Das Žižić-Gate: EBU ver­öf­fent­licht Split­vo­ting

Zehn Tage nach dem Fina­le von Mal­mö ver­öf­fent­lich­te die EBU heu­te die Split­vo­tin­g­re­sul­ta­te. Oder, wenn man es genau nimmt, eher nicht: ent­ge­gen bis­he­ri­ger Gepflo­gen­hei­ten behielt man in Genf die nach Jurys und Tel­e­vo­tern getrenn­ten Punk­te­er­geb­nis­se für sich und gab statt­des­sen nur die jewei­li­gen Durch­schnitts­ran­kings bekannt. Die sind aber nur ein­ge­schränkt aus­sa­ge­kräf­tig: man kann aus ihnen natür­lich eine Hit­lis­te bil­den, wie ich es man­gels bes­se­rer Daten in mei­nen Tabel­len auch getan habe. Aller­dings könn­te das getrenn­te Punk­te­er­geb­nis auf dem Scoreboard hypo­the­tisch ganz anders aus­ge­se­hen haben. Die EBU erläu­tert es selbst am Bei­spiel Irlands: der im Fina­le letzt­plat­zier­te Ryan Dolan liegt mit einem durch­schnitt­li­chen Zuschau­er­ran­king von 14,62 zwar auf Platz 14, schaff­te es aber in nur drei Län­dern in die Top Ten – was aber die Vor­aus­set­zung ist, über­haupt Punk­te zu bekom­men. Daher zogen zwölf Län­der mit nied­ri­ge­rem Schnitt an ihm vor­bei.


Der euro­päi­sche Durch­schnitts­zu­schau­er sah ihn im Mit­tel­feld: Ryan Dolan

Als Aus­re­de für die Ver­ne­be­lungs­tak­tik muss die Angst vor einer Ver­zer­rung des Ergeb­nis­ses durch Power­vo­ting her­hal­ten: wür­de man alle ein­zel­nen Län­der­wer­tun­gen getrennt nach Jurys und Tel­e­vo­ting ver­öf­fent­li­chen, so die Begrün­dung der EBU, fie­le sofort auf, in wel­chen Län­dern aus­schließ­lich die Stim­men der Jurys für das Gesamt­re­sul­tat her­an­ge­zo­gen wur­den, weil für das Tel­e­vo­ting nicht genü­gend Anru­fe zusam­men­ka­men (wie bei­spiels­wei­se in den Jah­ren 2004 bis 2006, als das Land noch mit­mach­te, in Mona­co: dort gin­gen sei­ner­zeit jeweils weni­ger als hun­dert Anru­fe ein, was für ein vali­des Ergeb­nis nicht reicht). Damit spiel­te man aber den Schumm­lern in die Hän­de, die dann im kom­men­den Jahr in exakt die­sen Län­dern kos­ten­lo­se Gut­ha­ben­kar­ten ver­teil­ten, mit denen für beson­ders inter­es­sier­te Teil­neh­mer­staa­ten wie Aser­bai­dschan ange­ru­fen wer­den soll. Natür­lich zieht die­ses Gewäsch bei mir nicht: woll­te man wirk­lich etwas gegen Power­vo­ting tun, wür­de eine simp­le Anruf­be­schrän­kung rei­chen.


Feins­ter Trash, wie ihn der Zuschau­er liebt. Und zwar zu Recht!

Nun gut, dann muss ich eben mit dem Durch­schnitts­ran­king arbei­ten. Danach führ­te Emme­lie de Forest sowohl bei den Jurys als auch im Tel­e­vo­ting, ist also ver­dien­te Gesamt­sie­ge­rin. Zla­ta und Farid wür­den die Plät­ze tau­schen, eben­so wie Koza Mos­tra und Mar­ga­ret Ber­ger. Der tran­sen-syl­va­ni­sche Pope­r­asän­ger Cezar aus Rumä­ni­en schaff­te den Sprung in die Top Ten – und hät­te nach rei­ner Zuschau­er­wer­tung erstaun­li­cher­wei­se auch das zwei­te Semi­fi­na­le gewon­nen, vor den Grie­chen und dem aser­bai­dscha­ni­schen Kas­ten­tur­ner. Bei ihm gab es den zweit­hef­tigs­ten Wer­tungs­un­ter­schied (7,49 bei den Zuschau­ern gegen­über 17,82 bei den Jurys): es scheint nach wie vor zu gel­ten, dass die TV-Kon­su­men­ten spek­ta­ku­lä­re Büh­nen­shows zu schät­zen wis­sen, wäh­rend die Juro­ren sie ver­ab­scheu­en. Noch deut­li­cher fiel die Dif­fe­renz bei Aman­di­ne Bour­ge­ou­is aus: 10,95 bei den Juro­ren gegen­über 21,68 bei den Anru­fern. Oh, und Cas­ca­da läge auf Rang 16 anstel­le von 21: auch kein gutes, aber ein deut­lich gerech­te­res Ergeb­nis.


Die Zuschau­er wünsch­ten sie in die Höl­le, die Juro­ren nicht: Aman­di­ne

Wei­te­re Jury­lieb­lin­ge waren Rober­to Bel­laro­sa (Dif­fe­renz: 6,11), Bir­git Õige­meel (6,18), Alio­na Moon (7,88) sowie der Heim­bei­trag von Robin Stjern­berg (8,14). Deut­li­che Abwer­tung erfuh­ren hin­ge­gen Koza Mos­tra (-6,28) und der Deut­schen liebs­ter Song von Bye­Alex (-7,4). Aus oben geschil­der­ten Grün­den nur bedingt aus­sa­ge­kräf­tig sind die EBU-Zah­len zu dem eigent­lich span­nends­ten The­ma: wen näm­lich die dia­bo­li­schen Jurys in den bei­den Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­den raus­ke­gel­ten. Geht es nach den Durch­schnitts­wer­tun­gen der Zuschau­er, so hät­ten es im zwei­ten Semi die sin­gen­den Schwei­zer Chris­ten sowie die bul­ga­ri­sche Zie­gen­or­gie anstel­le der Dori­ans und des geor­gi­schen Was­ser­falls geschafft. In der ers­ten Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­de hät­ten die Zuschau­er den mol­da­wi­schen Zau­ber­dress und die schwan­ge­re Estin nach Hau­se geschickt und an ihrer Stel­le die kroa­ti­schen Klap­pensän­ger ins Fina­le zie­hen las­sen.


