Eurovision 2013: diesmal zählt alles

Logo ESC 2013 2. SemiIn all der Aufregung über die freihändige Startplatzvergabe ging es ein wenig unter: aber auch bei der Ergebnisermittlung stehen 2013 Veränderungen an. Zählte beim Ländervoting bislang die Top Ten der Jury und des Televotings zur Hälfte, so werden ab diesem Jahr sämtliche Plätze berücksichtigt. Nehmen wir als Beispiel das deutsche Voting: in der Vergangenheit erhielten die zehn Beiträge (aus 26 im Finale bzw. 16 bis 20 in den Semis) mit den meisten Anrufen Punkte, nach dem bekannten System 1 – 2 – 3 – 4 – 5 – 6 – 7 – 8 – 10 – 12. Wer bei den deutschen Zuschauern auf Platz 11 landete, erhielt nichts. Wer auf Rang 24 landete, auch nicht: ein Abschneiden unterhalb von Platz 10 war also für das Ergebnis egal. Selbiges Verfahren wurde für die Jurywertung praktiziert, beide Teilergebnisse zusammenaddiert und daraus wiederum die deutschen Länderpunkte errechnet.

Ab diesem Jahr läuft es anders, wie den veröffentlichten EBU-Regeln (Punkt 1.1.3) eindeutig zu entnehmen ist: bis auf den Beitrag des eigenen Landes werden diesmal alle (dann noch 25) Eurovisionsbeiträge in absteigender Reihenfolge der Zuschauerstimmen gelistet. Der Publikumsfavorit erhält also (virtuelle) 25 Punkte, der Publikumszweite (virtuelle) 24 Punkte und so weiter. Das selbe Ranking erfolgt für die aufaddierten Stimmen der nationalen Jury: auch hier erhält der Favorit (virtuelle) 25 Punkte und das Lied, das die Juroren hassen, nur einen. Diese beiden Einzelergebnisse werden zusammengezählt, und die zehn Titel mit der höchsten (virtuellen) Gesamtpunktzahl erhalten nach bekanntem Muster wieder (echte) 1 bis 12 Punkte. Vergleichbares gilt für die beiden Semis, nur dass hier bekanntlich keine 26 Lieder zur Wahl stehen, sondern 17 im ersten und 16 im zweiten Semi. Die virtuelle Höchstpunktzahl ist also 16 Zähler für einen Favoriten, ansonsten ist das Verfahren das gleiche.


Kann auch Spaß machen: das Voting

Verwirrt? Wir machen’s mal am Beispiel. Sagen wir mal nur zum Spaß, ‚Alcohol is free‘ von Koza Mostra erhielte im zweiten Semi, wo wir stimmberechtigt sind, bei uns zu Hause die meisten Zuschaueranrufe. Sagen wir weiter, immer noch nur zum Spaß, die deutschen Juroren hassten dafür den Titel und verbannten ihn auf den letzten Platz. Das wären virtuelle 16 + 1 = 17 Punkte. Der isländische Titel ‚Ég á Líf‘ wiederum würde, ebenfalls nur rein spaßeshalber angenommen, sowohl bei den Zuschauern als auch bei den Juroren auf dem elften Platz landen. Das wären virtuelle 7 + 7 = 14 Punkte, also gar nicht mal viel weniger als die betrunkenen Griechen. Der Hauptunterschied ist: nach dem alten System hätte Eyþór zwei mal (virtuelle) null Punkte kassiert, Koza Mostra hingegen (virtuelle) 12 + 0 = 12. Ein deutlich größerer Abstand.


Sind bestimmt für jeden Spaß zu haben: Koza Mostra

Das sagt jetzt nicht zwingend etwas darüber, ob einer der beiden Songs aus dem fiktionalen Beispiel unter die ersten zehn in der deutschen Gesamtwertung käme und damit auch reale Punkte aus Deutschland kassierte. Nach dem bis 2012 geltenden System wäre Eyþór aber definitiv draußen gewesen, mit dem neuen ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass er einen oder zwei reale Punkte abgreifen könnte. Und der Abstand zwischen Griechenland und Island ist kleiner, Koza Mostra dürften also auch nur ein paar Punkte kriegen. Mit der Neuregelung haben es also ganz generell „nette“, mittelmäßige Songs, die nirgends anecken, um einiges leichter als bisher, Länderpunkte einzusammeln. Während wiederum stark polarisierende Titel – und Spaßbeiträge wie ‚Alcohol is free‘, aber auch ethnolastige Titel wie das bulgarische ‚Kismet‘ sind dafür Musterbeispiele – aller Voraussicht nach schlechter abschneiden dürften als bisher.


