Ausstiegsserie geht weiter: Goodbye, Türkei

Die Hiobsbotschaften reißen nicht ab heute: wenige Stunden nach Bosnien verkündete nun auch die Türkei, dass sie 2013 in Malmö nicht dabei sein werde. Diese Entscheidung sei heute im Sender gefallen, wie TRT auf seiner Website verkündete. Als Grund für den temporären Ausstieg führte man die Unfairness des Big-Five-Statuses sowie die kürzlichen Regeländerungen ins Felde, wobei unklar ist, ob sich das nur auf den Wegfall der Startplatzauslosung bezieht oder auch auf die Wiedereinführung der Jurys, welche seither die Türkei Jahr für Jahr deutlich nach unten voten – was ja, als Ausgleich zum Diasporavoting, von dem das Bospurusland bei der Telefonabstimmung überdurchschnittlich profitiert, Sinn und Zweck der ganzen Übung ist, die Osmanen aber natürlich nicht erfreut. Man wolle nun zunächst eine eingehende Studie zum derzeitigen Votingsystem in Auftrag geben, schließe aber eine Rückkehr zum Contest nicht aus. Da scheint sich langsam doch etwas zusammen zu brauen…


For real, Türkei?

Die Türkei findet das aktuelle Regelwerk unfair und bleibt zuhause. Verständlich?

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62 Gedanken zu “Ausstiegsserie geht weiter: Goodbye, Türkei

  1. Bei der Wiedereinführung der Jurys kann von „kürzlich“ nun nicht mehr die Rede sein – dann hätte sich die Türkei spätestens 2012 verabschieden müssen, nachdem die Jurys in Düsseldorf Yüksek Sadakat (berechtigterweise; was für ein langweiliges Lied) im Halbfinale verenden ließen. Ich gehe davon aus, dass die Abschaffung der Auslosung gemeint ist. Nachvollziehbar, aber dennoch bedauerlich und übertrieben. Und wem soll Aserbaidschan jetzt seine 12 Punkte geben?! 😉

  2. Naja, wenn dann auch noch Griechenland rausgehen sollte, dann würde unsere Punktevergabe endlich wieder deutsch sein.
    Tschuldigung, aber das ist doch schon voll unfair, dass trotz Juryvoting voll viele Punkte an die Türkei und – mit Ausnahme von Baku 2012 – auch an Griechenland gehen. Die meisten Deutschen würden sicher Schweden oder Estland oder Lettland eher wählen als einen türkischen Hampelmann wie Can Bonomo.

  3. Okay, ich muss mich korrigieren. Laut esctoday führen die Türken ausdrücklich die Big-Five-Regel und den Jurysplit als Gründe an. Das fällt euch aber früh auf, Leute! Ich könnte das bei einem Land nachvollziehen, das aufgrund der Jurys Jahr um Jahr das Finale verpasst, aber bei einem Land, das selbst mit dieser Regel in vier Jahren drei Top-10-Platzierungen eingefahren hat, darunter eine Silbermedaille, ist das Gejammere und nicht mehr. Good riddance – solche Sensibelchen brauchen wir beim ESC nun wirklich nicht. Ich fühle mich an die Österreicher um 2008 herum erinnert.

  4. Malta natürlich! Die lassen sich seit ein paar Jahren doch eh bereitwillig von den Azeris schmieren, da ist doch mal ne Gegenleistung angebracht. 😉

  5. Ach, und die gern vergebenen Punkte an Portugal sind „deutsch“? Wie definierst du das? Verpflichtende 12 Punkte an Österreich, wie 2011? Ich habe selbst 50 Prozent türkisches Blut, um es mal martialisch auszudrücken, und ich habe noch nie für einen türkischen Beitrag gestimmt. Muss ich hier tatsächlich an 2002 erinnern? Reines Televoting, und exakt 0 Punkte aus Deutschland für die Türkei? Oder an 2003, als unser Zwölfer an Polen ging, was wohl nicht nur dem zur Hälfte deutsch gesungenen Lied zu verdanken war – in einem Jahr, in dem die Türkei gewann? Oder 2011, als man eigentlich erwarten sollte, dass die Türken in Deutschland für ihre Brüder in Aserbaidschan anrufen – was dann aber nicht passierte? (Und die Formulierung „endlich wieder deutsch“ rückt dich in eine Ecke, in die du mit Sicherheit nicht gehörst und nicht gehören willst.)

    Abgesehen davon: Jede solche Achse im Wettbewerb macht ihn als Ganzes unberechenbarer; jede, die rausgeht, stärkt nur die anderen. Jedes Land hat seine Präferenzen. Wenn wir das Ganze wirklich „objektiv“ haben wollen, dürfte im Grunde nur Malta abstimmen, und selbst da sollte man dann lieber die Schlagerboys und die Aseris raushalten. Solange diese Achsen nicht das gesamte Stimmverhalten färben, wie es insbesondere 2007 und 2008 der Fall war, gehören sie zum Wettbewerb.

  6. Genau, und am besten werfen wir die ganzen türkisch- und griechischstämmigen Einwanderer endlich raus aus Deutschland, und Russlanddeutschen auch, dann ist unser ESC-Voting endlich wieder hundertprozentig arisch. „Rein deutsch“, wenn ich so was lese, schwillt mir der Kamm. Wir sind ein Einwanderungsland, türkisch- und griechischstämmige Menschen leben hier schon in der dritten Generation, die sind fester Bestandteil unseres Landes und nicht nur vom Pass her oftmals auch schon „richtige“ Deutsche. Mann, Mann, Mann!
    Ich fand den Hampelmann Can Bonomo klasse, sexy und lustig. Und ich mag tatsächlich die meisten türkischen Eurovisionsbeiträge – wie übrigens auch fast alle griechischen! – und habe schon mehr als einmal für eines der beiden Länder angerufen. Auf jeden Fall deutlich öfter als für Lettland. Die Verallgemeinerung „die meisten Deutschen würden….“ bestreite ich daher auf das Entschiedenste!
    Ich kann mich nur gebetsmühlenartig wiederholen: wenn man das Diasporavoting ernsthaft in den Griff kriegen will, muss man einfach die Anzahl der Anrufe pro Telefonanschluß und Land auf 1 begrenzen. Aber dann würden ja wieder Einnahmen wegbrechen…

  7. Vielen Dank. Ich bin selbst „Einwanderer 2. Generation“ (mein Vater ist 1961 nach Deutschland gekommen) und spreche kaum fünf Worte Türkisch. Ich lasse mir doch von meiner Nationalität – oder der des Künstlers oder Songschreibers – nicht vorschreiben, welche Lieder ich gut finde. Mir wäre 2003 Belgien als Sieger lieber gewesen als die Türkei, und Malta hätte ich 2005 lieber ganz oben gesehen als Griechenland. Meine Lieblinge dieses Jahr? Großbritannien und Mazedonien – Lieder aus Ländern, mit denen mich gar nichts verbindet.

  8. Hahaha, wahrscheinlich hat jemand vom türkischen Fernsehen auf deiner Seite gestöbert und das „Blockvoting“-Kapitel entdeckt – und dann an oberster Stelle gepetzt. 😉

  9. Oh, und wenn wir schon beim Thema sind: die EBU sollte sich die Vorschläge auf dieser Seite wirklich mal zu Herzen nehmen – denn seit wann ist das Diaspora-Voting für die Türkei so extrem? Genau, seit 2004, also seit es Halbfinals gibt und neben den Finalisten auch die ausgeschiedenen Halbfinalisten mitstimmen dürfen!
    Die Ergebnisse der Türkei in der Televoting-Ära 1998-2003: 14.Platz (1998), 16.Platz (1999), 10.Platz (2000), 15.Platz (2001), 19.Platz (2002), 1.Platz (2003). Scheint also tatsächlich einen Unterschied zu machen.
    Das Problem wäre, wie schon hier auf dieser Seit beschrieben, möglicherweise gelöst, wenn man einfach wieder nur die Finalisten voten lassen würde und die Stimmen der Halbfinal-Ausgeschiedenen einfach zu einem „Rest-Europa“-Voting von 1 bis 12 zusammenfügen würde.

