ESC Finale 2012: An everlasting Piece of Art

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Das gerontische Jahr

Europa altert – und der Eurovision Song Contest reflektiert das. Musste die EBU noch 1990 eine Altersuntergrenze von 16 Jahren einführen, um den Wettbewerb nicht zur Mini Playback Show verkommen zu lassen, so schienen sich die Teilnehmerländer dieses Jahrgangs einen Wettstreit um den ältesten Grand-Prix-Partizipanten zu liefern. Nicht nur die Jugos schickten mit dem serbischen Balkanballadenkönig Željko Joksimović (40) und der mazedonischen Nina Hagen, Kaliopi (46), lebenserfahrene Barden. Gleich der erste Starter des Abends riß die bisherige, vom kroatischen Gerontorapper 75 Cents gelegte Meßlatte: das Vereinigte Königreich entsandte nämlich den sich nach einem schon lange verschiedenen deutschen Komponisten nennenden, mittlerweile 76jährigen Schnulzier Engelbert Humperdinck, steinalten Menschen wie mir noch bekannt durch seinen 1966er Superhit ‚(Please) Release me‘.


Häuptling Lederhaut: der Engel, der Bert (UK)

Doch obschon der echsenhäutige Crooner seine Sache gut machte und seine erstaunlich unschnulzige, sanfte Gitarrenballade ‚Love will set you free‘ ziemlich bravourös meisterte – einschließlich der entscheidenden hohen Schlußnote – landete er mit erbärmlichen 12 Pünktchen auf dem vorletzten Platz. Haben Menschen über 35 im Popgeschäft also doch nichts verloren, wie ich selbst bis noch vor wenigen Jahren glaubte? Das scheint Europa anders zu sehen, denn es wählte eine Gruppe von sechs russischen Großmütterchen, die Buranovskiye Babushki, auf den zweiten Platz. Die trachtentragenden udmurtischen Omas dürften denn auch einer der Gründe1)Ein anderer dürfte die schlechte Wahl des Ausschnittes für den Schnelldurchlauf gewesen sein, der sich ausgerechnet auf eine Passage fokussierte, die Engelbert vergeigte, und die ihn die Stimmen der Anrufer gekostet haben dürfte. Außerdem soll er beim Juryfinale am Freitag erbärmlich gesungen haben, so dass auch die Juroren ihn abstraften. für Engelberts schlechtes Abschneiden gewesen sein, stahlen sie ihm doch schlichtweg die Schau. Und den Rekord: die kleinste (und niedlichste!) der sechs Knittergesichter, Natalja Pugatschowa, zählte gar stolze 86 Lenze ebenfalls 76 Lenze, aber ein paar Monate mehr als Engelbert und ist damit die älteste Eurovisionsteilnehmerin aller Zeiten!2)Strenggenommen liegt der aktuelle Altersrekord bei 83 Jahren: der Eva Rivas (AM 2010) auf der Bühne begleitende Dudukspieler Djivan Gaspayran sang aber nicht, sondern flötete nur lippensynchron zum Halbplayback. Da Backings für meine Begriffe nicht zählen, bleibt der Alterspreis also in Russland.  Ob es nun ihren Sieg verhinderte oder ihre hohe Platzierung begünstigte, dass sie ein so (übrigens von der in meiner Heimatstadt Frankfurt am Main lebenden Mary Applegate mitkomponiertes) unpassendes Lied im Disco-Stampf-Sound mit englischer Hookline singen mussen, in dem sie sich so offensichtlich gar nicht zurecht fanden, mag dahingestellt bleiben. „Party for Everybody, danz!“ konnte man schön mitgrölen, und so machte diese lustige Nummer mitsamt Keksebacken einfach Spaß.


