Jan Fed­der­sen: der Exper­tist

Wenig freund­li­che Wor­te fie­len über ihn in den letz­ten Tagen: einen “Betriebs­bord­stein­schwal­li” nann­te ihn der Sati­ri­ker Wiglaf Dros­te in der Jun­gen Welt, als “Lob­hud­ler ver­lo­ge­ner Fas­sa­den” muss­te er sich in den Kom­men­tar­spal­ten des Nig­ge­mei­er-Blogs schmä­hen las­sen, und der Queer.de-Redak­teur Chris­ti­an Scheuß for­der­te gar erbost: “halt doch ein­fach die Klap­pe”. Adres­sat die­ser For­de­rung: der taz-Autor, NDR-Euro­vi­si­ons­blog­ger und aus­ge­wie­se­ne Euro­vi­si­ons­ex­per­te Jan Fed­der­sen. Nun will der Blog­ger Ulli von 2mecs.de gar den Stein des Ansto­ßes aller die­ser Anfein­dun­gen zum Unwort des Jah­res küren las­sen: den “Men­schen­recht­is­ten”, die von Fed­der­sen kre­ierte, her­ab­las­sen­de Bezeich­nung für all die Mah­ner, die mit ihren läs­ti­gen Hin­wei­sen auf die üble poli­ti­sche Lage in Aser­bai­dschan am ober­fläch­li­chen Gla­mour des dort durch­ge­führ­ten Euro­vi­si­on Song Con­tests kratz­ten. Kei­ne gute Figur gibt in die­sem Zusam­men­hang das Haus­blatt der ESC-Edel­fe­der ab, die ehe­mals links­al­ter­na­ti­ve taz. Die can­cel­te näm­lich die für die mor­gi­ge Aus­ga­be geplan­te Kolum­ne Der homo­se­xu­el­le Mann… von Elmar Kraus­haar, in der die­ser sich eben­falls kri­tisch mit der Baku-Bericht­erstat­tung sei­nes Kol­le­gen aus­ein­an­der­setzt.


Moch­te ‘In a Moment like this’ (DK 2010) und dis­qua­li­fi­ziert sich damit als Exper­te: Jan in Oslo

Auch Kraus­haar stößt sich, wie alle ande­ren erwähn­ten schwu­len Jour­na­lis­ten, an der von Fed­der­sen ver­fass­ten taz-Kolum­ne “Bit­ches in Baku”. Dort nennt der selbst homo­se­xu­el­le Autor die gesell­schaft­li­che Unter­drü­ckung von Schwu­len und Les­ben in Aser­bai­dschan eine “Gräu­el­pro­pa­gan­da von, nen­nen wir sie: Men­chen­recht­is­ten”. Als Gegen­be­weis gel­ten ihm die über­all in der Stadt händ­chen­hal­tend umher­schlen­dern­den Män­ner­paa­re – bei denen es sich aller­dings in fast allen Fäl­len um hete­ro­se­xu­el­le bes­te Freun­de han­deln dürf­te, wie er ein paar Zei­len spä­ter selbst ein­räumt: “in mus­li­mi­schen Com­mu­nities sei es jedoch so, dass ein Jun­ge einen ande­ren Jun­gen für’s Leben brau­che, einen All-Time-Bud­dy, also das, was bei uns unter Frau­en als Busen­freun­din bekannt ist.” An die­sem Selbst­wi­der­spruch stört er sich jedoch nicht wei­ter, son­dern geilt sich lie­ber an den von ihm beob­ach­te­ten “tür­kisch aus­se­hen­den” (…) “auf­ge­pump­ten Body­guards” in ihren “haut­engen T-Shirts und Jeans mit ein­ge­bau­ten Gemächt­beu­len” auf. Was ich gar nicht kri­ti­sie­ren will: das ent­spricht näm­lich auch exakt mei­nen Por­no­fan­ta­si­en! Nur soll­te man die­se viel­leicht nicht mit Betrach­tun­gen zum The­ma Men­schen­rech­te ver­men­gen, zumal, wenn man im sel­ben Arti­kel den Men­schen­rechts­be­auf­trag­ten der Bun­des­re­gie­rung eine “Spaß­brem­se” nennt.