  10. Och Menno, Türkei! Und dann noch mit SO einer Begründung! Und dann auch noch zum falschesten aller Zeitpunkte – LETZTES Jahr hättet Ihr das machen sollen!

  11. Ich wäre sogar dafür, dass sich jeder Sender zurückzieht, solange die unsegliche Polit-/Kitschjury (und auch  die manuelle Startplatzzuordnung) nicht abgeschafft wird. Bravo, TRT!

  12. Na, letztes Jahr musste man natürlich bei den Kumpels in Aserbaidschan auftreten. Und hat sich danach daran erinnert, dass man ja eigentlich noch wegen dem Ausscheiden in Düsseldorf schmollt.

  13. Boykotte lösen gar nichts. Die Länder, die von den Jurys am meisten profitiert haben (ganz vorne auf der Liste steht Italien), werden einen Teufel tun, sich solchen Erpressermethoden zu beugen, und sie haben vollkommen recht damit. Wenn ausgerechnet der größte Diasporaprofiteur über die Jurys jammert, und das fast vier Jahre nach Einführung, dann ist das der Glaubwürdigkeit des Arguments nun mal nicht eben zuträglich.

  14.  Boykotte können unter Umständen schon etwas bewirken. 2008 war es Polen, chronischer Televotingverlierer, das mit dem Ausstieg drohte und den letzten Stoß in Richtung Jurywiedereinführung versetzte. Mit knapp 30 Bewerbern möchte die EBU sicher nicht wieder dastehen. Verlierer und Gewinner wird es immer geben, aber außer der Rai haben die Big5 unterm Strich eben nicht von der „Jury“ profitiert. Also gibt es auch für die Mächtigsten keinen zwingenden Grund an ihr festzuhalten.
    Kritik am Jurystem (wie auch damals am Televoting) gibt es außerdem seit Anfang an. Wir als Außenstehende haben doch keine Ahnung von den inneren Querelen und wie viel letztlich nach außen vordringt.

    Das Diasporavoting verhilft der Türkei vielleicht ein paar Plätze nach oben, das ist aber fast irrelevant gegenüber den Einfluss der „Jury“.

  15.  Warum sollten die Achsen denn 2007 und 2008 das gesamte Stimmverhalten verfälscht haben, und in anderen Jahren nicht? Nur weil ausgerechnet der Ostblock damals (deutlich) die Nase vorn hatte? Du willst doch nicht behaupten, dass sich vor jedem Grand Prix Millionen TelevoterInnen zusammentun und im Kollektiv beraten, ob sie „fair“ abstimmen oder nicht. Wenn 50 Jahre dazwischen lägen, könnte ich die Argumentation nachvollziehen, aber innerhalb eines Jahres ändert sich die Einstellung des Publikums wohl kaum.

  16.  Trotzdem schlechtes Timing. Zwischen all den Finanzaussteigern hört da doch kein Mensch drauf… außerdem saublöde Begründung. Aber Reisende soll man nicht aufhalten…

  17. Ich habe hier mit keinem Wort den Rauswurf von bestimmten Volksgruppen gefordert!

    Ich finde es aber einfach nur unfair, dass größere Personengruppen das Televotingergebnis entscheidend bestimmen können. 2003 war das schon vorgekommen. Obwohl die meisten Stimmen an Polen gingen (was sehr zufriedenstellend war) hätte Sertab Erener ohne die Zustimmung aus Deutschland und noch ein paar anderen Ländern mit größeren Gruppen von türkischen Einwanderern sicherlich nie und nimmer gewonnen!

    Da verzichte ich lieber auf die Möglichkeit, per Telefon für meine/n Favoriten stimmen zu können. Das Juryvoting ist auch nicht wirklich fair, aber das würde wenigstens den kleinen Ländern Chancen bringen, allen fragwürdigen Entscheidungen insbesondere in den Semis (Schande über alle Juroren, die Stella Mwangi rausgekickt haben!) zum Trotz.

    Und dass das Diasporavoting den Publikumsgeschmack der Länder, mit dessen Einheimischen die Einwanderer leben, verfälscht, kann objektiv betrachtet nicht bestritten werden. Das müssen Sie eben akzeptieren.
    Gerade aufgrund dieser Geschmacksverfälschung durch das Diasporavoting wird man nicht um eine vollständige, durch Plattenbosse ausgeführte Juryabstimmung herumkommen können…

  18. Die Jurys haben dieses Jahr Spanien und Italien in die Top 10 gehievt und ein Null-Punkte-Ergebnis für Frankreich verhindert. Sie haben 2009 dafür gesorgt, dass Patricia Kaas ein einigermaßen angemessenes Ergebnis für die meiner Meinung nach stärkste ESC-Performance des Jahrzehnts bekam und dass Jade Ewen eines von nur zwei einstelligen Ergebnissen für Großbritannien in den letzten zehn Jahren einfuhr (und nebenbei verhindert, dass Deutschland als Drittletzter aus Moskau heimfahren musste). Und sie haben natürlich Raphael Gualazzi zu einer Silbermedaille verholfen. Jeder der Big Five hat mindestens einmal richtig von den Jurys profitiert, außer (ausgerechnet) Deutschland.

    Und wenn man mal prüfen will, wie die „paar Plätze“ aussehen, die die Diaspora den Türken verschafft hat: Was war das beste Ergebnis der Türkei vor der Einführung des Televotings? Ein neunter Platz anno 1986 mit „Halley“. Dass die Diaspora dann ein paar Jahre gebraucht hat, um richtig in die Gänge zu kommen, ist meines Erachtens kein Argument; das galt für alle Diaspora- und Nachbarschafts-Profiteure gleichermaßen (Griechenland hat 1998, im ersten Jahr des verbreiteten Televotings, nur dank der obligatorischen 12 Punkte aus Zypern nicht die Höchststrafe kassiert). 2007 war unbestritten das übelste Contest-Jahr, was dieses Problem angeht, und das Finale 2008 war nicht viel besser. Das will ich nicht wiederhaben, und das gilt vermutlich ebenso für all die Länder, die dank der Jurys wenigstens einmal in Rufweite an die Krone herankamen (Belgien 2010, Italien 2011, Albanien 2012). Das momentane System hat unbestritten seine Schwierigkeiten, und dem Abschnitt darüber, dass wir von außen quasi nichts davon mitbekommen, kann ich uneingeschränkt zustimmen, aber weder ein reines Televotingsystem noch ein reines Jurysystem wären wirklich besser – beides wurde ausprobiert, beides wurde für schlecht befunden.

    Und schließlich: „knapp 30“? Was? In welchem Paralleluniversum? Welche zehn Länder haben jetzt (außer den bekannten) noch mit Absprung gedroht? Wir sind laut Wikipedia bei 38 bestätigten Teilnehmern (wobei Griechenland noch nicht mitgezählt wurde). Das wäre einer mehr als 2006 in Athen. Selbst bei weiteren Absagen müsste dann höchstens irgendwann eins der Semis abgeschafft werden, was schade wäre, aber den Contest definitiv nicht kaputt machen würde – vor 2008, und selbst vor 2004, hat es ja auch geklappt. So bedauerlich der Absprung der Türkei und Bosniens ist: Bislang hat sich kein Land verabschiedet, das zu den „Kernländern“ der Eurovision gehört, ausgenommen vielleicht Portugal (und Luxemburg und Monaco, aber das hat nichts mit der momentanen Situation zu tun) – die Skandinavier, die Big Five, die Niederlande, Belgien, Irland, die Schweiz, Österreich, sie alle sind noch dabei. Und bis auf die Türkei hat keiner der Aussteiger seine Abwesenheit mit dem Regularium des Wettbewerbs begründet, eher im Gegenteil – ohne die Jurys wäre Österreich sicher nicht wieder dabei, und auch Ungarn und Italien wären zumindest extrem wacklig. Wenn wegen dieses Systems, das unter den schlechten, die bisher ausprobiert wurden, noch das beste ist, der größte Diasporaprofiteur abspringt und wir dafür zwei alte Kernländer des Wettbewerbs zurückbekommen haben, kann ich ohne weiteres damit leben.