Die Zuschau­er hat­ten Lust auf Sahnech­am­pi­gnons, die Jurys nicht

Sowie – und hier kom­me ich zu mei­nem Lieb­lings­teil, dem Semi-Skan­dal: die mon­te­ne­gri­ni­schen Hip-Hop­per Who see + Nina Žižić. Deren Par­tyt­rack ‘Igran­ka’, ohne jede Fra­ge das zeit­ge­mä­ßes­te Stück im gesam­ten dies­jäh­ri­gen Auf­ge­bot, wäre im rei­nen Zuschau­er­ran­king auf dem vier­ten Platz gelan­det. Womit man bei allen Unwäg­bar­kei­ten ziem­lich sicher davon aus­ge­hen kann, dass die­se Num­mer ohne die ver­greis­ten Jurys ins Fina­le ein­ge­zo­gen wäre, wo sie auch hin­ge­hör­te. Eine ech­te Schan­de für die EBU, die gera­de for­ciert dafür sorgt, dass sich der Con­test wei­ter vom wirk­li­chen Pop­ge­sche­hen abwen­det und, wie schon in den Neun­zi­gern, in ein Par­al­lel­uni­ver­sum aus Bau­kas­ten­bal­la­den ent­schwin­det. Es scheint, der Mensch wol­le nicht aus den Feh­lern der Ver­gan­gen­heit ler­nen. Der aller­größ­te Skan­dal bleibt jedoch die man­geln­de Trans­pa­renz, mit der die EBU ange­sichts der aktu­el­len Mani­pu­la­ti­ons­vor­wür­fe auch noch ihr letz­tes biss­chen Glaub­wür­dig­keit ver­spielt, in dem sie die har­ten Zah­len geheim­hält. Das kann dem Wett­be­werb nur blei­ben­den Scha­den zufü­gen.


Moder­ni­sie­rungs­chan­ce ver­tan: die Jurys wol­len nichts Zeit­ge­mä­ßes

ESC 1. Semi­fi­na­le 2013

Euro­vi­si­on Song Con­test 2013 – Ers­tes Semi­fi­na­le. Diens­tag, 14. Mai 2013, aus der Mal­mö Are­na in Mal­mö, Schwe­den. 16 Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Petra Mede.
#LKInter­pretTitelPkt
gs
Pl
gs
Rkg
TV
Pl
TV
01ATNatá­lia Kel­lyShi­ne0271412,3315
02EEBir­git Õige­meelEt uus saaks algu­se0521010,0613
03SIHan­nah Man­ci­niStrai­ght into Love0081613,1716
04HRKla­pa s MoraMižer­ja0381308,0010
05DKEmme­lie de ForestOnly Teard­rops1670103,3301
06RUDina Gari­po­vaWhat if1560203,8902
07UAZla­ta Ogne­vichGra­vi­ty1400303,9403
08NLAnouk Teu­uweBirds0750507,9409
09MEWho see? + Nina ŽižićIgran­ka0411207,3304
10LTAndri­jus Poja­visSome­thing0530907,4405
11BYAlyo­na Lanska­yaSolay­oh0640707,8308
12MDAlio­na MoonO Mie0950408,2811
13IERyan DolanOnly Love sur­vi­ves0540807,6106
14CYDespi­na Olym­piouAn me thimá­se0111512,0014
15BERober­to Bel­laro­saLove kills0750607,7207
16RSMoje 3Lju­bav je svu­da0461108,3912

ESC 2. Semi­fi­na­le 2013

Euro­vi­si­on Song Con­test 2013 – Zwei­tes Semi­fi­na­le. Don­ners­tag, 16. Mai 2013, aus der Mal­mö Are­na in Mal­mö, Schwe­den. 17 Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Petra Mede.
#LKInter­pretTitelPkt
gs
Pl
gs
Rkg
TV
Pl
TV
01LVPeRHere we go0131713,2817
02SMValen­ti­na Monet­taCri­sal­i­de0471109,4712
03MKVlat­ko Loza­no­ski + Esma Redže­po­vaPred da se raz­de­ni0281612,2216
04AZFarid Mam­ma­dovHold me1390105,2803
05FIKris­ta Sieg­fridsMar­ry me0640908,8910
06MTGian­lu­ca Bez­zi­naTomor­row1180407,7807
07BGElit­sa Todo­ro­va + Stoyan Yan­k­oul­ovSamo Sham­pio­ni0451207,4406
08ISEyþór Ingi Gunn­laugs­sonÉg á Líf0720608,6109
09GRKoza Mos­tra + Aga­tho­nas Iako­vi­disAlco­hol is free1210205,0002
10ILMoran MazorRak bish­vi­lo0401410,6714
11AMDori­ansLonely Pla­net0690709,4411
12HUBye­AlexKedve­sem0660808,3908
13NOMar­ga­ret Ber­gerI feed you my Love1200305,5004
14ALAdri­an Lulg­ju­raj + Ble­dar Sej­koIden­ti­tet0311511,7815
15GESopho Gelo­va­ni + Nodi­ko Tatish­vi­liWater­fall0631009,8913
16CHTaka­saYou and me0411307,0005
17ROCezar Oua­tuIt’s my Life0830504,7801

