
Das gerontische Jahr
Flammentürme. Immer und immer wieder diese Flammentürme! Der überdeutliche Wille der aserbaidschanischen Herrschersippe der Aliyews, ihren autokratisch regierten, postsowjetischen Kaukasusstaat anläßlich des in Baku auszutragenden Contests als modernes Land zu präsentieren, fand seinen ersten Niederschlag in den zwischen den Auftritten gezeigten Postkarten: wunderschön gemachte touristische Hochglanzbilder, die allerdings in ihrer starken Fokussierung auf die beeindruckenden Prachtbauten der Hauptstadt, darunter die besagten futuristischen – und noch nicht ganz fertiggestellten – gläsernen Drillingshochhäuser, auf Dauer doch ein wenig ermüdeten.
So, wie auch die Moderationen des deutschen Kommentators Peter Urban. Ausgewogen, fundiert und amüsant zwar - aber leider an allen drei Abenden die exakt gleichen Texte. Vielleicht wird es doch mal Zeit für eine Nachfolgeregelung: Tim Frühling bewies ja bereits 2009 schon, dass er es mindestens ebenso gut – und abwechslungsreicher – kann. Auch Vorjahressieger Eldar Gasimov (unter Fans auch bekannt als Elle) fügte sich in seiner Rolle des Moderators in die Spur des Immergleichen ein und variierte weder sein permanent künstliches Dauergrinsen noch seine ballerinahaft steife Körperhaltung auch nur um ein Jota, so als sei er eine der Frauen von Stepford. Gruselig. Aber kommen wir zum Wichtigen: zu den Songs! Der Losfee gefiel es in diesem Jahr, so ziemlich alle uptemporären Spaßnummern in das erste Semi zu sortieren (und die Balkanballaden geschlossen ins zweite), und so genossen wir am Dienstag ein buntes Potpourri fröhlicher Tanzflächenfüller. Und das Beste: sie kamen fast alle weiter, und die wenigen echt drögen Titel im Angebot flogen sogar größtenteils raus! Ach, könnte es doch immer so sein!
Für Eilige: alle 18 Titel im Schnelldurchlauf
Über die Einschaltquoten des von der ARD auf ihrem Digitalkanal Einsfestival versteckten ersten Semis ist mir bislang nichts bekannt, aber viele Zuschauer können es nicht gewesen sein. Und etliche dürften gleich beim ersten Act wieder ausgeschaltet haben. Funktionierte die anarchische Spaßnummer ‘Euro Neuro’ des montenegrinischen Politpunks Rambo Amadeus auf Platte noch ganz gut, so ging sie auf der Bühne völlig in die Hose. Denn warum da ein offensichtlich verwirrter mittelalter Mann mit Schnittlauchlocken ständig irgendwas vor sich hin brabbelte, während im Hintergrund drei jugendlich-virile Breakdancer Spruchbänder mit Aufschriften wie “Heute habe Obotnica” entrollten, erschloß sich einem nicht wirklich. Um so dankbarer angenommene Entspannung für Auge und Ohr boten die nachfolgenden Isländer, die den klassischen Balladenschmachtfetzen ‘Never forget’ ins Rennen schickten, der mit dramatischen Streichern, einem kräftigen Backgroundchor (mit einem der prachtvollsten Exemplare der Gattung Bären: woof!) und einer vorschriftsmäßigen Rückung erfolgreich alle meine Eurovisionsknöpfe drückte. Wie natürlich auch mit dem Superschnuckel Jónsi (IS 2004), begleitet von Greta Salóme, der heimlichen Zwillingsschwester von Malena Ernman (SE 2009).
