Jan Feddersen: der Expertist

Wenig freundliche Worte fielen über ihn in den letzten Tagen: einen „Betriebsbordsteinschwalli“ nannte ihn der Satiriker Wiglaf Droste in der Jungen Welt, als „Lobhudler verlogener Fassaden“ musste er sich in den Kommentarspalten des Niggemeier-Blogs schmähen lassen, und der Queer.de-Redakteur Christian Scheuß forderte gar erbost: „halt doch einfach die Klappe“. Adressat dieser Forderung: der taz-Autor, NDR-Eurovisionsblogger und ausgewiesene Eurovisionsexperte Jan Feddersen. Nun will der Blogger Ulli von 2mecs.de gar den Stein des Anstoßes aller dieser Anfeindungen zum Unwort des Jahres küren lassen: den „Menschenrechtisten“, die von Feddersen kreierte, herablassende Bezeichnung für all die Mahner, die mit ihren lästigen Hinweisen auf die üble politische Lage in Aserbaidschan am oberflächlichen Glamour des dort durchgeführten Eurovision Song Contests kratzten. Keine gute Figur gibt in diesem Zusammenhang das Hausblatt der ESC-Edelfeder ab, die ehemals linksalternative taz. Die cancelte nämlich die für die morgige Ausgabe geplante Kolumne Der homosexuelle Mann… von Elmar Kraushaar, in der dieser sich ebenfalls kritisch mit der Baku-Berichterstattung seines Kollegen auseinandersetzt.


Mochte ‚In a Moment like this‘ (DK 2010) und disqualifiziert sich damit als Experte: Jan in Oslo

Auch Kraushaar stößt sich, wie alle anderen erwähnten schwulen Journalisten, an der von Feddersen verfassten taz-Kolumne „Bitches in Baku“. Dort nennt der selbst homosexuelle Autor die gesellschaftliche Unterdrückung von Schwulen und Lesben in Aserbaidschan eine „Gräuelpropaganda von, nennen wir sie: Menchenrechtisten“. Als Gegenbeweis gelten ihm die überall in der Stadt händchenhaltend umherschlendernden Männerpaare – bei denen es sich allerdings in fast allen Fällen um heterosexuelle beste Freunde handeln dürfte, wie er ein paar Zeilen später selbst einräumt: „in muslimischen Communities sei es jedoch so, dass ein Junge einen anderen Jungen für’s Leben brauche, einen All-Time-Buddy, also das, was bei uns unter Frauen als Busenfreundin bekannt ist.“ An diesem Selbstwiderspruch stört er sich jedoch nicht weiter, sondern geilt sich lieber an den von ihm beobachteten „türkisch aussehenden“ (…) „aufgepumpten Bodyguards“ in ihren „hautengen T-Shirts und Jeans mit eingebauten Gemächtbeulen“ auf. Was ich gar nicht kritisieren will: das entspricht nämlich auch exakt meinen Pornofantasien! Nur sollte man diese vielleicht nicht mit Betrachtungen zum Thema Menschenrechte vermengen, zumal, wenn man im selben Artikel den Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung eine „Spaßbremse“ nennt.


Nicht gerade das Musterbeispiel für „Gemächtbeule“, aber körperlich sehr fit: der Aserbaidschaner Farid Mammadov (AZ 2013)

Kraushaars Kritik sollte eigentlich morgen im Rahmen seiner monatlichen Kolumne Der homosexuelle Mann… auf der täglichen Satireseite der taz, der „Wahrheit“, erscheinen. Allerdings cancelte die genossenschaftlich organisierte Tageszeitung den Text – gegenüber Kraushaar nach dessen Aussage mit dem Hinweis, Feddersen habe der Text nicht gefallen, auf Nachfrage von Stefan Niggemeier, der über den Vorfall berichtete, mit der Begründung, es gebe eine redaktionelle Übereinkunft, nach der sich „Kollegen nicht gegenseitig in der Zeitung angreifen“. Ähnliches trug sich beim Berliner Blatt 2003 schon einmal zu, als Jan Feddersen dort einen Leser-Lyrik-Wettbewerb für die von der taz unterstützte Vorentscheidungskandidatin Senait (‚Herz aus Eis‘) organisierte. Was den eingangs erwähnten Wiglaf Droste, seinerzeit ebenfalls regelmäßiger „Wahrheit“-Kolumnist und erklärter Eurovisionshasser („Auftrieb des Abgeschmacks“, „geriebenes Schmachtlappentum“, „das lausige Vergnügen, sich im Erbrochensten zu wälzen, das die Grausamkeit gegen das menschliche Ohr je hervorbrachte“), zu einer Brandrede gegen seinen Kollegen veranlasste, die ebenfalls zensiert wurde.


