Eurovisionsvoting: wie Konsenszwang zum Streit führt

„Stimmenraub“: dieser Vorwurf aus dem Munde des russischen Außenministers Sergej Lawrow beschäftigt derzeit den aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyew und die EBU. Wie bereits am Dienstag berichtet, zeigte sich Moskau darüber erbost, für Dina Garipovas Beitrag ‚What if‘ aus der ehemaligen Sowjetrepublik am kaspischen Meer keine Stimmen erhalten zu haben, obwohl der Song im dortigen Televoting auf dem zweiten Platz landete, wie der aserbaidschanische Machthaber sich beeilte, mitzuteilen. „Diese haarsträubende Aktion darf nicht unbeantwortet bleiben,“ zitiert der Spiegel den russischen Außenminister. Was zeigt, welchen politischen Stellenwert der Wettbewerb in Osteuropa genießt – man stelle sich vor, Guido Westerwelle kritisierte den 21. Platz für Cascada! Unangenehme Konsequenzen fürchtet nun  Stefan Niggemeier: „Wenn in den nächs­ten Tagen Mit­glie­der der dies­jäh­ri­gen aser­baid­scha­ni­schen Eurovisions-Jury leb­los ans Ufer des kas­pi­schen Mee­res ange­spült wür­den, wäre es keine große Über­ra­schung. Die sind näm­lich offen­kun­dig ver­ant­wort­lich für das schänd­li­che Null-Punkte-Votum“.


Was, wenn – Dina 12 Punkte aus AZ erhalten hätte? Dann wäre sie auch nur Fünfte

Die diplomatische Krise ist eine direkte Konsequenz einer kleinen, komplizierten, aber folgenreichen Regeländerung bei der Auswertung und Validierung der jeweils zur Hälfte zählenden Televoting- und Jury-Stimmen. Seit diesem Jahr werden bei der Ermittlung der Länderpunkte jeweils alle 26 Teilnehmer (minus das eigene Land) mit einbezogen und nicht mehr nur die jeweilige Top Ten der Juroren und Televoter. Ein scheinbar nebensächliches Detail, das aber gerade bei starken Meinungsverschiedenheiten zwischen Jurys und Publikum gravierende Auswirkungen zeitigt, wie John Egan von ESC Insight am Beispiel Italiens ermittelt hat, wo der Sender das Ergebnis des Televotings veröffentlichte. Dort ging ein massiver Anteil der Publikumsstimmen an Rumänien (23,2%, Platz 1) bzw. den Bruderstaat Moldawien (13,8%, Platz 2). Tatsächlich erhielt Aliona Moon als Folge eines schlechten Juryergebnisses aber nur 4 Punkte aus Italien, Glitzer-Dracula Cezar gar nur einen einzigen. Unter Anwendung des bis 2012 praktizierten Systems, so rechnete Egan aus, hätte Rumänien zehn Punkte aus Italien erhalten und Moldawien sechs.


Auch Cezar wurde ein Opfer des Stimmenraubs

Das Herunterwerten umstrittener Beiträge, die bei den Jurys deutlich schlechter abschneiden als beim Publikum, ist dabei kein Versehen, sondern Absicht, will man damit doch das Diasporavoting weiter eindämmen. Gerade das italienische Beispiel belegt, dass das effektiv gelingt: die Mittelmeerhalbinsel ist Heimat für zahlreiche rumänische Immigranten, die sich natürlich für die Musik aus ihrer Geburtsregion erwärmen. Wie die Aufregung um die „geraubten“ aserbaidschanischen Punkte für Russland zeigt, kann das neue Verfahren im Extremfall aber auch dazu führen, dass ein Publikumsliebling völlig leer ausgeht, denn nach wie vor erhalten ja nur die ersten zehn im nationalen Gesamtranking überhaupt Punkte. Wie die Reaktion aus Moskau zeigt, werden Nil Points aus einem politisch freundlich gesinnten ehemaligen Satellitenstaat aber offenbar als Gesichtsverlust verstanden.


Ihr schuldet uns da noch was, Österreicher!

Und bevor wir uns über die überzogene russische Reaktion mokieren, sollten wir uns vielleicht noch mal an die Verbitterung hierzulande erinnern, als 1981 die Schweiz den sicher geglaubten Sieg für Lena Valaitis‚Johnny Blue‘ mit einer generösen Nullwertung verhinderte. Beziehungsweise an den historischen einen Punkt der österreichischen Jury im Jahr darauf für Nicoles ‚Ein bisschen Frieden‘, in dessen Folge nicht wenige bereits gebuchte Urlaubsreisen ins Nachbarland erzürnt wieder storniert wurden. Und natürlich kann man den Russen ein fragwürdiges Demokratieverständnis vorwerfen, wenn sie eine hohe Grand-Prix-Punktzahl aus den ehemaligen Kolonien augenscheinlich für ihr gottgegebenes Grundrecht halten. Nur haben wir hier einen klassischen Fall von Doppelmoral, spricht es in meinen Augen doch für ein zutiefst demokratiefernes Grundverständnis, die Ergebnisse des Televotings auf derartig massive Weise zu manipulieren.


Platz 2 dank türkischer Diasporastimmen – oder weil es ein guter Song mit einer tollen Show ist?

Auch, wenn einem das Diasporavoting nicht schmeckt: hierzulande lebenden Immigranten das Recht absprechen zu wollen, beim Eurovision Song Contest für ihr Herkunftsland anzurufen, halte ich für mehr als merkwürdig. Diese Menschen tun ja nichts Verbotenes: sie nutzen die jedem anderen Anrufer ebenfalls zustehende Möglichkeit, bis zu zwanzig Mal für einen Beitrag anzurufen, der ihnen gefällt. Auch auf die Gefahr, mich zu wiederholen: will man den Diasporaeffekt dämpfen, muss man die Anzahl der zulässigen Anrufe pro Land reduzieren. Vorstellbar wäre zum Beispiel, weiterhin 20 Anrufe zuzulassen, aber maximal drei Voten pro Telefonanschluss pro Land zu zählen. In dem die EBU aber einem kleinen Häufchen von fünf Personen die Macht gibt, zehntausende von Zuschauerstimmen faktisch für ungültig zu erklären, in dem sie einen Publikumsfavoriten so weit nach unten wertet, dass er in der Länderwertung null Punkte erhält, führt das komplette Televoting ad absurdum. Wieso sollte ich überhaupt noch anrufen, wenn ich weiß, dass Lena Meyer-Landrut und Florian Silbereisen (zwei der deutschen Juroren 2013) meine Stimme willkürlich streichen können?