Die Hymne zum kommenden Ende des Euros? (ME)
Zwei zypriotische Sängerinnen in Bühnenfummeln, deren Röcke man ob ihrer beinahe kriminellen Kürze eher als Schamlippenlappen bezeichnen müsste; zwei mal von den Backings und Ghostsingern im Dunkel des Bühnenhintergrunds mehr schlecht als recht mitgetragene hauchdünne Stimmchen; zwei mal fabelhaft billige Schautänze mit viel Armgewedel und wild umhergeworfenem Haupthaar (die gute alte Ruslana-Schule); zwei mal supereingängige mediterrane Tanzflächenfüller mit nicht all zu tiefgehendem textlichen Ballast: der zyperngriechische Frohsinnsangriff kam mit Ivi Adamou und Eleftheria Eleftheriou gleich im Doppelpack. Und das Beste: sowohl ‘La la Love’ als auch ‘Aphrodisiac’ schafften es ins Finale (wo sie sich dann allerdings gegenseitig die Stimmen wegnahmen). In meinem Hirnradio jedenfalls laufen die beiden Ohrwürmer seither in stetig wechselnder Dauerrotation. Leider gelegentlich unterbrochen von einem dritten, eher peinlichen: dem zwanzigsten Grand-Prix-Beitrag Ralph Siegels nämlich.
Verschuldete den Absturz der Facebook-Aktie: Valentina (SM)
Zwar weiß man beim ‘Social Network Song’ überhaupt nicht, wo man mit dem Lamentieren anfangen soll: die unfassliche Thematik (Opa erzählt uns eins von diesem Internet)? Der zum Fremdschämen geeignete Text mit Zeilen wie “Do you wanna play Cybersex again” oder “Are you really a Sex Machine or just a Beauty Queen”, den allerdings nicht Siegel selbst verbrach, sondern das spanische OGAE-Fanclubmitglied José Juan Santana Rodriguez, der darin vermutlich seine Erfahrungen auf einer anderen blauen Internetseite verarbeitete? Der kalkulierte Skandal um den ursprünglichen Songtitel ‘Facebook’, mit der Siegel überhaupt erst Aufmerksamkeit für das Lied erregte? Die villagepeoplesken Verkleidungen von Valentina Monettas Begleittruppe und die unglaublich schlechte Choreografie? Allerdings muss man Ralph Siegel eines lassen: penetrante Schlagermelodien schreiben, die sich gegen den eigenen Willen im Gehörgang festkrallen, das kann er immer noch. Den besten Kommentar zu der ganzen Nummer gab dann aber die pornobezopfte Sängerin selbst ab, als sie im Green Room zu ihrem Verhältnis zum deutschen Grand-Prix-Geronten befragt wurde – und als Antwort nur ein tiefer, allessagender Stoßseufzer kam!
I was born in distant ’67, the year there was a Puppet on a String (LV)
Einen ‘Beautiful Song’ versprach uns die leicht manisch wirkende lettische Anmary, die mit den großen Augen. Und um einen solchen handelte es sich auch bei dem metaironischen Titel über ihr großes Vorbild Johnny Logan und der Aussicht, nach einem Eurovisionssieg alle bisherigen Jobs hinwerfen sowie Jam-Session-Angebote von Mick Jagger ablehen zu können: “So sorry, Mick, I’ll call you back, one day I’ll call you back”. Mh, klar. Leider jedoch hatte ihre Performance auf dem Weg von Vilnius Riga nach Baku all das Übertriebene, Augenzwinkernde, Bunte, Alberne verloren, das den Song so groß machte. Stattdessen erschien sie als Mutter der Kompanie mit ihren Backings in blaßblauen Cocktailkleidchen aus der Ü60-Abteilung und vollführte ein paar krampfhaft wirkende, choreografierte Schrittchen. Schade drum! Ebenso wie um den israelischen Beitrag ‘Time’, einer hübschen, swingenden Retronummer, die trotz der dalíesken Uhren im Bühnenhintergrund und den fröhlichen Backings von Izabo wohl an der etwas arroganten Ausstrahlung des Leadsängers Ran Shem Tov und seiner schlimmen Schamhaarfrisur scheiterte.