Ein Schlager wie aus der Meinunger-Schule: die taz-Siegerin Senait

Feddersens Retourkutsche: er streute in einem taz-Interview mit Jürgen Meier-Beer anlässlich der Vorentscheidung 2004 das Gerücht, Droste habe im Jahr zuvor selbst einen Text zu Senaits Grand-Prix-Schlager beigesteuert, sei aber damit durchgefallen und seine Tiraden das „Engagement eines enttäuschten Liebhabers“ (JMB). Kreativ auch sein Umgang mit der aktuellen Kritik des Bakubloggers Stefan Niggemeier, der in seinem Stammblog lediglich eine Aussage Feddersens aus der Hamburger Morgenpost („Für Polit-Sperenzchen haben die meisten Künstler gerade keinen Sinn“) ohne jeden weiteren Kommentar zitieren musste, um dessen deutlich verrutschte Maßstäbe bloßzulegen. Einen hierauf abgegebenen, selbst für den Dümmsten noch deutlich erkennbar satirischen Leserkommentar nahm er als Anlass, sich im NDR-Blog als armes Opfer einer böswilligen „Straffantasie“ Niggemeiers zu stilisieren, was wahlweise für völlige Humorfreiheit oder völligen Realitätsverlust spricht. Seine am Wesensgehalt der Überlegungen völlig vorbeigehende Retourkutsche auf Niggemeiers Betrachtung „Mein Mulm in Baku“ („Man nimmt übel, dass man nicht gleich ein Päckchen Papiertaschentücher hervorholt, um die Menschenrechtsprobleme an sich zu beweinen.“) münden in den dortigen Leserkommentaren zu Recht in der Frage: „Was unterscheidet eigentlich einen Journalisten von einem Cheerleader?“


Kein Grund zum Flennen: Karabach-Propaganda während des ESC 2012

Oder, um es anders zu formulieren: Jan Feddersen, den ich als Autor der für Grand-Prix-Fans wirklich unverzichtbaren Standardwerke „Ein Lied kann eine Brücke sein“ und „Wunder gibt es immer wieder“ sehr schätze und dessen wunderbar feinsinniger Humor im erstgenannten Buch mir unerreichbares Vorbild sowie ausschlaggebende Anregung für diesen Eurovisionsblog war, scheint sich mir doch über die jahrzehntelange, leidenschaftliche Beschäftigung mit dem Eurovision Song Contest ein wenig zu stark in die schillernde Eurovisionsblase eingemummelt zu haben und den, wie ich finde, unverzichtbaren ironischen inneren Abstand zu seinem und meinem Lieblingsthema verloren zu haben. Ich kann mich noch gut an seine Lesung aus dem zweiten, auch schon ein wenig zu staatstragend geratenen Buch bei einem Eurovisionsfantreffen in der Frankfurter Zentralbibliothek in letzten Jahr erinnern, bei der er postulierte, der Grand Prix sei ein völlig ironiefrei zu rezipierendes Event, das mit Trash nichts zu tun habe, was ziemliches Kopfschütteln bei den Fans im Saal hervorrief. Denn natürlich kann man dieses schon von seiner Grundkonstruktion her völlig absurde Wettsingen nur dann richtig genießen, wenn man sich seiner eigentlichen Nichtigkeit bewußt ist.


Ausschließlich auf ironischer Ebene erträglich: weißrussische Selbstbeweihräucherung samt „Deep inside“-Faust, 2011

Dass er jetzt das im Zusammenhang mit dem Austragungsland Aserbaidschan nun einmal virulente Sujet der dortigen Menschenrechte in seinen Kolumnen erkennbar als eher lästiges, dem Musikgenuß im Wege stehendes Beiwerk, als von der linken Journallie künstlich hochgejazztes Orchideenthema abtut (und Formulierungen wie „17 politische Gefangene – die unbedingt aus dem Gefängnis entlassen gehören, ohne jede Frage – und viele andere Misslichkeiten“ sind ja nichts anderes als ein feinziseliertes „Ach ja, schon schlimm das da so“: ein erkennbar nicht an der Thematik interessiertes Gewäsch), ist natürlich als Meinungsäußerung hinzunehmen und als Ansicht legitim. Wenn auch aus meiner Sicht gerade für einen in einer sich linksalternativ gebenden Tageszeitung publizierenden Journalisten ein bisschen fragwürdig. Es passt aber zu dieser nach meinem Empfinden bei Feddersen schleichend stärker werdenden, scheuklappenartigen Blickverengung (vor der ich mich zugegebenermaßen selbst fürchte, ihr zu erliegen) des großen alten Manns der Grand-Prix-Analyse, der damit so langsam fast schon zum Ralph Siegel des Eurovisionsjournalismus mutiert.