  19. Nein, zu dieser Ecke gehöre ich nicht und will auch nicht gehören…

    Sie mögen ja vielleicht noch nie für einen türkischen Beitrag gestimmt haben, aber zahllose Türken machen das eben, das ist bekannt…

    Und als „typisch deutsch“ definiere ich eine Abstimmung, bei der auch die Meinung des deutschen Publikums ein wenig stärker in Erscheinung tritt und nicht nur jene der Türken und Griechen, die längst nicht nur die Deutschen, sondern auch zahllose andere Migrantengruppen überstimmen. Das gemischte Abstimmungsverfahren war bislang – zumindest im Finale; im Halbfinale eher weniger – ein guter Weg, der zu einem halbwegs objektiven Ergebnis führte. Ich finde es gut, dass Belgien (2010) und Schweden (2012) zwölf Punkte aus Deutschland erhalten haben (0bwohl mir dieser ganze Loreen-Hype tierisch auf den Sack ging).

    Ich bin übrigens genervt davon, dass die türkischen Beiträge, die z.B. 2006 und 2012 nicht wirklich zum genießen waren, aus zu 99prozentiger Wahrscheinlichkeit bekannten Gründen ständig hohe Punktzahlen aus Deutschland bekommen haben. Deswegen war es wichtig, dass die Abstimmung ein wenig reformiert wurde. Meine Eltern sind auch genervt davon. Wegen dem türkischen Diasporavoting bin ich seit Jahren dazu verdammt, den ESC alleine zu sehen. Ausnahmen waren nur 2010 (von Lenas Auftritt bis zum grandiosen Ende) sowie 2012, als meine Eltern zusammen mit mir den Contest geschaut haben, um mir nach dem Baku-Finale mitzuteilen, wie viel oder wie wenig sie vom ESC halten.

    Und die meisten Deutschen haben 2002 tatsächlich Lettland gewählt… Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Ott Lepland das deutsche Publikum eher begeistert hat, als Can Bonomo.

  20. Äh…das hatten wir. Von 1956 bis 1996. Es hat sich in diesen vierzig Jahren einfach totgelaufen, weil die Jurys etwa so gut darin waren, aktuellen Trends zu folgen und damit die Veranstaltung relevant zu halten, wie ich darin bin, die hohe Note in „Crno i belo“ zu treffen, und das würde ungeachtet der Zusammensetzung der Jurys immer wieder so passieren. Nein, nein und nochmals nein. Wer soll den Wettbewerb denn überhaupt noch einschalten, wenn die EBU ausgerechnet in dieser Zeit der Castingshows und „Interaktivität“ dem ESC genau dieses Moment nimmt? Sertab Erener hat 2003 hohe Punktzahlen auch aus Ländern bekommen, die des Diasporavotings zugunsten der Türkei vollkommen unverdächtig sind (Zypern? Griechenland? Norwegen? Rumänien? Slowenien?)

    Allein mit Diasporastimmen gewinnt man nicht, was man schon daran sieht, dass sich von 1996 bis 2011 kein Sieger beim ESC wiederholt hat – das war nie das Problem. Das Problem waren die betonfest gesetzten Länder, die einen Besenstiel auf die Bühne stellen konnten und trotzdem durchs Halbfinale kamen. Das Problem waren nicht die Podestplätze, sondern die Top 10 dahinter.

    Oh, und wer sich einer Diktion befleißigt, die in gefährliche Nähe zum rechten Rand unseres politischen Spektrums gerät, sollte sich bitte in einer ESC-Community nicht über Gegenwind wundern oder jammern, man habe das ja gar nicht so gemeint und das werde man doch noch sagen dürfen. Sorry, aber wer darf denn deiner Meinung nach am Televoting teilnehmen, damit es „deutsch“ wird (nicht: bleibt, denn das war es noch nie und wird es hoffentlich auch nie)? Nur Ortsansässige? Nur in zweiter, dritter oder vierter Generation hier Lebende? Nur Menschen mit mindestens drei deutschen Großeltern? Merkst du, wie schnell man da auf eine schiefe Bahn gerät? Ich habe Oliver schon wegen Nazivergleichen gerügt (siehe den Artikel über Nadine Beilers Sieg beim österreichischen Vorentscheid 2011). Ich sehe keinen Grund dafür, bei dir anders zu verfahren. Es war vielleicht nicht so von dir gemeint, aber es hörte sich nun mal so an. Ein bisschen Sorgfalt schadet nicht.

  21.  Deswegen hat Estland auch 0 Punkte von uns bekommen, und ist damit nicht nur hinter der Türkei, sondern auch mind. neun weiteren Ländern zurückgeblieben, die sicher nicht alle unter „Diasporaverdacht“ stehen.
    Ich bin übrigens Deutscher (gut, 1/4 Franzose) und unsre heurige Televoting -Top3 stimmt genau mit meiner überein, nur in anderer Reihenfolge. Das Gesamtpublikum besteht halt nicht nur aus Diaspora auf der einen und OGAE-Mitgliedern auf der anderen Seite.
    Und sry, wenn man eine ganze Sendung verdammt, weil Land X im Abstimmungsteil einen kleinen Vorteil hat, dann steckt da mehr dahinter als die Sorge um Fairness. Wäre das denn auch ein Problem, wenn Norwegen oder Österreich profitieren würde?

  22. Ich jammere nicht; ich habe keinen Grund dazu.

    Und warum sollte die Meinung des deutschen, bzw. nichtgriechischen/nichttürkischen Publikums nicht zählen dürfen? Warum gilt man hier plötzlich als Nazi, wenn man seinen Unmut über bestimmte Abstimmungsergebnisse äußert? Wie bereits angedeutet ist es kein wünschenswerter Zustand, dass bestimmte Gruppen von Personen das Televoting in einem Land pushen.

    Dann sollte besser niemand am Televoting teilnehmen. Dann sollten eben nur noch Musikjournalisten, die up to date sind, die Punkte vergeben. Das Ergebnis wird nicht demokratischer oder undemokratischer sein als vorher, aber sicherlich wesentlich objektiver.
    Ich bin sicherlich nicht der einzige, der nicht vom Diasporavoting begeistert ist.

  23. Natürlich wäre das ein Problem.
    Meine Eltern sind übrigens der Meinung, dass das Ergebnis zu 100 Prozent von Fachjuries bestimmt wird. Und sie sind bestimmt nicht die einzigen. Das Televoting mag zwar den Einschaltquoten gut getan haben, aber ob der ESC beliebter wurde, wage ich zu bezweifeln.

  24. Klar. Fantastische Idee. Musikjournalisten. Diese Vollpfosten, die aus Prinzip populäre Dinge mies zu finden haben. Sorry, ganz schlechte Idee. Und davon abgesehen: „objektiv“? Bei etwas aus Prinzip Subjektivem wie „guter Musik“? Wie soll denn das bitte funktionieren? „Suus“ ist ein technisch brilliant gesungenes Lied, das ich einfach furchtbar finde, weil ich keine Lust habe, mich zweieinhalb Minuten lang anschreien zu lassen. Nach welchen Kriterien soll das beurteilt werden? Und wenn ich einen Vergleich zwischen „alle dürfen telefonisch mitmachen“ und „das entscheiden zehn Musikjournalisten“ anstelle, kann ich sehr wohl sagen, was davon demokratischer ist. Vielleicht nicht demokratisch, aber demokratischER.

    Die Meinung des deutschen Publikums zählt. Natürlich tut sie das. In diesem Land leben etwa 1,6 Millionen türkische Staatsbürger und etwa 280,000 Griechen. In einem Land mit 80 Millionen Menschen sind 1,6 Millionen etwa zwei Prozent. Was können die Türken bitte dafür, dass die Deutschen nicht am Televoting teilnehmen? Mehr Einsatzfreude von den „richtigen“ Deutschen, dann klappt es auch mit der „richtigen“ deutschen Meinung!

