Die Würfel fallen nicht mehr: SVT vergibt Startplätze selbst

Wie die EBU heute Nachmittag bekannt gab, entfällt ab diesem Jahr die traditionelle Startplatzauslosung. Stattdessen entscheidet der produzierende Sender – in diesem Falle also SVT – selbst, in welcher Reihenfolge die Beiträge in den Semis und im Finale drankommen. Mit diesem Schritt, der sowohl vom Eurovisions-Lenkungsgremium (Reference Group) als auch von der EBU abgesegnet wurde, wolle man, so der EBU-Verantwortliche Jan Ola Sand, „besseres Fernsehen“ machen und sicherstellen, dass „jeder Teilnehmer zur Geltung kommt und nicht von ähnlichen Beiträgen umschlossen wird“. Die bisher praktizierte Startplatzvergabe per Los hatte in der Vergangenheit öfters dazu geführt, dass sich zufällige Zusammenballungen von Balladen oder Uptemposongs ergaben, die für das Publikum zu wenig Abwechslung boten, worunter beim Televoting auch die betroffenen Beiträge litten (Beispiel: Getter Jaani 2011). Lediglich die Aufteilung der Teilnehmerländer auf die beiden Semis und die Ermittlung des Startplatzes des Gastgeberlandes im Finale erfolgen weiterhin per Losentscheid.


EE 2011: Neunte im Semi, aber 24. im Finale, weil Letzte in einem Viererblock von Uptemposongs

„Um eine faire Verteilung und Verfügbarkeit der Eintrittskarten zu garantieren“ (lies: um an beiden Tagen die Hütte voll zu kriegen), entschied die Reference Group außerdem, die beiden schwedischen Nachbarländer auf verschiedene Semis aufzuteilen. Daher sind die Dänen bereits fix für das erste Semi gesetzt, die Norweger für das zweite. In den Fanforen sorgte die als „Melodifestivalisierung“ des Eurovision Song Contest gebrandmarkte Neuregelung für helle Aufregung und harsche Kritik, erste Petitionen für die Beibehaltung der als „fairer“ empfundenen Losvergabe stehen bereits online. Nun düfte die Entscheidung der EBU aus Sicht der breiten Masse der Zuschauer tatsächlich richtig sein und im Ergebnis zu einer abwechslungsreicheren Show führen. Allerdings können sich die für die Startplatzvergabe Verantwortlichen jetzt schon einmal warm anziehen, denn nicht nur die organisierten Grand-Prix-Fans, sondern auch einzelne Länderdelegationen werden mit absoluter Sicherheit lautstark „Willkür“ und „Schiebung“ rufen, wenn ihr (Landes-/Lieblings-)Beitrag den als Todesslot bekannten Startplatz 2 erhält oder im direkten Umfeld eines als Favorit geltenden Konkurrenten platziert wird, gegen den er besonders stark abstinkt.


Chancengleichheit? Die existiert nur in Deinem Kopf!

Denn mit der Neuregelung ist nun nicht mehr die unerreichbare Glücksgöttin Fortuna verantwortlich, wenn der eigene Song – natürlich ausschließlich aufgrund eines aussichtslosen Startplatzes und nicht wegen musikalischer Mangelhaftigkeit – schlecht abschneidet, sondern haftbar zu machende Personen aus Fleisch und Blut: nach EBU-Angaben soll der ausführende Produzent der Show einen Vorschlag für die Reihenfolge ausarbeiten, die Reference Group muss den dann absegnen. Neuen Legendenbildungen und Korruptionsvorwürfen (wie dem, dass sich die in der Leitungsgruppe sitzenden Länder selbst die aussichtsreichsten Plätze sichern und den Rest benachteiligen) ist damit Tür und Tor geöffnet. Fans mit zu viel Freizeit und zu wenig Leben können sich erneut in ihre Tabellen vergraben und der Welt verkünden, welche Startplätze für welchen Typ von Song oder welches Land statistisch gesehen die größte beziehungsweise geringste Siegchance bieten. Endlose, erbitterte Diskussionen in Fanzirkeln bzw. zwischen den Delegationen und dem Produzenten um die optimale bzw. fairste Startreihenfolge sind unausweichlich vorprogrammiert. Oh, das Drama! Und man stelle sich nur mal vor, Ralph Siegel gelänge es tatsächlich, mit Lys Assias albernem Geronten-Rap das schweizerische Ticket für Malmö zu ergattern und er scheidet erwartungsgemäß im Semi aus. Da sehe ich doch schon die erste Schadenersatzklage auf das schwedische Fernsehen zukommen!


