so modern hät­te ich Euro­pa – und ins­be­son­de­re die Jurys – nicht gehal­ten!


Schon die Shamen kann­ten das Rezept für Eupho­rie!

Die elfen­haft-ver­spon­ne­ne Lore­en unter­hielt mit bar­fü­ßi­gen, skur­ri­len Tanz­be­we­gun­gen (ihr Seit­wärts­krab­beln erin­ner­te mich spon­tan an Ste­wie aus Fami­ly Guy in der Fol­ge, in der er sich in einen Okto­pus ver­wan­delt); dick­ku­ge­li­gem Kunst­schnee, der sich bei der Sie­ger­re­pri­se auf das Aller­liebs­te mit dem übli­chen Metall­strei­fen­flit­ter misch­te (dass Dima Bilan nicht auf die Büh­ne stürm­te und ver­such­te, den Schnee weg­zu­schnie­fen!); einem stäm­mi­gen schwar­zen Tän­zer, der sie zunächst aus dem Dun­kel der Büh­ne her­aus über­fall­ar­tig hoch­riß, dann aber zur Besänf­ti­gung sanft in den Armen wieg­te; sowie in den Stro­phen mit unver­ständ­li­chem Gemur­mel, das den Ein­druck ver­stärk­te, Lore­en habe vor dem Auf­tritt gewis­se Kräu­ter aus ihrer ursprüng­lich mar­rok­ka­ni­schen Hei­mat geraucht. Gro­ße Klas­se! So bleibt am Ende ein ver­hält­nis­mä­ßig tages­ak­tu­el­les Sie­ger­lied in einer unter unschö­nen Begleit­um­stän­den statt­fin­den­den Ver­an­stal­tung, die nicht nur moder­nem Pop, son­dern auch der gro­ßen Stim­me und dem gereif­ten Inter­pre­ten hul­dig­te. Und das hat doch etwas sehr Ver­söhn­li­ches.


Why can’t this Moment last fore­ver­mo­re? (SE)

Übri­gens: die Schweiz, Aus­trä­ger und Sie­ger des aller­ers­ten Jahr­gan­ges von 1956, ver­säum­te in ihrer unglaub­li­chen Dumm­heit ihre his­to­risch ein­ma­li­ge Chan­ce, dem Jahr­gang den eige­nen Alters­re­kord auf­zu­drü­cken und ihre ers­te Gewin­ne­rin, die mitt­ler­wei­le 88jährige Lys Assia erneut zu sen­den. Die saß zwar natür­lich auch in Baku im Publi­kum und wur­de auch kurz gezeigt. Aber eigent­lich woll­te sie für ihr Hei­mat­land auf der Büh­ne ste­hen, mit einem Song von Ralph Sie­gel, der aller Vor­aus­sicht nach bes­ser abge­schnit­ten hät­te als das glanz­lo­se ‘Unbrea­ka­ble’ (und frag­los auch als das der eben­so im ers­ten Semi aus­ge­schie­de­ne, hirn­ris­si­ge ‘Soci­al Net­work Song’, eben­falls aus der Feder des deut­schen Grand-Prix-Geron­ten). Man ließ sie nur nicht…

ESC Fina­le 2012

Euro­vi­si­on Song Con­test 2012 – Fina­le. Sams­tag, 26. Mai 2012, aus der Crys­tal Hall in Baku, Aser­bai­dschan. 26 Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Ley­la Ali­y­ev, Nar­giz Berk-Peter­sen und Eldar Qasi­mov.
#LKInter­pretTitelPkt
gs
Pl
gs
Pkt
TV
Pl
TV
01UKEngel­bert Hum­per­dinckLove will set you free0122503621
02HUCom­pact Dis­coSound of our Hearts0192402022
03ALRona Nis­hi­luSuus1460510608
04LTDon­ny MontellLove is blind0701406814
05BAMaya SarKora­ke ti znam0551805716
06RUBura­novs­kie Babush­kiPar­ty for Every­bo­dy2590233202
07ISGre­ta Saló­me + Jón­siNever for­get0462003919
08CYIvi Ada­mouLa La Love0651506315
09FRAnggunEcho (You and I)0212200026
10ITNina Zil­liL’Amore è femmi­na1010905617
11EEOtt Lep­landKuula1200607812
12NOToo­jiStay0072601624
13AZSabi­na Babay­e­vaWhen the Music dies1500415105
14ROMan­din­gaZal­ei­lah0711311707
15DKSolu­na SamayShould’ve know bet­ter0212301823
16GREleft­he­ria Eleft­he­riouAphro­di­siac0641708909
17SELore­enEupho­ria3720134301
18TRCan Bono­moLove me back1120717604
19ESPas­to­ra SolerQuéda­te con­mi­go0971004518
20DERoman LobStan­ding still1100812506
21MTKurt Cal­le­jaThis is the Night0412101025
22MKKalio­pi Buk­leCrno i belo0711207911
23IEJed­wardWater­line0461908910
24RSŽel­j­ko Jok­si­mo­vićNije Lju­bav Stvar2140321103
25UAGai­ta­na Essa­miBe my Guest0651603720
26MDPasha Par­fe­nyLăutar0811107513