    Du giltst hier nicht als Nazi. Du hast lediglich eine Wortwahl getroffen, die dich (gegen deinen Willen) in die entsprechende Ecke stellt und stellen muss. Ich habe mehrfach betont, dass ich der Meinung bin, dass du deine Worte einfach ungeschickt gewählt hast, aber daran gibt es aus meiner Sicht nichts zu deuteln. Wer davon schreibt, dass ohne die Türkei und Griechenland die Abstimmung „endlich wieder deutsch“ wird (von den 100,000 Bulgaren, 300,000 Albanern oder 200,000 Serben, die laut Wikipedia in Deutschland leben, fangen wir dann mal lieber nicht an), der benutzt Worte, die in diesem Land mit Vorsicht gebraucht werden sollten. Niemand nennt dich einen Nazi, aber du hast mit dieser Wortwahl einen Fehler gemacht.

  25. Wer das glaubt, wenn er/sie die Sendung tatsächlich sieht, muss willentlich blind sein. Wie oft wird einem während der Übertragung um die Ohren gehauen, dass man bitte jetzt noch nicht/bitte jetzt/bitte jetzt nicht mehr anrufen soll? Warum hat jeder Beitrag eine zweistellige Startnummer, die sich bequem an eine Telefonnummer anhängen lässt? Die Meinung von Menschen, die den Wettbewerb gar nicht verfolgen, interessiert hier ja wohl höchstens am Rande. Und wie bitte misst man die Beliebtheit des Wettbewerbs, wenn nicht an den Einschaltquoten? Der ESC ist in Skandinavien groß, wird in den Big Five belächelt und von den Osteuropäern immer noch ernst genommen. Das ist seit Jahrzehnten so, und da hat auch das Televoting nicht viel dran gemacht.

  26. Deutschland hat vier Punkte an Estland gegeben. Oder war damit das Televotingergebnis gemeint? Gibt es das irgendwo?

  27. Ob die vier Finalpunkte durch Televoting entstanden ist, ist nicht klar.
    Aber im Semi wurde auf jeden Fall für Estland angerufen…
    Naja, das ist jetzt alles egal, jedenfalls hätte jemand, der nicht eingewandert ist, eher für Estland angerufen. Eben weil es leichtere Kost ist, trotz der schwer zugänglichen Sprache.

  28. Oh Gott, 2002. Ja, da hat Lettland die 12 von uns bekommen (übrigens in einem Jahr, in dem wir den Türken 0, in Worten: NULL Punkte gegeben haben, womit Jurys nichts zu tun hatten). Da hat Lettland aber auch gewonnen. Sieger bekommen gerne viel von allen, deshalb sind sie Sieger – unser Zehner in dem Jahr ging an den Zweiten, unser Achter an einen der beiden Dritten. 2001 ging der deutsche Zwölfer an den Zweiten (Dänemark) und der Zehner an den Sieger (Estland). 2006 ging unser Zwölfer zwar an die Türkei, unser Zehner aber an Finnland und unser Siebener an Bosnien. Solche Ergebnisse beweisen erst mal gar nichts.

    Besseres Beispiel: warum haben die ganzen Diaspora-Türken, die angeblich die Telefone heißlaufen lassen, 2011 nicht für Aserbaidschan angerufen? Bruderstaat und so? Wie kam da ein Null-Punkte-Ergebnis für den Sieger zustande? Hatten die Griechen 2012 urplötzlich kein Geld mehr, oder war ihnen „Aphrodisiac“ vielleicht doch eine Spur zu peinlich und routiniert?

    Wie hält man das überhaupt auseinander? Okay, in Fällen wie 1999, wo die Deutschen für 12 der 21 türkischen Punkte verantwortlich waren, ist das noch einfach, aber wie macht man das, wenn das Lied bessere Wertungen von überall bekommt, wie zum Beispiel, naja, so ziemlich jedes türkische Lied seit 2003 außer „Live It Up“ – nie unter 90 Punkten? Wer hat jetzt nur aus Diaspora angerufen, und wer, weil ihm das Lied wirklich gefiel? Wie trennt man die Leute, die nur aus Loyalität zur alten Heimat anrufen, von denen, denen die Musik aus der alten Heimat wirklich gefällt? Wie soll das alles funktionieren? (Kleiner Verweis hier auf Olivers Einträge zum Thema „Blockvoting“, die durchaus Lösungen vorschlagen, die uns nicht in die Steinzeit vor 1997 zurückbomben.)

    Und nein, ich glaube keine Sekunde daran, dass eine langsame Ballade wie „Kuula“, in die man sich reinhören muss, beim Publikum besser ankommt als ein vergnügliches Tanzstück mit der zweitbesten (und enorm einprägsamen) Choreographie des Abends, das man beim ersten Mal mitsingen kann, und das noch dazu einen Bonus von sieben Plätzen bei der Auslosung hatte (Startplatz 11 ist nicht eben berühmt für tolle Ergebnisse). Balladen fallen beim Publikum fast immer durch – siehe auch das diesjährige Televotingergebnis für Spanien oder Großbritannien, oder die Ergebnisse letztes Jahr für Österreich oder Litauen. Und wenn ein Lied die Balladenvote abgegriffen hat, dann am ehesten „Nije ljubav stvar“ – besserer Startplatz, professionellerer Auftritt, eingängiger und aus meiner Sicht einfach besser (tatsächlich HAT dieses Lied die Balladenvote bekommen – mit fünf Jurypunkten gab es den Zehner aus Deutschland). Mit dieser Meinung stehe ich jetzt der Jury entgegen – wer hat jetzt Recht, ich oder Anke Engelke? Meine „Douze points“ wären an Mazedonien gegangen, das weder bei den Televotern noch bei den Jurys sonderlich gut ankam. Was beweist oder widerlegt das? Geschmäcker sind verschieden. Mehr nicht.

  29. Ja, ich habe einen Fehler gemacht, das gebe ich offen zu.
    Ich meinte damit, dass unsere Punktevergabe endlich wieder als eine eher deutsche als türkische zu erkennbar ist. Ich finde es schade, dass man hier zu schnell falsch verstanden wird…

    Diese Musikjournalisten dürften bei einem möglichen Einsatz dazu angewiesen sein, Punkte an Lieder zu vergeben, die ihrer Meinung nach für die Charts am Besten geeignet sind.
    Und vielleicht werden sie ja irgendwann wirklich mit einem hundertprozentigen Stimmgewicht die Punkte vergeben (auf diese Idee wird Herr Björkman bestimmt irgendwann kommen ^^).

  30. Bei allem Respekt, aber die Türkei möchte ich zumindest gegen Österreich (auch wenn mir der diesjährige Beitrag gut gefallen hat) gewiss nicht eintauschen.
    Du zählst Ausreißer der Big5 auf, schön, aber ich sprach von der Gesamtbilanz der letzten vier Jahre mit Juryvote.

    Deutschland (Tv): 23. / 1. / 9. / 6.  = 9.75 (Durchschnittsplatzierung)
    Deutschland (Ju): 20. / 1. / 10. / 8. = 9.75

    England (Tv): 10. / 25. / 5. / 21. = 15.25
    England (Ju): 5. / 25. / 11. / 25. = 16.5

    Frankreich (Tv): 17. / 8. / 15. / 26. = 16.5
    Frankreich (Ju). 8. / 12. / 15. / 23. = 14.5

    Spanien (Tv): 20. / 12. / 16. / 18. = 16.5
    Spanien (Ju). 23. / 15. / 23. / 10. = 17.75

    ————————————————————————–

    „Big4“ (Tv): 14.5
    „Big4“ (Ju): 14.63

    Die Big5 (minus Rückkehrer Italien) haben sich entgegen weitverbreiteter Annahme demnach nicht durch den Juryeinfluss verbessern können. Dazu könnte man im Falle Spaniens auch noch argumentieren, dass man sicher lieber mit „eigener“ Leistung gepunktet hätte als einer ollen Tuntenballade aus schwedischer Werkstatt.

    Warum die Ergebnisse von 2007 und 2008 ungerechter gewesen sein sollen als die anderer Jahre (oder meinetwegen derer seit 2004), leuchtet mir nicht ein. Dass die „politisch falschen“ Länder (oder worauf beruht Dein Urteil?) vorne lagen ist kein sachliches Argument. Ich habe weiter oben schon gefragt, ob Du glaubst, dass sich die Fairness des votierenden Millionenpublikums innerhalb eines Jahres irgendwie erheblich ändern würde. Die Ergebnisse 07/08 waren genauso berechtigt wie die von 2010 oder 2006. Gerade 2007 haben es nebenbei die qualitativen/originellen Beiträge weit nach oben geschafft.