Geht es 2014 also doch nach St. Petersburg?

Es gibt für diese Theorie natürlich keinen Beweis, und da sich an der Verkündung der Länderpunkte in der Show selbst nichts ändert und das Splitvoting – also die nach Jury und Televoting getrennten Ergebnisse – offiziell nicht als detaillierte Tabelle mit allen Einzelstimmen veröffentlicht wird, sondern nur als Gesamtergebnis, wird dieser sich auch nicht erbringen lassen. Dennoch räumen in den Diskussionen in Fan-Foren selbst Befürworter der Jury ein, dass das neue System den Einfluss dieser Institution auf das Gesamtergebnis unter dem Strich stärkt. Vor diesem Hintergrund erscheint auch die Absage der Türkei in einem neuen Licht und ein wenig verständlicher. Und es wird klarer, warum sich im Jahrgang 2013 derartig viele „sichere“ Trallalaliedchen finden…

Wie findest Du die Neuregelung bei der Punkteermittlung?

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14 Gedanken zu “Eurovision 2013: diesmal zählt alles

  1. Ich finde die Regel nicht schlecht, denn dann hätte Anggun letztes Jahr sicher noch etwas mehr als 0 Punkte beim Televoting bekommen. Hoffentlich bringt das uns Deutschen mit Cascada was.

  2. Laut „Eurofire“ sollen mittelmäßige Beiträge, die sich weder beim Publikum, noch bei den Juroren durchsetzen können, höhere Chancen bekommen.

    Da frage ich mich: Wer soll höhere Chancen bekommen? Mittelmäßig sind Island, Großbritannien (auch wenn wir es hier mit Bonnie Tyler zu tun haben), Holland, Belgien, Spanien, Malta, Israel, Estland, Litauen, ja sogar Russland, dann noch die Ukraine, Serbien, Slowenien, habe ich eigentlich schon Irland erwähnt???
    Schweden hab ich noch vergessen.

    Und Lettland ist auch mehr oder weniger Mittelmaß, hat aber im Teilnehmmerfeld mit den 323023083032132832099021383903209 Balladen beim ESC 2013 einen gewissen Pepp und könnte weit kommen, wenn PeR zwei gute Tage (im Semi und im Finale) erwischen.

    Und bei Georgien wird mir schlecht.

    Aber da müssen sich alle einigen und ich weiß nicht, wie das gehen soll…

    Top sind nur Deutschland, Dänemark, die Schweiz (sorry, Herr Rau, aber es ist halt wie bei Carola: Musikalisch beim ESC top, in der Birne flop), Weißrussland (sorry Herr Schreiber) und Griechenland, auch wenn Letzteres Nonsens ist (aber trotzdem geil).

    Finnland und vielleicht noch Norwegen gehören zu den besseren Beiträgen…

    Der ESC 2013 wird immer mieser. In jeder Hinsicht. Ich sehe schon weitere Länder aussteigen.
    Man hätte alles so lassen sollen, wie es vorher war.

  3. Ich bin zwar auch der Meinung, dass sich dadurch etwas ändert. Wie oben korrekt beschrieben haben es dadurch Beiträge, in denen sich Jury- und Televoting extrem unterscheiden relativ schwerer gegenüber denjenigen, über deren Mittelmäßigkeit einigkeit herrscht.
    Blödsinn ist natürlich, dass das in irgend einer Weise das Juryvotum stärkt. Der Schuss geht natürlich ganz klar in beide Richtungen. So halte ich es durchaus nicht für unwahrscheinlich, dass das oben genannte Kismet bei den Juries gut ankommt und im Televoting zumindest der westlichen Länder völlig abstinkt.
    Ich weiß nicht so genau, was ich von der Regelung halten soll, aber ich glaube mal, dass ich sie eher positiv finde, weil auch feinere Nuancen berücksichtigt werden und nicht mehr dieser künstliche Schnitt bei 10 gemacht wird, selbst wenn die 11 nur minimal dahinter lag.