ESC Fina­le 2013

Euro­vi­si­on Song Con­test 2013 – Fina­le. Sams­tag, 18. Mai 2013, aus der Mal­mö Are­na in Mal­mö, Schwe­den. 26 Teil­neh­mer, Mode­ra­ti­on: Petra Mede.
#LKInter­pretTitelPkt
gs
Pl
gs
Rkg
TV
Pl
TV
01FRAman­di­ne Bour­geoisL’Enfer et moi0142321,6825
02LTAndri­us Poja­visSome­thing0172216,7321
03MDAlio­na MoonO Mie0711116,5719
04FIKris­ta Sieg­fridsMar­ry me0132416,6820
05ESEl Sue­ño de Mor­feoCon­ti­go has­ta el Final0082522,9226
06BERober­to Bel­laro­saLove kills0711216,0317
07EEBir­git Őige­meelEt uus saaks algu­se0192019,5924
08BYAlyo­na Lanska­yaSolay­oh0481614,1113
09MTGian­lu­ca Bez­zi­naTomor­row1200810,9709
10RUDina Gari­po­vaWhat if1740506,8405
11DECas­ca­daGlo­rious0182115,8116
12AMDori­ansLonely Pla­net0411815,1115
13NLAnouk Teu­uweBirds1140911,7011
14ROCezar Oua­tuIt’s my Life0651307,4907
15UKBon­nie TylerBelie­ve in me0231917,0322
16SERobin Stjern­bergYou0621416,1918
17HUBye­AlexKedve­sem0841008,1908
18DKEmme­lie de ForestOnly Teard­rops2810104,9701
19ISEyþór Ingi Gunn­laugs­sonÉg á Líf0471713,0512
20AZFarid Mam­ma­dovHold me2340205,8603
21GRKoza Mos­tra + Aga­tho­nas Iako­vi­disAlco­hol is free1520606,0004
22UAZla­ta Ogne­vichGra­vi­ty2140305,6602
23ITMar­co Men­go­niL’Essenziale1260711,7010
24NOMar­ga­ret Ber­gerI feed you my Love1910407,1406
25GESopho Gelo­va­ni + Nodi­ko Tatish­vi­liWater­fall0501517,0823
26IERyan DolanOnly Love sur­vi­ves0052614,6214

25 Gedanken zu “Das Žižić-Gate: EBU ver­öf­fent­licht Split­vo­ting

  1. Noch nie so sehr habe ich mit dir, Oli­ver, in ver­ein­tem Chor sagen wol­len: JURYS SIND WIXXXXXXXXXXXXXXXXXXX­XER! Mon­te­ne­gro hat das nicht ver­dient!!!

  2. Mach ich mit: Wich­ser™ seid ihr, ihr Juries! Mit Mon­te­ne­gro das Inno­va­tivs­te des dies­jäh­ri­gen Jahr­gangs tor­pe­diert! Und dafür ent­setz­li­che Grüt­ze wie Geo­gi­en und Arme­ni­en rüber­ge­ret­tet. Fas­sungs­los macht das.

  3. Okay, jetzt aber mal bit­te wie­der run­ter­kom­men – was ist an Dub­step-Hip-Hop bit­te inno­va­tiv? Wie üblich für den ESC joggt man schwit­zend unge­fähr vier Jah­re hin­ter dem Main­stream-Express her. Ich stim­me zu, dass Mon­te­ne­gro unver­dient aus­ge­schie­den ist, aber “inno­va­tiv” geht anders, und beim ESC geht es gar nicht, wenn schon halb­wegs moder­ne Sachen so der­ma­ßen Schiff­bruch erlei­den.

  4. Im ESC-Kon­text war es defi­ni­tiv inno­va­tiv, frisch und authen­tisch. Da wei­che ich kei­nen Mili­me­ter von mei­ner Posi­ti­on ab. Zudem auch noch abso­lut über­zeu­gend prä­sen­tiert, sowohl per­for­mance­tech­nisch als auch stimm­lich (Nina hat per­fekt gesun­gen, die Jungs wun­der­bar im Flow). Von daher haben in die­sem Fal­le die Juries in ihrer Funk­ti­on als soge­nann­te “Musik­ex­per­ten” (sic!) auf vol­ler Linie ver­sagt, weil zu meckern gab’s da wirk­lich nix.

  5. Mit einem durch­schnitt­li­chen Platz 4 im Zuschau­er­ran­king wäre Mon­te­ne­gro zwar beim rei­nen Tel­e­vo­ting wohl sicher wei­ter­ge­kom­men, aber ansons­ten wei­ge­re ich mich, aus die­sem Ergeb­nis irgend­et­was abzu­le­sen. Ich will die Punk­te wis­sen (ger­ne auch nur als Gesamt­sum­me ohne Län­der­auf­split­te­ung)! Aber ohne Punk­te geht es nicht. Denn nur die zäh­len nach der­zei­ti­gem Regel­werk! Und beson­ders auf den Halb­fi­nal­plät­zen 8 bis 12.

  6. Neu­es Jahr, neu­es Gate.

    Dies­mal Mon­te­ne­gro, das ich so so ger­ne im Fina­le gese­hen hät­te! Und Geor­gi­en wäre fast raus gewe­sen, aber die Juries haben natür­lich Geor­gi­en ins Fina­le gewählt und auf Bul­ga­ri­en reagiert man wohl all­er­gisch, auch wenn es mich nicht stört, dass Bul­ga­ri­en das Fina­le erreicht hat.

  7. Hm. Nichts zu meckern? Abge­se­hen von der Tat­sa­che viel­leicht, dass der Song zum Anhö­ren schlicht und ergrei­fend uner­träg­lich war. Schön­hö­ren klappt offen­bar nicht nur bei Bal­la­den. Ein per­fekt tech­nisch vor­ge­tra­ge­nes Death-Metal-Stück wür­de auf die glei­che Art bei den Jurys durch­fal­len.

  8. Und was ler­nen wir dar­aus jetzt? Ers­tens: Es gibt Unter­schie­de zwi­schen Jury- und Tel­e­vo­ting. Ja gott­sei­dank, sonst könnt man sich die Jurys ja spa­ren. Zwei­tens: Die beab­sich­tig­te Kor­rek­tur funk­tio­niert. “Dus­tin the Tur­key 2013” (Mon­te­ne­gro und Bul­ga­ri­en) wur­de erfolg­reich ver­hin­dert. Beim nächs­ten Mal ver­wei­gern wir den Juro­ren den Alko­hol, dann kom­men sol­che jam­mer­vol­len Gestal­ten wie Cezar auch nicht mehr ins Fina­le. Unterm Strich hat doch alles gut funk­tio­niert!

  9. Gespro­chen als jemand, der weder den mon­te­ne­gri­ni­schen noch den bul­ga­ri­schen Bei­trag son­der­lich moch­te: der Ver­gleich mit Irland 2008 ist so haar­sträu­bend, dass er hart an der Gren­ze zur Belei­di­gung steht. Nur weil man Hip Hop oder Dub­step nicht mag, ist das kein Grund, alle Künst­ler die­ser Gen­res in die Come­dy-Schub­la­de zu tre­ten. Und Cezar hat­te die bes­te Büh­nen­show des gan­zen Jahr­gangs – die Sache mit der Kor­rek­tur funk­tio­niert auf Sei­ten der Tel­e­vo­ter genau­so wie auf der der Juro­ren.