Verschwörungstheorien sind hier völlig fehl am Platz!

Keine Startplatzauslosung mehr, sondern Direktvergabe. Was meinst Du?

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33 Gedanken zu “Die Würfel fallen nicht mehr: SVT vergibt Startplätze selbst

  1. Sorry, aber diese Entscheidung finde ich vollkommen daneben. Die Show bezieht für mich auch einen Teil ihres Reizes daraus, dass eben nicht vorher klar ist, wer wo startet und wer davor und danach kommt, was teilweise signifikante Effekte bezüglich des Weiterkommens hervorruft. Und wie erklärt man denen, die am Anfang starten, warum ausgerechnet sie am Anfang starten? Wie den Weißrussen, dass sie ab sofort immer Startnummer 2 belegen *duck* ? Und klar, natürlich ist der Willkür Tür und Tor geöffnet, und es kann mir doch keiner erzählen, dass die Geldgeier von der EBU nicht bestechlich sind!!! Was kommt als nächstes? Ach so, ich vergaß, Herr Björkdings will ja unbedingst den Livegesang abschaffen. BLARGH!
    Ich bin ja weiß Gott nicht oft der Meinung des werten Herrn Feddersen, aber diesen Post hier unterschreibe ich zu 100%: http://eurovision.blog.ndr.de/2012/11/07/startplatze-aus-der-regie/

  2.  Ähemm… was ist denn das für eine Schnaps-Idee von der EBU, warum musste daran herum geschraubt werden, gab es Beschwerden? Verstehe ich mal wieder nicht – ich will mich ja nicht aufregen – aber irgendwie bindet mir gerade jemand einen Bären auf – oder?
    Das ist ESC und keine Nummern-Revue. Auslosen gehört doch dazu wie z.B. Lys’sens Gerontorap (hehe).

  3.  Ach ja… ich hatte „All in your head“ schon fast wieder aus dem Kopf ^^ – danke mein Lieber (und das meine ich sogar so 😉 ) Aber der Untertitel passt ja auch prima 🙂

  4. Ha ha ha… 🙂 Sietse Bakker wundert sich auf Facebook gerade über den Fan-Orkan, der ihm um die Ohren weht: „The response to the announcement that the running order of the Eurovision Song Contest will be determined by the producers is rather surprising. We have applied the same principle at the Junior Eurovision Song Contest for ten (!) years and it worked out fine. It made better television and there was never the slightest doubt about the integrity of the producers.“ Er vergisst halt nur, dass keine Sau den JESC (als Wettbewerb) ernst nimmt, im Gegensatz zum großen Bruder ESC! Ich bin mal gespannt, wie das weiter geht! 😀

  5. Na super, dann wird das Gastgeberland wohl immer als Letzter oder Vorletzter starten. Und der politischen Willkür wird Tür und Tor geöffnet.

    Der ESC wird immer beschissener. Toll gemacht, Schweden! Bravo! Fantastisk, Sverige! Ich habe schon vor längerem damit begonnen, mein Taschengeld für eine Reise zum ESC 2014 oder 2015 zu sparen, aber mal schauen, ob es in drei Jahren noch den ESC gibt. So langsam aber sicher glaube ich, dass Schweden ihn abschaffen will.

    Hoffentlich gewinnt Georgien so bald wie möglich, damit der ESC wieder eine richtige spaßige Veranstaltung wird. Die Georgier feiern ja sehr gerne. Und bei jeder Gelegenheit scheinen sie wohl auch fleißig zu saufen, wie eine Georgien-Dokumentation vor einigen Wochen im hr-Fernsehen verriet.

    Und die schwedischen Organisatoren wohl auch. Ich würde gerne wissen, was in ihren Schädeln vorgeht!