Nicht gera­de das Mus­ter­bei­spiel für “Gemächt­beu­le”, aber kör­per­lich sehr fit: der Aser­bai­dscha­ner Farid Mam­ma­dov (AZ 2013)

Kraus­haars Kri­tik soll­te eigent­lich mor­gen im Rah­men sei­ner monat­li­chen Kolum­ne Der homo­se­xu­el­le Mann… auf der täg­li­chen Sati­re­sei­te der taz, der “Wahr­heit”, erschei­nen. Aller­dings can­cel­te die genos­sen­schaft­lich orga­ni­sier­te Tages­zei­tung den Text – gegen­über Kraus­haar nach des­sen Aus­sa­ge mit dem Hin­weis, Fed­der­sen habe der Text nicht gefal­len, auf Nach­fra­ge von Ste­fan Nig­ge­mei­er, der über den Vor­fall berich­te­te, mit der Begrün­dung, es gebe eine redak­tio­nel­le Über­ein­kunft, nach der sich “Kol­le­gen nicht gegen­sei­tig in der Zei­tung angrei­fen”. Ähn­li­ches trug sich beim Ber­li­ner Blatt 2003 schon ein­mal zu, als Jan Fed­der­sen dort einen Leser-Lyrik-Wett­be­werb für die von der taz unter­stütz­te Vor­ent­schei­dungs­kan­di­da­tin Senait (‘Herz aus Eis’) orga­ni­sier­te. Was den ein­gangs erwähn­ten Wiglaf Dros­te, sei­ner­zeit eben­falls regel­mä­ßi­ger “Wahr­heit”-Kolum­nist und erklär­ter Euro­vi­si­ons­has­ser (“Auf­trieb des Abge­schmacks”, “gerie­be­nes Schmacht­lap­pen­tum”, “das lau­si­ge Ver­gnü­gen, sich im Erbro­chens­ten zu wäl­zen, das die Grau­sam­keit gegen das mensch­li­che Ohr je her­vor­brach­te”), zu einer Brand­re­de gegen sei­nen Kol­le­gen ver­an­lass­te, die eben­falls zen­siert wur­de.


Ein Schla­ger wie aus der Mei­nun­ger-Schu­le: die taz-Sie­ge­rin Senait

Fed­der­sens Retour­kut­sche: er streu­te in einem taz-Inter­view mit Jür­gen Mei­er-Beer anläss­lich der Vor­ent­schei­dung 2004 das Gerücht, Dros­te habe im Jahr zuvor selbst einen Text zu Senaits Grand-Prix-Schla­ger bei­gesteu­ert, sei aber damit durch­ge­fal­len und sei­ne Tira­den das “Enga­ge­ment eines ent­täusch­ten Lieb­ha­bers” (JMB). Krea­tiv auch sein Umgang mit der aktu­el­len Kri­tik des Baku­blog­gers Ste­fan Nig­ge­mei­er, der in sei­nem Stamm­blog ledig­lich eine Aus­sa­ge Fed­der­sens aus der Ham­bur­ger Mor­gen­post (“Für Polit-Spe­renz­chen haben die meis­ten Künst­ler gera­de kei­nen Sinn”) ohne jeden wei­te­ren Kom­men­tar zitie­ren muss­te, um des­sen deut­lich ver­rutsch­te Maß­stä­be bloß­zu­le­gen. Einen hier­auf abge­ge­be­nen, selbst für den Dümms­ten noch deut­lich erkenn­bar sati­ri­schen Leser­kom­men­tar nahm er als Anlass, sich im NDR-Blog als armes Opfer einer bös­wil­li­gen “Straf­fan­ta­sie” Nig­ge­mei­ers zu sti­li­sie­ren, was wahl­wei­se für völ­li­ge Humor­frei­heit oder völ­li­gen Rea­li­täts­ver­lust spricht. Sei­ne am Wesens­ge­halt der Über­le­gun­gen völ­lig vor­bei­ge­hen­de Retour­kut­sche auf Nig­ge­mei­ers Betrach­tung “Mein Mulm in Baku” (“Man nimmt übel, dass man nicht gleich ein Päck­chen Papier­ta­schen­tü­cher her­vor­holt, um die Men­schen­rechts­pro­ble­me an sich zu bewei­nen.”) mün­den in den dor­ti­gen Leser­kom­men­ta­ren zu Recht in der Fra­ge: “Was unter­schei­det eigent­lich einen Jour­na­lis­ten von einem Cheer­lea­der?”