17 Gedanken zu “Jan Feddersen: der Expertist

  1. Bei jedem Thema, mit dem man sich intensiv auseinandersetzt, besteht die Gefahr, dass man irgendwann der Betriebsblindheit erliegt. Wenn es tatsächlich so weit kommt, dass man den ESC für einen ernstzunehmenden Musikwettbewerb hält (was per Konstruktion dummes Zeug ist, wie der Hausherr schon so treffend ausführte), sollte man vielleicht mal ein bisschen Abstand gewinnen.

    Ich habe mich, als ich „Ein Lied kann eine Brücke sein“ zum ersten Mal gelesen habe, sehr über die Anmaßung von Rosenstolz geärgert, die als ihre drei Lieblingslieder vom ESC dreimal „Waterloo“ nannten (Verstand einschalten, bevor man solchen Unsinn verzapft, Anna und Peter – soll helfen). Aber Jan Feddersen gerät langsam in die entgegengesetzte Falle. (Nebenbei würde ich das für Oliver zumindest im Moment noch ausschließen, wenngleich sein für mich nicht nachvollziehbares Faible für Eurodance ein kleines Alarmzeichen ist. Das Meme heißt nicht umsonst „Stupid Eurovision Fan“. 😉 ).

  2. Danke für den klaren und erfreulich nüchternen Kommentar.
    Ich hoffe, das Echo wird noch lauter, damit die taz sich auch offiziell nochmal zu einer Reaktion bequemt. Und JF von seiner Dachterrassenseligkeit herunterkommt.

  3. Redet eigentlich noch jemand über die Songs und Künstler vom ESC in Baku ?
    Schade, dass man solchen Irrläufern wie Feddersen so viel Aufmerksamkeit schenkt. Einfach ignorieren und ab in die Tonne mit seinen Ansichten. 
    So ergeht es im Cyberspace Massen von Bloggern auch, die jedoch weitaus sinnvollere Meinungen vertreten. 
    Dass Taz und NDR Feddersen bisher noch ein Podium bieten, ist schlimm genug.

  4. Nur am Rande hiermit verwandt: Keith Mills hat sich auf All Kinds of Everything über den Wettbewerb im Allgemeinen ausgelassen und kommt dabei auch auf die Politisierung desselben zu sprechen. Der feddersensche Blödsinn, den dieser Mensch verzapft (da ist die Verbindung 😉 ), ist für mich Anlass, AKOE aus meinen Stammseiten für den ESC zu streichen. Viel Spaß: http://akoe07.livejournal.com/.

  5. Danke für den Hinweis! Bei mir steht AKOE js schon länger ziemlich unten im persönlichen Ranking der relevanten Eurovisionsseiten, gerade auch weil Keith Mills – wie eben auch Feddersen – den Contest und sich selbst ein bisschen zu wichtig nimmt und mir ein wenig zu verbissen und humorlos daherkommt.
    Ich hätte also seine Zusammenfassung vielleicht gar nicht gelesen, hättest Du mich nicht drauf aufmerksam gemacht. Und ich muss sagen, ich fand sie interessant zu lesen und in etlichen Teilen auch zumindest nachvollziehbar argumentiert.
    Was die Kritik an Anke und die Forderung nach der Zensur von politischen Aussagen angeht, widerspreche ich ihm natürlich auf das Schärfste – aber ich bin mit Keith Mills üblicherweise ohnehin nie derselben Meinung. Dennoch finde ich das, was er schreibt, bei weitem nicht so ärgerlich wie das Geplapper von Feddersen. Denn Mills argumentiert zumindest konsequent: er sagt ja sinngemäß, Politik habe beim Contest nichts zu suchen und die Menschenrechtsfragen interessieren ihn in diesem Zusammenhang nicht (jedenfalls äußert er sich nicht zu diesen). Das sehe ich zwar anders, finde es aber eine legitime, zu respektierende Meinung. Feddersen aber tut ja so, als sei er nicht nur ein Fanboy, sondern auch politischer Journalist und bejaht grundsätzlich, dass der ESC ein politischer Event sei. Leider plappert er dann aber unerträglichen Müll, wenn es ans Eingemachte geht.
    Oder anders gesagt: Keith Mills gibt sich ohne jede Tarnung als Konservativer zu erkennen. Seine Meinung zu lesen, ist daher im Hinblick auf die „Feindbeobachtung“ gewinnbringend: ich weiß dann wenigstens, wie die Gegenseite tickt. Feddersen aber tarnt sich als Linksalternativer, obwohl er in Wahrheit ein kreuzbürgerlicher Streber ist – wie so viele bei den Grünen, zu dessen Milieu die taz ja auch zählt.

