Ers­ter Super­sams­tag 2013: Men­schen, Mons­ter, Muta­tio­nen

Ein ereig­nis­rei­cher Euro­vi­si­ons­sams­tag liegt hin­ter uns: neben den Ent­schei­dun­gen in Island und Mal­ta lie­fen ges­tern Abend noch Semi­fi­na­le in nicht weni­ger als drei Län­dern. Von den Fans mit der größ­ten Span­nung erwar­tet: die Auf­takt­run­de des schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len, mode­riert vom zwei­ma­li­gen Fina­lis­ten Dan­ny “In the Club, the Club, oh-oh” Sau­ce­do, der die Gele­gen­heit scham­los nutz­te, uns mit dem Anblick sei­nes ent­blöß­ten, durch­trai­nier­ten Ober­kör­pers zu erfreu­en. Sehr gut! Mit David Lind­gren, Trä­ger eines gel­ben Ein­steck­tuchs, gewann dann auch einer sei­ner musi­ka­li­schen Nach­fah­ren das ers­te Semi aus Karls­kro­na, der Hei­mat des berühm­ten Aldi-Bie­res. Auch wenn der smar­te Anzug­trä­ger David weni­ger Mus­keln prä­sen­tier­te, teilt er sich mit Dan­ny doch die Vor­lie­be für wei­ße Turn­schu­he, aus­ge­feil­te Cho­reo­gra­fi­en und gei­le Dance­floor­knal­ler (gar auch für Water­sports?). Aller­dings dürf­te ‘Sky­line’ nicht halb so gut klin­gen, wenn die schät­zungs­wei­se 90% Chor­stim­men vom Band weg­fal­len, die beim MF im Gegen­satz zum Euro­vi­si­on Song Con­test lei­der erlaubt sind.


Mit dem bezopf­ten Tän­zer wür­de ich das mit dem Ein­steck­tuch auch mal… okay, TMI. Sor­ry.

Als sei er mit sei­ner Juro­ren­tä­tig­keit bei DSDS nicht aus­ge­las­tet genug, schlich sich zudem Tokio-Bor­dell-Front­mann Bil­ly Kau­litz unter dem Tarn­na­men Yohio ins MF ein, wo er mit ‘Heart­break Hotel’ (nicht ver­wandt mit dem von Jury­bud­dy Die­ter Boh­len einst für C.C. Catch geschrie­be­nen Titel) über­ra­schend den zwei­ten Rang beleg­te. Lus­ti­ges Detail am Ran­de: die iri­schen ADHS-Zwil­lin­ge Jed­ward, die für SVT die Out­fits der Teil­neh­mer modisch kom­men­tier­ten, hiel­ten Yohio, gar nicht mal unver­ständ­li­cher­wei­se, für ein Mäd­chen! Die bei­den Genann­ten sind somit schon mal im Fina­le, anders als bei­spiels­wei­se Anna Jär­vi­nen, einer zu glei­chen Tei­len ver­härmt wie ver­wirrt wir­ken­den Frau mitt­le­ren Alters, die in einem sack­ar­ti­gen Schlaf­an­zug eine wei­ner­li­che Kla­ge über ver­mut­lich zer­bro­che­nes ‘Por­s­lin’ anstimm­te und ins­ge­samt wirk­te, als sei sie gera­de aus der Geschlos­se­nen Abtei­lung getürmt. Das war ein wenig gru­se­lig.


Fei­ert ein modi­sches Come­back: die MC-Ham­mer-Hose

Nicht ins Fina­le schaff­te es auch die turm­fri­sier­te Mary N’diaye, die mit dem leicht repe­ti­ti­ven Afro-Dance-Schla­ger ‘Gosa’ sehr deut­lich auf den Spu­ren von Stel­la Mwan­gi (NO 2011) wan­del­te. Womit wir dann auch wun­der­bar den Bogen zum nor­we­gi­schen Melo­di Grand Prix geschla­gen hät­ten, des­sen drit­tes Semi eben­falls ges­tern Abend statt­fand (und wo es auch wie­der einen afri­ka­ni­sier­ten Tanz­flä­chen­fül­ler des sel­ben Autoren­teams gab). Dort regier­te der Schla­ger in unter­schied­lichs­ten Aus­for­mun­gen. Sie­ger die­ser Vor­run­de wur­de näm­lich ein besin­nungs­lo­ser Bal­ler­mann­schla­ger namens ‘Bom­bo’, zu ver­or­ten irgend­wo zwi­schen ‘Ven a bailar con­mi­go’ (NO 2007) und ‘La His­te­ria’ (deut­scher Vor­ent­scheid 2008) und von der knapp geschürz­ten Blon­di­ne Ade­lén, gewis­ser­ma­ßen der Enke­lin von Guri Schanke, stel­len­wei­se mehr vor­ge­brüllt als gesun­gen.