Nur 1 Punkt aus Deutschland, trotz meiner fünf Anrufe: Krista

Noch sind die Splitvotingergebnisse nicht veröffentlicht, aber schon die bisherigen Querelen zeigen, dass der stärkere Einfluss, den die Jury durch das neue Auszählungsverfahren erhält und das zu einer Bevorzugung von Konsenstiteln führt, die sowohl beim Publikum als auch den „Experten“ so mittel ankommen, nicht zu einer Befriedung beiträgt, sondern die Atmosphäre vergiftet. Auch wenn das keiner offen ausspricht: die Jurys wurden ja überhaupt nur wieder eingeführt, um Länder wie Aserbaidschan, die Türkei, Griechenland und Russland, die überdurchschnittlich stark von Nachbarschafts- und Auswandererstimmen profitieren, auf das von Westeuropa empfundene „rechte Maß“ einzuhegen. Dass diese Länder sich das nicht auf Dauer gefallen lassen (vielleicht bis auf die Hellenen, die im Moment aufgrund ihrer finanziellen Situation ganz froh sein dürften, nicht mehr in die Nähe eines Medaillenplatz zu gelangen), war zu erwarten und erscheint mir verständlich.


Ankert nicht mehr im Eurovisionshafen: die Türkei

Der Streit dürfte also weitergehen. Dass man in Genf außerdem nicht das nach einzelnen Ländern aufgeteilte, detaillierte Splitvoting bekanntgeben will, sondern nur die aufaddierten Televoting- und Juryergebnisse, beschädigt in der aktuellen Situation das Vertrauen in die EBU und das Ansehen des Eurovision Song Contest. Die Türkei, die dieses Jahr bereits aus Protest aussetzte, dürfte sich bestätigt fühlen, weitere Länder könnten folgen. Das mag man im Hinblick auf die musikalische Bestückung des Grand Prixs beurteilen, wie man will. Für den gerade in Krisenzeiten wie jetzt so notwendigen europäischen Zusammenhalt wäre es Gift.

Ist es aus Deiner Sicht okay, wenn ein Publikumsfavorit null Punkte bekommt, weil die Jury ihn schlecht bewertet?

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39 Gedanken zu “Eurovisionsvoting: wie Konsenszwang zum Streit führt

  1. „Vorstellbar wäre zum Beispiel, weiterhin 20 Anrufe zuzulassen, aber maximal drei Voten pro Telefonanschluss pro Land zu zählen“
    Was soll DAS denn? Komplette Abzocke, es werden zwar nur die ersten 3 Anrufe gezählt, aber man darf gern kostenpflichtig noch ein paar zusätzliche Anrufe nachschieben???

    Und wie bereits gesagt: die Beschränkung auf einen Anruf pro Anschluss mag zwar aus anderen Gründen sehr sinnvoll sein, aber gegen Diasporavoting bringt das gar nichts, da sich doch am Verhältnis nur sehr wenig ändert, lediglich alle Stimmenzahlen durch 20 dividiert werden (zumindest im Prinzip. Es kann natürlich sein, dass Otto-Normalwähler sein Kontingent nicht ausschöpft, aber solche Gelegenheitswähler gibt es auch in der Diaspora).

  2. Nein, so war es nicht gemeint. Nicht gezählte Anrufe sollten natürlich auch nicht berechnet werden bzw. müsste so eine Beschränkung natürlich auch vorher kommuniziert werden.
    Wieso es nichts bringen soll, kann ich aber nicht nachvollziehen. Ich behaupte mal, dass ungefähr 80% der Anrufer (zumindest im Finale) sowieso exakt ein Mal anrufen, für ihren Lieblingstitel nämlich. Das ist der Durchschnittszuschauer oder Otto-Normalwähler. Die restlichen 20% dürften sich aus den Hardcore-Fans zusammensetzen, die so wie ich fünf Mal für Land A anrufen, vier Mal für Land B und so weiter – und eben den Diasporavotern, die zwanzig Mal für ihr Herkunftsland anrufen. Und gerade Letztere beeinflussen derzeit das Ergebnis sehr stark. Bei einer Beschränkung der gültigen Anrufe pro Land würde dieser Einfluss wieder auf einigermaßen repräsentative Anteile sinken (außer natürlich im Semi, wo die erwähnten 20% praktisch unter sich sind, weil Otto-Normalwähler von dieser Show gar nichts weiß).

  3. Ich denke – ein Anruf pro Anschluss, und das Thema Diasporastimmen wäre gegessen. Das Problem: Es fließt weniger Geld in die Kassen.

    Aber: Wenn man dieses System so bei behält, dann muss man den Leuten auch sagen, wie es ist – nämlich dass irgendwo ein Grüppchen aus willkürlich ausgewählten Leuten nach willkürlichen Kriterien die Stimmen der Zuschauer entwerten kann. Und dass es unter Umständen absolut nichts bringt, 20 mal zum Telefon zu greifen, weil durch die Jury trotzdem 12 Punkte zu einem Punkt werden können. Außerdem muss man den Leuten natürlich sagen, dass es passieren kann, dass die Zuschauerstimmen gar nicht gezählt werden, weil jemand entscheidet, dass nur die Jury-Stimmen gezählt werden.

    Einmal abgesehen davon: Ich kann, wenn ich mir die Ergebnisse der vergangenen Jahre anschaue, nicht wirklich erkennen, dass es abwechslungsreicher oder spannender geworden wäre. Wir haben stets ein paar Länder, die sich sehr schnell vom restlichen Teilnehmerfeld entfernen, und meist sind mehr oder weniger die gleichen Länder im Spitzenfeld, und stets ist ziemlich schnell klar, wer gewonnen hat. In diesem Jahr war schon nach dem zehnten Voting einigermaßen klar, dass es Dänemark werden wird.