Kein Grund zum Flen­nen: Kara­bach-Pro­pa­gan­da wäh­rend des ESC 2012

Oder, um es anders zu for­mu­lie­ren: Jan Fed­der­sen, den ich als Autor der für Grand-Prix-Fans wirk­lich unver­zicht­ba­ren Stan­dard­wer­ke “Ein Lied kann eine Brü­cke sein” und “Wun­der gibt es immer wie­der” sehr schät­ze und des­sen wun­der­bar fein­sin­ni­ger Humor im erst­ge­nann­ten Buch mir uner­reich­ba­res Vor­bild sowie aus­schlag­ge­ben­de Anre­gung für die­sen Euro­vi­si­ons­blog war, scheint sich mir doch über die jahr­zehn­te­lan­ge, lei­den­schaft­li­che Beschäf­ti­gung mit dem Euro­vi­si­on Song Con­test ein wenig zu stark in die schil­lern­de Euro­vi­si­ons­bla­se ein­ge­mum­melt zu haben und den, wie ich fin­de, unver­zicht­ba­ren iro­ni­schen inne­ren Abstand zu sei­nem und mei­nem Lieb­lings­the­ma ver­lo­ren zu haben. Ich kann mich noch gut an sei­ne Lesung aus dem zwei­ten, auch schon ein wenig zu staats­tra­gend gera­te­nen Buch bei einem Euro­vi­si­ons­fan­tref­fen in der Frank­fur­ter Zen­tral­bi­blio­thek in letz­ten Jahr erin­nern, bei der er pos­tu­lier­te, der Grand Prix sei ein völ­lig iro­nie­frei zu rezi­pie­ren­des Event, das mit Trash nichts zu tun habe, was ziem­li­ches Kopf­schüt­teln bei den Fans im Saal her­vor­rief. Denn natür­lich kann man die­ses schon von sei­ner Grund­kon­struk­ti­on her völ­lig absur­de Wett­sin­gen nur dann rich­tig genie­ßen, wenn man sich sei­ner eigent­li­chen Nich­tig­keit bewußt ist.


Aus­schließ­lich auf iro­ni­scher Ebe­ne erträg­lich: weiß­rus­si­sche Selbst­be­weih­räu­che­rung samt “Deep inside”-Faust, 2011

Dass er jetzt das im Zusam­men­hang mit dem Aus­tra­gungs­land Aser­bai­dschan nun ein­mal viru­len­te Sujet der dor­ti­gen Men­schen­rech­te in sei­nen Kolum­nen erkenn­bar als eher läs­ti­ges, dem Musik­genuß im Wege ste­hen­des Bei­werk, als von der lin­ken Journ­al­lie künst­lich hoch­ge­jazz­tes Orchi­de­en­the­ma abtut (und For­mu­lie­run­gen wie “17 poli­ti­sche Gefan­ge­ne – die unbe­dingt aus dem Gefäng­nis ent­las­sen gehö­ren, ohne jede Fra­ge – und vie­le ande­re Miss­lich­kei­ten” sind ja nichts ande­res als ein fein­zi­se­lier­tes “Ach ja, schon schlimm das da so”: ein erkenn­bar nicht an der The­ma­tik inter­es­sier­tes Gewäsch), ist natür­lich als Mei­nungs­äu­ße­rung hin­zu­neh­men und als Ansicht legi­tim. Wenn auch aus mei­ner Sicht gera­de für einen in einer sich links­al­ter­na­tiv geben­den Tages­zei­tung publi­zie­ren­den Jour­na­lis­ten ein biss­chen frag­wür­dig. Es passt aber zu die­ser nach mei­nem Emp­fin­den bei Fed­der­sen schlei­chend stär­ker wer­den­den, scheu­klap­pen­ar­ti­gen Blick­ver­en­gung (vor der ich mich zuge­ge­be­ner­ma­ßen selbst fürch­te, ihr zu erlie­gen) des gro­ßen alten Manns der Grand-Prix-Ana­ly­se, der damit so lang­sam fast schon zum Ralph Sie­gel des Euro­vi­si­ons­jour­na­lis­mus mutiert.

17 Gedanken zu “Jan Fed­der­sen: der Exper­tist”

  1. Bei jedem The­ma, mit dem man sich inten­siv aus­ein­an­der­setzt, besteht die Gefahr, dass man irgend­wann der Betriebs­blind­heit erliegt. Wenn es tat­säch­lich so weit kommt, dass man den ESC für einen ernst­zu­neh­men­den Musik­wett­be­werb hält (was per Kon­struk­ti­on dum­mes Zeug ist, wie der Haus­herr schon so tref­fend aus­führ­te), soll­te man viel­leicht mal ein biss­chen Abstand gewin­nen.