  10. Unter­stell mir nix. Ich hab nix gegen die Musik­rich­tung (ganz im Gegen­teil, die ist mir 10x lie­ber als so eine Bal­la­de aus der US-ame­ri­ka­ni­schen Kon­fek­ti­on). Das heißt aber nicht, daß ich jeden ein­zel­nen Song mögen muß. Daß Mon­te­ne­gro auch die­ses Jahr wie­der nur die Spaß­frak­ti­on bedient hat, war offen­sicht­lich.

    Cezar hat­te zumin­dest eine auf­fäl­li­ge Büh­nen­show, ja. Aber dafür solls ja kei­ne Punk­te geben. Der Song ist es, um den’s geht, und der war gar schröck­lich. (Auch so eine Sache: Wenn die Tel­e­vo­ter zu sehr von der Show beein­flußt sind, brauchts die Jury als Kor­rek­tiv.)

  11. Äh, muss ich hier wirk­lich den Haus­herrn zitie­ren? Euro-VISI­ON Song Con­test. Wenn es wirk­lich nur um die Lie­der gin­ge, hät­te man das Gan­ze auch als Radio­sen­dung auf­zie­hen kön­nen, zumal man damit 1956 defi­ni­tiv mehr Leu­te erreicht hät­te.

    Who See mei­nen das defi­ni­tiv ernst. Waren Kabat eine Spaß­band? Oder die Tracks­hit­taz? Nur weil jemand Stim­mung macht, kann der Song nicht ernst gemeint sein? Es gibt schon einen mas­si­ven Unter­schied zwi­schen “Spaß­band” und “Stim­mungs­mu­si­ker”. Und wer jeman­den mit Dus­tin the Tur­key in einen Topf wirft, ja, dem unter­stel­le ich, dass er mit dem, was er da gese­hen hat, offen­kun­dig über­haupt nichts anzu­fan­gen wuss­te (es sei denn, der Bei­trag war genau­so offen­sicht­lich nicht ernst gemeint wie DtT, und das kann man Who See in mei­nen Augen abso­lut nicht nach­sa­gen).

    Und mein Satz über das Kor­rek­tiv war genau so gemeint: Die Jurys sind ein nöti­ges Kor­rek­tiv für Dia­spo­ra, Nach­bar­schaft und Leu­te, die mit den Augen abstim­men, aber die Tel­e­vo­ter sind eben­so nötig, um wirk­lich gute Shows für mäßi­ge Songs nicht kom­plett durch­fal­len zu las­sen. Davon abge­se­hen mag der Song von Cezar furcht­bar gewe­sen sein, aber von der Gesangs­tech­nik her gab es da über­haupt nichts aus­zu­set­zen, eben­so wenig wie bei den bul­ga­ri­schen Gesän­gen von Elit­sa Todo­ro­va. Wenn die Jurys sich mit sowas nicht aus­ken­nen, soll­te man über Neu­be­set­zun­gen nach­den­ken.

  12. Ich schät­ze unse­ren Haus­herrn für die detail­rei­che und ver­läß­li­che Bericht­erstat­tung. Woher er sei­ne grund­le­gen­de Mei­nung über Sinn und Zweck des ESC hat, wird mir aber immer ein Rät­sel blei­ben. (Und ich ver­su­che auch gar nicht mehr, es zu ver­ste­hen.) Daher bit­te: Nein, nicht ihn zitie­ren in die­sem Zusam­men­hang.

    Es lau­fen auch jede men­ge Sport­sen­dun­gen als Euro­vi­si­ons­über­tra­gun­gen. Soll­te man bei denen auch eher den Sex Appeal der Sport­ler oder die Farb­kom­bi­na­ti­on ihrer Dres­sen bewer­ten, nur weils Euro­VI­SI­ON heißt? Das ist ja ein sel­ten alber­nes Argu­ment. Die Eurov­si­on hieß schon Jah­re vor dem Song Con­test Euro­vi­si­on und heißt unab­hän­gig vom Song Con­test Euro­vi­si­on. Dar­aus abzu­lei­ten, daß es nicht nur um die Lie­der geht, ist bes­ten­falls ver­zwei­felt.

    (Übri­gens hat man in den ers­ten Jah­ren – soviel ich weiß bis in die 70er – die damals allein ent­schei­dungs­be­fug­ten Jury-Mit­glie­der bewußt nur mit einem Audio-Mit­schnitt der Show ver­sorgt, damit sie eben nicht durch opti­sche Ele­men­te vom Song abge­lenkt wer­den.)

    Wenn Who See das wirk­lich ernst gemeint haben (wor­an ich immer noch zweif­le – allein das Out­fit beim Auf­tritt war rei­ne Ver­ar­sche), dann waren sie halt ein­fach so unglaub­lich schlecht, daß es wie eine Spaß­num­mer rüber­ge­kom­men ist. Da paßt dann die Par­al­le­le zu den Tracks­hit­taz. Wie­so Du Kabát in dem Zusam­men­hang erwähnst, ver­steh ich nicht, das war ein sau­be­rer, coo­ler Auf­tritt damals.

    Bzgl. Cezars Gesangs­tech­nik: Ja, eh, des­halb ver­dient er damit ja auch sei­nen Lebens­un­ter­halt. Es inter­es­siert nur beim Song Con­test nie­man­den. Wenn er sich für sei­ne Gesangs­tech­nik bewun­dern las­sen will, soll er zu einem Sän­ger­wett­be­werb gehen.