    Natürlich hatte die Türkei (genau wie Marokko und mit Abstrichen auch Griechenland und Zypern) zu reinen Juryzeiten praktisch keine Siegchancen. Das spricht GEGEN die Jurywertung und beweist von welchen Ressentiments Jurys durchsetzt waren (und es noch immer sind). Erst mit dem Televoting bekamen politisch unpopuläre Länder überhaupt die Möglichkeit zu gewinnen.

    Auf „knapp 30“ komme ich, wenn auch noch die absteigen würden, die von der „Jury“ regelmäßig gedisst werden. Ich denke nebenbei auch nicht, dass der Grand Prix sterben wird, wenn man die „Jury“ weiterbeibehält, aber ich hatte bisher immer den Eindruck bzw. wurde das von Sietse Bakker auch in den Jahren der Finanzkrise immer so betont, dass die EBU ein komplettes Teilnehmerfeld anstrebt.
    Auf lange Sicht halte ich den demokratisch(st)en Weg für den für den ESC am gesündesten. Und dass auch dieses System“irgendwann zu bröckeln anfängt, war nur eine Frage der Zeit.

  31. Die Aseris haben seit ihrer Ankunft beim ESC ganz massiv Manipulation betrieben, siehe die Abstimmungsergebnisse aus Malta in den letzten Jahren oder diese Zypern-Sache. Armenien hat innerhalb seiner Diaspora ebenfalls massiv Werbung betrieben – von Manipulation will ich da nicht sprechen, das kann auch einfach Mobilisierung gewesen sein. Ich behaupte nicht, dass das Publikum sich bewusst für oder gegen irgendwelche Länder entscheidet, aber die Ergebnisse von 2007 und 2008 waren der Grund für die Wiedereinführung der Jurys, also muss das irgendwelchen Westeuropäern ganz gewaltig nicht gepasst haben, was da lief. Andorra 07, anyone?

    Außerdem habe ich nirgendwo von „Verfälschungen“ gesprochen, leg mir also bitte keine Worte in den Mund. Ich habe von „Färbung“ gesprochen, und das war in einem Jahr, in dem nicht ein einziger klassischer ESC-Staat außer den Diasporakönigen Türkei und Griechenland auch nur an den oberen Rängen kratzen durfte (bester „westeuropäischer“ Staat damals war Finnland auf Platz 17), wohl nicht abzustreiten. Waren „Yassou Maria“, „Anytime you need“ oder gar „Fight“ so viel besser als „The Worrying Kind“ oder „Leave Me Alone“? (Von den drei letzten Plätzen in dem Jahr will ich nicht reden, die waren alle hochverdient.)

  32. Auch wieder falsch. Der ESC ist kein 1:1-Abbild der Charts und will es auch nicht sein. Gleichgewicht ist das Zauberwort.

    Und nebenbei: vergleich mal die türkische und die deutsche Stimmvergabe in den letzten Jahren, insbesondere zu reinen Televoting-Zeiten. Türken in Deutschland stimmen ganz anders ab als Türken in der Türkei (zum Leidwesen von Armenien und Aserbaidschan 😉 ).

  33.  Das Publikum hat im Finale keine Punkte an Estland gegeben, das lässt sich ableiten, weil es mit seiner Jury-10 ansonsten Russland überholt hätte (im 50/50). Jeder beliebte Beitrag kann es in die Top10 schaffen, ob mit oder ohne Diasporasupport.
    Und wenn die „Jury“ da ist, um für „leichte Kost“ zu stimmen, na dann gute Nacht!

    PS: Und NEIN, ich Nichteingewandeter hätte eher für die Türkei als Estland angerufen, auch wenn mir beide gut gefallen haben.

  34. 2007 war ein Grützjahrgang vor dem Herrn, und 2008 war noch schlechter. Dass da die wenigen Goldstücke aus der Karamellsoße herausragen, sollte überhaupt nicht verwundern. Und wie oben gesagt: „Fight“? „Yassou Maria“? „Shake it Up Shekerim?“ „Song #1“? In den Top 10? In welchem Bizarro-Universum leben diese Televoter bitte? Von den Ergebnissen des Semis gar nicht anzufangen, in dem es reihenweise die Westeuropäer geschrägt hat. Warum? So viel schlechter als sonst waren die Beiträge nicht (und die der Osteuropäer waren auch nicht so viel besser). Ich will nicht wieder vor dem Fernseher sitzen und alle 42 Wertungen blind mitsprechen können. Bitte, bitte nicht. Dann lieber reines Juryvoting – das ist wenigstens unberechenbar. Und ja, was den Unterhaltungswert der Sendung angeht, ist das für mich ein Kriterium, im Gegensatz zu „Gerechtigkeit“ oder „Demokratie“ (wie demokratisch ist das, wenn ein Isländer grob so zählt wie 166 Deutsche?).

    Wer sollen die zehn sein, die regelmäßig von den Jurys gedisst werden? Die Big Four der Diaspora, Russland, Ukraine, vielleicht Bosnien? Das macht sieben. Wer noch?

    Die Wertungsbilder sind interessant. Nichtsdestotrotz werden die Franzosen und Italiener das wahrscheinlich anders sehen, und sei es nur wegen der verhinderten Nullwertung für Anggun.

  35. „Besseres Beispiel: warum haben die ganzen Diaspora-Türken, die angeblich die Telefone heißlaufen lassen, 2011 nicht für Aserbaidschan angerufen?“

    Ich glaub das lag unter anderem auch daran, dass die Türken schon im Halbfinale rausgeflogen sind und keiner mehr das Finale in der ARD geschaut hat, da man ja nicht mehr für die Türkei mitfiebern konnte…

  36.  „Diese Musikjournalisten dürften bei einem möglichen Einsatz dazu
    angewiesen sein, Punkte an Lieder zu vergeben, die ihrer Meinung nach
    für die Charts am Besten geeignet sind.“

    Wenn ich mir Charts anhören möchte, schalte ich Viva oder MTV ein und nicht den ESC. Damit stehe ich sicher nicht alleine da. Den Einheitsbrei, den man dort vorgesetzt bekommt, ist i.Ü. auch in den seltensten Fällen wirklich „deutsch“.

  37. „Ich meinte damit, dass unsere Punktevergabe endlich wieder als eine eher deutsche als türkische zu erkennbar ist. Ich finde es schade, dass man hier zu schnell falsch verstanden wird…“

    Unsere Punktevergabe IST bereits deutsch. Sie ist ein Spiegelbild unserer deutschen Gesellschaft, zu der auch größere Einwanderergruppen aus der Türkei, aus Griechenland und aus Ex-Jugoslawien gehören. Und da man aus Deutschland nicht für Deutschland anrufen kann sind halt die Türkei oder Griechenland immer ganz vorne mit dabei. Das kann man ungerecht finden, ist aber nun mal so. Man muss es locker sehen, wir sind eines von über 40 abstimmenden Ländern beim Contest, so einen großen Verzerrungseffekt hat die deutsche Abstimmung dann doch nicht – zudem wird das Ganze dann partiell auch wieder durch „Gegenverzerrungen“ ausgeglichen – wir haben aus Österreich und der Schweiz in den letzten Jahren auch schon so manchen Extrapunkt dafür bekommen, dass Lena Lena war oder dass Stefan Raab Stefan Raab war. Oder man erinnere sich an den legendären Mallorca-Vote aus Spanien für Max Mutzke 2004.

    Im übrigen: viele meiner (deutschen) Freunde fanden Can Bonomo sehr cool. Oder Athena damals. Oder Hadise. Da rufen auch massig Deutsche für die Türkei an, so ist es ja nicht.