    Ich habe mich, als ich “Ein Lied kann eine Brü­cke sein” zum ers­ten Mal gele­sen habe, sehr über die Anma­ßung von Rosen­stolz geär­gert, die als ihre drei Lieb­lings­lie­der vom ESC drei­mal “Water­loo” nann­ten (Ver­stand ein­schal­ten, bevor man sol­chen Unsinn ver­zapft, Anna und Peter – soll hel­fen). Aber Jan Fed­der­sen gerät lang­sam in die ent­ge­gen­ge­setz­te Fal­le. (Neben­bei wür­de ich das für Oli­ver zumin­dest im Moment noch aus­schlie­ßen, wenn­gleich sein für mich nicht nach­voll­zieh­ba­res Fai­ble für Euro­dance ein klei­nes Alarm­zei­chen ist. Das Meme heißt nicht umsonst “Stu­pid Euro­vi­si­on Fan”. 😉 ).

  2. Dan­ke für den kla­ren und erfreu­lich nüch­ter­nen Kom­men­tar.
    Ich hof­fe, das Echo wird noch lau­ter, damit die taz sich auch offi­zi­ell noch­mal zu einer Reak­ti­on bequemt. Und JF von sei­ner Dach­ter­ras­sen­se­lig­keit her­un­ter­kommt.

  3. Redet eigent­lich noch jemand über die Songs und Künst­ler vom ESC in Baku ?
    Scha­de, dass man sol­chen Irr­läu­fern wie Fed­der­sen so viel Auf­merk­sam­keit schenkt. Ein­fach igno­rie­ren und ab in die Ton­ne mit sei­nen Ansich­ten. 
    So ergeht es im Cyber­space Mas­sen von Blog­gern auch, die jedoch weit­aus sinn­vol­le­re Mei­nun­gen ver­tre­ten. 
    Dass Taz und NDR Fed­der­sen bis­her noch ein Podi­um bie­ten, ist schlimm genug.

  4. Nur am Ran­de hier­mit ver­wandt: Keith Mills hat sich auf All Kinds of Every­thing über den Wett­be­werb im All­ge­mei­nen aus­ge­las­sen und kommt dabei auch auf die Poli­ti­sie­rung des­sel­ben zu spre­chen. Der fed­der­sen­sche Blöd­sinn, den die­ser Mensch ver­zapft (da ist die Ver­bin­dung 😉 ), ist für mich Anlass, AKOE aus mei­nen Stamm­sei­ten für den ESC zu strei­chen. Viel Spaß: http://akoe07.livejournal.com/.

  5. Dan­ke für den Hin­weis! Bei mir steht AKOE js schon län­ger ziem­lich unten im per­sön­li­chen Ran­king der rele­van­ten Euro­vi­si­ons­sei­ten, gera­de auch weil Keith Mills – wie eben auch Fed­der­sen – den Con­test und sich selbst ein biss­chen zu wich­tig nimmt und mir ein wenig zu ver­bis­sen und humor­los daher­kommt.
    Ich hät­te also sei­ne Zusam­men­fas­sung viel­leicht gar nicht gele­sen, hät­test Du mich nicht drauf auf­merk­sam gemacht. Und ich muss sagen, ich fand sie inter­es­sant zu lesen und in etli­chen Tei­len auch zumin­dest nach­voll­zieh­bar argu­men­tiert.
    Was die Kri­tik an Anke und die For­de­rung nach der Zen­sur von poli­ti­schen Aus­sa­gen angeht, wider­spre­che ich ihm natür­lich auf das Schärfs­te – aber ich bin mit Keith Mills übli­cher­wei­se ohne­hin nie der­sel­ben Mei­nung. Den­noch fin­de ich das, was er schreibt, bei wei­tem nicht so ärger­lich wie das Geplap­per von Fed­der­sen. Denn Mills argu­men­tiert zumin­dest kon­se­quent: er sagt ja sinn­ge­mäß, Poli­tik habe beim Con­test nichts zu suchen und die Men­schen­rechts­fra­gen inter­es­sie­ren ihn in die­sem Zusam­men­hang nicht (jeden­falls äußert er sich nicht zu die­sen). Das sehe ich zwar anders, fin­de es aber eine legi­ti­me, zu respek­tie­ren­de Mei­nung. Fed­der­sen aber tut ja so, als sei er nicht nur ein Fan­boy, son­dern auch poli­ti­scher Jour­na­list und bejaht grund­sätz­lich, dass der ESC ein poli­ti­scher Event sei. Lei­der plap­pert er dann aber uner­träg­li­chen Müll, wenn es ans Ein­ge­mach­te geht.
    Oder anders gesagt: Keith Mills gibt sich ohne jede Tar­nung als Kon­ser­va­ti­ver zu erken­nen. Sei­ne Mei­nung zu lesen, ist daher im Hin­blick auf die “Feind­be­ob­ach­tung” gewinn­brin­gend: ich weiß dann wenigs­tens, wie die Gegen­sei­te tickt. Fed­der­sen aber tarnt sich als Links­al­ter­na­ti­ver, obwohl er in Wahr­heit ein kreuz­bür­ger­li­cher Stre­ber ist – wie so vie­le bei den Grü­nen, zu des­sen Milieu die taz ja auch zählt.