Kekse! Lecker happa happa! (RU)

Unter dem hatten vor allem die Isländer zu leiden. Die wunderschöne, klassisch dramatische Eurovisionsballade ‚Never forget‘, vom äußerst ansehnlichen Jónsi, der äußerst durchtrainierten Greta Salóme und ihrem vierköpfigen Begleitchor präzise und durchdacht dargeboten, ging wohl im allgemeinen Geschnatter über die knuffigen Großmütterchen unter (ganz ehrlich: ohne Erinnerung durch den Schnelldurchlauf hätte auch ich vergessen, für sie anzurufen). Sich selbst im Wege standen hingegen einige andere der ganz hinten Platzierten. So die Französin Anggun, die mit drei halbnackten, muskelbepackten Bodenturnern und derer gymnastischen Leistungsschau so erfolgreich von ihrem Dancepopsong ‚Echo (You and I)‘ ablenkte, dass sich hinterher niemand mehr daran erinnerte. Unnötigerweise, denn eigentlich war der ja gut. Und, dank kompetenter Backingsänger, auch anhörbar. Dass sie als visuellen Gag für ihr Trickkleid ausgerechnet die von Sertab Erener bereits 2003 eingeführten Bänder wählte, nahm dem Beitrag endgültig seine musikalisch durchaus vorhandene Originalität. Schade, schade!


Dürfte jederzeit auch über mich springen (2:36 Min): Angguns Sportler (FR)

Bei Soluna Samay lohnt als Erklärung für ihr erfreulich schlechtes Abschneiden ein Vergleich zu ihrem Semifinalauftritt, wo die avrillavigneske Dänin zum einen ihre komische Kapitänsmütze – ein Familienerbstück – früher abnahm und nicht bis zum Schluß aufbehielt. Viel entscheidender aber: die ganz links stehende Bratschistin, Teil der fünfköpfigen „Jugendmusikschule“ (Peter Urban), in der zu meinem Erstaunen auch Sean Banan aus der schwedischen Vorentscheidung Unterschlupf fand, trug im Finale ein Stretchbustier. Anders als noch im Semi, wo sie offenbar versuchte, im Takt der Musik in ihren Milchdrüsen Sahne zu schlagen, was dem müden Radiopop eine ganz eigene Dynamik verlieh. Die nun fehlte, was sich im Ergebnis niederschlug: ‚Should’ve known better‘, Soluna! Compact Disco aus Ungarn, die mit ihren ‚Sound of our Hearts‘ überraschend ins Finale kamen, erwischten hier den Todesslot #2. Sie wußten, dass sie keine Chance hatten, und das merkte man ihnen auch ein bisschen an. Anders als der rumänischen Kappelle Mandinga, die nach dem jeminiesken Beinahefiasko mit dem nicht funktionierenden Ohrstöpsel im Semi nun unbeschwert von technischen Pannen ihren fröhlichen Strandschlager ‚Zaleilah‘ durchexerzieren konnten. Doch ihre Performance wirkte zu perfektionistisch für authentische südliche Lebensfreude: Mittelfeldergebnis.


Vergleichen Sie selbst, z.b. bei 1:07 Min. (DK, Semi)


Und hier im Finale – aber vorher den Ton abdrehen! (DK)

Einen verheerenden Auftritt legte der mit großen Hoffnungen und der astreinen, perfekt choreografierten schwedischen Dancepopnummer ‚Popular‘ ‚Stay‘ gestartete Tooji hin. Hätte das norwegische Fernsehen seinen Teilnehmer besser mal zurückgezogen, wie ursprünglich als Reaktion auf die Schikanierung eines Journalisten des Gastgeberlandes von 2010 durch das Gastgeberland 2012 angedacht. Der Prinz von Persien, schon im Semi nicht besonders stimmsicher, wirkte ob des Vorfalls anspannt und vergeigte seinen Vokalpart völlig. Da konnte auch der Ghostsinger im Bühnenhintergrund nichts mehr retten: letzter Platz. Die ebenfalls enttäuschenden, fast punktgleichen Mittelfeldergebnisse der beiden Zypressen, Verzeihung: zypriotischen Sängerinnen Ivi Adamou (CY) und Eleftheria Eleftheriou (GR) dürften hingegen ihren musikalisch und choreografisch sehr ähnlichen Angeboten geschuldet sein, die sich gegenseitig die Punkte klauten. Wobei erstaunt, dass Ivi mit dem literarisch wertvollen ‚La la Love‘ noch einen Zähler besser abschnitt, klang ihre Stimme dank ständiger Kletterei vom und auf den Büchertisch (für die Jüngeren: Bücher sind die analogen, noch auf Papier gedruckten Vorläufer des E-Books. Bitte? Papier? Ach, vergesst es!) doch wie eine verrostete Feuersirene, im Gegensatz zu der von Eleftherias Ghostsängerin.