    Wenn man das Jury-System so beibehalten möchte, dann muss man sich allerdings auch um ein Berechnungssystem bemühen, dass die Favoriten beider Seiten ausreichend berücksichtigt, und nicht die Möglichkeit bietet, den Favoriten der einen Seite, meist der Zuschauer, nach unten zu punkten. Was dann aber wohl die Sache ad absurdum führen würde, denn so wie ich das sehe, soll dieses System ja gerade die Zuschauerfavoriten nach unten punkten.

    Will heißen: Es kann passieren, dass die Jury ein Land wie Türkei grundsätzlich niedrig ansetzt, weil sie davon ausgeht, dass die Diasporastimmen die Türkei bei den Zuschauern nach oben befördert – was nicht bedeutet, dass das tatsächlich so ist, aber es kann passieren. Aber auch dies: Dass die Jury ein Land möglichst hoch ansetzt, um es in die Punkteregion zu befördern.

    So wie es aktuell ist, kann es passieren, dass, theoretisch, ein Gewinnerland weder bei den Juries noch bei den Zuschauern der Favorit war.

    Mich stört diese mangelnde Transparenz; mich stört aber noch mehr, dass die Ergebnisse immer vorhersehbarer werden.

  4. Ich bin vollkommen erschüttert!
    Nicht so sehr darüber, dass Russland keine Punkte aus Aserbaidschan bekommen hat, und auch nicht so sehr darüber, wie die dortigen Despoten über den Wettbewerb und die Must-Vorhersagbarkeit der Punkte denken, sondern eher darüber wie absolut ungerecht das neue System ist. Mir ist tatsächlich jetzt erst aufgegangen, dass das Punkteverhältnis damit nicht mehr 50% – 50% beträgt, sondern eher 10% (Zuschauer) – 90% (Jury)…
    Die Beispiele um die rumänische und moldawische Wertung aus Italien erschüttern mich!!! Denn wer hat denn nun dank der Jury die 12 und 10 Punkte erhalten???
    Dänemark und Malta… Anstatt zweier Polarisierender Titel, die um Mittelfeld gelandet sind, wurden also 2 äußerst durchschnittliche Titel, die dafür ganz vorne (und fast ganz vorne) gelandet sind belohnt… Das darf doch nicht wahr sein?!?!?!? Der Reiz des ESC ist es doch, dass auch die polarisierenden schrägen Titel weit nach vorne kommen können… Ohne die Jurywertung wäre das Ergebnis vermutlich wesentlich spannender geworden!

  5. Ja, genau das wollte die EBU ja mit dem neuen Berechnungsverfahren erreichen: dass es polarisierende Titel noch schwerer haben und seichtes Mittelmaß, das keinem wehtut, befördert wird. Ein Stück weit kann ich das aus EBU-Sicht sogar nachvollziehen: 90% der Zuschauer stehen nun mal auf Mittelmaß, und der Sieg eines kontroversen Titels beinhaltet immer die Gefahr, Zuschauer abzuschrecken. Das war z.B. auf nationaler Ebenen bei Guildo Horn der Fall oder beim ESC bei Lordi: die haben zwar junge Zuschauer gebracht, aber auch ältere zum dauerhaften Abschalten bewegt. Und da die Gesellschaft europaweit altert, orientiert man sich eben lieber an den Älteren. Ich halte das aber für einen Fehler, denn zum einen haben es polarisierende Titel in einem Contest, in dem ich die Zustimmung aus möglichst allen Ländern brauche, um zu gewinnen, ohnehin schon schwer genug, das muss nicht noch verschärft werden. Und zum anderen produziere ich damit Langeweile. Sei es bei der Abstimmung, wie von Dir erwähnt, aber auch bei der musikalischen Bestückung. Wir erleben das ja die letzten Jahr schon, dass die Zahl der auf die Jurys zugeschnittenen Balladen wieder massiv zunimmt. Und in dem die Jurys jetzt noch mehr Macht bekommen, geht die Entwicklung noch stärker zurück in Richtung der Neunziger, wo der Contest fast nur noch aus solcher Konsensware bestand. Und so sterbenslangweilig war, dass ihn kaum noch jemand gesehen hat.

  6. „dass das Punkteverhältnis damit nicht mehr 50% – 50% beträgt, sondern eher 10% (Zuschauer) – 90% (Jury)“.
    Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Das Verhältnis bleibt weiterhin 50-50, denn der ungekehrte Fall, dass nämlich der Zuschauer einen absoluten Top-Favoriten auf einen Punkt runtervotet, kann natürlich genauso eintreten, auch wenn sich darüber wahrscheinlich wenige aufregen werden..
    Egal, welches System man nimmt, man wird immer Vor- und Nachteile finden. Das jetzige bestraft tatsächlich polarisierende Titel (aber um genau solche handelt es sich ja beim Blockvoting!).
    Dafür hat es eine Sache deutlich abgemildert, die in den letzten Jahren oft angemeckert wurde: Titel, die sowohl beim Zuschauer als auch bei der Jury auf Platz 11 gelandet wären, also ganz knapp draußen, wären früher mit 0 Punkten geendet. Diese haben als Konsenskandidaten nun eine echte Chance.
    Ws wird einfach kein System geben, das allen Belangen Rechnung trägt. Wer sich schon mal mit Wahlauszählungsverfahren beschäftigt hat, wird das bestätigen können.
    Wenn’s nach mir ginge, könnte man das Zuschauervoting ganz abschaffen. Dann müssten allerdings echte FACHjuries herangezogen werden, gefüllt mit Mitgliedern, die Quer durch die Bank alle Branchen vertreten (eben nicht nur den Mainstream, insofern war Herr Silbereisen dieses Jahr recht gut besetzt, der Rest war aber ziemlich einseitig).
    Leider werde ich davon wohl weiterträumen müssen, denn nur direkte Publikumsbeteiligung bringt ja Quote und Kohle …

  7. Richtig: über den umgekehrten Fall, dass ein einsamer Juryfavorit am Zuschauerwillen scheitert, rege ich mich natürlich nicht auf. Das ist eine Frage des Ausgangsstandortes: in meinen Augen ist ja der Zuschauerwille der einzig gültige und maßgebliche und genießt absoluten Vorrang (was ein kleines bisschen ja auch in der EBU-Regelung Widerhall findet, dass bei einem Punktegleichstand das Televoting den Ausschlag gibt).