  6. Ich weiß nicht, ich weiß nicht… das bundesdeutsche Aserbaidschan-Bashing, hier noch gewürzt mit Feddersen-Pissing, hat schon längst die Grenze des Erträglichen überschritten. Tatsächlich haben es ja auffälligerweise auch hauptsächlich jene Journalisten betrieben, die dem ESC in Baku vornehm fern geblieben sind. – Ich selbst hab mir Informationen aus einer Artikelserie geholt, die ein österreichischer Grün-Politiker hier in einer Tageszeitung veröffentlicht hat. Die Grünen sind ja tendenziell eher nicht blind und taub, wenns um Fragen der Menschenrechte geht. Unterm Strich hat auch dieser ESC-Grüne von Menschenrechtsverletzungen, von unterdrückter Opposition geschrieben und davon, daß alles weit, weit weg von westlichen Verhältnissen ist. Aber er hat auch einen staatlich anerkannte Schwulen- und Lesbenverein besucht und von deren völlig offizieller arbeit berichtet. Er hat ebenfalls den Vergleich zum unmittelbar benachbarten, kulturell vergleichbaren Iran angestellt. Ich persönlich denk mir halt, es ist eine ziemliche Unverfrorenheit, ein so junges Land ohne demokratische Tradition nach westeuropäischen Maßstäben zu messen. Woran man es messen kann ist die unmittelbare Umgebung. Da muß ich doch sagen: Wenn drüben im Iran Schwule massenhaft hingerichtet werden und in Baku ein Verein mit der Unterstützung des zuständigen Ministeriums existiert, dann weiß ich schon, wer in Sachen Menschenrechte zumindest dort in der Region weiter ist. Ja, ich trete für Menschrechte in Aserbaidschan ein. Aber ich bin energisch gegen Wertekolonialismus und gegen die Vorstellung, daß ausgerechnet das deutsche Wesen der Welt als Maß aller Dinge gelten soll. Jan Feddersen halte ich zugute, daß er sich über das schwarz/weiß Schema hinweg gesetzt hat, das die Debatte in Deutschland beherrscht und die Engelke schließlich zu ihrer kaum zu überbietenden Peinlichkeit während des Finales verleitet hat.Das allein ist ein großer Pluspunkt. Jan Feddersen

  7. Mh. Jein. Wer das aus meiner Sicht tatsächlich gut gemacht hat (bei aller Kritik an seinem Moderationsstil), war aus meiner Sicht Peter Urban: der hat einerseits klar benannt, dass es Menschenrechtsverletzungen, Korruption und Unterdrückung der Opposition gibt, andererseits auch darauf hingewiesen „wo dieses Land liegt“ und das man es vielleicht mit anderen Maßstäben messen sollte. Das fand ich – im Rahmen seiner Möglichkeiten, denn er hatte ja immer nur ein bisschen Zeit und musste ja auch noch die Songs anmoderieren – ziemlich ausgewogen und der Sache gerecht werdend.
    So etwas hätte ich mir bei Feddersen auch gewünscht. Er hat ja auch berichtet, aber es klang bei ihm halt immer nach Verharmlosung, Verniedlichung und Denunziation der Mahner. Es mag ja sein, dass deren Tonfall (ich rechne mich jetzt mal nicht mit, da ich kein Journalist bin) vielleicht gelegentlich überzogen war oder moralinsauer. Aber dann wären an dieser Stelle eben genau solche Entgegnungen wie von Dir – der Verweis auf den Iran, die von dort kommende Bedrohung durch islamistische Eiferer, der andere gesellschaftliche Entwicklungsstand etc. – hilfreich gewesen, die Debatte wieder zu versachlichen, und nicht Feddersens unangemessene und, wie ich finde, entlarvende Patzigkeiten à la „Menschenrechtisten“.
    Was Anke Engelke angeht, bin ich völlig konträrer Ansicht: ich empfand gerade das „Good luck on your Journey“ als einen von Herzen kommenden, freundlichen und aufmunternd gemeinten Glückwunsch, der genau das, was Du sagst, anerkennt: dass Aserbaidschan aus einer anderen Tradition kommt und noch eine (lange) Wegstrecke vor sich hat, und dass „wir“ (= die Europäische Union) das erstmals auf unserem Radar aufgetauchte Land und seine Menschen herzlich begrüßen und auf ihrem Weg zur Demokratie (denn ja, was das angeht, bin ich bekennender Wertekolonialist) achtsam, im Sinne von kritisch aber respektvoll, begleiten wollen. Ich habe das vor allem auch als Mahnung an die westeuropäischen Medien (inklusive der ARD) verstanden, jetzt, da die Party bald vorbei ist, dennoch nicht mit der Aufmerksamkeit für die dortige weitere Entwicklung nachzulassen. Für mich waren Ankes Worte keine „Peinlichkeit“, sondern tatsächlich der wichtigste und beste Part der ganzen Show. Es war das, war mir von dem Abend in Erinnerung bleiben wird.