  6. Ich weiß nicht, ich weiß nicht… das bun­des­deut­sche Aser­bai­dschan-Bashing, hier noch gewürzt mit Fed­der­sen-Pis­sing, hat schon längst die Gren­ze des Erträg­li­chen über­schrit­ten. Tat­säch­lich haben es ja auf­fäl­li­ger­wei­se auch haupt­säch­lich jene Jour­na­lis­ten betrie­ben, die dem ESC in Baku vor­nehm fern geblie­ben sind. – Ich selbst hab mir Infor­ma­tio­nen aus einer Arti­kel­se­rie geholt, die ein öster­rei­chi­scher Grün-Poli­ti­ker hier in einer Tages­zei­tung ver­öf­fent­licht hat. Die Grü­nen sind ja ten­den­zi­ell eher nicht blind und taub, wenns um Fra­gen der Men­schen­rech­te geht. Unterm Strich hat auch die­ser ESC-Grü­ne von Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, von unter­drück­ter Oppo­si­ti­on geschrie­ben und davon, daß alles weit, weit weg von west­li­chen Ver­hält­nis­sen ist. Aber er hat auch einen staat­lich aner­kann­te Schwu­len- und Les­ben­ver­ein besucht und von deren völ­lig offi­zi­el­ler arbeit berich­tet. Er hat eben­falls den Ver­gleich zum unmit­tel­bar benach­bar­ten, kul­tu­rell ver­gleich­ba­ren Iran ange­stellt. Ich per­sön­lich denk mir halt, es ist eine ziem­li­che Unver­fro­ren­heit, ein so jun­ges Land ohne demo­kra­ti­sche Tra­di­ti­on nach west­eu­ro­päi­schen Maß­stä­ben zu mes­sen. Wor­an man es mes­sen kann ist die unmit­tel­ba­re Umge­bung. Da muß ich doch sagen: Wenn drü­ben im Iran Schwu­le mas­sen­haft hin­ge­rich­tet wer­den und in Baku ein Ver­ein mit der Unter­stüt­zung des zustän­di­gen Minis­te­ri­ums exis­tiert, dann weiß ich schon, wer in Sachen Men­schen­rech­te zumin­dest dort in der Regi­on wei­ter ist. Ja, ich tre­te für Men­sch­rech­te in Aser­bai­dschan ein. Aber ich bin ener­gisch gegen Wer­te­ko­lo­nia­lis­mus und gegen die Vor­stel­lung, daß aus­ge­rech­net das deut­sche Wesen der Welt als Maß aller Din­ge gel­ten soll. Jan Fed­der­sen hal­te ich zugu­te, daß er sich über das schwarz/weiß Sche­ma hin­weg gesetzt hat, das die Debat­te in Deutsch­land beherrscht und die Engel­ke schließ­lich zu ihrer kaum zu über­bie­ten­den Pein­lich­keit wäh­rend des Fina­les ver­lei­tet hat.Das allein ist ein gro­ßer Plus­punkt. Jan Fed­der­sen