  13. Du bestrei­test ernst­haft, dass die visu­el­le Kom­po­nen­te eine Rol­le spielt und immer schon gespielt hat? Und gleich­zei­tig ver­suchst du, zwi­schen einem Lie­der- und einem Sän­ger­wett­be­werb zu unter­schei­den? Wenn die Tech­nik nicht von Belang ist, wozu dann über­haupt Juro­ren? Um jede noch so mies gesun­ge­ne Sülz­bal­la­de hoch­zu­vo­ten? Und auf die Fra­ge, war­um das Gan­ze im Fern­se­hen statt­fin­det, bist du gar nicht ein­ge­gan­gen. Wäre es den Machern nur um die Musik gegan­gen, wäre der Wett­be­werb wenigs­tens in den frü­hen Jah­ren im Radio gelau­fen. Aber jeder Rück­griff auf die­se Zei­ten ist so oder so nicht von Belang, weil das eine ganz ande­re Ära war. Willst du ernst­haft in eine Zeit zurück, in der ein “Dors mon amour” ein “Nel blu dipin­to di blu” schla­gen konn­te? Dann wer­den wir defi­ni­tiv nicht auf einen gemein­sa­men Nen­ner kom­men, weil wir in die­sem Fall so weit aus­ein­an­der sind wie Son­ne und Nep­tun.

    Die Par­al­le­le zu Sport­wett­be­wer­ben ist Unfug, weil die visu­el­le Kom­po­nen­te da zumeist über­haupt kei­ne Rol­le spielt – Sport hat fixe Regeln, zumin­dest in den meis­ten Fäl­len, die hier rele­vant sind (und bei sowas wie Tur­nen oder Eis­kunst­lauf glau­be ich, dass das äuße­re Erschei­nungs­bild der Sport­ler durch­aus von Bedeu­tung ist). Kunst ist nun mal nicht aus­schließ­lich nach objek­ti­ven Maß­stä­ben zu bewer­ten, und gera­de bei Musik ist das “Wie” von ähn­lich hoher Bedeu­tung wie das “Was”. Mei­ne per­sön­li­che Mei­nung ist für gewöhn­lich weder mit dem Publi­kum noch mit den Jurys kom­pa­ti­bel, eben­so­we­nig wie dei­ne (behaup­te ich ein­fach mal) oder die des Haus­herrn. Wer von uns hat Recht? Wer ent­schei­det das? Soll­te das über­haupt jemand ent­schei­den? War­um hat dei­ne per­sön­li­che Ein­schät­zung von “gut” oder “schlecht” in irgend­ei­ner Form mehr Bedeu­tung als mei­ne, Oli­vers oder die von irgend­je­mand sonst?

    Kabat sind damals beim Publi­kum kol­lek­tiv durch­ge­fal­len, in viel stär­ke­rem Maß als die Tracks­hit­taz oder Who See oder selbst der Trut­hahn. Es gibt eben auch ernst­ge­mein­te Auf­trit­te, die über­haupt nicht zün­den, ob nun berech­tigt oder nicht. Und außer­dem, wie hält man das aus­ein­an­der? War Ste­fan Raab 2000 ein Spaß­auf­tritt? Und wenn ja, hat Euro­pa das auch so gese­hen? Guil­do? Alf Poier 2003? Ver­ka Ser­duch­ka 2007? Oder Lys Assia 1958?

  14. Ich möch­te an die­ser Stel­le nur mal ein kur­zes “Dan­ke schön” ein­wer­fen. Ich stau­ne ja immer wie­der, dass über­haupt jemand mein Geschreib­sel liest – und um so mehr erstaunt es mich jedes­mal, dass das auch so vie­le Men­schen tun, die in Euro­vi­si­ons­din­gen eine so völ­lig ande­re Grund­auf­fas­sung haben als ich. Das freut mich total, und ganz beson­ders freut es mich, wenn die­se ihre Auf­fas­sung hier in den Kom­men­ta­ren auch äußern, vor allem, wenn dies auf so fun­dier­te, streit­ba­re, dabei aber immer auch die gegen­sei­ti­gen Mei­nun­gen respek­tie­ren­de Wei­se geschieht. Ich fin­de das immer sehr span­nend und lehr­reich zu lesen. Daher ganz lie­ben Dank an Dich (auch für das Lob “detail­reich und ver­läß­lich”), an Ospe­ro und an mei­ne gan­zen ande­ren Leser/innen und Kommentator/innen. Ihr rockt! Alle!

  15. Stim­me Ospe­ro voll zu. Der Ver­gleich zwi­schen ESC und Sport­event hinkt gewal­tig. Im Sport geht es um kör­per­li­che Höchst­leis­tun­gen, um ein wett­kampf­ori­en­tier­tes Leis­tungs­mo­tiv. Der ESC ist dage­gen ein kul­tu­rel­les Event, das nicht im Eis­ka­nal oder auf dem Fuß­ball­feld, son­dern auf der Büh­ne aus­ge­tra­gen wird. Und eine Büh­ne ist nun mal ein Raum für Insze­nie­rung, Dar­stel­lung, “Schau­spie­le­rei”. Solang der ESC auf einer Büh­ne vor Publi­kum statt­fin­det und im Fern­se­hen über­tra­gen wird, wird neben der Musik und dem Gesang der visu­el­le Aspekt (Cho­reo­gra­phi­en, Kos­tü­me, Aus­strah­lung, Ges­tik & Mimik, Tanz) IMMER wich­tig sein und eine Rol­le spie­len. Das kann man nicht bestrei­ten.

  16. Na weils war ist. Ich bemüh mach ja in der “Vor­sai­son” mög­lichst am Ball zu blei­ben. Wel­ches Land hat schon einen ver­tre­ter, wo war­ten wir noch, was gibts über die jewei­li­gen Kom­po­nis­ten, Sän­ger und den 3. Tän­zer von links zu sagen.