  8.  Platzierungen im Demokratieindex von The Economist:

    Aserbaidschan 140
    Iran 159
    Georgien 102
    Russland 117
    Armenien 111
    Türkei 88
    (zum Vergleich: Deutschland 14, Österreich 13, Schweiz 7, Schweden 4. Platz 1 hat Norwegen.)

    Kurz zusammengefasst: Selbst im Vergleich mit seinen Nachbarn, den Iran ausgenommen, steht Aserbaidschan beim Thema Demokratie und Freiheit sehr schlecht da. Sogar Weißrussland und Kasachstan kommen bei diesem Index (knapp) besser weg. Und das „junge Land“ greift nach über zwanzig Jahren irgendwann auch nicht mehr. Wie stand denn Deutschland 1969 da, zwanzig Jahre nach Gründung der BRD? Da konnte von einer echten demokratischen Tradition auch nicht gerade die Rede sein. Oder Spanien 1995, zwanzig Jahre nach Ende des Franco-Regimes? Oder, um mal ein bisschen regionaler zu bleiben, die baltischen Staaten heute?

    Beim Thema Anke Engelke bin ich ganz beim Hausherrn: Das war großartig und in keinster Weise peinlich. Es gibt einfach Themen, bei denen die Grauschattierungen eindeutiger verteilt sind als bei anderen. Nein, Deutschland ist nicht perfekt und auch nicht der Maßstab für die Welt da draußen, aber die Menschenrechtscharta der UN trägt nicht umsonst ein „universell“ im Namen. Von „Bashing“ kann meines Erachtens nicht die Rede sein.

  9. Wenn Du der Meinung bist, daß man jede Kultur, jede Gesellschaft auf der ganzen Welt nach gleichen Maßstäben messen und nach gleichen Regeln organisieren kann (und daß das Ranking einer westliche Zeitung dafür ein geeignetes Instrument ist), dann sei Dir das unbenommen. Ich halte es für naiv. Es erinnert an den cristlichen Missionswahn früherer Jahrhunderte.

    Anke Engelke… Was soll man dazu sagen? Überleg Dir mal, *wem* sie ihr angeblich ach so mutiges und ach so wichtiges Statement entgegengeschleudert hat. De facto ein paar westeuropäischen Zusehern, die genug Englisch können und noch auf sind um die Zeit. Wow! Da hat sie ja wirklich kritischstes Publikum gefunden. In Aserbaidschan selbst hat sie exakt niemand verstanden (oder 0,05%) bzw. waren die meisten Hirten um diese Zeit wohl auch schon am Träumen. Das heißt: Die Leute, die sowieso auf ihrer Linie sind (und hier wieder v.a. die Deutschen, anderswo waren die Medien ja nicht so einseitig) bejubeln Anke, von den anderen hat sie nichts zu befürchten, die verstehens eh nicht. Sehr mutig. Tapfer. Bravo. Echt. (Abgesehen davon, daß es einfach für jede persönliche Meinungsäußerung dieser Art der falsche Rahmen war. Wenn ich für den ORF die Punkte bekannt geben soll, dann nutz ich die Gelegenheit ja auch nicht, um meinen Senf zu Fragen freier Software, zu ACTA oder zu ähnlichen Dingen abzugeben, die ich allesamt für wichtiger halte als das politische System in Aserbaidschan.)