    Absolut zutreffend ist, dass ein sowohl bei den Jurys als auch bei den Zuschauern elftplatzierter Titel nach dem neuen System an umstrittenen Publikumsfavoriten vorbeischießen kann, die von den Jurys runtergewertet worden sind. Das findest Du gut, ich schlecht. Da sind wir wieder bei persönlichen Geschmacksfragen: Du bevorzugst durchschnittlichere Konsensware, ich mag kontroverse Beiträge. Mir ist ein Titel, der spaltet, weitaus lieber als eine Nummer, die alle – ich eingeschlossen – ganz nett finden. Ich finde einen umstrittenen Siegertitel wie ‚Hard Rock Hallelujah‘ besser (auch für die Reputation des Contest) als einen, bei dem man mit den Schultern zuckt.

    Will man allen gerecht werden, was man ohnehin nie ganz schafft, müsste man das Punktesystem ändern und nicht mehr nur noch den ersten zehn Punkte geben, sondern allen. Da die „Douze Points“ aber ein solches Markenzeichen des Grand Prix sind, wird dies nicht geschehen. Und da Menschen wie Du, die Konsensmusik bevorzugen, in der Mehrheit sind, wird sich auch am Abstimmungsverfahren und der Jurybevorzugung nichts ändern. So lange, bis dem Contest wieder die Zuschauer davonlaufen, weil das musikalische Menü so langweilig geworden ist… 😉

  8. „Du bevorzugst durchschnittlichere Konsensware, ich mag kontroverse Beiträge“.

    Das ist allerdings vollkommen falsch interpretiert und ich muss mich schon fragen, ob ich mich bei Formulierungen wie „Und da Menschen wie Du, die Konsensmusik bevorzugen, in der Mehrheit sind“ womöglich beleidigt fühlen muss. ;-(
    Ich wollte lediglich aufzeigen, dass es durchaus auch Argumente für die neue Regelung geben kann.

    Mein persönlicher Geschmack geht (von Ausnahmefällen wie dem diesjährigen Siegertitel oder Abba 1974) absolut nicht in Richtung Konsens oder Mainstream. Sonst hätte ich wohl kaum (völlig vergeblich natürlich, egal ob Jury oder Tele-0-8-15-Geschmack) für Bulgarien, Albanien und Frankreich angerufen. Mir hat auch Montenegro supergut gefallen.
    Ansonsten höre ich vor allem Progressive Rock (daher fand ich auch Armenien gar nicht so schlecht, auch wenn das eher weniger progressiv war), bin aber für beliebiges (für mich) Neues sehr aufgeschlossen, was für mich vor allem ein Grund ist für mein ESC-Interesse (und die nationalen Vorentscheidungen). Aber all diese Köstlichkeiten werden ja vom Wahlvolk in der Regel genausowenig bevorzugt wie von Juries zusammengesetzt wie beispielsweise die diesjährige unsrige. Daher mein Wunsch nach Einführung von reinen Fachjuries ohne jegliche Kompromisse mit Televotern.

  9. Oh, dann entschuldige ich mich für die falsche Einschätzung. Und beleidigen wollte ich Dich damit keinesfalls. Es ist ja nichts verkehrt daran, Konsensware zu mögen, persönlicher Geschmack entzieht sich jeder Wertung durch Andere.
    Dass Du die Gegenargumente aufgezeigt hast, finde ich gut, und sie sind ja auch alle richtig. Ich wollte wiederum nur darlegen, warum ich sie anders gewichte. Und ich glaube halt, dass die Diskussion pro und contra Jury meistens mit dem persönlichen Geschmack korreliert. Davon gibt es aber augenscheinlich auch Ausnahmen, wie ich eben gerade wieder gelernt habe. Dafür danke.

  10. Erfahrung und Geschichte zeigen, dass „nonkonforme“ Beiträge höher bewertet und besser goutiert werden, als Lieder, die wie aus dem G:son-Baukastensystem zusammengeschustert sind. Natürlich spielen regional unterschiedliche Geschmäcker eine Rolle. Aber Songs, die „etwas riskieren“ (etwa Ungarn, Cesar und die Griechen 2013) finden automatisch mehr Aufmerksamkeit und damit auch Punkte. Also: Weg mit der Jury.

    Zu Lordi: Die Manipulation durch Nokia (ist das nicht ein finnisches Unternehmen?) gehört bis heute zu einer meiner liebsten Verschwörungstheorien.

    Die EBU liegt falsch, wenn sie glaubt, mit Innovativem oder wenigstens Zeitgemäßem Senioren als Teil-Zielgruppe zu vergraulen. Das ist eine Annahme, die durch nichts belegt ist.

  11. Ich persönlich denke, dass derzeitige Berechnungssystem ist nicht ideal, was man schon allein an der Verwirrung um die Punktevergaben sieht.

    Ich denke auch, dass kein System jemals komplett perfekt sein wird, und dass schon allein deshalb, weil die Ausgangspunkte für die Beteiligten so verschieden sind.

    Die EBU muss die Zuschauerzahlen konstant halten, eine möglichst ansprechende Sendung präsentieren. Der ausrichtende Sender wird Einnahmen brauchen. Und die teilnehmenden Fernsehsender wollen natürlich möglichst nahe in die Nähe des Siegertreppchens kommen, und das, so jedenfalls mein ganz subjektiver, persönlicher Eindruck in manchen Fällen, möglichst anstrengungsfrei, während andere sich ins Zeug legen und trotzdem nie auf einen grünen Zweig kommen.

    Und dann sind da die Zuschauer, die ihre Favoriten ganz oben sehen, eine spannende Abstimmung miterleben wollen, und natürlich idealerweise den ESC nächstes Jahr im eigenen Land haben wollen.

    Wie gesagt: Das komplett perfekte System wird es nicht geben. Aber man kann stets versuchen, möglichst nahe an ein perfektes System heran zu kommen.

    Das aber ist wiederum nur möglich, wenn eine unabhängige Auswertung der Abstimmungsdaten in den einzelnen Ländern möglich ist – und da sehe ich aktuell nicht, dass das passieren wird. Mein Eindruck ist, dass die EBU darauf hofft, dass die Debatte so schnell wie möglich weg geht. Dabei dürfte allerdings die Verwirrung nach der Veröffentlichung des Split Voting noch größer werden. Denn die Errechnung von Zuschauer- und Jurypunkten ist ja rein theoretisch, weil es sie in der Realität so nicht gab.