Süd­län­di­sche Lebens­freu­de vom nor­di­schen Reiß­brett: eine Bim­bo singt Bom­bo

An zwei­ter Stel­le folg­te ein Zir­ku­sact mit dem pas­sen­den Namen Sir­kus Eli­as­sen: zwei jun­ge, ober­kör­per­frei umher­hüp­fen­de Her­ren (lei­der nicht ganz so durch­trai­niert wie der bereits ein­gangs erwähn­te Dan­ny Sau­ce­do) in Beglei­tung von vier tan­zen­den Plüsch­ha­sen. Auch ihr ‘I love you te quie­ro’ spiel­te mit Spa­ni­en­kli­schees, klang aber eher nach bis­lang unver­öf­fent­lich­tem Mate­ri­al aus der Modern-Tal­king-Kol­lek­ti­on. Nicht ins MGP-Fina­le schaff­te es hin­ge­gen die Grup­pe Goth­mi­nis­ter, die mit einer hübsch gestal­te­ten Zom­bie-Show zu ihrem lei­der etwas len­den­lah­men Gothic-Schla­ger ‘Uto­pia’ dem von Lor­di (FI 2006) geeb­ne­ten Weg folg­ten. Viel­leicht klappt’s ja doch irgend­wann noch mal und wir sehen rich­ti­gen Hard­rock im MGP, nicht bloß immer die schla­ge­ri­sier­te Vari­an­te.


Hal­lo­ween war doch schon!

Bleibt zu guter Letzt die unga­ri­sche Vor­ent­schei­dung A Dal, von der ges­tern Abend ange­sichts der zeit­gleich lau­fen­den Kon­kur­renz wohl nie­mand Notiz nahm. Außer dem stets ver­läss­li­chen Roy Del­anay, der für uns die – wenig über­ra­schend – aus­ge­schie­de­ne Trash­per­le ‘Neon­zöld’ der Elek­tro­kap­pel­le Back­ground (oder umge­kehrt – völ­lig egal) fand: ein ech­tes Gesamt­kunst­werk, bei dem das Gesam­te mehr aus­macht als die Sum­me sei­ner Ein­zel­tei­le. Als da wären: eine blon­dier­te Sän­ge­rin mit einer explo­dier­ten Dau­er­wel­le, die aus­sieht, als käme sie gera­de von den Dreh­ar­bei­ten zu einem Film, der im Stra­ßen­strich­mi­lieu Buda­pests zu Beginn der Acht­zi­ger Jah­re spielt. Und die durch die Gegend stakst, als habe sie zu vie­le Pil­len ein­ge­wor­fen. Ein Refrain, der eigent­lich nur aus einem gestot­ter­ten “Oh-oh-oh-oh-oh-oh-oh” besteht und sich anhört, als habe sich die Fest­plat­te auf­ge­hängt. Sowie wir­re Elek­tro­beats und -riffs, die per­ma­nent eine Sekun­de neben der Gesangs­spur her­lau­fen. Mit ande­ren Wor­ten: ein Unfall der Güte­klas­se A!


Wie ein Storch im Salat

8 Gedanken zu “Ers­ter Super­sams­tag 2013: Men­schen, Mons­ter, Muta­tio­nen

  1. Ich fin­de, Schwe­den hat in der ers­ten Run­de alles rich­tig gemacht. Sky­line war nicht schlecht und erwart­bar wei­ter und Heart­break Hotel war mein Favo­rit der Run­de. So kann es ger­ne wei­ter­ge­hen.

  2. Yohio war ein Mann????

    Also das ers­te Melo­di­fes­ti­va­len-Halb­fi­na­le fand ich rich­tig gut. Freu mich schon auf nächs­ten Sams­tag. Ich hof­fe, dass wir sowas auch in Deutsch­land krie­gen, viel­leicht klappt das ja schon 2014.
    Nur wäre es dann wün­schens­wer­ter, wenn der kom­plet­te Gesang live wäre!

    Scha­de, dass es kei­ne zwei Mode­ra­to­ren beim ESC 2013 gibt. Gina und Dan­ny hät­ten das bestimmt gut gemacht. Gina sieht ver­dammt gut aus und Dan­ny wäre bestimmt was für die schwu­len Zuschau­er gewe­sen, die bestimmt kei­ne Freu­de am ESC 2012 hat­ten aber hof­fent­lich sel­bi­ge 2013 haben wer­den.

    Und den Tee­nie-Mäd­chen hät­te das sowie­so gefal­len.