  6. Ist auch schon im Text verlinkt, aber gerne noch mal. Wobei sich die EBU ja von solchen Fan-Petitionen wohl kaum beeindrucken lassen wird. Aber ich sehe das ganz entspannt: spätestens, wenn sie von den HoDs und den Medien derjenigen Länder, die keinen Premiumstartplatz erschleimen oder bezahlen konnten, öffentlich gevierteilt worden sind, werden sie die Regelung wieder kippen. Auf ESCnation hat jemand ein schönes Beispiel gebracht: man stelle sich vor, Jan Ola Sand verkündet nach den Semis: „Aserbaidschan startet auf Platz 2… Armenien auf der 24.“ Ich glaube, die EBU macht sich kein Bild von der Schlammschlacht, die ihr da noch bevor steht. 😀

  7. Nein, der Startplatz des Gastgeberlandes wird als einziger weiterhin ausgelost.

    Und die Schweden, namentlich Christer Björkman, der ja auch das Melodifestivalen leitet, versuchen wohl vor allem, den ESC so stark wie möglich an das MF anzugleichen. Das ist aus ihrer Sicht ja auch verständlich: das MF hat in Schweden sehr viel höhere Einschaltquoten als der ESC selbst.

    Als nächstes wird Björkman sicherlich die Zulassung von mehr als 6 Personen und von Teilplayback (Backgroundstimmen) vorschlagen, wie es im MF schon praktiziert wird.

  8. Schön, dass wenigstens der Startplatz des Gastgebers ausgelost wird. Haben Sie ja auch geschrieben, aber das habe ich in meiner Empörung wohl überlesen…

    Hoffentlich sind die anderen Teilnehmerländer auch mit der Angleichung an das MF einverstanden. Ich selbst weiß nicht, was ich davon halten soll, dass die Schweden den ganzen ESC in ihrem eigenen Interesse auf den Kopf stellen wollen…
    Der ESC ist nicht nur ein Komponisten- und Texterwettbewerb, sondern auch immer noch ein Gesangswettbewerb, in dem Backgroundstimmen meiner Meinung nach nichts verloren haben. Langsam aber sicher überspannt SVT den Bogen.

  9. Besonders falls es dazu kommen sollte, dass Armenien auf die 2 und Aserbaidschan auf die 24 gesetzt wird. Dann lassen die Vorwürfe, dass die Älijews diesen Vorgang finanziell unterstützt haben, nicht lange auf sich warten.

  10. Nick Deller von OnEurope gerade auf Facebook: „Wetten, es gibt eine hastig arrangierte Startplatzauslosung am Freitagmorgen, wenn die ersten acht Delegationen sich zusammengeschlossen haben und mit dem sofortigen Ausstieg drohen, nachdem sie ihren Startplatz erfahren haben“. Könnte er Recht haben! 😀

    Eine weitere lustige Vision, die mir gerade noch in Erweiterung des Ralph-Siegel-Beispiels einfiel: stellen wir uns nur spaßeshalber mal vor, er kommt mit „All in your Head“ nicht nur nach Malmö, sondern gar noch ins Finale (ja, ich weiß, aber ich sag doch: nur mal spaßeshalber!), bekommt dann von SVT aber Startposition 3 zugeteilt. Um wie viel wollen wir wetten, dass er noch in der Nacht zum Freitag eine gerichtliche einstweilige Verfügung erwirken würde? Unter Bezugnahme auf das Altersdiskriminierungsverbot, wenn’s sein müsste? 😉

    Wird das herrlich! Ich kann vor Vorfreude kaum noch mein Wasser halten! 😀

  11. Vielleicht hat die alte Startplatzauslosung nicht für eine optimale Songverteilung gesorgt – aber sie war zumindest korruptionssicher.
    Ich seh im nächsten Jahr schon die Köfferchen aus Aserbaidschan und der Ukraine über die Theken der EBU wandern! Und ja, auch ich werde selbstverständlich entrüstet mitkrähen, wenn mein Lieblingsbeitrag auf Startplatz 2 oder 3 zugelost wird, hahaha! Wird das ein Spaß! 😀

  12. Korruptionssicher? Das mag man sehen, wie man will, aber jeder Zufallsmechanismus ist von außen beeinflussbar. Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, ob Dima Bilans vorletzter Startplatz in Belgrad tatsächlich nur Fortuna geschuldet war.

  13. Heh. Ich persönlich finde diese Entscheidung auch reichlich merkwürdig (wem genau hat es was ausgemacht, und warum kommt das erst jetzt und nicht schon nach Düsseldorf oder gar Moskau, wo die Ballung gleichartiger Titel viel schlimmer war als in Baku?), aber trotzdem drängen sich mir gewisse Parallelen zum Geschrei nach der Entscheidung auf, die Punkte von 1 bis 7 nicht mehr einzeln vorzutragen. Man kann an diesem Wettbewerb absolut nichts verändern, ohne dass irgendjemand losbrüllt, deshalb ist es nahezu unmöglich, legitime Beschwerden und nostalgiegefärbtes Fanboy-Gejaule auseinander zu halten.