    Ich persönlich hätte kaum etwas gegen Fachjuries. Nur glaube ich nicht daran, dass das in der Realität umsetzbar ist. Denn zunächst einmal braucht man exakte Kriterien für die Auswahl der Jury-Mitglieder. Und dann braucht man Kriterien, nach denen sie ihre Bewertung abgeben. Und dann braucht man einen Mechanismus, der gewährleistet, dass die Regeln auch eingehalten werden.

    Aber vor allem stellt sich die größte aller Fragen: Wie will man sicher stellen, dass die Jury in Ländern wie Weißrussland oder Aserbaidschan unbeeinflusst werten können? Vorausgesetzt natürlich, man sagt diesen Ländern nicht einfach Lebewohl.

  12. Mein Kommentar hat es wohl leider nicht durch die Moderationsschleife geschafft…

    daher nochmal:

    Man kann sich so lange streiten, wie man will. Aber DAS richtige Votingssystem, mit dem jeder zufrieden ist, kann niemals gefunden werden.

    Man kann zum vollständigen Televoting zurückkehren, aber da dürften dann besonders die deutschen Punkte wieder von diesem Diasporavoting, mit dem ich ja ein klein wenig auf Kriegsfuß stehe obwohl ich dennoch niemandem das Recht absprechen will, für sein Land zu stimmen, durchsetzt sein und ein Blockvoting á la 2007 wäre dann ebenfalls vorpogrammiert.

    Oder wir machen wieder das vollständige Juryvoting, das es bis Ende der Neunziger gab. Aber die Gerontengarde wird dann wohl en bloc stimmen (Ich sage nur: 1966, Schweden) und außerdem scheint sie, wie man die letzten Jahre gesehen hat, nach folgenden Kriterien zu stimmen: Ist es leichte Kost? Hat das den Charme des alten Grand Prix? Ist es Italien?

    Oder wir lassen nur die Fanclubs abstimmen, aber dann dürfte sich nur die Frage stellen, ob der nächste ESC in Kopenhagen, Oslo oder Stockholm stattfinden wird.

    Oder wir lassen nur die LGBT-Clubs abstimmen 🙂

    Wird doch vom Hausherren favorisiert, oder ?

    Aber da werden die osteuropäischen Länder wohl schlechte Karten haben, aufgrund ihres Umgangs mit sexuellen Minderheiten…

    Schlussendlich wäre es besser gewesen, wenn man genauso gevotet hätte wie 2010, 2011, 2012. Ich bin schon jetzt gespannt, wie das etwas seltsame Ergebnis zustande gekommen ist und wie Cascada im Televoting abgeschnitten haben (0 Punkte aus Skandinavien und Großbritannien waren ja schon eine faustdicke Überraschung).

  13. „Believe“, „Running Scared“ oder „Euphoria“ waren nonkonform?

    Riskante Songs finden ihr Publikum ohne Juries? Wie war noch gleich das Televotingergebnis für „Et s’il fallait le faire“ oder „Madness of Love“?

    Und das Problem mit den aufgeführten Songs dieses Jahrgangs ist, dass sie in den unteren Top 10 oder im Mittelfeld versandeten, was genauso auch für „Birds“ und sogar „Tomorrow“ gilt (und zumindest bei Ungarn glaube ich bis zum Beweis des Gegenteils, dass die Jurys das Lied hochgezogen haben). Die Top 5 dieses Jahr waren eine Parade aus (zugegeben kompetenter) Konsensware, abgesehen vielleicht von Norwegen, die ihren Beitrag aber verglichen mit der Studiofassung massiv entschärft haben – wenn die Bässe im Intro so gewummert hätten wie auf der Platte, hätte das die Voter scharenweise verjagt.

    pasi hat vollkommen recht: das nivellierende wir-geben-allen-eine-Bewertung-System gehört sofort auf den Müll. Meiner Meinung nach hatten wir seit 2009 sehr schöne, abwechslungsreiche Wettbewerbe, was dieses Jahr unter anderem genau wegen dieser Änderung des Wertungssystems nicht im gleichen Maß der Fall war.

    Edit: an den Hausherrn: der Titel des Beitrags ist übrigens falsch geschrieben. 🙂 Das Wort heißt „Konsens“.

  14. Herrschaften, bei aller verständlichen Liebe zu „Birds“: dass der Song ein „Et s’il fallait le faire“-Ergebnis einfahren würde, war eigentlich von Anfang an klar. Bitte nehmt nicht den eigenen Horizont als Maßstab für die Mehrheit – „Birds“ ist ein schönes Lied, aber ganz entschieden nicht aus dem Holz, aus dem man ESC-Sieger schnitzt. (Die 0 Punkte aus Deutschland waren allerdings eine Schande, das stimmt schon.)

  15. Das ist es ja eben – wenn „Birds“ ein Jury-Favorit war, aber noch dazu beim Publikum gut ankam, dann sind doch die 0 Punkte aus D noch unverständlicher. Und es ist ja tatsächlich so, dass bereits ein Juror bei Nichtgefallen mehr Einfluss auf das Abschneiden eines Beitrages hat, als beispielsweise 10.000 Televoter – und das ist schon etwas schräg.

  16. Beim allgemeinen Publikum (im Gegensatz zu den Hardcore-Fans) kam Birds eben gerade nicht so toll an!

  17. Wer genau hat bewiesen, dass es ein Jury-Favorit war und/oder beim Publikum gut ankam? Okay, wir haben das aufgeschlüsselte Ergebnis aus Dänemark, wo „Birds“ bei den Televotern besser ankam als bei den Jurys – wobei sich Dänen und Niederländer, wenn ich „Scandinavia and the World“ glauben darf, sehr gut verstehen -, aber schon in Norwegen war das offensichtlich anders – und das sind Ergebnisse aus Ländern, in denen der Song auch tatsächlich zu den Lieblingen gehörte. Da „Birds“ aus Osteuropa nur sehr spärlich Punkte bekam, war es dort offenkundig eher kein Publikumsknaller und/oder kein Juryrenner, und in diesem Fall gehörte Deutschland dann halt zu Osteuropa. 😉 (Ebenso übrigens wie Italien, Spanien, Malta, Frankreich oder San Marino. So ungewöhnlich war das Null-Punkte-Ergebnis aus Deutschland also auch wieder nicht.)