  7. Mh. Jein. Wer das aus mei­ner Sicht tat­säch­lich gut gemacht hat (bei aller Kri­tik an sei­nem Mode­ra­ti­ons­stil), war aus mei­ner Sicht Peter Urban: der hat einer­seits klar benannt, dass es Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen, Kor­rup­ti­on und Unter­drü­ckung der Oppo­si­ti­on gibt, ande­rer­seits auch dar­auf hin­ge­wie­sen “wo die­ses Land liegt” und das man es viel­leicht mit ande­ren Maß­stä­ben mes­sen soll­te. Das fand ich – im Rah­men sei­ner Mög­lich­kei­ten, denn er hat­te ja immer nur ein biss­chen Zeit und muss­te ja auch noch die Songs anmo­de­rie­ren – ziem­lich aus­ge­wo­gen und der Sache gerecht wer­dend.
    So etwas hät­te ich mir bei Fed­der­sen auch gewünscht. Er hat ja auch berich­tet, aber es klang bei ihm halt immer nach Ver­harm­lo­sung, Ver­nied­li­chung und Denun­zia­ti­on der Mah­ner. Es mag ja sein, dass deren Ton­fall (ich rech­ne mich jetzt mal nicht mit, da ich kein Jour­na­list bin) viel­leicht gele­gent­lich über­zo­gen war oder mora­lin­sauer. Aber dann wären an die­ser Stel­le eben genau sol­che Ent­geg­nun­gen wie von Dir – der Ver­weis auf den Iran, die von dort kom­men­de Bedro­hung durch isla­mis­ti­sche Eife­rer, der ande­re gesell­schaft­li­che Ent­wick­lungs­stand etc. – hilf­reich gewe­sen, die Debat­te wie­der zu ver­sach­li­chen, und nicht Fed­der­sens unan­ge­mes­se­ne und, wie ich fin­de, ent­lar­ven­de Pat­zig­kei­ten à la “Men­schen­recht­is­ten”.
    Was Anke Engel­ke angeht, bin ich völ­lig kon­trä­rer Ansicht: ich emp­fand gera­de das “Good luck on your Jour­ney” als einen von Her­zen kom­men­den, freund­li­chen und auf­mun­ternd gemein­ten Glück­wunsch, der genau das, was Du sagst, aner­kennt: dass Aser­bai­dschan aus einer ande­ren Tra­di­ti­on kommt und noch eine (lan­ge) Weg­stre­cke vor sich hat, und dass “wir” (= die Euro­päi­sche Uni­on) das erst­mals auf unse­rem Radar auf­ge­tauch­te Land und sei­ne Men­schen herz­lich begrü­ßen und auf ihrem Weg zur Demo­kra­tie (denn ja, was das angeht, bin ich beken­nen­der Wer­te­ko­lo­nia­list) acht­sam, im Sin­ne von kri­tisch aber respekt­voll, beglei­ten wol­len. Ich habe das vor allem auch als Mah­nung an die west­eu­ro­päi­schen Medi­en (inklu­si­ve der ARD) ver­stan­den, jetzt, da die Par­ty bald vor­bei ist, den­noch nicht mit der Auf­merk­sam­keit für die dor­ti­ge wei­te­re Ent­wick­lung nach­zu­las­sen. Für mich waren Ankes Wor­te kei­ne “Pein­lich­keit”, son­dern tat­säch­lich der wich­tigs­te und bes­te Part der gan­zen Show. Es war das, war mir von dem Abend in Erin­ne­rung blei­ben wird.

  8.  Plat­zie­run­gen im Demo­kra­tie­in­dex von The Eco­no­mist:

    Aser­bai­dschan 140
    Iran 159
    Geor­gi­en 102
    Russ­land 117
    Arme­ni­en 111
    Tür­kei 88
    (zum Ver­gleich: Deutsch­land 14, Öster­reich 13, Schweiz 7, Schwe­den 4. Platz 1 hat Nor­we­gen.)

    Kurz zusam­men­ge­fasst: Selbst im Ver­gleich mit sei­nen Nach­barn, den Iran aus­ge­nom­men, steht Aser­bai­dschan beim The­ma Demo­kra­tie und Frei­heit sehr schlecht da. Sogar Weiß­russ­land und Kasach­stan kom­men bei die­sem Index (knapp) bes­ser weg. Und das “jun­ge Land” greift nach über zwan­zig Jah­ren irgend­wann auch nicht mehr. Wie stand denn Deutsch­land 1969 da, zwan­zig Jah­re nach Grün­dung der BRD? Da konn­te von einer ech­ten demo­kra­ti­schen Tra­di­ti­on auch nicht gera­de die Rede sein. Oder Spa­ni­en 1995, zwan­zig Jah­re nach Ende des Fran­co-Regimes? Oder, um mal ein biss­chen regio­na­ler zu blei­ben, die bal­ti­schen Staa­ten heu­te?