    Frü­her hab ich mir sol­che Infos immer von esc­to­day geholt. Aber ganz ehr­lich und ohne Schmei­che­lei: Hier ist es bes­ser und über­sicht­li­cher auf­be­rei­tet (Stich­wort: Tabel­le rechts) und in den Arti­keln ist meist das ange­spro­chen, was auch mich inter­es­siert. (Über­ra­schen­der­wei­se, obwohl Du natür­lich vom ESC selbst kei­ne Ahnung hast: Er ist aus­schließ­lich ein Kom­po­nis­ten­wett­be­werb! *LOL*)

    Nuja, und ich denk mir halt, daß das alles nicht von selbst aus Dei­nen Fin­gern fließt, son­dern da und dort auch Zeit zum Zusam­men­tra­gen und auf­be­rei­ten benö­tigt. Thx from Vien­na for the won­der­ful Show! 🙂

  17. Du ver­zet­telst Dich jetzt in 10.000 Teil­ge­dan­ken, die zu kei­nem Ende mehr füh­ren. Nur kurz das Wich­tigs­te:

    Ich bestrei­te nicht, daß visu­el­le Ele­men­te in der Pra­xis eine Rol­le spie­len (lei­der). Ich sage nur, daß sie in der Beur­tei­lung kei­ne Rol­le spie­len soll­ten – soweit dies über­haupt mög­lich ist. (Ich selbst bewer­te kna­cki­ge Män­ner auch immer bes­ser als blon­de Frau­en mit Eßstö­run­gen. Sue me.) Um mög­lichst zu ver­hin­dern, daß die Show statt des Lie­des bewer­tet wird, hat die EBU eine Rei­he von Regeln auf­ge­stellt (nicht mehr als 6 Per­so­nen, kei­ne Tie­re, kei­ne Kin­der,…) und hat eben in den ers­ten jah­ren auch die Juro­ren nur per Audio-Über­tra­gung mit­hö­ren las­sen, damit sie eben von der Optik nicht beein­flußt wer­den.

    Natür­lich unter­schei­de ich zwi­schen einem Lie­der- und einem Sän­ger­wett­be­werb. Das ist ja jetzt nicht so unge­wöhn­lich. Es ist ein Unter­schied, ob jemand schön singt oder ob ein Song geni­al kom­po­niert ist. Das sind ja völ­lig unter­schied­li­che Kri­te­ri­en. (Von einem guten Song gibts auch eine wun­der­ba­re Instru­men­tal­fas­sung ohne Sän­ger.) Bleibt die Fra­ge, was man am Ende bewer­ten will. Was macht einen Pop-Song aus? Was pfeifst Du am nächs­ten Tag unter der Dusche, was bringt Dich dazu, das Lied down­zu­loa­den? Pfeifst Du die Melo­die des Kom­po­nis­ten oder die Stim­me des Sän­gers? Na eben. Drum geht der Preis auch an den Kom­po­nis­ten, nicht an den Inter­pre­ten, nicht an den Cho­reo­gra­phen, nicht an den Kos­tüm­bild­ner. (Ich find das ja geni­al: Da ruft jemand für Rumä­ni­en an “wegen der Show” und “wegen der Stimm­tech­nik”. Falls Rumä­ni­en gewon­nen hät­te, wäre der Preis an den Kom­po­nis­ten Cris­ti­an Faur gegan­gen. klin­gelts? Da kann ja was nicht stim­men.)

    Die Juro­ren sind nicht dazu da, die Stim­me oder Gesangs­tech­nik zu beur­tei­len. (Ich ken­ne einen der österr. Juro­ren von 2012. Der hat von Gesang so viel Ahnung wie ich von Gen­tech­nik.) Die Juro­ren sind ein garant dafür, daß ein guter Teil der Stim­men auch von Leu­ten kommt, die sich inten­si­ver mit den Songs beschäf­ti­gen, sie mehr­mals hören und sich ggf. auch fra­gen: “Könn­te das im Radio funk­tio­nie­ren? Will ich in der Früh dazu auf­wa­chen?”

    War­ums im TV statt­fin­det und nicht im Radio? Weil es das Ziel der EBU war, das Medi­um Live-Fern­se­hen aus­zu­tes­ten, sei­ne tech­ni­schen und orga­ni­sa­to­ri­schen Gren­zen. Dazu hat man den ESC erfun­den. Wär irgend­wie blöd gegan­gen im Radio, oder? Aber, wie Du schon oben nicht gele­sen hast: Die Juro­ren (und nur auf die kams damals an) hat­ten ja kein TV-Bild, die haben die Show also wirk­lich nur wie im Radio erlebt.

    Das mit dem Sport­wett­be­werb war ja nur eine schrä­ge Ant­wort auf die min­des­tens so schrä­ge Behaup­tung, man müs­se den ESC-Sie­ger nach der Büh­nen­show wäh­len, weil es ja Euro­VI­SI­ON heißt.

    Bei allem ande­ren hast Du mich ver­lo­ren. Ich weiß nicht mehr, wor­auf Du eigent­lich hin­aus willst.

  18. Dan­ke, der letz­te Satz beruht auf Gegen­sei­tig­keit.

    Ich pfei­fe kei­ne Lie­der, die schlecht gesun­gen wur­den, das war der gan­ze Sinn. Der Song sel­ber kann so ein­gän­gig und “gut” sein wie er will – und letz­te­res ist nahe­zu rein sub­jek­tiv, was ist dar­an bit­te so schwer zu ver­ste­hen? -, wenn der Auf­tritt nicht stimmt, kann mir das das Lied sogar kaputt­ma­chen (pas­siert bei Spa­ni­en die­ses Jahr).

    Und ich will nicht in eine Ära zurück, in der es mög­lich war, dass eine gehört-und-ver­ges­sen-Schnarch­bal­la­de einen ewi­gen Klas­si­ker schla­gen konn­te, nur weil die Juro­ren beim blo­ßen Klang von Fran­zö­sisch schmach­tend zu Boden san­ken, was 1958 und even­tu­ell sogar 1973 pas­siert ist.

    Natür­lich sind die Juro­ren unter ande­rem auch dazu da, die tech­ni­schen Aspek­te zu beur­tei­len; war­um leug­nest du das eigent­lich so vehe­ment? Engel­bert Hum­per­dinck ist 2012 unter ande­rem auch des­we­gen so abge­stürzt, weil er sei­nen Vor­trag im Jury­fi­na­le total ver­hau­en haben muss. Und mach jetzt bit­te nicht wie­der das Fass mit dem Kom­po­nis­ten­wett­be­werb auf; dafür gibt es auf die­ser Sei­te eine exzel­len­te Replik des Haus­herrn, war­um das Unsinn ist und immer schon war. Nie­mand kauft sich einen Song, weil er den Kom­po­nis­ten so toll fin­det, zumin­dest nicht in dem Bereich, den man hier­zu­lan­de U-Musik nennt.