    Und natürlich haben die Juroren mehr Einfluss auf das Ergebnis als die Televoter. Aber das bekommt man grundsätzlich nicht ausgeglichen hin – wie viele Deutsche braucht man nochmal, um im Televoting einen Isländer, Malteser oder Sanmarinesen aufzuwiegen? Für Island lautet die Antwort, vorausgesetzt, die Televotingquote ist in beiden Ländern gleich hoch: grob gerechnet 250. Für San Marino wären es 2500, was allerdings voraussetzt, dass genug Stimmen reinkommen, um das Televoting zu zählen.

  18. Diese verbitterte Propaganda gegen die Jurys wird langsam ein bißchen langweilig. Soll man Immigranten das Recht absprechen, beim Eurovision Song Contest für ihr Herkunftsland anzurufen? Ja! Unbedingt! Dann nämlich, wenn sie es nur aus billigem Nationalismus heraus tun, egal ob ihnen der Song gefällt oder nicht. Daß ein solches Abstimmungsverhalten die ganze Show scheitern läßt, haben wir doch vor der Wiedereinführung der Jurys Jahr für Jahr vor Augen geführt bekommen.

    Es ist mir lieber, es entscheiden überhaupt nur einige wenige Jury-Mitglieder nach ihrem Musikgeschmack, als es entscheiden Millionen TV-Zuseher nach primitiven nationalistischen Kriterien.

  19. Tja, und mir nicht. Da werden wir schlichtweg nicht zusammenkommen. Im übrigen, wer will denn entscheiden, ob die Immigranten aus purem Nationalismus heraus anrufen? Ich bin kein Immigrant, also des Diasporavotings unverdächtig, und ich habe – wie so oft – für Griechenland angerufen, weil ich den Song (und die Jungs) geil fand. Und den Titel aus Aserbaidschan, der sicherlich aus kultureller Verbundenheit auch bei den hier lebenden Türken ein bisschen was einsammeln konnte, den fand ich auch gut (auch wenn ich nicht dafür angerufen habe). Den russischen Beitrag wiederum fand ich brechreizerregend, aber ich kann nachvollziehen, wenn da klassisch gestimmte Balladenfans einen Pflaumensturz bei kriegen und in Massen anrufen.

    Wir sind ja gar nicht soweit voneinander entfernt: ich finde es auch sonderbar, wenn dieselben Länder jedes Jahr dieselben hohen Punktzahlen kriegen, egal wie gut oder schlecht der Beitrag ist. Aber ich werde auch sauer, wenn ein fünfköpfiges Gremium meine Anrufe für Koza Mostra entwertet, weil sie von der EBU den Auftrag haben, die üblichen Verdächtigen herunterzuvoten. Dann wäre es in der Tat ehrlicher, nur noch Jurys abstimmen zu lassen – was dabei herauskommt, haben wir aber schon in den Neunzigern gesehen, als der Contest kurz davor stand, über die Klinge zu springen.

  20. Die Show war 2007/08 längst nicht so kurz vor dem Ableben wie 1996 – anders gesagt, reines Televoting mag unvorteilhaft sein, aber reines Juryvoting ist es erst recht. Ich bin ein Befürworter des aktuellen Systems (ohne die Verschlimmbesserungen von diesem Jahr), aber lieber reines Televoting, bei dem die Zuschauer wenigstens das Gefühl haben, sie richten etwas aus, als reines Juryvoting, bei dem man die seltsamen Entscheidungen nicht mal als Mehrheitsmeinung verkaufen könnte. In Zeiten von anrufbasierten Castingshows, die regelmäßig Millionen vor die Bildschirme locken (wie viele „The Voice of X“-Veteranen hatten wir dieses Jahr beim ESC?) ist eine jurybasierte Sendung schlicht nicht vermittelbar, und eine Rückkehr zum reinen Juryvoting erst recht nicht.

    Außerdem: wer bitte entscheidet, wann man aus reinem Nationalismus für ein anderes Land anruft? Ich selbst habe türkische Wurzeln, aber das hat mich nicht daran gehindert, den aserischen Beitrag dieses Jahr als absolute Grütze zu empfinden und für Griechenland zu simsen. Müsste ich jetzt meine Türkenkarte zurückgeben, wenn ich eine hätte? Kulturelle Verbindungen zum Land finde ich nebenbei auch keinen sinnvollen Grund für eine Stimme, wenn das Lied so dermaßen generisch ist wie „Hold Me“ oder die anderen Kaukasus-Songs dieses Jahr. Ich hätte auch aus dem Ausland nicht für Cascada angerufen – die auch nicht eben „deutsch“ schreien – , und ich kann die Leute, die offenkundig nur aus Loyalität zum eigenen Land anrufen, so oder so nicht verstehen. Aber wenn man dem ernsthaft einen Riegel vorschieben wollte, hätte man ja die Waffen bei der Hand: ein Anschluss gleich ein Anruf, fertig aus. Die Ex-Jugos haben es gelernt, wie das Ergebnis dieses Jahr deutlich zeigte, jetzt müssten die Ex-Sowjets nachziehen, besonders der Kaukasus.

  21. Ja, endlich spricht es mal jemand an, diese neue Top26-Regelung gehört vor die Hunde! Ich will jetzt nicht Orakel von Delphi spielen, aber ich bin mir sicher, dass all die Länder auf Platz 19 und dahinter gerade im Vergleich zu den Vorjahren nur aufgrund dieser Regel unter 25 Punkten lagen. Und bei der alten Regelung hätte es wahrscheinlich auch keinen Platz 21 für uns gegeben, da hätten mehr Länder kleine, aber feine Punkte an uns vergeben.

  22. „Milim“. „There Must Be Another Way“. „Me and My Guitar“. „Time“. „Quédate conmigo“. „L’amore è femmina“. „Siren“. Das bereits zitierte „Suus“. Auf höherem Niveau sogar „Is It True?“ oder „Rändajad“.

    Soll ich weitermachen? Und umgekehrt, wie oft ist es passiert, dass ein musikalisches Nichts ausschließlich wegen seiner Bühnenshow von den Televotern hochgejazzt wurde, à la „Party for Everybody“ oder „Allez ola olé“?