  38.  Dass die Ergebnisse von 2007 und 2008 Anlass für die Juryrückkehr waren, mag ja sein, aber ob die Unzufriedenheit (nur) musikalisch bedingt war, ist eine andere Frage. Vielleicht wollte „der Westen“ sich einfach nicht eingestehen, dass er mit dem bösen Ostblock nicht mehr mithalten konnte und verdient auf den Plätzen gelandet ist, auf die ihn *Gesamteuropa* hingeschickt hatte? Finnland und vor allem Schweden hatten in anderen Jahren offensichtlich keine Probleme, die TelevoterInnen für sich zu gewinnen, also werden die Beiträge wohl nicht herausragend gefallen haben. Persönlich kann ich weder die Begeisterung für Moldau (schade, beinah im Semi rausgeflogen) noch Andorra nachvollziehen, aber das ist nur mein Geschmack.
    Wäre die „Jury“ nach 2009 noch eingeführt worden, hätte man es dann nicht schon getan?

    Nun, die Malta-Aserbaidschan-Misere ist doch offensichtlich jurygeschuldet. Televotings mögen nicht 100%ig manipulationsdicht sein, aber generell dürfte es einfacher und sicherer sein, sich mit drei Jurymitgliedern oder dem Sendechef gutzustellen.

  39. Der „Song #1“ hat fast flächendeckend Punkte bekommen. Dass er Dir nicht gefällt ist ja legitim, aber dem europäischen Publikum deswegen vorzuwerfen, sie würden in einem „Bizarro-Universum“ leben, finde ich unerträglich. Ganz nebenbei: Hätte es damals schon eine „Jury“-Wertung gegeben, wäre er in dieser Wertung auf Platz 2 gelandet.
    2007 war das schwierige Jahr mit dem Monstersemi, das man ab nächstem Jahr zum Glück in zwei Halbfinals aufspalten sollte. Hätte man das damals schon so gehandhabt, wären wahrscheinlich auch westeuropäische Länder aus den Vorrunden ins Finale gekommen (sicherlich Portugal, Andorra, Island), wirklich etwas gerissen hätten die dort allerdings eher wenig.

    Die Top3-Wertungen lassen sich trotz „Jury“ doch noch blind voraussagen: die besteht i.d.R aus dem Führenden, (kulturellen) Nachbarn und Diaspora-Heimatländern, variierend nach Gesamttrend. Von seltenen Ausnahmen abgesehen. Wir können eigentlich sogar froh sein, dass die Wertungen stark national geprägt sind. Gäbe es diese Unterschiede nicht, würden die Top-10 jedes Landes ziemlich gleich aussehen. Heuer wäre es vielleicht wenigstens an der Spitze noch spannend geblieben, wenn sich die 10er und 12er an Russland und Schweden abgewechselt hätten. Aber 2005-2010 hätten „neutrale“ Punktevergaben aller Länder die ZuschauerInnen eher  zum vorzeitigen Abschalten bewegt.

    Von der „Jury“ in regelmäßigen Abständen gedisst werden: Armenien, Aserbaidschan, Belarus, Bulgarien, die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Griechenland, Holland, Lettland, Spanien (außer 2012 dank Schweden-Beitrag) und die Türkei.
    Die Ukraine ist dagegen nach Italien die größte Jury-Profiteurin. Wer hätte das gedacht?

  40.  Was die Qualität der Jahrgangs 2007 angeht, da scheiden sich unsere Geister. Für mich war es ein überaus starker Jahrgang, allerdings nur auf Seiten des Ostens.
    Wenn wir von den drei Ländern absehen, die sich mit einem 2-Semi-System qualifiziert hätten (Portugal ist übrigens mein einziger Favorit aus Westeuropa und ich ärgere mich heute noch über das knappe Ausscheiden, aber als besonders hochwertig würde ich es nicht einstufen), komme ich auf keinen westeuropäischen Beitrag des Semis, der die Finalqualifaktion auch nur ansatzweise verdient hätte. Die 90er-Eurotrash-Nummern aus Zypern, Holland und Österreich etwa? Die peinliche Transennummer aus Dänemark? Der Billigschlager für Norwegen oder der Klangbrei aus Estland? Nee, dagegen war selbst Moldaus Weiterkommen hochverdient.
    Von den Finalisten hätte Finnland womöglich näher an die Top10 kommen können. Na gut, reichte es eben nur für Rang 17. Im Jahr davor haben sie gewonnen. Deutschland war handwerklich nicht schlecht, aber für den gemeinen Europäer in etwa so appealing als wie alter Fisch. Schweden war ähnlich zu speziell/amerikanisch. Für den Rest (Spanien/England/Frankreich/Irland) war im Grunde jeder Punkt zu viel. Ok, Irland ist nett auf CD – auf der CD.

  41. Okay, ich hatte mir eigentlich vorgenommen, hier nicht mehr zu posten, weil ich mich doch nur unnötig aufrege – aber wo waren die vielen starken Songs aus Osteuropa 2007? „Molitva“, „Dancing Lasha Tumbai“, „Water“ und „Unsubstantial Blues“ gestehe ich zu – alles andere war langweilig, schon tausendmal da oder beides. Das genau ist mein Punkt – die Westeuropäer waren durchgehend schwach (bis auf Andorra), aber die Osteuropäer waren nicht so viel besser – jedenfalls nicht in dem Ausmaß, wie es das Scoreboard am Ende darstellte. „Fight“ gehört meines Erachtens in die Top 5 der unverdientesten Weiterkommer aller Zeiten, und die Konkurrenz für diese Liste ist wirklich hart, besonders, wenn man 1996 mitrechnet. Aber vielleicht ist das der Punkt – dir gefiel 2007, mir nicht, und keiner von uns beiden hat in irgendeinem Sinne „recht“ oder „unrecht“.

    Was an Glam Rock, einer britischen Erfindung, amerikanisch sein soll, muss mir bei Gelegenheit auch mal jemand erklären. Und lass den Hausherrn bloß nicht hören, wie schlecht du hier über „Drama Queen“ redest. 😉

    Die Niederlande, die so oder so nur 2012 ins Finale gekommen wären, als „von den Jurys gedisst“ darzustellen, ist reichlich fadenscheinig und dünn. Gleiches gilt für Lettland, das in den letzten drei Jahren nicht mal ansatzweise ins Finale gekommen wäre (zweimal Letzter im Semi spricht eine recht deutliche Sprache). Und im Fall der Diaspora-Profiteure ist das Dissen der Sinn der Übung. Das passt denen natürlich nicht, aber so ist es eben. Außerdem fehlt in der Liste ja wohl eindeutig Norwegen. 🙂

  42. Ja, aber nach der reinen Diaspora-Logik hätten diese Türken dann doch erst recht für das Bruderland einstehen müssen – es gab ja keine Konkurrenz aus der Heimat mehr. Aber genau das ist nicht passiert.

  43. Da im Zweifelsfall die Jurystimmen hinter denen der Televoter zurückstehen und Malta nur auf knapp über 300,000 Leute kommt, sind beide enorm leicht beeinflussbar, aber bei den Televotern lohnt die Arbeit eher.

  44. Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, was man an „Song #1“ findet, wenn man(n) nicht primär optisch konsumiert, sorry. Billiger, absolut glatt produzierter Girl-Band-Pop, der garantiert abgeschmiert wäre, wenn er nicht aus einem der größten Nachbarschafts-Profiteurs-Staaten gekommen wäre. Aber ich habe auch den zweiten Platz für „Shady Lady“ oder den dritten für „Secret Combination“ ein Jahr später bis heute nicht verstanden. Oder Platz 4 für „Angel“ 2011. Ich bin da manchmal ein bisschen komisch.

  45.  Ist klar, Russland hat ja auch 36 Nachbarländer…
    Das Auge hört immer mit, war auch 2010 so. Aber da stört’s dann auf einmal nicht. 😉

  46. „Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, was man an „Song #1″ findet, wenn man(n) nicht primär optisch konsumiert, sorry.“

    Ich auch nicht, aber da sind wir scheinbar in der Minderheit. Sererbro haben aus 36 von 41 abstimmenden Ländern Punkte bekommen. Ein eindeutiges Votum dafür, dass die Nummer europaweit angekommen ist. Wenn man den ESC schaut, muss man sich halt damit abfinden, dass sich der eigene Geschmack nicht zwangsläufig mit dem der restlichen Zuschauer deckt.