    12 Punk­te für den Eröff­nungs-Act übri­gens!

  3. Von wegen Super­sams­tag. Das war ja größ­ten­teils eine wirk­lich trau­ri­ge Geschich­te:

    Die Nor­we­ger hat­ten eigent­lich durch­aus recht gute inter­es­san­te am Start, haben es aber unver­ständ­li­cher­wei­se geschafft, gera­de die­se zu eli­mi­nie­ren. Gau­te mag ich zwar über­haupt nicht, aber er kann wenigs­tens sin­gen. Der zwei­te und ert­se Platz dage­gen ist ja völ­li­ger Total­schrott! Das führt dazu, dass nun mein Favo­rit für Fjell­folk gewor­den ist! So weit muss­te es doch nicht kom­men.

    Gernau­so scheint es jetzt auch in Schwe­den los­zu­ge­hen. Hier­ha­ben Coo­kies ‘n’ Beans wenigs­tens noch einen zwei­te-Chan­ce-Schein bekom­men, die bei­den Erst­plat­zier­ten sind ja grau­sam.

    Island. Was soll ich sagen. Hier waren in bei­den Halb­fi­na­les wirk­lich gute Bei­trä­ge vor­han­den, und offen­bar ging es dar­um, gera­de die­se zu eli­mi­nie­ren. Von den im Fina­le Ver­blie­be­nen haben mir eigent­lich nur noch Bir­git­ta Hauk­dal und Jog­van Hansen/Stefania Sva­vars­dot­tir so rich­tig gefal­len, Magni ging auch noch. Im Super­fi­na­le stand dann tat­sä­chich sogar der aller­schlech­tes­te Bei­trag von allen (Unnur). Zum Glück hat sich dann Eythor durch­ge­setzt. Auch der kann wenigs­tens sin­gen, aber das Stück ist ster­bens­lang­wei­lig. Kei­ne Chan­ce in Mal­mö.

    Mal­ta: hier war ja von Anfang an nichts so rich­tig Tol­les unter­wegs. Dass dann aber lau­ter sol­che Jün­gel­chen die ers­ten 3 Plät­ze beleg­ten, fin­de ich aber schon merk­wür­dig. Da gab es wahr­lich Bes­se­res. Stim­men in Mal­ta eigent­lich nur weib­li­che Tee­nies ab?
    Schau­der.

    Ein­zi­ger Licht­blick des Abends war Ungarn. Die Qua­li­tät war ins­ge­samt recht hoch, und hier gab es zum Glück eine ech­te Fach­ju­ry, die die wirk­lich bes­ten Bei­trä­ge schon mal gesi­chert hat, bevor das dum­me Tele­wahl­volk dran­kam. Hof­fent­lich geht das so wei­ter. Der Bonus für die Erst­plat­zier­ten (deren Bei­trag ich schon etwas schmal­zig fand) ist mei­ner Mei­nung nach ein wenig zu hoch aus­ge­fal­len, aber Haupt­sa­che Ildiko Keres­z­tes (kommt m.E. durch­aus an Patri­cia Kaas her­an) ist noch dabei. Freue mich auf wei­te­re Fol­gen aus Ungarn.

  4. @ Auf­recht­gehn:
    Dan­ke für den Link zu den Hanky-Codes, dann war mein spon­ta­ner Tipp, rechts wäre aktiv ja falsch. Soll nie­mand sagen, man wür­de auf dei­nen Sei­ten nichts ler­nen.^^

  5. Ich wür­de YOHIO eher als Büb­chen bezeich­nen. 😉

    Lus­tig auch die gan­zen tech­ni­schen Pan­nen (Schnell­durch­lauf, zwei­ter Fina­list zu früh auf der Lis­te her­vor­ge­ho­ben), da freut man sich schon rich­tig, was einen dann beim ESC in Mal­mö erwar­tet. Schein­bar wird die­ses Jahr auch an guten Tech­ni­kern und/oder guter Tech­nik gespart.

  6. @ Auf­recht­gehn:
    Ach, noch etwas. Es ist nicht gesagt, dass David das ers­te Semi gewon­nen hat (auch wenn es zu ver­mu­ten steht, ande­rer­seits weiß man ja nie). Letz­tes Jahr wur­de u.a. Dan­ny Sau­ce­do in sei­nem Semi als letz­ter auf­ge­ru­fen, obwohl er es klar gewon­nen hat­te. Das wird wohl zufäl­lig bekannt gege­ben. So zufäl­lig es bei einem Chris­ter Björk­man eben sein kann. Auch die Wiki­pe­dia-Arti­kel lis­ten bei­de als “1/2” (eng­lisch) bzw. “1” (schwe­disch).

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