    Man verstehe mich bitte nicht falsch – ich will keine Rückkehr in Zeiten, wo musikalisch halbwegs Zeitgemäßes mit achten Plätzen belohnt wurde (hallo, 1996!). Aber ich will eben auch, dass Songs wie die oben genannten eine Chance haben, wahrgenommen zu werden, und das ist im reinen Televoting eher seltener der Fall, wo die Stimme dann eher aus Loyalität oder „das hab ich mir gemerkt, weil es so seltsam aussah“ abgegeben wird (das ist nicht immer so, aber bei einigen Songs ist der Platz, den sie erreicht haben, einfach nicht anders zu erklären).

    Der Grund, warum gerade „Et s’il fallait le faire“ und „Madness of Love“ so gern zitiert werden, ist ganz einfach: beide Songs haben relativ kleine, aber sehr lautstarke Fangruppen, die der Meinung sind, diese Lieder wären in der Bewertung nach reinem Televoting massiv unter Wert verkauft worden – ich zähle mich selbst dazu und bin auch vier Jahre später immer noch entsetzt über die (Verzeihung) bescheuerten Televoter Europas, die Patricia Kaas auf Platz 17 hätten versauern lassen, nachdem sie eine der besten Performances ablieferte, die jemals auf einer Eurovisionsbühne zu sehen war. Ich bin mir ziemlich sicher, dass „Birds“ und „Kedvesem“ ebenfalls in diese Schublade fallen werden, sollte sich herausstellen, dass sie ihre Top-10-Plätze nur den Jurys zu verdanken haben.

  23. Auf Maxis noch nicht freigegebenen Beitrag geantwortet: Mazedonien und Albanien haben ihre Punkte wie immer getauscht, da muss ich dir leider die Illusionen rauben – 12 von Albanien nach Osten, und 10 zurück, auch wenn keiner von beiden was davon hatte.

    Slowenien wäre ohne seine Freunde aus der ehemaligen BRJ ganz ohne Punkte nach Hause gefahren – das ist dann so ähnlich wie bei britischen Beiträgen der 2000er, deren Punkte gern mal zum überwiegenden Teil aus Irland kamen und umgekehrt (es gab Ausnahmen, wie UK 2003 oder IE 2007).

    Serbien schließlich bekam von seinen Ex-„Partnern“ immerhin 25 der 36 möglichen Punkte, was (aus 3 von 15 möglichen Ländern) über die Hälfte ihres Schlusspunktestandes von 46 ausmachte.

    Die Achsen sind durchaus noch da, aber es stimmt schon, dass sie bei unbekannteren Künstlern einfach nicht im gleichen Maß anschlagen. Das ist in der ehemaligen UdSSR, speziell auf dem Kaukasus-Zweistrahl, leider noch anders, und um ehrlich zu sein, wäre ich dafür, das Setzverfahren im Semi noch ein bisschen zu verschärfen, um solchen Mustern zumindest dort einen Riegel vorzuschieben. Jeder weiß, wo die Punkte aus Rumänien landen, wenn Moldawien im gleichen Semi mitspielt und umgekehrt; gleiches gilt für die Achsen Aserbaidschan/Türkei, Griechenland/Zypern, Andorra/Spanien (falls die erstgenannten jemals wieder mitmachen), Belgien/Niederlande und eben auch Georgien/Armenien/Aserbaidschan (natürlich nicht als Dreieck, sondern als Zweistrahl; dass sich Armenien und Aserbaidschan nicht mit dem Hinterteil anschauen, weiß ich schon). Ebenso sollte verhindert werden, dass ein Block so kollektiv im gleichen Semi landet wie die ehemaligen Sowjets dieses Jahr (alle außer Lettland und dem Kaukasus. In Riga werden sie schön geflucht haben) oder die Kernskandinavier (N, S, DK) 2010 (was zugegeben Schweden damals nicht viel gebracht hat).

  24. Okay, das hat mich wirklich erstaunt. Es leben offenbar doch mehr Leute in Europa, die mit Hipster-Chic was anfangen können und auch noch ESC gucken. Haben vielleicht die ganzen Leute, die die Veranstaltung „ironisch“ goutieren, das erste Mal in ihrem Leben zum Telefon gegriffen?

    Der Kandidat für die Schublade dieses Jahr ist dann wohl „O Mie“. Allerdings dürfte das eher nicht die gleiche emotionale Reaktion auslösen wie „Madness of Love“.

  25. Das stimmt von der chronologischen Abfolge natürlich, was Du sagst. Aber wenn man sich die Ergebnisse des Juryvotings über die letzten Jahre mal so ansieht, fallen doch immer wieder die selben Muster auf: Italien wird grundsätzlich sehr viel höher bewertet, als die Televoter das tun, Frankreich in aller Regel auch. Also die beim Publikum eher wenig geliebten Eurovisionsgründerväter, die auch aus pekuniären Gründen für die EBU wichtig sind. Zufall? Ich habe meine Zweifel…

    Hingegen werden Länder wie Russland, Griechenland, die Türkei (so sie dabei ist) fast immer deutlich schlechter von den Jurys bewertet – also die Länder, die beim Televoting von einer starken Diaspora profitieren. Dahinter steckt nach meinem Empfinden eine (möglicherweise unbewusste) Strategie – nach dem Motto: die kriegen im Televoting eh immer mehr, als sie verdienen (weiß man ja aus früheren Jahren), also geben wir (die Jurys) denen halt zum Ausgleich weniger. Das hat nichts mit Mathematik zu tun, eher mit einem Gefühl scheinbar ausgleichender Gerechtigkeit.

    Das mit dem Ungleichgewicht der zypriotischen Televotingstimmen im Vergleich zu den deutschen stimmt natürlich – dafür gibt es ja die Big-Five-Regelung als Ausgleich. Und es ist eine der offensichtlichen Ungerechtigkeiten des Systems, mit denen ich leben kann, weil natürlich das Prinzip, dass jedes Land gleich viel zählt, zu den Kernelementen der Sendung gehört. Dass ein Zyprer einmal im Jahr mehr zu sagen hat als ein Deutscher, das macht doch auch den Charme dieser Show aus. Dass Florian Silbereisen mehr zu sagen hat als ich und zehntausende Anderer, das ist und bleibt hingegen nur ärgerlich.