Füttert Dich mit Songs und Wein: Ran (IL)
Besonders leid tat es mir allerdings um die beiden österreichischen Bauerndiscoburschen Trackshittaz und ihr wunderbar vulgäres ‘Woki mit Deim Popo’. Das Pech verfolgte die erstaunlich symphatischen Bollerheten in Baku: nicht nur durften sie ihre lustigen Schwarzlichtkostüme aus der Vorentscheidung dort nicht einsetzen, weil angeblich aus Sicherheitsgründen die Halle nicht so stark verdunkelt werden konnte (was dann allerdings bei Loreen und dem Heimact Sabina Babayeva kein Problem darstellte). Auch verletzte sich Rapper Manuel Hoffelner bei einer falschen Bewegung während des Auftritts am Knie. Dass er den Rest trotz Schmerzen noch tapfer durchstand, zahlte sich nicht aus: der Spaßbeitrag im Mühlvierteldialekt floppte komplett und landete abschlagen auf dem letzten Platz. Aus der erhofften kommerziellen Karriere in Deutschland dürfte also mangels Finalbeteiligung nichts werden. Die Schweizer Kollegen von SinPlus scheiterten mit ihrer lahmen Rocknummer ‘Unbreakable’ hingegen verdient, wenn auch nur knapp. Es half auch nicht, dass Ivan Broggini (der gitarrespielende, gutaussehende der beiden Brüder) optisch ein wenig an den jungen Kai Pflaume erinnerte.
Und die Kappe hätte es fast auch noch geschrägt (bei 1:24)! (AT)
Mit ungläubiger Freude erfüllte mich das Ausscheiden der beiden nachfolgenden Schnarchballaden aus Belgien und Finnland. Über Iris‘ Auftritt im schneeweißen Konfirmandinnenkleid lässt sich nun beim besten Willen nichts Interessantes berichten, Pernilla Karlsson unterhielt allenfalls durch ihr im Windmaschinensturm wehendes, mintgrünes Vokuhilakleid ein kleines bisschen. Wenn auch bei Weitem nicht genug für drei Minuten. Wie man es mit einem eigentlich schon abgeschriebenen Titel dennoch schafft, bewiesen hingegen die ungarischen Depeche-Mode-Fans Compact Disco, deren musikalisch durchaus okayes ‘Sound of our Hearts’ mich bis zu diesem Auftritt aufgrund ihrer bisherigen, eher unterkühlt und abweisend wirkenden Performances nie erreichte – auch bei den Proben nicht. Beim Semi aber packte Leadsänger Csaba Walkó auf einmal richtig aus und gab erkennbar alles, vergaß trotz Lederkerloutfit endlich die Coolness und legte erstmals richtig Gefühl und Leidenschaft in seine Stimme. Die gerechte Belohnung: der Finaleinzug, wo die Ungarn allerdings mit Startplatz 2 die Arschkarte zogen.
Für großen Spaß sorgte der moldawische Colin Farell, Pasha Parfeny, der uns mit schlechtem Englisch, seiner Trompete und flottem Bukovinasound beglückte. Sowie einer Choreografie, für welche die englische Bezeichnung Over the Top erfunden wurde: angefangen vom Tuntenfäustchen über die Lampenschirmröcke seiner Tänzerinnen, die sicherlich Fördermittel durch das Ministry of Silly Walks beantragen könnten; über deren Benutzung als lebende Gondola durch den Sänger bis hin zur gehüpften Polonäse am Schluß. Toll! Als wahre Meister im Fach des Hüpfens erwiesen sich erneut die irischen Jedward-Buben, die zu ihrem diesjährigen Popsmasher ‘Waterline’ passenderweise einen begehbaren Zimmerspringbrunnen mitbrachten. Und, natürlich: ganz am Ende ihres dreiminütigen Spring-und-Sing-Marathons legten die als Aliens Verkleideten die Mikros vor sich ab (der Gesang stammte ohnehin zu über 80% von den Backings mit den tollen Peggy-Bundy-Frisuren), spurteten zurück in den Brunnen und ließen sich naß machen. Ihre charakteristischen Turmfrisuren hingen allerdings vorher schon auf Halbmast: vergessen, das Haarviagra einzunehmen?