Toller Hüftschwung, schlimme Stimme (NO)

Gut lief es hingegen für Roman Lob: das deutsche Monchichi mit den riesigen Knopfaugen, in die man sich so wunderbar hineinverlieren kann, kam in gedeckter Offenes-Hemd-Shirt-Brusttattoo-Kombination und natürlich mit seiner charakteristischen Eierwärmermütze auf die Bühne und sang mit heiser-honigsüßer Bärchenstimme seinen sterbenslangweiligen Albumfülltitel ‚Standing still‘. Er machte das aber mit soviel Anmut und aus seiner natürlichen Bescheidenheit resultierendem Charme, dass ihm die Herzen – auch meins! – dennoch reihenweise zuflogen und es für einen hervorragenden achten Platz im Gesamtklassement reichte, erstaunlicherweise mit neun Punkten Vorsprung vor der sensationellen Amelia Casa del Vino alias Nina Zilli. Die italienische Diva sah ich ursprünglich als Siegerin, und rein von der Attitüde her, mit der sie ihr motowneskes ‚L’Amore é femmina‘ vortrug, wäre das auch nur gerecht gewesen. Doch leider zerstörte die hektische Kameraführung und das ständig flackernde Bühnenbild die grandiose Anmut ihrer Darbietung, wie auch ihre überflüssigen Animationsversuche und der noch überflüssigere Wechsel vom Italienischen ins Englische. Schade drum!


Wie im Porno: ohne Ton ist’s besser (DE)

Unglücklich die beiden aufeinanderfolgenden letzten Startpositionen für die Ukraine und Moldawien (Pasha Parfenys phantastische Penisverherrlichung ‚Lăutar‘ [„This Trumpet makes you mine“]), da beide Länder musikalisch stark auf die Rückkehr der Poptrompete setzten und sich damit ebenfalls gegenseitig die Punkte wegnahmen. Pech für die in Peggy Marchs weißem Fransenkleid aus der deutschen Vorentscheidung 1975 auftretende Gaytana, die uns mit ihrer Fußballstadionhymne ‚Be my Guest‘ zur EM in die Ukraine einlud, dass diese Veranstaltung mittlerweile so umstritten ist wie die Ausrichtung des ESCs im autokratisch regierten Aserbaidschan. Und an dieser Stelle eine Anregung an die ARD: wenn ihr doch schon so viele Spartenkanäle habt, könnt ihr dann nicht auf einem davon künftig zeitgleich zum Ersten eine alternative Kamerafassung ausstrahlen, die bei solchen Auftritten anstelle der Sängerin auf die halbnackten, röcketragenden, muskelbepackten Tänzer fokussiert? Rund 5% der Bevölkerung und geschätzt 25% der Grand-Prix-Zuschauer wären Euch unendlich dankbar! Ein besonderes Lob hingegen an das Land der Orangenen Revolution für die geschickte Umgehung der antiquierten Sechs-Personen-Regel durch die digitale Hinzufügung eines simulierten Flashmobs mit hunderten von tanzenden Zeichentrickmenschen auf den mitgebrachten mobilen LED-Wänden.


Diese Blumenbadehaube! Schlimm! (UA)

Ein cleverer Trick, den auch Malta nutze: das Discobunny Kurt Calleja ließ den Bühnenhintergrund ebenfalls mit den Silhouetten zahlloser Clubgänger anreichern, was seinen mediterranen Tanzflächenfüller ‚This is the Night‘ zwar visuell aufpeppte, aber den Schaden nicht wiedergutmachen konnte, den Kurt selbst dem Titel mit seinem entsetzlichen Gewimmer während der Bridge zufügte. Da half es auch nichts, dass er den jüngeren, knackigeren Bruder von Tim Schou (A Friend in London, DK 2011) als tanzenden Pseudo-DJ in die Wagschale warf. Kurts Friend Can Bonomo schnitt hingegen mit seinem wunderschön doppeldeutigen Seefahrerlied ‚Love my me back‘ gut ab, trotz der albernen Kostümierung: auf den allerersten Blick sah er in seinem langen Ledermantel und mit Schirmmütze aus wie ein Nazischerge im Spielfilm, was natürlich vor dem Hintergrund, dass es sich bei Can um einen Türken jüdischen Glaubens handelt, besonders makaber wirkt. Dieser Eindruck verschob sich denn auch schnell in Richtung Graf Dracula & seine Brüder, denn auch seine leckeren Tänzer steckten in Fledermausumhängen, aus denen sie im Verlauf der Show ein Schiff um Can bauten (und über den einer von ihnen im Semi beinahe gestolpert wäre).