  4. Das ist natürlich grundsätzlich völlig richtig, dass „der Schuss in beide Richtungen geht“. Wenn man jetzt aber, wie meine bösartige, verschwörungstheoriefreundliche und juryfeindliche Wenigkeit, unterstellt, dass im Zweifel eher die Juroren zum taktischen Voten neigen könnten als die Televoter, sieht die Sache wieder ein bisschen anders aus. Dann könnte man sich vorstellen, dass ein Juror einen Song (oder ein Land), den / das er hasst, absichtlich ganz nach unten setzt, obwohl es vielleicht noch schlechtere Lieder gibt, nur um dem Song zu schaden und seine Chancen auf Einzug ins Semi zu torpedieren. Was vorher egal war, weil Platz 11 = 0 Punkte und Platz 25 = 0 Punkte. Jetzt aber macht es einen Unterschied und verleiht dem Juror zusätzliche Macht. Unter fünf Leuten in einer nationalen Jury wäre so eine konzertierte Aktion auch natürlich leichter abzusprechen als unter einer Million Televoter, die sich gegenseitig nicht alle kennen. Aber das ist natürlich zugegebermaßen eine bösartige Unterstellung, und wir wissen ja alle, dass sämtliche Jurys allesamt ausschließlich mit aufrichtigen, nur von ihrem ehrenvollen Auftrag zur Rettung des Anspruchs beim Grand Prix durchdrungenen Menschen besetzt sind, die so etwas NIEMALS tun würden! Gerade zum Beispiel in solchen Ländern wie Aserbaidschan, Malta, Weißrussland…

  5. Natürlich ist es leichter, eine Jury zu bestechen als ein ganzes Volk (ich habe 1968 nicht vergessen). Auch gibt es selbstverständlich genügend Länder, bei denen auch ich den Juries Befangenheit von vornherein unterstelle. Aber nationalistische Befangenheit gibt es bei den Televotern mindestens genauso (wenn sie nicht sogar von den entsprechenden Fernmeldeämtern und anderen Institutionen erzwungen wird, ich erinnere an Aserbaidschan/Armenien). Und im Gegensatz zu den Juries, wo es nach meinem Dafürhalten doch etliche gibt, die zumindest versuchen, so objektiv wie möglich zu sein, ist taktisches Wählen m.E. beim Televoting der Standardfall (zumindest in der Form: „ich rufe mal für diesen Interpreten an, den ich ansonsten so liebe, selbst wenn mir sein ESC-Beitrag nicht so gefällt oder ich den womöglich nicht einmal kenne“).
    Das ist natürlich eine pure Annahme, von der ich trotzdem ziemlich überzeugt bin 🙂

  6. Und wer bitte hat ein Interesse daran, Stimmen GEGEN ein anderes Land zu kaufen (was der einzige Grund wäre, dass diese Regeländerung zu mehr Korruption führen könnte)? Mal vielleicht von den Paarungen Russland/Georgien, Armenien/Aserbaidschan und Türkei/Griechenland abgesehen, von denen letztere dieses Jahr nicht vollständig dabei ist, fällt mir dafür kein Grund ein. Favoriten runterkaufen? Ja, vielleicht, aber 2013 ist wie 2011 ein Jahrgang, der sowas nicht hat, und bei mehr als vier oder fünf Jurys geht einem a) irgendwann die Kohle aus und b) fällt es dann doch irgendwann mal auf.

    Was manipulierte Televotes angeht: Ähm…Malta 2007, anyone? Oder 2006? Es gibt genug Staaten beim ESC, die sich da relativ leicht beeinflussen ließen, auch und gerade durch Absprachen – wie viele Stimmberechtigte hat nochmal San Marino? Oder Island?

  7. Es gibt eine Regelung, dass allein die Backupjury zählt, sollten beim Televoting zu wenige Stimmen zusammenkommen. Wann genau dieser Fall schon eingetreten ist, wurde meines Wissens nach (aus gutem Grund, s.o.) nicht veröffentlicht.