And how looks the Trumpet, Pasha? (MD)
Als Siegerinnen nicht nur der Herzen gingen die knuffigen udmurtischen Großmütterchen aus dieser Runde hervor, dicht gefolgt von meiner persönlichen Favoritin Rona Nishliu aus Albanien, genauer gesagt aus dem “Kotzovo”, wie Peter Urban es so eloquent formulierte. Die erwies sich mit ihrem aus Dreadlocks gedrehten Bienenkorb, der aus einer weiteren Filzhaarsträhne ins Dekolleté drapierten Brustschlange, dem extravaganten Laubsäge-Ohrring und dem unter anderem scheinbar aus Müllsäcken zusammengenähten Star-Trek-Kommandantinnen-Kleid nicht nur optisch als außergewöhnliche Erscheinung. Ihr äußerst leidenschaftlicher Schrei nach dem Tschai, rein von der gesanglichen Leistung her wohl das Anspruchsvollste, was beim Grand Prix jemals zu Gehör kam, teilte ob seiner Sperrigkeit die Fans in bedingungslose Hasser oder Anhänger des wahlweise bewegenden Klageliedes oder schrillen Geschreies der kleinen Frau mit der großen Stimme. Besondere Erwähnung verdient außerdem der Pausenact: eine Art aserbaidschanischer Riverdance, begleitet von einem örtlichen Pizzabäcker mit Haarausfall, der schon mal den Steinofen mit selbst geschrotetem Vollkornmehl bestäubte. Sowie der hübsche Regieeinfall, das Goldene Ticket (den letzten freien Startplatz fürs Finale) für die Grimes-Buben aufzusparen, die auf ihrem Weg zur Bühne für die Kameras noch mal ein paar extra schöne Räder schlagen konnten. Große Show!
Großes Leid: mit dem Schluchzer am Ende hat sie mich (AL)
ESC 1. Semifinale 2012
Eurovision Song Contest 2012 - Erstes Semifinale. Dienstag, 22. Mai 2012, aus der Crystal Hall in Baku, Aserbaidschan. 18 Teilnehmer, Moderation: Leyla Aliyev, Nargiz Berk-Petersen und Eldar Qasimov.# | LK | Interpret | Titel | Pkt gs | Pl gs | Pkt TV | Pl TV |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 01 | ME | Rambo Amadeus | Euro-Neuro | 020 | 15 | 024 | 14 |
| 02 | IS | Gréta Salóme + Jónsi | Never forget | 075 | 08 | 079 | 08 |
| 03 | GR | Eleftheria Eleftheriou | Aphrodisiac | 116 | 04 | 110 | 05 |
| 04 | LV | Anmary | Beautiful Song | 017 | 16 | 018 | 15 |
| 05 | AL | Rona Nishliu | Suus | 146 | 02 | 131 | 03 |
| 06 | RO | Mandinga | Zaleilah | 120 | 03 | 132 | 02 |
| 07 | CH | SinPlus | Unbreakable | 045 | 11 | 049 | 10 |
| 08 | BE | Iris | Would you | 016 | 17 | 002 | 18 |
| 09 | FI | Pernilla Karlsson | När jag blundar | 041 | 12 | 036 | 12 |
| 10 | IL | Izabo | Time | 033 | 13 | 016 | 16 |
| 11 | SM | Valentina Monetta | The Social Network Song | 031 | 14 | 025 | 13 |
| 12 | CY | Ivi Adamou | La la Love | 091 | 07 | 099 | 06 |
| 13 | DK | Soluna Samay | Should've known better | 063 | 09 | 053 | 09 |
| 14 | RU | Buranovskie Babushki | Party for Everybody | 152 | 01 | 189 | 01 |
| 15 | HU | Compact Disco | Sound of our Hearts | 052 | 10 | 039 | 11 |
| 16 | AT | Trackshittaz | Woki mit Deim Popo | 008 | 18 | 015 | 17 |
| 17 | MD | Pasha Parfeny | Lăutar | 100 | 05 | 085 | 07 |
| 18 | IE | Jedward | Waterline | 092 | 06 | 116 | 04 |
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