Bei 2:26 Min wär’s fast zum Schiffbruch gekommen (TR, im Semi)

Das unglückbringende Jodeln hatte sich Kurt womöglich bei seinem estnischen Kollegen Ott Lepland abgeschaut: der gelernte Musicalsänger modulierte sich bei seiner sterbensschönen baltischen Sehnsuchtsballade ‚Kuula‘ den wohlgeformten Arsch ab, blieb dabei im Gegensatz zum Malteser aber stimmsicher. Er gehörte damit zur beeindruckenden Phalanx der – zu Recht – geschlossen unter den ersten Zehn landenden Vokalwunder dieses Jahrgangs, zu denen die sensationelle spanische Flamencosängerin Pastora Soler (schade, dass sie mit ‚Quédate conmigo‘ eine so arg lahme Ballade hatte) ebenso zu rechnen ist wie die unglaubliche, wenn auch trotz aller Stukkateursarbeit nur wenig für hochauflösendes HDTV geeignete Albanerin Rona Nishliu mit ihrem ergreifenden Klagegesang ‚Suus‘ (aka „Bring mir den Tschai!“, wodurch sich auch der teekesselartig schrille Ton im Mittelteil erklärt: da war wohl das heiße Wasser fertig!). Auch der Interpretin des Gastgeberlandes, Sabina „Lippi“ Babayeva, muss man eine große Stimme bescheinigen, die sie in der RnB-Ballade ‚When the Music dies‘ recht eindrucksvoll unter Beweis stellte, unterstützt von der auf einem fliegenden Teppich sitzenden Muğam-Legende Alim Qasimov, der immer mal wieder von der Seite muezzinartig dazwischenquäkte.


Ein Divenduell zwischen ihr und Nina Zilli, das wär’s! (ES)

Sabina trug das wohl fortschrittlichste Trickkleid des Abends: ein weißer Federtraum, der als Leinwand für allerlei Lichtspielereien diente. Wobei: die fließenden gelben Lichtprojektionen erzeugten den Eindruck einer inkontinenten Sängerin, die roten wirkten wie eine Regel. Doch der eigentliche Eklat geschah bereits viel früher: Sabinas Postkarte, eine jener so hochglanzhübschen Tourismuswerbeclips des den Wettbewerb sponsierenden aserbaidschanischen Fremdenverkehrsbüros, die zur Überbrückung der Umbaupausen dienen, zeigte ausgerechnet Bilder aus der Region Karabach, jenes Gebietes, um welches das Gastgeberland mit dem Nachbarn Armenien seit knapp einhundert Jahren einen blutigen Konflikt führt. Unter diesem Vorzeichen erhielt ihr eigentlich harmloser Schlagertext mit Zeilen wie „Du bist mein Alles, verlass‘ mich jetzt nicht“ und „Ich versuche, uns am Leben zu halten“ eine ganz andere Bedeutung. Da ließ sich die verzweifelt an ihrem unhaltbaren Mantra vom „unpolitischen“ Grand Prix festklammernde EBU von den Aliyews aber ganz schön vorführen. Wie überhaupt im Zusammenhang mit dieser ganzen Veranstaltung.


