Drei Länder ohne Televoting beim ESC 2013

So gut wie nichts über die tatsächliche Unterschiede zwischen Jury- und Televoting sagen uns die gestern Nacht von der EBU veröffentlichten Splitvotingergebnisse. Denn, anders als in vorangegangenen Jahren mit Jurybeteiligung, gab die EBU nicht die in harte Länderpunkte umgerechneten Zahlen an, sondern lediglich den gesamteuropäischen Wertungsdurchschnitt (mehr dazu später). Wie der Mathefreak Ervin Juhász von escxtra anhand eines Abgleichs der angegebenen Durchschnittswertungen und der Anzahl der abstimmenden Länder ausgerechnet haben will, verraten uns die Zahlen allerdings, dass in insgesamt drei Ländern – eines im ersten und zwei im zweiten Semi –  lediglich die Juryergebnisse in die Endwertung miteinflossen und das Televoting keine Beachtung fand. Er selbst tippt im zweiten Semi auf San Marino, was angesichts der überschaubaren Einwohnerzahl von etwas über 30.000 und der Tatsache, dass die Miniaturrepublik Teil des italienischen Telefonnetzes ist, äußerst schlüssig erscheint.


Aus ihrem Land stimmte wohl nur die Jury ab: SMlerin Valentina

Daneben müssen aber in noch zwei weiteren Ländern die Anrufzahlen so niedrig gewesen sein, dass Digame sie nicht mit in die Endabrechnung einbezog (übrigens ohne dass die betroffenen Voter ihre Telefongebühren zurückerstattet bekämen!). Eine solche Untergrenze existiert seit Bestehen des Televotings, allerdings hält die EBU die genaue Zahl der benötigten Mindestanrufe geheim. Dieses Verfahren ist auch der Grund, warum man in diesem Jahr nicht die in Punkte umgerechneten Zahlen angeben will – wenn potentielle Powervoter wüssten, wo in diesem Jahr die Grenze nicht erreicht wurde, würden sie nächstes Jahr dorthin reisen und mithilfe verteilter kostenloser Guthabenkarten massig Anrufe für zahlende Länder organisieren. Andererseits behauptet die EBU aber zugleich, Digame verfüge über Sicherungsprogramme, die eine auffällige Zahl von Powervotes (in kurzer Zeit vom selben Ort abgegebene hohe Anrufzahlen für ein und dasselbe Land) erkennen und aussortieren könnten.


Letzter, obwohl andere einen schlechteren Schnitt hatten: Bully Herbig

Könnte der wahre Grund für die Geheimhaltung also eventuell darin liegen, dass nach dem 2013 erstmals angewendeten neuen Auszählungsverfahren Dänemark gar nicht, wie behauptet, der überragende Doppelsieger bei Jury und Publikum war? Dass die bekanntgegebenen Durchschnittsplatzierungen nicht die geringste Aussagekraft haben, sieht man am Beispiel Irlands: Ryan Dolan und seine halbnackten Trommeltänzer landeten mit einem Schnitt von 16,21 bei den Jurys auf Rang 23 und mit einem Schnitt von 14,21 bei den Anrufern auf Rang 14, schlossen den Abend aber tatsächlich mit der Roten Laterne ab. Denn Punkte erhält nur, wer in der kombinierten Jury- und Zuschauerwertung eines Landes auf einem der vorderen zehn Plätze landet. Das gelang Ryan lediglich drei Mal. Spanien hingegen, das sowohl bei den Jurys als auch bei den Zuschauern den schlechtesten Wertungsdurchschnitt erzielte und in beiden Tabellen das Schlußlicht bildete, überflügelte Ryan auf der Punktetafel um drei Zähler und landete vor ihm – übrigens auch aufgrund einer relativ großzügigen Punktespende aus Albanien, eines der Länder, von denen Ervin Juhász ebenfalls mutmaßt, dass hier nur die Jurys abgestimmt haben könnten.


Ist Emmelie tatsächlich die Siegerin aller Herzen? Man weiß es nicht, man vermutet es nur

Was aber für den letzten Platz gilt, kann genau so gut für den ersten Platz gelten. Im zweiten Semifinale gewann nach den veröffentlichten Durchschnittswerten der maltesische Doktor das Juryvoting und der rumänische Glitzerdracula die Zuschauerabstimmung. Erster nach realen Punkten wurde aber Farid Mammadov aus Aserbaidschan. Gut vorstellbar also, dass ‚Hold me‘ im Finale der tatsächliche Juryliebling gewesen sein könnte, die liebliche ukrainische Singdrossel Zlata Ognevich die Favoritin der Anrufer und die dänische Waldelfe Emmelie eigentlich überall nur auf dem zweiten Platz lag, nach Punkten aber dennoch gewann. Das ist freilich nichts als eine wüste Spekulation, die ich durch keinerlei Fakten belegen kann – allerdings auch nicht widerlegen, weil die EBU weiterhin auf den belastbaren Zahlen sitzt. Ewan Spence von ESC insight kommentiert, die gestrige Veröffentlichung sei ein „schwacher Kompromiß, der sowohl das Ziel, den Wettbewerbsgedanken des Contests zu schützen als auch offen mit den Daten umzugehen, verfehlt“.

Spekuliere: in welchen drei Ländern gab es kein valides Televoting? (3 Stimmen)

  • San Marino (31%, 91 Votes)
  • Albanien (17%, 51 Votes)
  • Montenegro (15%, 46 Votes)
  • Zypern (9%, 26 Votes)
  • Moldawien (6%, 19 Votes)
  • Ein anderes. (5%, 16 Votes)
  • Weißrussland (4%, 13 Votes)
  • Bulgarien (4%, 13 Votes)
  • Lettland (3%, 10 Votes)
  • Mazedonien (3%, 8 Votes)
  • Belgien (1%, 4 Votes)
  • Rumänien (0%, 0 Votes)

Total Voters: 101

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6 Gedanken zu “Drei Länder ohne Televoting beim ESC 2013

  1. Bei San Marinos Einwohnerzahl hat sich eine Null zuviel eingeschlichen – das Land kommt nur auf 30,000 Einwohner.

  2. Powervoting? Das ist doch der reinste Alibigrund. Wenn man die Punktesummen veröffentlichen würde, würde das doch genausowenig über das Abstimmungsverhalten der einzelnen Länder aussagen.

  3. Warum glaubt eigentlich die EBU, dass 5 Juroren wertvoller sind als 5 Televoter? 🙂 Durch diese merkwürdige Geheimhalterei wird es nicht besser, das mit Irland und Spanien ist ein gutes Beispiel – irgendwann gibt es einen Sieger, der weder im Televoting noch im Juryvoting Erster wurde – vielleicht schon heuer?

  4. Davor habe ich – und sicherlich nicht nur ich – besonders Angst. Da gewinnt dann ein Land, das bei den Juroren Dritter und bei den Televotern Siebter wurde. Da wird es dann richtig interessant. Und die EBU wird zum Umdenken gezwungen sein.

    Bisher war das ja zum Glück noch nicht passiert; Televoter und Juroren waren sich ja immer einig in der Frage um den Sieger (na gut, außer 2011 vielleicht, aber das ist nichts, was überbewertet werden muss, aber da war Aserbaidschan bei den Juroren immerhin Zweiter).

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