    Beim The­ma Anke Engel­ke bin ich ganz beim Haus­herrn: Das war groß­ar­tig und in keins­ter Wei­se pein­lich. Es gibt ein­fach The­men, bei denen die Grau­schat­tie­run­gen ein­deu­ti­ger ver­teilt sind als bei ande­ren. Nein, Deutsch­land ist nicht per­fekt und auch nicht der Maß­stab für die Welt da drau­ßen, aber die Men­schen­rechts­char­ta der UN trägt nicht umsonst ein “uni­ver­sell” im Namen. Von “Bashing” kann mei­nes Erach­tens nicht die Rede sein.

  9. Wenn Du der Mei­nung bist, daß man jede Kul­tur, jede Gesell­schaft auf der gan­zen Welt nach glei­chen Maß­stä­ben mes­sen und nach glei­chen Regeln orga­ni­sie­ren kann (und daß das Ran­king einer west­li­che Zei­tung dafür ein geeig­ne­tes Instru­ment ist), dann sei Dir das unbe­nom­men. Ich hal­te es für naiv. Es erin­nert an den crist­li­chen Mis­si­ons­wahn frü­he­rer Jahr­hun­der­te.

    Anke Engel­ke… Was soll man dazu sagen? Über­leg Dir mal, *wem* sie ihr angeb­lich ach so muti­ges und ach so wich­ti­ges State­ment ent­ge­gen­ge­schleu­dert hat. De fac­to ein paar west­eu­ro­päi­schen Zuse­hern, die genug Eng­lisch kön­nen und noch auf sind um die Zeit. Wow! Da hat sie ja wirk­lich kri­tischs­tes Publi­kum gefun­den. In Aser­bai­dschan selbst hat sie exakt nie­mand ver­stan­den (oder 0,05%) bzw. waren die meis­ten Hir­ten um die­se Zeit wohl auch schon am Träu­men. Das heißt: Die Leu­te, die sowie­so auf ihrer Linie sind (und hier wie­der v.a. die Deut­schen, anders­wo waren die Medi­en ja nicht so ein­sei­tig) beju­beln Anke, von den ande­ren hat sie nichts zu befürch­ten, die ver­ste­hens eh nicht. Sehr mutig. Tap­fer. Bra­vo. Echt. (Abge­se­hen davon, daß es ein­fach für jede per­sön­li­che Mei­nungs­äu­ße­rung die­ser Art der fal­sche Rah­men war. Wenn ich für den ORF die Punk­te bekannt geben soll, dann nutz ich die Gele­gen­heit ja auch nicht, um mei­nen Senf zu Fra­gen frei­er Soft­ware, zu ACTA oder zu ähn­li­chen Din­gen abzu­ge­ben, die ich alle­samt für wich­ti­ger hal­te als das poli­ti­sche Sys­tem in Aser­bai­dschan.)

  10.  Die per­sön­li­che Mei­nungs­äu­ße­rung hat­te im Gegen­satz zu den The­men, die du auf­führst, einen direk­ten Bezug zur Ver­an­stal­tung, inso­fern ist das Argu­ment nicht was­ser­dicht.

    Die Unter­stel­lung, 99,95% aller Ase­ris ver­stün­den kein Eng­lisch, ist in einem Ölstaat schlicht lach­haft und schon hart an der Gren­ze zum her­ab­las­send-west­lich-kolo­nia­lis­ti­schen Den­ken (wenn man mir schon Mis­si­ons­wahn vor­wirft…), eben­so die impli­zier­te Unter­stel­lung, nur “ein paar west­eu­ro­päi­sche Zuschau­er” hät­ten sie ver­stan­den. Ost­eu­ro­pä­er kön­nen also kein Eng­lisch?