Fußnote(n)   [ + ]

1. Ein ande­rer dürf­te die schlech­te Wahl des Aus­schnit­tes für den Schnell­durch­lauf gewe­sen sein, der sich aus­ge­rech­net auf eine Pas­sa­ge fokus­sier­te, die Engel­bert ver­geig­te, und die ihn die Stim­men der Anru­fer gekos­tet haben dürf­te. Außer­dem soll er beim Jury­fi­na­le am Frei­tag erbärm­lich gesun­gen haben, so dass auch die Juro­ren ihn abstraften.
2. Strenggenommen liegt der aktu­el­le Alters­re­kord bei 83 Jah­ren: der Eva Rivas (AM 2010) auf der Büh­ne beglei­ten­de Duduk­spie­ler Djivan Gas­pay­ran sang aber nicht, son­dern flö­te­te nur lip­pen­syn­chron zum Halb­play­back. Da Backings für mei­ne Begrif­fe nicht zäh­len, bleibt der Alters­preis also in Russland.

4 Gedanken zu “<span class="caps">ESC</span> Fina­le 2012: An ever­las­ting Pie­ce of Art”

  1.  Klei­ne Kor­rek­tur: die klei­ne rus­si­sche Omi Natal­ja Pugat­schowa ist im Novem­ber 1935 gebo­ren und damit 76 und nicht 86, knapp nur älter als the Hump.
    Es gibt in der eigent­lich 8 Omis umfas­sen­den Trup­pe eine gele­gent­li­che Gast­sän­ge­rin (Jeli­sa­we­ta Sarb­a­to­wa) aus dem Jahr­gang 1926 und damit 86-jäh­rig, die hat aber mit dem ESC nichts zu tun.

    Zum Inhalt­li­chen: wie auch in den Semis bin ich mit dem Aus­gang im all­ge­mei­nen rich­tig zufrie­den. Too­ji hat es wirk­lich ver­sem­melt (die Grün­de mögen durch­aus nach­voll­zieh­bar sein), dass die Ukrai­ne und Grie­chen­land tat­säch­lich auch mal so schlecht abschnei­den konn­ten, erfüllt mich mit Hoff­nung, und rich­tig gut fand ich, dass in den eini­ger­ma­ßen ver­gleich­ba­ren Paa­run­gen Zypern-Grie­chen­land und Mol­da­wi­en-Rumä­ni­en doch tat­säch­lich jeweils der in mei­nen Ohren sang­lich bes­se­re (und im mol­da­wi­schen Fall ori­gi­nel­le­re) Bei­trag vorn lag.
    Auch die Top 10 kön­nen sich wirk­lich sehen las­sen. Abge­se­hen vom rus­si­schen und dem tür­ki­schen (sor­ry, nicht mein Fall) Bei­trag lässt sich das alles gut hören.
    Und dass mei­ne Nr. 1 Kalio­pi immer­hin bis auf Platz 13 und Alba­ni­en gar auf Platz 5 kam, fin­de ich ein­fach nur super.
    Dan­ke Euro­pa, Du erfüllt mich mit Hoff­nung.
    (Und der Sie­ger geht auch in Ord­nung. Nicht mein Favo­rit, aber ok).

  2. Ich muss hier mal was los­wer­den, was mir in den letz­ten Tagen auf­ge­fal­len ist – was sind das eigent­lich für komi­sche Voting-“Pattern”, die zwi­schen gewis­sen Län­dern seit eini­gen Jah­ren herr­schen?