Chiara Ohoven singt für Aserbaidschan

Dass die mit eiserner Hand regierende, korrupte Herrscherfamilie am Bau der Veranstaltungshalle, für die ehemalige Anwohner brutal und entschädigungslos vertrieben wurden, mitverdiente; dass die Ehefrau des Präsidenten das Vorbereitungskomitee leitete und sein (allerdings verdammt gutaussehender) Schwiegersohn Emin als Pausenact im Finale auftreten durfte, wo auch eine gigantisch-protzige Bühnenshow nicht von der Dürftigkeit seines Popliedchens ablenken konnte; dass trotz aller internationaler Aufmerksamkeit auch während der Eurovisionswochen in Baku friedliche Demonstranten durch die Staatsmacht brutal zusammengeknüppelt und festgenommen wurden; dass die Gegenveranstaltung Sing for Democracy der örtlichen Menschenrechtler in einen kleinen Jazzkeller ausweichen musste, weil man alle Anträge auf eine Veranstaltung unter freiem Himmel abschmetterte; dass man trotz aller Zusagen auf freie Berichterstattung für die anreisenden Journalisten diese am Dokumentieren beispielsweise noch nicht fertiggestellter Baustellen hinderte oder gar unter Verdacht auf Industriespionage festhielt: alles dies überlagerte den Glanz und Glamour dieser Veranstaltung und nahm mir in diesem Jahr doch deutlich den Spaß an meinem Lieblingsevent.


You make me dance like a Maniac (GR)

Zurück zum Erfreulichen: der Siegerin. Die Vorherrschaft der Skandinavier zeichnet sich ja bereits seit Jahren beim Contest ab – nicht unbedingt in den Ergebnissen der schwedischen Beiträge, aber in der stetig steigender Anzahl von Grand-Prix-Songs mit Songwritern aus dem Land der Elche. An sich könnte man den Eurovision Song Contest gleich in Melodifestivalen umtaufen: 16 der 42 Titel stammten heuer aus schwedischer Feder, wie Peter Urban erwähnte, und erstmals in diesem Jahrtausend fand sich auch der Siegerbeitrag darunter. Die wie eine Kreuzung aus den Drogenverherrlichungssongs (‚Ebeneezer Goode‘) der goldenen Techno-Ära der Neunziger und aktuellem Dancepop französischer Machart daherkommende Song ‚Euphoria‘ führte von Beginn an die Hitlisten der organisierten Eurovisionsfans und lag auch in den Wettbüros vorne. Dass er mit so deutlichem Abstand gewann, erstaunt dennoch: für so modern hätte ich Europa – und insbesondere die Jurys – nicht gehalten!


Schon die Shamen kannten das Rezept für Euphorie!

Die elfenhaft-versponnene Loreen unterhielt mit barfüßigen, skurrilen Tanzbewegungen (ihr Seitwärtskrabbeln erinnerte mich spontan an Stewie aus Family Guy in der Folge, in der er sich in einen Oktopus verwandelt); dickkugeligem Kunstschnee, der sich bei der Siegerreprise auf das Allerliebste mit dem üblichen Metallstreifenflitter mischte (dass Dima Bilan nicht auf die Bühne stürmte und versuchte, den Schnee wegzuschniefen!); einem stämmigen schwarzen Tänzer, der sie zunächst aus dem Dunkel der Bühne heraus überfallartig hochriß, dann aber zur Besänftigung sanft in den Armen wiegte; sowie in den Strophen mit unverständlichem Gemurmel, das den Eindruck verstärkte, Loreen habe vor dem Auftritt gewisse Kräuter aus ihrer ursprünglich marrokkanischen Heimat geraucht. Große Klasse! So bleibt am Ende ein verhältnismäßig tagesaktuelles Siegerlied in einer unter unschönen Begleitumständen stattfindenden Veranstaltung, die nicht nur modernem Pop, sondern auch der großen Stimme und dem gereiften Interpreten huldigte. Und das hat doch etwas sehr Versöhnliches.