    Und ja, ich bin so naiv, dass ich glau­be, dass man bestimm­te Maß­stä­be anle­gen kann und soll­te, egal, wo auf der Welt man gera­de ist. Natür­lich gibt es kul­tu­rel­le Unter­schie­de, aber Aser­bai­dschan ist kei­ne Stam­mes­ge­sell­schaft wie bei­spiels­wei­se Afgha­ni­stan, und auch kein Mehr­völ­ker­kon­strukt wie der Irak oder fast alle schwarz­afri­ka­ni­schen Staa­ten (im letz­te­ren Fall der Tat­sa­che geschul­det, dass die Euro­pä­er da mit dem Line­al Gren­zen durch den Kon­ti­nent gezo­gen haben, wo sie nicht hin­ge­hö­ren). Wenn das Land im Ver­gleich mit sei­nem gro­ßen Bruder/Vorbild Tür­kei so schwach abschnei­det, stimmt ein­fach irgend­was nicht.

    Du hast Aser­bai­dschan mit dem Iran ver­gli­chen – ich woll­te deut­lich machen, dass das der für dei­ne Argu­men­ta­ti­on ein­zig pas­sen­de Ver­gleich unter den Nach­bar­staa­ten war, weil alle ande­ren signi­fi­kant bes­ser abschnei­den. Der Demo­kra­tie-Index mag kein ange­mes­se­nes Werk­zeug sein, um dras­tisch unter­schied­li­che Län­der zu ver­glei­chen, aber ich habe nur die Nach­barn auf­ge­führt – und die­ser Ver­gleich lässt Aser­bai­dschan nun mal nicht gut daste­hen. Sind Geor­gi­en, Arme­ni­en, Russ­land oder die Tür­kei so mas­siv anders als Aser­bai­dschan?

    Aber um ehr­lich zu sein: Ich glau­be nicht, dass die­se Debat­te son­der­lich viel Sinn hat. Wir wer­den kei­ne plötz­li­che Erleuch­tung erfah­ren, die uns den Stand­punkt des ande­ren anneh­men lässt, und kei­ner von uns bei­den scheint bereit zu sein, Zuge­ständ­nis­se zu machen. Du fan­dest es pein­lich, bit­te sehr, das ist dein Recht. Ich fin­de die­se Mei­nung unsin­nig – das ist mein Recht. Und dabei soll­ten wir es belas­sen.

  11. Bzgl. Dei­nes letz­ten Absat­zes stim­me ich Dir zu. Jeder von uns ist eben auch ein Kind der Medi­en, die er kon­su­miert… und die deut­schen waren nun mal sehr schlag­sei­tig.

    Eine Off Topic Bemer­kung noch zu Ost­eu­ro­pa und Eng­lisch: Tat­säch­lich ist es da 100m jen­seits der Gren­ze oft schon aus. Ich erin­ne­re mich an mei­ne Rei­se durch Tsche­chi­en… ein paar Bro­cken Deutsch haben wit­zi­ger­wei­se sogar man­che Jun­gen noch ver­stan­den, Eng­lisch nie. Da haben mei­ne ver­ros­te­ten Rus­sisch-Kennt­nis­se noch mehr gehol­fen. Oder, noch greif­ba­rer, diver­se inter­na­tio­nal besetz­te Chat-Rooms. Ich kann mich mit Argen­ti­ni­ern, Chi­ne­sen und Schwe­den auf Eng­lisch unter­hal­ten. Süd­eu­ro­pa wird schon schwie­rig, geht aber irgend­wie. Rumä­ni­en? Russ­land? Slo­wa­kei? Das klappt so gut wie nie. (Polen ist wit­zi­ger­wei­se eine Aus­nah­me, die schaf­fens meist ganz gut.) Die Sache mit den Ost­eu­ro­pä­ern beruht schlicht auf Erfah­rung und ist kei­ne Unter­stel­lung.

  12. Uff. Da bin ich gera­de auf Twit­ter über Mills’ Account gestol­pert (wur­de mir emp­foh­len, nach­dem ich Boom-Bang-a-Blog end­lich mal auf mei­ne Lis­te gesetzt habe), und jetzt ver­ste­he ich auch, was du in Bezug auf Keith Mills mit “kon­ser­va­tiv” mein­test. Der Mann ist Pro-Lifer und hat sei­ne Freu­de aus­ge­drückt, dass Nord­ir­land die Schwu­len­ehe abge­lehnt hat und dass die Lib­Dems bei einer Nach­wahl in Groß­bri­tan­ni­en schlech­ter daste­hen als die­se Ver­rück­ten von UKIP und BNP. Fürs Pro­to­koll: Nein dan­ke, Twit­ter, die­sem Herrn will ich nicht fol­gen. Mein Blut­druck wür­de damit nicht klar­kom­men.

Oder was denkst Du?