    2007 war übrigens Westeuropa genau so trashig wie der Osten, wenn nicht noch mehr. Großbritannien mit dieser abgelaufenen Flugzeug-Crew? Frankreich in Rosa mit der Katze um den Hals? Spanien mit ner Boyband von 1995? Belgien mit ner in Glitzer gehüllten Schnulz-Funk-Combo? Sorry, das war doch ein verkrampfter, pseudo-ironischer Totalausfall nach dem anderen… der Osten hat 2007 völlig zurecht dominiert. Vielleicht nicht, weil deren Beiträge so toll waren – sondern weil der Westen schlichtweg nur irrelevanten Müll geschickt hat, gesungen von Interpreten, deren Karriere im Heimatland schon längst am verwesen war.
    Der Osten war zwar teilweise auch käsig (Ukraine), aber auch stellenweise ambitioniert und interessant (Georgien, Bulgarien) und wenn schon das nicht, dann zumindest professionell präsentiert (Weißrussland).

  47.  Es ist alles Geschmacksache, aber so sind die Mehrheitsentscheidungen des Publikums. Du implizierst doch, dass Europa nicht für den Westen gestimmt hätte, weil es den Westen benachteiligen würde. Warum hatte es dann in allen andren 14 Televotingjahren (außer vllt. noch 2008 in kleinerem Ausmaß) keine Probleme damit, gute Beiträge aus dem Westeuropa nach vorne zu wählen? Weil die Ostmafia in einem Jahr beschloss, „böse“ zu sein (und dazu das Westpublikum gegen sich selbst aufhetzte?). Unfug. Man kann den eigenen Geschmack nicht zum paneuropäischen Maßstab erheben. Würde ich das tun, wäre z.b. Deutschland 2010 letzter geworden.
    Du wirst mich deswegen auch nicht dazu kriegen, „Fight“  zu verteidigen. Ich selbst noch einen Groll gegen das Lied, weil es sowohl im Semi als auch Finale welche meiner Top-Favoriten aus den Top10 verdrängt hat.

    Wegen des Glam Rock korrigiere ich mich, dann halt altmodisch, irritierend, wie auch immer.

    Holland wäre auch 2010 (fast) ins Finale gekommen, zumindest war es sehr viel besser als bei der „Jury“-Wertung platziert; in beiden Jahren bei sehr unglücklichen Semiauslosungen.
    Dass mit gezielten Dissen der Diasporaprofiteure mag sein, aber die müssen leider auch bei der Stange gehalten werden. Sonst heißt es: „Bye, bye“.

  48.  Ok, das Televoting mag in kleinen Staatenleicht manipulierbar sein. Bei Aserbaidschan/Malta bin ich mir jedoch sicher, dass da (auch) die Jury involviert ist. Wenn ich mir ansehe, von wem Malta noch so alles seine Stimmen bezieht, treiben sie es wohl nicht nur mit Aserbaidschanischen Juroren.

  49. Die 50:50-Methode ist schon eine gute Sache. Man  braucht sich ja nur ansehen, welche schwachsinnigen Ergebnisse bei reinem Televoting rausgekommen sind. (Ja, Diaspora-Voting ist dabei ein Problem und ja, gerade die Türkei hat davon immer profitiert.)

    Schade, daß TRT so ein Theater inszeniert. Die türkischen Beiträge der letzten Jahre waren oft wirklich gut. (Can Bonomo mal ausgenommen, der hat weh getan.) Aber lieber auf einen türkischen Song verzichten als sich den ganzen Contest wieder von reinem Televoting ruinieren lassen.

  50.  Danke. sehr geehrter Blogger !
    Mir ist es persönlich sehr schade um das Nicht-Dabei-Sein der Türkei – ich fand die Beiträge in all den Jahren (fast immer) andersartig, entweder hoch-retro oder super-neu, aber immer gut und meist mutig! Schade drum….

  51. Ein letzter Einwurf zu Serebro: Ja, da kamen Wertungen aus 36 Ländern, das stimmt. Aber interessant wird es, wenn man sich diese Wertungen mal genauer vornimmt.

    12 Punkte: Weißrussland, Armenien, Estland.
    10 Punkte: Ukraine (und das wohl auch nur, weil man die 12 Punkte über die Nordwestgrenze werfen konnte).
    8 Punkte: Griechenland, Türkei, Israel, Moldawien.
    0 Punkte: Österreich, Belgien, Albanien, Schweiz, Niederlande.

    Alle diese Wertungen außer der Türkei und Griechenland (und den Nullern) lassen sich aus meiner Sicht unter „Nachbarschaftsvoting“ – oder im Falle Israels unter „Diaspora“ – verbuchen. Kein westeuropäisches Land hat dem Lied mehr als sechs Punkte gegeben, und alle Nullwertungen außer der albanischen kamen aus Westeuropa. Es kam an, aber der dritte Platz war dennoch eine klassische Überbewertung – realistischer wäre ein Abschneiden um Platz 5-7 gewesen, wie es das mehr oder weniger freundlose Bulgarien in dem Jahr geschafft hat (Vierter war die Türkei, deren Lied besser ankam als in den Vorjahren, die aber auch massiv von ihrer Diaspora profitiert hat).

    Vielleicht hat sich das Bild auch einfach immer klarer gezeichnet, je mehr Länder dazukamen, denn die Neulinge kamen in den meisten Fällen (San Marino mal außen vor gelassen) aus Osteuropa (Moldawien 2005, Armenien 2006, Tschechien und Georgien 2007, Aserbaidschan 2008). Ein Land, das einem anderen immer die 12 Punkte gibt, ist hinnehmbar – aber da scheint irgendwann einfach eine kritische Masse überschritten worden zu sein, was von den (größtenteils mit grausigen Liedern angetretenen) Westeuropäern noch als tolerabel empfunden wurde. Das kann man deklassierend finden, vielleicht sogar rassistisch, aber so muss es gewesen sein, sonst hätte sich die EBU die Mühe mit den Jurys ja nicht gemacht. Vielleicht haben die Big Four die Verantwortung für ihr dauerhaft mieses Abschneiden an der falschen Stelle gesucht und sich Verbündete unter den permanent im Semi Gestrandeten gesucht.

  52. Nein. Ich impliziere gar nichts. Ich sage ganz offen, dass viele Televoting-Ergebnisse der osteuropäischen Länder nicht nur, aber auch als Gefälligkeiten unter Nachbarn durchgehen (oder als Meinungsäußerungen einer entsprechenden Minderheit im Lande), und dass besonders bei den Ergebnissen der Kaukasus-Staaten leider auch die Jurys wenig daran bewegt haben. Ich sage, dass die Televoting-Ergebnisse der Westeuropäer massiv von Diasporas beeinflusst waren (und auch heute noch sind). Das ist einfach so, und die Ergebnisse von 2007 und 2008 haben darauf ein Schlaglicht geworfen, weil in beiden Jahren zusammen genau ein Lied aus Westeuropa in die Top 10 kam („Hold On Be Strong“ 2008, dank einer Granate von Startplatz), ohne dass die Qualität der Lieder das ernsthaft gerechtfertigt hätte (wo war 2008 „Senhora do Mar“? „Divine“? „Missä miehet ratsastaa“? Und ja, sogar „Your Heart Belongs to Me“?). 2006 waren es drei, 2005 immerhin vier, wenn man Malta als Westeuropa zählt, und auf diesem Stand waren wir 2009 wieder.

    Außerdem bin ich der Ansicht, dass die Wiedereinführung des 50/50-Splits die Westeuropäer angespornt hat, es besser zu machen als in den düsteren Jahren des Televotings, weil sie (berechtigt oder nicht) wieder Licht am Ende des Tunnels sahen. Ich glaube, dass erst diese Änderung dazu geführt hat, dass insbesondere die Briten und die Franzosen wieder ernstzunehmende Künstler zum ESC entsenden (dass die Briten dann Leute wählen, die ihren Zenit vor mindestens 25 Jahren hatten, ist ein anderes Thema). Diese Leute hätten sich einem reinen Televoting nicht stellen wollen, und der ESC wäre deswegen ärmer gewesen – das x-te Castingshow-Sternchen anstelle von Jade Ewen? Die x-te obskure Band aus dem Nirgendwo anstelle von Patricia Kaas?

    Aber können wir uns vielleicht darauf verständigen, dass wir hier keinen Konsens finden werden? Du bist der Televoting-Verfechter, deutscheland ist der Jury-Prediger, ich stehe zwischen den Polen, und dabei belassen wir es vielleicht besser.

