Liveblog: Die große Entscheidungsshow

Heute Abend will die Schweiz ihren Beitrag für Malmö finden. Neun Kandidaten stehen bereit. Und es geht los!

Sven Ephipany begrüßt uns in dieser lustigen Sprache, von der ich beim besten Willen nur jedes vierte Wort verstehe. Und wieviel hat die deutsche Elektrokette Saturn eigentlich ans Schweizer Fernsehen gezahlt (oder umgekehrt), damit die deren CI-Schrifttype für ihre Vorentscheidung nehmen?

Vorstellung der fünfköpfigen, nicht stimmberechtigten, internationalen Jury: lauter Schweizer/innen mit doppelter Staatsbürgerschaft mit italienischem, türkischem, schwedischem und serbischem Migrationshintergrund. Mal abgesehen davon, dass Jurys grundsätzlich böse sind: schöne Idee!

Natürlich muss der türkischstämmige Juror zum Rückzug der Türkei beim ESC Stellung nehmen. Er meint, in der Türkei wäre es „heute so und morgen wieder anders“, das letzte Wort noch nicht gesprochen. Als Vertreterin des „nördlichsten Kantons (der Schweiz,) Deutschland“ hat jetzt die fabelhafte Hella von Sinnen als Jurypräsidentin ihren Aufritt. Stimmung im Saal.

Und schon geht’s los mit dem ersten Beitrag! Dankenswerterweise diesmal wieder alle Nummern in voller Länge, nicht wie beim letzten Mal auf zwei Minuten gekürzt, damit die Juroren um so länger labern können…

01. AllyCatch me

Die Tessinerin bringt eine ziemliche gurkige Cabaret-Nummer. Für sie wären die zwei Minuten vielleicht besser gewesen: je länger sie singt, desto mehr geht die Show den Bach hinunter. Katzengesänge zu dröger Musik. Und bumms ist das Lied vorbei. 1/10 Punkten.

02. Chiara DubeyBella sera

Ebenfalls aus dem Tessin kommt die Vorjahresdritte Chiara. Sie präsentiert eine zerbrechliche, italienisch gesungene Ballade – und das im kleinen Schwarzen und mit Charlie-Chaplin-Hütchen! Die großen hohen Töne in der Mitte tun dann aber ziemlich weh beim Hören. Am Schluß hörbar erleichtertes Ausatmen: puh, geschafft! Der Saal geht steil, da hat man wohl mitgelitten. 3/10 Punkten.

Nun darf der (sehr schnucklige!) italienische Juror Chiaras Lied über den grünen Klee loben. Mit einer Clipshow italienischer und serbischer Beiträge wird auf den serbischen Juror übergeleitet. Selbstverständlich grätscht Hella, die alte Aufmerksamkeitssüchtige, sofort rein und outet Marija Šerifovic für die ja doch meist etwas langsameren Schweizer als Lesbe. Ihr Jurorkollege berichtet, dass sich die Situation für Schwule und Lesben in Belgrad seit dem ESC dort verschlimmert hat und nicht verbessert. Das macht nicht nur Hella „ein bisschen traurig“.

03. CarrouselJ’avais rendez-vous

Es folgt mein Lieblingssong des Abends aus der französischen Schweiz. Mit Akkordeon und einer Schreibmaschine als musikalisches Instrument – meines Wissens ein Novum beim Grand Prix. Der bärtige männliche Teil des Duos sieht leider deutlich besser aus, als er singt. Trotzdem: wunderschöne Nummer. 7/10 Punkten.

04. Anthony BigheadDo the monkey

Der Zürcher Privat-TV-Moderator Anthony spaltet mit seiner Spaßnummer offensichtlich das Publikum: deutlich hörbare Buhrufe schon vor seinem Auftritt nur bei Erwähnung seines Namens. Dabei ist sein Beitrag nicht sonderlich originell: drei schlecht rappende Jungs in Affenkostüme, zwei als Bananen verkleidete weibliche Backings für den gesungenen Refrain. Eine alberne Choreografie. Das ist alles so… Neunziger. Aber in der Schweiz war man ja schon immer etwas hintendran. 3/10 Punkten.

Hella lobt Anthonys Affenkostüme und die Choreografie als „stimmig“ und outet sich als Funk-Fan. Passenderweise wird eine Clipshow mit schrägen ESC-Auftritten eingespielt. Damit will man das müde Affentheater ernsthaft vergleichen? Ohje, Schweizer, ihr lernt es nie, oder?

05. Heilsarmee You and me

Jubel hingegen vorab schon für den von Vielen als Sieger getippten Heilsarmisten. Der Liveauftritt kackt aber gegen das Vorschauvideo deutlich ab, nicht zuletzt, weil sich die Kamera zu sehr auf den Leadsänger fokussiert und das David-Beckham-Double an der Gitarre im Hintergrund belässt. Die Nummer ist cheesy und schlagerhaft, aber irgendwie fehlt der Funke. Hella lobt die Nummer als „das Beste, was sie je von der Heilsarmee gehört“ habe, erwähnt aber mit keinem Wort, wie homophob die dahinterstehende kirchliche Organisation ist. Da bin ich jetzt doch von ihr enttäuscht. 4/10 Punkten.