Why can’t this Moment last forevermore? (SE)

Übrigens: die Schweiz, Austräger und Sieger des allerersten Jahrganges von 1956, versäumte in ihrer unglaublichen Dummheit ihre historisch einmalige Chance, dem Jahrgang den eigenen Altersrekord aufzudrücken und ihre erste Gewinnerin, die mittlerweile 88jährige Lys Assia erneut zu senden. Die saß zwar natürlich auch in Baku im Publikum und wurde auch kurz gezeigt. Aber eigentlich wollte sie für ihr Heimatland auf der Bühne stehen, mit einem Song von Ralph Siegel, der aller Voraussicht nach besser abgeschnitten hätte als das glanzlose ‚Unbreakable‘ (und fraglos auch als das der ebenso im ersten Semi ausgeschiedene, hirnrissige ‚Social Network Song‘, ebenfalls aus der Feder des deutschen Grand-Prix-Geronten). Man ließ sie nur nicht…

ESC Finale 2012

Eurovision Song Contest 2012 - Finale. Samstag, 26. Mai 2012, aus der Crystal Hall in Baku, Aserbaidschan. 26 Teilnehmer, Moderation: Leyla Aliyev, Nargiz Berk-Petersen und Eldar Qasimov.
#LKInterpretTitelPkt
gs
Pl
gs
Pkt
TV
Pl
TV
01UKEngelbert HumperdinckLove will set you free0122503621
02HUCompact DiscoSound of our Hearts0192402022
03ALRona NishiluSuus1460510608
04LTDonny MontellLove is blind0701406814
05BAMaya SarKorake ti znam0551805716
06RUBuranovskie BabushkiParty for Everybody2590233202
07ISGreta Salóme + JónsiNever forget0462003919
08CYIvi AdamouLa La Love0651506315
09FRAnggunEcho (You and I)0212200026
10ITNina ZilliL'Amore è femmina1010905617
11EEOtt LeplandKuula1200607812
12NOToojiStay0072601624
13AZSabina BabayevaWhen the Music dies1500415105
14ROMandingaZaleilah0711311707
15DKSoluna SamayShould've know better0212301823
16GREleftheria EleftheriouAphrodisiac0641708909
17SELoreenEuphoria3720134301
18TRCan BonomoLove me back1120717604
19ESPastora SolerQuédate conmigo0971004518
20DERoman LobStanding still1100812506
21MTKurt CallejaThis is the Night0412101025
22MKKaliopi BukleCrno i belo0711207911
23IEJedwardWaterline0461908910
24RSŽeljko JoksimovićNije Ljubav Stvar2140321103
25UAGaitana EssamiBe my Guest0651603720
26MDPasha ParfenyLăutar0811107513

Fußnote(n)   [ + ]

1. Ein anderer dürfte die schlechte Wahl des Ausschnittes für den Schnelldurchlauf gewesen sein, der sich ausgerechnet auf eine Passage fokussierte, die Engelbert vergeigte, und die ihn die Stimmen der Anrufer gekostet haben dürfte. Außerdem soll er beim Juryfinale am Freitag erbärmlich gesungen haben, so dass auch die Juroren ihn abstraften.
2. Strenggenommen liegt der aktuelle Altersrekord bei 83 Jahren: der Eva Rivas (AM 2010) auf der Bühne begleitende Dudukspieler Djivan Gaspayran sang aber nicht, sondern flötete nur lippensynchron zum Halbplayback. Da Backings für meine Begriffe nicht zählen, bleibt der Alterspreis also in Russland.

4 thoughts on “ESC Finale 2012: An everlasting Piece of Art

  1.  Kleine Korrektur: die kleine russische Omi Natalja Pugatschowa ist im November 1935 geboren und damit 76 und nicht 86, knapp nur älter als the Hump.
    Es gibt in der eigentlich 8 Omis umfassenden Truppe eine gelegentliche Gastsängerin (Jelisaweta Sarbatowa) aus dem Jahrgang 1926 und damit 86-jährig, die hat aber mit dem ESC nichts zu tun.

    Zum Inhaltlichen: wie auch in den Semis bin ich mit dem Ausgang im allgemeinen richtig zufrieden. Tooji hat es wirklich versemmelt (die Gründe mögen durchaus nachvollziehbar sein), dass die Ukraine und Griechenland tatsächlich auch mal so schlecht abschneiden konnten, erfüllt mich mit Hoffnung, und richtig gut fand ich, dass in den einigermaßen vergleichbaren Paarungen Zypern-Griechenland und Moldawien-Rumänien doch tatsächlich jeweils der in meinen Ohren sanglich bessere (und im moldawischen Fall originellere) Beitrag vorn lag.
    Auch die Top 10 können sich wirklich sehen lassen. Abgesehen vom russischen und dem türkischen (sorry, nicht mein Fall) Beitrag lässt sich das alles gut hören.
    Und dass meine Nr. 1 Kaliopi immerhin bis auf Platz 13 und Albanien gar auf Platz 5 kam, finde ich einfach nur super.
    Danke Europa, Du erfüllt mich mit Hoffnung.
    (Und der Sieger geht auch in Ordnung. Nicht mein Favorit, aber ok).