  53. Klar punkteten Serebro gut in den ehemaligen Sowjetstaaten, z.B. weil man dort auch noch russisches TV und russische Musik konsumiert. Die Stimmabgaben der nicht-russofonen Länder als Maßstab für eine „unverfälschte“ Stimmabgabe zu nehmen ist aber eine typische Milchmädchenrechnung, denn die sind ja genauso von kulturellen Einflüssen und Diasporastimmen geprägt. Wenn man konsequent Diaspora und Nachbarn ignorieren würde, wäre Russland in der irischen Wertung etwa auf Platz 1. Zumal waren Serebro und Koldun (Filip Kirkorow erwähne ich gar nicht erst) gerade zu frischgebackene Superstars am post-sowjetischen Musikhimmel augestiegen.
    Entschuldigung, aber es ist wieder diese unsegliche ignorante Doppelmoral, vom Ostpublikum ein total unvoreingenommenes Votum zu erwarten, und gleichzeitig der deutschen „Fachjury“ zu applaudieren, wenn sie bei zwei bis drei Promoauftritten (warum hat der Raab die nur eingefedelt?) 12 Punkte an den etwas zweifelhaften Beitrag des Bruderlands gibt. Übrigens lag das „freundlose Bulgarien“ in der 50/50-Wertung nur auf Rang 10, wogegen Russland sogar eine Position gutmachen konnte.

  54. Wie viele Beiträge aus Westeuropa auch immer 2007/2008 in den Top10 gelegen haben mögen, Fakt ist doch nunmal, dass das gleiche Publikum in den Jahren zuvor und danach keine Probleme damit hatte, ein ausgewogenes oder sogar den Westen begünstigendes Verhältnis im Endergebnis zu schaffen. Also muss die Qualität, oder besser gesagt, der Appeal, das schon gerechtfertigt haben. Ob Du oder ich andere Favoriten hatten, die wir stattdessen gerne oben gesehen hätte, spielt keine Rolle. Portugal 2008 z.B. war klassisches Fanfutter (erhabene Diva singt dramatische Ballade), und überhaupt konnte Portugal sich noch NIE auf die Jurys verlassen. Portugals Chancen als Grund für die Jurywiedereinführung ist wohl ein schlechter Witz.
    Außerdem, das sollte man bedenken, wenn man die Grenzen Westeuropas strikt definiert, kommen auch weniger als ein Drittel der Gesamtteilnehmer daher. 4/10 wäre bereits ein stattlicher Anteil.
    Es ist auch schwer zu leugnen, dass der ESC im Osten und Skandinavien (ernstzunehmender Wettbewerb, vgl. mit Sporttunieren) eine andere Stellung hatte (und immer noch hat) als im übrigen Europa (altbacken, gay, …). Und sehen wir von Deutschland dank Raab einmal ab, soo viel geändert hat sich seitdem nicht. Dass die Erfolgsbilanzen auf lange Sicht unterschiedlich sind, ist doch nur fair.

    Was ist Jade Ewen dann, wenn kein x-tes Castingshow-Sternchen? Gut, Andrew Lloyd Webber ist sicher keins, jedoch hat man das seiner ideenlosen Auf-Nummer-Sicher-geh-Disney-Ballade schwer angemerkt. Mit Platz 10 in dem starken Jahrgang war Europa noch gnädig genug. Blue, und selbst Engelbert dagegen hätte es sehr gut getan, unter 100% Televoting teilzunehmen. Die primär von den westlichen Televotern verschmähte Patricia Kaas hätte es vielleicht nicht gegeben; ja, mein Gott, dann eben nicht! Andersherum glaube ich nämlich, dass die „Jury“-Mitbestimmung eher negativen Einfluss auf die Beitragswahlen der meisten Sender, v.a. aus Osteuropa, hatte. 2010 und 2011 gab es ja fast überhaupt nichts Mutiges, Ethnisches oder Experimentelles mehr, stattdessen Unmengen an Blümchenpop und femininen Powerballaden.

    Ich bin eigentlich kein Verfechter des Televotings, zumindest nicht so lange die Anrufe pro Anschluss auf einen vernünftige Zahl begrenzt werden. Aber dieses undemokratische, kulturrassistische, korrupte und intransparente „Jury“system muss weg. Da hat die TRT nunmal Recht und ich unterstütze sie in ihrem Entschluss voll und ganz.

  55. Quelle für die 50/50-Wertung für 2007?

    Nebenbei habe ich der sogenannten Fachjury mit keinem Wort für die deutsche Bewertung Österreichs applaudiert – klarer Fall von Nachbarschaftsvoting, ohne jede Frage. Aber Hauptsache, man hat das Gefühl, einen Punkt gemacht zu haben, nicht wahr?

    Ignorante Doppelmoral? Wo habe ich bitte ein unvoreingenommenes Votum eingefordert? Kein Land stimmt unvoreingenommen ab, und genau deswegen wurden die Jurys wieder eingeführt (wie das geklappt hat, darüber kann man streiten). Ich habe Feststellungen getroffen, keine Forderungen erhoben – mit den Zahlen kann man, wenn man sie nur ein bisschen aufbereitet, nahezu alles (und das Gegenteil) beweisen.

    Ich hab jetzt jedenfalls genug von dieser Debatte. Wie schon erwähnt, werden wir hier auf keinen gemeinsamen Nenner kommen, und da keiner von uns beiden bereit ist, sich auch nur einen Fingerbreit zu bewegen, hat die ganze Sache keinerlei Sinn. Wenn ich mich mit Leuten wochenlang ohne Ergebnis über letztendlich bedeutungslose Dinge streiten will, diskutiere ich online über „gutes Rollenspiel“ oder das Regelsystem von DSA, aber den ESC lasse ich mir davon nicht verderben. Schönen Tag noch.

  56. 01. Serbien
    02. Russische F.
    03. Ungarn
    04. Ukraine
    05. Belarus
    06. Deutschland
    07. Griechenland
    08. Lettland
    09. Georgien
    10. Bulgarien
    11. Moldau
    12. Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien
    13. Bosnien und Herzegowina
    14. Türkei
    15. Schweden
    16. Slowenien
    17. Armenien
    18. Finnland
    19. Spanien
    20. Rumänien
    21. Frankreich
    22. Litauen
    23. England (VK)
    24. Irland

    http://eurovision.blog.ndr.de/2008/05/19/mit-jury-ware-roger-cicero-voriges-jahr-sechster-geworden/

    Ich war womöglich zu pauschalisierend und habe mich auch nicht konkret auf Dich, sondern die „Jury“-Befürworter im Allgemeinen bezogen (sry, wenn das falsch rüberkam), trotzdem: wer es befürwortet, oder zumindest nicht ablehnt, dass 200 durchgedrehte Schwestern mit gleicher Power einfach Mal gegen einen ganzen Kontinent anvoten, weil er meint, das Ergebnis würde dadurch fairer, der muss sich auch „unpassende“ Gegenfakten auftischen lassen. So wie den „Jury“-Gegnern bekanntlich auch kein Halt vor den Diasporazahlen gemacht wird. 😉 Letztere sehe ich im Übrigen auch als Problem, falls das nicht deutlich geworden sein sollte. Dennoch legen die Punkte an Russland auch nichts weiteres zu Grunde als:
    – Ländervotes sind von kulturellen Gemeinsamkeiten und Diaspora durchsetzt
    – oben landen immer die, die am flächendeckendsten Gefallen finden.
    Viel mehr Interpretationsspielraum gibt es eigentlich nicht.

    Zu guter Letzt habe ich die Diskussion auch nicht als so unangenehm empfunden, wie es bei dir zu sein scheint (und das tut mir Leid). Ich bin nicht in erster Linie ESC-Fan, weil ich die Musik so unbeschreiblich geil finden würde, viel mehr eigentlich wegen des Drum und Drans, dazu gehört der Meinungsautausch, Prognosen abzugeben, EBU-Politik zu verfolgen, etc. Auch wenn ich mir diese Debatte konkret, das ist klar, natürlich gerne schenken würde.

Oder was denkst Du?