    Bei­spiel:
    2012: 12 Punk­te aus Mal­ta an… Aser­bai­dschan
    2011: 12 Punk­te aus Mal­ta an… Aser­bai­dschan
    2010: 12 Punk­te aus Mal­ta an… Aser­bai­dschan

    Irgend­ei­ne Aser­bai­dscha­ni­sche Dia­spo­ra auf Mal­ta? Hab ich was ver­passt?

    Ande­res Bei­spiel:

    2012: 12 Punk­te aus Geor­gi­en an… Litau­en
    2011: 12 Punk­te aus Geor­gi­en an… Litau­en
    2010: 12 Punk­te aus Litau­en an… Geor­gi­en

    Hier auch kei­ne Dia­spo­ra vor­han­den… selt­sam…
    Ohne jetzt den Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker spie­len zu wol­len… aber irgend­was ist da faul.
    Ent­we­der wird das Tele­vo­ting in eini­gen Län­dern mas­siv mani­pu­liert oder man­che Juries tau­schen sich wie in den guten alten 90er-Jah­ren mun­ter die Höchst­wer­tun­gen aus – da soll­te die EBU unbe­dingt mal ermit­teln…

  3. Engel­bert: War irgend­wie zu schwach
    Com­pact Dis­co: Trotz Start­platz 2 recht stark auf­ge­tre­ten
    Rona Nish­liu: Gefällt mir nicht
    Don­ny Montell: Mit­tel­feld­plat­zie­rung gerecht­fer­tigt
    Maya Sar: Nett, aber gerecht­fer­ti­ge Plat­zie­rung
    Bura­novs­ki­ye Babush­ki: Nicht so stark wie im Fina­le
    Gre­ta Salo­mé & Jon­si: Bes­ser als die Plat­zie­rung ver­mu­ten lässt
    Ivi Ada­mou: Schwach
    Anggun: Hat kei­nen Ton getrof­fen
    Nina Zil­li: Bil­li­ge Amy-Wine­house-Kopie, aber Top 10 OK
    Ott Lep­land: Viel bes­ser als im Semi
    Too­ji: Er woll­te Nor­we­gen zum Sieg füh­ren, aber er war halt schwach
    Sabi­na Babay­e­va: Zu viel Dra­ma­tik; war über­be­wer­tet
    Man­din­ga: Nicht so stark wie auf der CD
    Solu­na Samay: War wohl zu auf­ge­regt; aber für mei­ne Solu­na habe ich trotz­dem ange­ru­fen
    Eleft­he­ria: Schwach, schwach, schwach – Platz 17 ZURECHT
    Lore­en: Viel stär­ker als im Semi, viel­leicht ein paar Punk­te zuviel
    Can Bono­mo: Ja, Herr Rau, ich weiß, dass Sie ihn mögen, aber für mich war er zu hip­pe­lig
    Pas­to­ra Soler: Gesang­lich sehr stark, Spa­ni­en hat den zehn­ten Platz ver­dient
    Roman Lob: Sehr gute Leis­tung, Platz 8 zurecht
    Kurt Cal­le­ja: Schwä­cher als im Semi, Platz 21 zurecht
    Kalio­pi: Wie­der mit ihrem legen­dä­ren Schrei – Platz 13 ver­dient
    Jed­ward: War­um sind sie nicht zuhau­se geblie­ben ????????
    Zel­j­ko Jok­si­mo­vic: Gefiel mir bes­ser als im Semi, Platz 3 zurecht
    Gai­ta­na: Zu viel Gekrei­sche, hat mir gar nicht gefal­len
    Pasha Par­fe­ny: Gran­dio­ser Abschluss; hat mei­nen Eltern und mir sehr gut gefal­len

    Apro­pos Eltern: Sie fan­den Russ­land, Schwe­den und Mol­da­wi­en recht gut und die ande­ren… naja… eher “so mit­tel”. Alba­ni­en und die Tür­kei waren für sie Total­aus­fäl­le.
    Und dafür, dass ich Solu­na Samay so toll fand (und immer noch fin­de) muss­te ich mich von mei­nem Vater ver­spot­ten las­sen (Sol­u­na­ba­by war wäh­rend des rest­li­chen Abends nur noch “das Dänen­lieb­chen”).
    War aber ein lus­ti­ger Abend. ^^

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