  2. Ich muss hier mal was loswerden, was mir in den letzten Tagen aufgefallen ist – was sind das eigentlich für komische Voting-„Pattern“, die zwischen gewissen Ländern seit einigen Jahren herrschen?

    Beispiel:
    2012: 12 Punkte aus Malta an… Aserbaidschan
    2011: 12 Punkte aus Malta an… Aserbaidschan
    2010: 12 Punkte aus Malta an… Aserbaidschan

    Irgendeine Aserbaidschanische Diaspora auf Malta? Hab ich was verpasst?

    Anderes Beispiel:

    2012: 12 Punkte aus Georgien an… Litauen
    2011: 12 Punkte aus Georgien an… Litauen
    2010: 12 Punkte aus Litauen an… Georgien

    Hier auch keine Diaspora vorhanden… seltsam…
    Ohne jetzt den Verschwörungstheoretiker spielen zu wollen… aber irgendwas ist da faul.
    Entweder wird das Televoting in einigen Ländern massiv manipuliert oder manche Juries tauschen sich wie in den guten alten 90er-Jahren munter die Höchstwertungen aus – da sollte die EBU unbedingt mal ermitteln…

  3. Engelbert: War irgendwie zu schwach
    Compact Disco: Trotz Startplatz 2 recht stark aufgetreten
    Rona Nishliu: Gefällt mir nicht
    Donny Montell: Mittelfeldplatzierung gerechtfertigt
    Maya Sar: Nett, aber gerechtfertige Platzierung
    Buranovskiye Babushki: Nicht so stark wie im Finale
    Greta Salomé & Jonsi: Besser als die Platzierung vermuten lässt
    Ivi Adamou: Schwach
    Anggun: Hat keinen Ton getroffen
    Nina Zilli: Billige Amy-Winehouse-Kopie, aber Top 10 OK
    Ott Lepland: Viel besser als im Semi
    Tooji: Er wollte Norwegen zum Sieg führen, aber er war halt schwach
    Sabina Babayeva: Zu viel Dramatik; war überbewertet
    Mandinga: Nicht so stark wie auf der CD
    Soluna Samay: War wohl zu aufgeregt; aber für meine Soluna habe ich trotzdem angerufen
    Eleftheria: Schwach, schwach, schwach – Platz 17 ZURECHT
    Loreen: Viel stärker als im Semi, vielleicht ein paar Punkte zuviel
    Can Bonomo: Ja, Herr Rau, ich weiß, dass Sie ihn mögen, aber für mich war er zu hippelig
    Pastora Soler: Gesanglich sehr stark, Spanien hat den zehnten Platz verdient
    Roman Lob: Sehr gute Leistung, Platz 8 zurecht
    Kurt Calleja: Schwächer als im Semi, Platz 21 zurecht
    Kaliopi: Wieder mit ihrem legendären Schrei – Platz 13 verdient
    Jedward: Warum sind sie nicht zuhause geblieben ????????
    Zeljko Joksimovic: Gefiel mir besser als im Semi, Platz 3 zurecht
    Gaitana: Zu viel Gekreische, hat mir gar nicht gefallen
    Pasha Parfeny: Grandioser Abschluss; hat meinen Eltern und mir sehr gut gefallen

    Apropos Eltern: Sie fanden Russland, Schweden und Moldawien recht gut und die anderen… naja… eher „so mittel“. Albanien und die Türkei waren für sie Totalausfälle.
    Und dafür, dass ich Soluna Samay so toll fand (und immer noch finde) musste ich mich von meinem Vater verspotten lassen (Solunababy war während des restlichen Abends nur noch „das Dänenliebchen“).
    War aber ein lustiger Abend. ^^

Oder was denkst Du?