    Dass außer­ge­wöhn­li­che Musik­sti­le (wie die­ses Jahr Rumä­ni­en oder Bul­ga­ri­en) bei den Juro­ren durch­fal­len, ist aller­dings nichts Neu­es; man fra­ge mal die Spa­ni­er, wie gut Fla­men­co zu Jury­zei­ten ankam (wie 1983 oder 1996). Erwei­tert mal ein biss­chen eure Hori­zon­te, Herr­schaf­ten!

  19. Daß die Juro­ren von der EBU dazu her­an­ge­zo­gen wur­den, um die (tech­ni­schen) Gesangs­as­pek­te zu beur­tei­len, das stellst Du jetzt ein­fach so in den Raum. Nicht­mal Du hast ein Argu­ment dafür, also war­um sollt ich mich drauf ein­las­sen?

    Gera­de in der U-Musik gehts ja aus­schließ­lich um die Songs (und damit um die Kom­po­nis­ten). Wie die Inter­pre­ten sin­gen, weiß ja über­haupt gar kei­ner der Kon­su­men­ten. Das Geschäft wird ja (gott­sei­dank!) von kräf­tig behübsch­ten Stu­dio­auf­nah­men domi­niert. Was sie aller­dings sin­gen, hört jeder – und pfeift es mit.

    (Wür­den irgend­je­man­den techi­sche Gesangs­fi­nes­sen inter­es­sie­ren, wür­den die gro­ßen Stu­di­os aus­schlie­ßĺich aus­ge­bil­de­te Opern­stim­men in den Kampf um die Top 10 der Charts wer­fen. Tun sie aber offen­sicht­lich nicht.)

    Die pas­sen­de Sing­stim­me gehört zur Ver­mark­tung eines Songs dazu wie das Musik­vi­deo, das Aus­se­hen des Sän­gers. Aber es ist eben nur das: Bei­werk und Mar­ke­ting.

    Apro­pos Mar­ke­ting: Die Län­der, die mit viel Geld und um jeden Preis den ESC gewin­nen wol­len. Wie gehen die das an? Enga­gie­ren sie aus­län­di­sche Sän­ger mit wun­der­schö­nen Stim­men? Oder enga­gie­ren sie aus­län­di­sche Kom­po­nis­ten, die ihr Talent bereits unter Beweis gestellt haben?

    Auch beim Song Con­test hab ich ja schon Wochen vor­her ent­schie­den, für wen ich anru­fen wer­de – ein­zig auf­grund der per­fekt zurecht­po­lier­ten Stu­dio­auf­nah­men. (In nur weni­gen Fäl­len ste­hen nur Live-Auf­trit­te von natio­na­len Vor­ent­schei­den zur Ver­fü­gung, die haben dann eben einen Nach­teil.) Nur auf die­se Stu­dio­auf­nah­men kommt es dann auch nach dem ESC an, wenns drum geht, ob sich ein Song ver­kauft oder nicht.

    Ich ken­ne die Mei­nung des Haus­herrn zum The­ma Kom­po­nis­ten­wett­be­werb. Sie ist genau das: sei­ne per­sön­li­che Mei­nung. Die Fak­ten sehen anders aus, die Tro­phäe der EBU geht an die Kom­po­nis­ten, nicht an die Sän­ger.

  20. Aha. Die Leu­te da drau­ßen kau­fen ihre Musik also dei­ner Mei­nung nach, weil ihnen die Pro­du­zen­ten oder Song­schrei­ber gefal­len.

    Sor­ry, das ist schlicht und ergrei­fend Unfug, und davon gehe ich nicht ab. Nie­mand kauft die neue Lady-Gaga-Plat­te, weil RedO­ne die Songs geschrie­ben hat – die wird gekauft, weil Lady Gaga drauf steht. Wäre das anders, wäre der Song des Teams, das für die erfolg­reichs­te Plat­te des Jah­res 2011 ver­ant­wort­lich war (fürs Pro­to­koll: “21” von Ade­le), beim ESC 2012 wohl kaum der­ma­ßen abge­stürzt. Die Leu­te wis­sen viel­leicht nicht, wie sich die Sachen live anhö­ren wür­den (wobei heut­zu­ta­ge mit Kon­zer­ten viel mehr Geld ver­dient wird als mit Plat­ten), aber das Gesicht, das sie mit der Musik ver­bin­den, ist nicht RedO­ne oder sonst ein Pro­du­zent, son­dern eben ein Sän­ger wie Lady Gaga oder Flo­Ri­da. (Pro­du­zen­ten, die gleich­zei­tig auch als Künst­ler auf­tre­ten, wie Tim­ba­land oder David Guetta, sei­en da mal außen vor.) Und das ist beim ESC nicht anders. Wie hoch wird der Anteil der Leu­te gewe­sen sein, die wuss­ten oder gese­hen haben, dass Geor­gi­en 2013 vom sel­ben Autor stamm­te wie Schwe­den 2012 oder Däne­mark 2010? Und wie vie­le die­ser Leu­te inter­es­sier­te das?

    Die Län­der, die um jeden Preis gewin­nen wol­len, machen bei­des: sie holen sich inter­na­tio­na­le Song­schrei­ber und las­sen die Lie­der von natio­nal bekann­ten und/oder talen­tier­ten Namen vor­tra­gen, damit wenigs­tens eine rudi­men­tä­re Ver­bin­dung zum eige­nen Land vor­han­den ist. War­um läuft das wohl so sel­ten anders­her­um? Genau: weil das eige­ne Land sich voll­kom­men zu Recht fra­gen wür­de, war­um ein Typ oder eine Frau aus Schwe­den oder Grie­chen­land, der/die nichts mit der Ukrai­ne oder Aser­bai­dschan zu tun hat, für die­ses Land in den Ring steigt. Oli­ver hat inso­fern recht, als die Kom­po­nis­ten die Leu­te, die anru­fen, über­haupt nicht inter­es­sie­ren. Bei den Juro­ren mag das anders sein, und wir könn­ten jetzt end­los dar­über spe­ku­lie­ren, nach wel­chen Kri­te­ri­en genau die das beur­tei­len (sol­len), aber um ehr­lich zu sein, geht mir die­se gan­ze Debat­te nur noch auf die Ner­ven. Wir wer­den auf kei­nen gemein­sa­men Punkt kom­men, weil kei­ner von uns bei­den bereit ist, sich zu bewe­gen, und dann hat eine Dis­kus­si­on über­haupt kei­nen Sinn. Noch ein schö­nes Wei­ter­le­ben.