  8. Der Unterschied ist aber, dass Manipulationen nach unten hin nur durch die Jury möglich ist. Die Televoter können natürlich auch nach „Absprache“ (auch nicht ganz 100% passend das Wort, schließlich waren die Malteser 2007 weder gezwungen für UK abzustimmen noch haben sie Geld o.ä. bekommen) einen Song hoch auf den 1. Platz hieven, gemeinschaftlich einen Song aber auf den 26. Platz (nicht-)voten, das wird allerdings kaum organisierbar sein. Diese Art von „negativer Befangenheit“ ist nur der Jury vorberhalten – ob das nun wirklich von jener praktiziert wird kann natürlich angezweifelt werden (wie du schon richtig erwähnt hast, wer gibt schon Geld für so viele Juries aus?), dennoch möglich ist es. Ich stelle deshalb zumindest mal vorsichtig die These auf, dass das neue System das Juryvoting ein Stück weit anfälliger und, ja, auch in dem Sinne „mächtiger“ im Vergleich zum Televoting gemacht hat.

  9. Für den Interpreten anrufen, den man liebt, sehe ich nicht als „taktisches Wählen“ an – dann ist man halt Fan und fertig. Ich hab 2004 auch für Anjeza Shahimi angerufen, weil ich sie so knuffig fand, der Song tat da gar nichts zu Sache.

    Es ist ja nicht so, dass die Leute vor dem Fernseher sitzen und sämtliche Songs ausschließlich nach kompositorischen und arrangementtechnischen Aspekten abklopfen (außer vielleicht ein paar spießige Bildungsbürger, wie sie auf Foren großer deutscher Nachrichtenseiten zuhauf rumtrollen) – da ist viel persönliche Emotion und Empathie/Sympathie im Spiel und das ist ja auch in Ordnung so; niemand will einen Sieger mit dem bzw. dessen Song sich niemand identifizieren kann.

    Das Leute wie Kaliopi oder Zejko Joksimovic die Höchstwertungen aus ganz Ex-Yugoslavien eingesackt haben, sehe ich gar nicht mal als „nationalistische Befangenheit“: die beiden sind halt Superstars im Balkan und können zahlreiche Hits verbuchen, mit denen sicher viele Leute dort schöne Erinnerungen und Momente verbinden. Dass die Leute dann für die beiden anrufen, auch wenn vielleicht der Song nicht übermäßig toll ist seh ich nicht als „taktisch“; der Song ist natürlich wichtig, aber ein „Fairytale“ für sich alleine hätte ohne Alexander Rybak mit seinem unwiderstehlichen Lausbubencharme nie gewonnen.

  10. Ja, mächtiger ist da das richtige Wort. Es muss dabei ja auch gar nicht um klassische Bestechung gehen. Was aber der Effekt sein wird, ist, dass Songs, die stark polarisieren, deutlich schlechter abschneiden werden als mittelmäßige. Weil es wahrscheinlicher ist, dass diese (von Hatern) ganz bewußt ganz weit nach unten gesetzt werden. Und so was nivelliert sich in einer nur fünfköpfigen Jury nicht so schnell aus wie im Televoting. Und ich könnte mir auch vorstellen, dass es Jurys gibt, die es als ihren von der EBU gegebenen Auftrag verstehen, bewußt Länder nach unten zu voten, die stark vom Diasporavoting profitieren, quasi als Ausgleich. Auch ohne finanziellen Anreiz.

  11. Welchen Einfluss soll die jetzt der Öffentlichkeit bekannt gewordene Regeländerung eigentlich auf die Auswahl der Beiträge gehabt haben? Okay, vielleicht auf die intern ausgewählten (allen voran Russland und Georgien), weil die Senderverantwortlichen diese Änderung vorher kannten, aber auf die per Vorentscheid gewählten Lieder doch wohl kaum.

  12. Auch bei den Vorentscheiden waren ja, wenn ich mich nicht täusche, überall Jurys mit dabei. Und die können das sehr wohl in den Überlegungen für ihre Entscheidung mit drin gehabt haben. Und haben das Ergebnis ja auch in dem einen oder anderen Land beeinflusst…

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