    (Nebenbei hat sich dazu Keith Mills geäußert. Finde ich sehr witzig – der Mann kriegt es seit Juni nicht mal auf die Reihe, seine eigene Seite auf dem Laufenden zu halten.)

  14.  Damit macht man keine Späße 😀 😀

    Aber Quatsch beseite: Ich kann mir fast nicht vorstellen, dass gerade die Schweden als Totengräber des ESC in die Geschichte eingehen wollen. Kann ich mir… nein, will ich mir nicht vorstellen.

  15. Mehr Einfluss als die „Jury“-Geschichte wird die Startreihenfolgenfestlegung sicher niemandem zu spielen. Und Rockefeller Street ist schon im Semi mit später Startnummer zwischen zwei weniger hektischen Nummern beim Publikum klebengeblieben, weil Sche*ßlied respektive Fanwank.

  16. Mir kamen die Auslosungen mit den „vorsortierten“ Umschlägen auch immer komisch vor.
    Wenigstens ist die Korruption nun von Seiten der Referencs-Group rechtlich abgesichert. .-)

  17.  Und nein, aus deiner Sicht ist das entschieden nicht vernünftig – Mills unterstützt die Änderung.

  18. Ich habs gesehen. Na, mal sehen, ob er immer noch so begeistert ist, wenn sein Eierlänt ab sofort immer Startplatz 2 bekommt. Vollpfosten, der!

  19. Startplatz 2 dürfte fürderhin ausschließlich für Weißrussland reserviert sein. Schließlich sitzt Thomas Schreiber in der Reference Group und der hat ja bekanntlich eine Minsk-Allergie. L’Irlande werden sie wohl eher als Füllmaterial im vorderen Mittelfeld verwenden (außer, die schicken noch mal einen ähnlichen Kracher wie Jedward, aber damit dürfte wohl nicht zu rechnen sein).

  20. Dazu fällt mir noch eine Frage ein: seit wann werden die Auslosungen eigentlich öffentlich vollzogen? Das ist meines Wissens auch noch nicht allzu lang der Fall.

  21.  Überraschenderweise wird diese Regeländerung nun ausgerechnet für den in
    Schweden stattfindenden Contest 2013 wirksam. In deren nationaler
    Vorausscheidung ist es doch schon seit langem üblich, die Favoriten auf
    die erfolgversprechenden hinteren Startplätze des Wettbewerbs zu hieven,
    das Vollplayback abzufahren und möglichst viele Tänzer auf die Bühne zu
    schicken. Mit diesem Rezept hat sich das Format nach Jahren der Krise
    zum alljährlichen Show-Event entwickelt. Um den Preis, dass es immer
    berechenbarer wurde.

    Der Eurovision droht nun ein ähnliches Schicksal ….

  22. Loreen war beim Finale des Melodifestivalen auf Startplatz 6 von 10 und hatte meines Wissens auch da exakt einen Tänzer dabei. Was beweist oder widerlegt das jetzt?

  23. Nix, denn eigentlich hätte ja der Danny von Position 10 gewinnen sollen (so wie der Eric ein Jahr zuvor) …is aber irgendwie schief gelaufen, vielleicht weil dessen Vollplayback doch nich so voll war 🙂

  24. Tja, genauso siehts aus. Aber leider ist es so, dass Weißrussland nun mal ein Mitglied der EBU ist, als solches beim Contest mitmachen darf und dass auch theoretisch immer die Möglichkeit besteht, dass Weißrussland gewinnt – und soooo abwegig ist die nun auch wieder nicht, wenn man mal bedenkt, dass ja ein Alexander Rybak immerhin aus Minsk stammt. Dann auch bittschön konsequent: ENTWEDER lässt man „Schurkenstaaten“ konsequent aus der EBU raus (welch Gedanke! Dann kann man ja gar kein Geld mehr kassieren!),  ODER man lässt sie drin, dann aber mit allen Konsequenzen. Das heißt, sie dürfen beim Contest mitmachen, gewinnen und ausrichten. Typisch EBU: Immer nur rumeiern und abkassieren. BLARGH!

    VOTE FOR BELARUS!

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