  21. Eine Dis­kus­si­on hat v.a. dann kei­nen Sinn, wenn Du mir Aus­sa­gen unter­stellst, die ich nie getrof­fen habe. Und dann nur mehr gegen die­se Phan­tom-Aus­sa­gen zu argu­men­tie­ren ver­suchst.

    Nein, die Leu­te kau­fen Songs nicht des­halb, weil ihnen die Kom­po­nis­ten “gefal­len”. Das hab ich auch nie gesagt. Was ich gesagt habe ist: Die Leu­te kau­fen Songs, weil ihnen die Songs gefal­len. Die Kom­po­nis­ten sind dafür halt ver­ant­wort­lich, weil sie die Songs geschrie­ben haben. (Das ist so wie im Restau­rant: Da muß ich den Koch ja auch nicht ken­nen, um fest­zu­stel­len, daß er ein her­vor­ra­gen­des Filetsteak gezau­bert hat. Ich wer­de nie sei­nen Namen erfah­ren und geh trotz­dem gern ein zwei­tes Mal hin, weils mir geschmeckt hat.)

    Auch mich inter­es­siert nur am Ran­de, wer mei­ne paar Lieb­lings­songs vom Song Con­test 2013 kom­po­niert hat. Und wenn ichs raus­krieg und der glei­che Kom­po­nist 2014 wie­der dabei ist, wer­de ich kei­nes­falls nur allein des­we­gen wie­der für sei­nen Bei­trag anru­fen. Aber ich neh­me zur Kennt­nis: Die Tat­sa­che, daß es ein Lieb­lings­song gewor­den ist und aus der Mas­se her­aus­sticht, ist die Leis­tung die­ses Kom­po­nis­ten. Der Sän­ger auf der Büh­ne ist nur ein aus­füh­ren­des Werk­zeug. Der Sän­ger kann maxi­mal einen guten Song rui­nie­ren, aber nie­mals eigen­stän­dig etwas schaf­fen, was ihm der Kom­po­nist nicht vor­ge­ge­ben hat. Daher ist es die Leis­tung des Kom­po­nis­ten, um die es auch beim ESC geht, nichts ande­res.

    Die Leu­te, die heut­zu­ta­ge eine Lady Gaga CD kau­fen, nur weil Lady Gaga drauf­steht, das sind die Fans. Die kau­fen alles aus die­ser Mar­ke­ting-Maschi­ne. Sie tun das aber nicht, weil sie Fräu­lein Gagas Gesangs­tech­nik im Ver­gleich zu ande­ren Inter­pre­ten so schät­zen. Sie tun das, weil die Plat­ten­fir­ma es geschafft hat, eine emo­tio­na­le Bin­dung zum Pro­dukt Lady Gaga zu ver­mit­teln. Die­se emo­tio­na­le Bin­dung muß­te aber auch erst mal durch teu­res Mar­ke­ting auf­ge­baut wer­den, und da waren ein paar geschickt gestrick­te Songs wohl nicht ganz unbe­tei­ligt.

  22. Nie­mand kauft eine Plat­te wegen der Kom­po­nis­ten, aber es gibt eine gan­ze Men­ge Leu­te, die sie wegen der Künst­ler kau­fen. Und das ist nicht nur in Musik­gen­res so, in denen der gan­ze Mar­ke­ting-Schlonz gemacht wird. Selbst Sin­ger-Song­wri­ter neh­men ab und zu Lie­der von ande­ren Auto­ren auf ihre Plat­ten, und zumin­dest ich kann sagen, dass mir die Lie­der wich­tig sind, nicht, ob da jetzt Mey oder Wader oder Wecker oder wer auch immer als Autor ange­ge­ben wird (ja, ich höre Rein­hard Mey. Deal with it 😉 ).

    Wenn du nicht willst, dass man dich falsch ver­steht, dann drück dich bit­te etwas kla­rer aus. Die Bot­schaft, die bei mir ankam, war “der Sän­ger ist voll­kom­men irrele­vant, weil er/sie höchs­tens einen guten Song rui­nie­ren kann, aber nie­mals einen eige­nen künst­le­ri­schen Input bringt”. Das ist Unfug – und wer das nicht glaubt, soll sich mal die “Ame­ri­can Record­ings” von John­ny Cash anhö­ren, in denen er aus bekann­ten Lie­dern eigen­stän­dig etwas Neu­es schafft, zwar mit Unter­stüt­zung durch einen ent­spre­chen­den Pro­du­zen­ten, aber eben auch mit einer eige­nen Leis­tung. Ver­gleich­ba­res gilt für Lady Gaga – dass nicht jeder mit den Songs von RedO­ne reüs­sie­ren kann, hat Ale­xej Vor­ob­jov ziem­lich deut­lich unter Beweis gestellt. Es geht nicht nur um die Songs – und auch nicht nur um das Image. Es geht auch um eine eigen­stän­di­ge künst­le­ri­sche Leis­tung des Vor­tra­gen­den, und wer nicht glaubt, das die­se Leis­tung exis­tiert oder von Bedeu­tung ist, mit dem brau­che ich nicht wei­ter zu reden, weil unse­re Posi­tio­nen so weit aus­ein­an­der sind, dass wir uns nicht mal mit Hub­b­le sehen könn­ten.

    Es gibt Musik­rich­tun­gen, bei denen der auf­ge­papp­te Name tat­säch­lich alles war und die Leu­te auf der Bühne/im Stu­dio total irrele­vant. Aber nicht alle Musik folgt den Gesetz­mä­ßig­kei­ten von 90er-Jah­re-Euro­dance.

    Ich bit­te noch­mals dar­um, dass wir die­se abso­lut frucht­lo­se Debat­te end­lich begra­ben. Wir wer­den ein­an­der nicht begrei­fen und nicht ver­ste­hen, und Dis­kus­sio­nen unter einem sol­chen Vor­zei­chen haben ein­fach über­haupt kei­nen Sinn. Du wirst wei­ter­hin den Kopf über mei­ne Ver­b­ort­heit schüt­teln und umge­kehrt, also war­um spa­ren wir uns das nicht ein­fach?

Oder was denkst Du?