  10.  Die persönliche Meinungsäußerung hatte im Gegensatz zu den Themen, die du aufführst, einen direkten Bezug zur Veranstaltung, insofern ist das Argument nicht wasserdicht.

    Die Unterstellung, 99,95% aller Aseris verstünden kein Englisch, ist in einem Ölstaat schlicht lachhaft und schon hart an der Grenze zum herablassend-westlich-kolonialistischen Denken (wenn man mir schon Missionswahn vorwirft…), ebenso die implizierte Unterstellung, nur „ein paar westeuropäische Zuschauer“ hätten sie verstanden. Osteuropäer können also kein Englisch?

    Und ja, ich bin so naiv, dass ich glaube, dass man bestimmte Maßstäbe anlegen kann und sollte, egal, wo auf der Welt man gerade ist. Natürlich gibt es kulturelle Unterschiede, aber Aserbaidschan ist keine Stammesgesellschaft wie beispielsweise Afghanistan, und auch kein Mehrvölkerkonstrukt wie der Irak oder fast alle schwarzafrikanischen Staaten (im letzteren Fall der Tatsache geschuldet, dass die Europäer da mit dem Lineal Grenzen durch den Kontinent gezogen haben, wo sie nicht hingehören). Wenn das Land im Vergleich mit seinem großen Bruder/Vorbild Türkei so schwach abschneidet, stimmt einfach irgendwas nicht.

    Du hast Aserbaidschan mit dem Iran verglichen – ich wollte deutlich machen, dass das der für deine Argumentation einzig passende Vergleich unter den Nachbarstaaten war, weil alle anderen signifikant besser abschneiden. Der Demokratie-Index mag kein angemessenes Werkzeug sein, um drastisch unterschiedliche Länder zu vergleichen, aber ich habe nur die Nachbarn aufgeführt – und dieser Vergleich lässt Aserbaidschan nun mal nicht gut dastehen. Sind Georgien, Armenien, Russland oder die Türkei so massiv anders als Aserbaidschan?

    Aber um ehrlich zu sein: Ich glaube nicht, dass diese Debatte sonderlich viel Sinn hat. Wir werden keine plötzliche Erleuchtung erfahren, die uns den Standpunkt des anderen annehmen lässt, und keiner von uns beiden scheint bereit zu sein, Zugeständnisse zu machen. Du fandest es peinlich, bitte sehr, das ist dein Recht. Ich finde diese Meinung unsinnig – das ist mein Recht. Und dabei sollten wir es belassen.

  11. Bzgl. Deines letzten Absatzes stimme ich Dir zu. Jeder von uns ist eben auch ein Kind der Medien, die er konsumiert… und die deutschen waren nun mal sehr schlagseitig.

    Eine Off Topic Bemerkung noch zu Osteuropa und Englisch: Tatsächlich ist es da 100m jenseits der Grenze oft schon aus. Ich erinnere mich an meine Reise durch Tschechien… ein paar Brocken Deutsch haben witzigerweise sogar manche Jungen noch verstanden, Englisch nie. Da haben meine verrosteten Russisch-Kenntnisse noch mehr geholfen. Oder, noch greifbarer, diverse international besetzte Chat-Rooms. Ich kann mich mit Argentiniern, Chinesen und Schweden auf Englisch unterhalten. Südeuropa wird schon schwierig, geht aber irgendwie. Rumänien? Russland? Slowakei? Das klappt so gut wie nie. (Polen ist witzigerweise eine Ausnahme, die schaffens meist ganz gut.) Die Sache mit den Osteuropäern beruht schlicht auf Erfahrung und ist keine Unterstellung.

  12. Uff. Da bin ich gerade auf Twitter über Mills‘ Account gestolpert (wurde mir empfohlen, nachdem ich Boom-Bang-a-Blog endlich mal auf meine Liste gesetzt habe), und jetzt verstehe ich auch, was du in Bezug auf Keith Mills mit „konservativ“ meintest. Der Mann ist Pro-Lifer und hat seine Freude ausgedrückt, dass Nordirland die Schwulenehe abgelehnt hat und dass die LibDems bei einer Nachwahl in Großbritannien schlechter dastehen als diese Verrückten von UKIP und BNP. Fürs Protokoll: Nein danke, Twitter, diesem Herrn will ich nicht folgen. Mein Blutdruck würde damit nicht klarkommen.

Oder was denkst Du?