06. Nill KlemmOn my way

Der Rätoromane macht eigentlich alles richtig: eingängiger Song, angenehme Präsentation, lustig tanzende Frauen im Hintergrund, kein falscher Ton. Eine runde Nummer alles in allem. So richtig packend ist das aber auch nicht. Füllmaterial fürs Semi. 4/10 Punkten.

07.  MelissaThe point of no return

Melissa pullt eine Rebeka Dremjl und kommt mit zwei Tanztunten an der Hundeleine auf die Bühne, trägt aber immerhin ein etwas dezenteres Kleid. Der Auftritt passt zum futtigen Eurodancetrash, wie ich ihn beim ESC immer wieder gerne sehe und höre. Auch wenn wir das alles schon sehr viel besser gesehen haben. Melissa singt grausam, das Publikum rastet aber komplett aus. Da scheint doch die ein oder andere klassisch geprägte Eurovisionstucke im Studio zu sitzen. 6/10 Punkten.

08. Nicolas FraissinetLève toi

Und da kommt die große Klavierballade des Abends. Denke ich die ersten 20 Sekunden, dann setzt ein lauter Maschinenbeat ein, der wohl über die Schwächen des Refrains hinwegtäuschen soll. Dennoch wird die Nummer nach nur einer Minute langweilig. 2/10 Punkten.

09. Jesse RitchForever and a day

Letzter des Abends ist der DSDS-Dritte Jesse Ritch. Gute Güte, wo hat der Mann nur diesen schlimmen Las-Vegas-in-den-Fünfzigern-Anzug her? Eine sich aus einer Box windende Schlangenfrau mit glitzerndem Notenschlüssel aus dem Rücken soll wohl von der unterirdischen Drögheit seines Songs ablenken, bleibt aber auch das Interessanteste des gesamten Auftritts. Gähn. 1/10 Punkten.

Nun wird die Jury nach dem vermuteten Abstimmungsverhalten der dort repräsentierten Länder befragt. Rebeka-Klon Melissa erhält die meisten Erwähnungen, Hella gibt das deutsche Votum an den unlustigen Anthony Bighead und an Jesse Ritch, dem sie, wie einstmals Marius Müller-Westernhagen einer gewissen Lena Meyer-Landrut, „Starqualitäten“ bescheinigt. Kann man sich sicher drüber streiten, immerhin stellt das diesjährige Eurovisionspanel einen deutlichen Fortschritt gegenüber der letztjährigen Schwätzerbude dar. Da hat das Schweizer Fernsehen doch dazu gelernt.

Nach einer prolongierten Werbepause, Schnelldurchlauf und Greenroom-Schalte müssen wir nun auch noch SinPlus als Pausenact ertragen, die ihre neue Single vorstellen. Der süße Gitarrist trägt die Haare jetzt ein bisschen länger, was bei ihm durchaus sexy aussieht. Täusche ich mich oder hat sich auch die englische Aussprache verbessert? Ihr Stadionrock bleibt dennoch überflüssig. Besser hingegen ein witzig gemeinter und tatsächlich auch witziger Beitrag über die Gemeinsamkeiten zwischen der Schweiz und Schweden, die ja beim Grand Prix auch gerne mal miteinander verwechselt werden, gerade von Punkteansagern aus dem südeuropäischen Raum.

Unter die letzten Drei kommt erwartungsgemäß die Heilsarmee, erstaunlicherweise Jesse Ritch sowie, am allererstaunlichsten, meine Lieblinge Carroussel. Affenmann Anthony Bighead ist damit ebenso draußen wie die Juryfavoritin Melissa!

Und der Sieger ist…

die Heilsarmee!

Nachtrag: die offiziellen Ergebnisse des Schweizer Televotings

1. Heilsarmee mit „You and me“ (37.54%)

2. Carrousel mit „J’avais rendez-vous“ (17.26%)

3. Jesse Ritch mit „Forever & A Day“ (11.75%)

4. Melissa mit „The Point Of No Return“ (9.72%)

5. Chiara Dubey mit „Bella sera“ (9.04%)

6. Nicolas Fraissinet mit „Lève-toi“ (6.55%)

7. Anthony Bighead mit „Do The Monkey“ (5.66%)

8. Nill Klemm mit „On My Way“ (1.69%)

9. Ally mit „Catch Me“ (0.79%)

Das ist ein sehr deutlicher Sieg für die Heilsarmee und eine sehr deutliche Klatsche für den zweiten Favoriten Anthony Bighead.

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