  26. Die Jurys werden aber jedes Jahr neu besetzt.
    Das hieße, das diese unterschiedlichsten Menschen (sind Jurymitglieder schließlich auch) über die gleiche Denkweise verfügen.
    Oder schlimmer noch, und der Gedanke gefällt Dir wahrscheinlich, von der EBU gebrieft werden und/oder einen How-to-vote-Leitfaden an die Hand bekommen.
    Könnte es nicht vielleicht auch sein, das die Jurys, im Gegensatz zu den Zuschauern, in der Lage sind die Show rundherum (Tänzer, Licht, Pyro, Gimmicks) zum Teil auszublenden und mehr das „nackte“ Lied und die Qualität der Interpreten zu bewerten?
    Das die Gründerväter unter besonderem „Juryschutz“ stehen kann man nun wirklich nicht sagen, denn sonst würden UK, Spanien und wie dieses Jahr auch Deutschland sich nicht so oft im Tabellenkeller wiederfinden.
    Frankreich neigt einfach dazu schwerer zugängliche Acts zu schicken. Wenn sie einfach gestrickte Sachen, wie 2010 Jessy Matador, an den Start bringen, dreht sich das Verhältnis Zuschauer (Platz 8) – Jury (Platz 24) sofort um.
    Es ist doch schön, das es zu jedem Beispiel ein Gegenbeispiel gibt.
    Es wäre, glaube ich, nicht verwunderlich, würde man so manchem Top-Ten-Platzierten der letzten Jahre die Show wegnehmen, das Ranking ganz anders ausfallen und sich vielleicht sogar (abzüglich Diasporaeffekt) dem Juryresultat angleichen.
    Florian Silbereisen´s Stimmengewicht hat wahrscheinlich auch was mit der Person zu tun, bei Mary Roos wär´s doch bestimmt nicht so schlimm.

  27. Ja, genau das glaube ich, dass die Juroren von der EBU bzw. den beteiligten Sendeanstalten gebrieft werden. Nicht im Sinne eines schriftlichen Leitfadens, eher so, dass mündlich unverfänglich bestimmte Erwartungen geäußert werden. Vielleicht braucht es aber noch nicht mal das: die Jurys wären ja überflüssig und würden sich ihrer eigenen Existenzgrundlage berauben, wenn sie ähnlich wie die Zuschauer abstimmen würden. Das werden die Juroren schon im Hinterkopf haben, wenn sie für „künstlerisch Anspruchsvolleres“ voten.
    Und natürlich können die Jurys nicht jedes Jahr stoisch die gesamten Big 5 nach oben pushen, egal welchen Mist die Länder senden. Es fällt aber dennoch auf, dass Frankreich und Italien (also die beiden Länder, die schon in den Sechzigern von den Jurys bevorzugt wurden, weil sie ja ach so anspruchsvolle Chansons schicken) stets deutlich mehr Punkte von den Juroren bekommen. Ja, der Matador ist ein schönes Gegenbeispiel, das aber wie alle Gegenbeispiele als gelegentliche Ausnahme die Theorie nur bestätigt.
    Es mag schon sein, dass die Juroren eher geneigt sind, die Show auszublenden. Genau das werfe ich ihnen ja vor, denn der EuroVISION Song Contest ist ja eine FernsehSHOW (sonst liefe er im Radio oder fände konzertant statt), da ist die visuelle Präsentation natürlich mindestens genau so wichtig wie das Lied und sollte auch entsprechend mit bewertet werten, wie ich finde.
    Natürlich mag ich Mary Roos deutlich lieber als den Silbereisen (rein musikalisch, als Mensch kenne ich beide ja nicht), aber auch mit Mary würde ich zürnen, wenn sie meine geliebten kilttragenden Griechen runtergewertet hätte.

  28. „Genauso wichtig“. Korrekt. Aber bitte NUR genauso wichtig, nicht „mindestens“, ansonsten hätten die Macher damals auch einen Talentwettbewerb à la „Das Supertalent“ machen können (was laut Tim Moore in „Nul points“ tatsächlich die erste Idee war) – die Lieder sind schon wichtig. Aber das Problem dabei ist, dass die Televoter sich sehr häufig durch Show und Loyalitäten davon ablenken lassen, dass das Lied dahinter soviel Substanz hat wie ein leerer Eimer aus Helium (oh, hallo, „Party For Everybody“). Das sollen die Jurys korrigieren, und wenn dabei die sperrigeren Sachen aus Frankreich oder Italien nach oben wandern, während die eher schlichten und/oder mies performten Lieder aus Großbritannien oder Deutschland abstürzen, dann ist das eben so. Ob sie dieser Aufgabe immer so nachkommen, kann gerne bestritten werden…

    Warum genau sollten die Jurys im „Eigeninteresse“ abstimmen, wenn sie jedes Jahr neu besetzt werden? Die Logik erschließt sich mir nicht. Stimmt Florian Silbereisen 2013 irgendwelche Songs hoch, um (hypothetisch gesprochen) Herbert Grönemeyer für 2014 einen sicheren Arbeitsplatz zu garantieren? In kleineren Ländern mag sowas eher der Fall sein, aber selbst da kennt (und mag) bestimmt nicht jeder jeden.

    Ach, und Italien wurde in den 60ern von den Jurys bevorzugt behandelt? Erzähl das mal den Künstlern, die von ’66 bis ’69 für Italien zum ESC gefahren sind und die insgesamt nicht mal halb so viele Punkte bekamen wie Gigliola Cinquetti allein. Für Frankreich stimmt das tatsächlich, aber das ist ein scheinbar nicht rauszurechnender Sympathiefaktor – das setzte sich mit einigen Ausnahmen bis ans Ende der Juryära 1997 fort. Anders gesagt, Frankreich ist quasi das Anti-Schweden. 😉

  29. Was ist an dieser Aussage bitte unwahr? „Birds“ ist ganz entschieden kein Easy Listening, weder im strikten musikalischen noch im weiteren Sinne dieses Begriffs. Und „sperrig“ muss nicht zwingend negativ besetzt sein.

    Sollten die deutschen Juroren „Birds“ abgewertet haben, sind sie damit gegen den europäischen Trend gegangen, wo „Birds“ bei den Jurys geringfügig besser dastand als bei den Televotern.

  30. Natürlich fehlen für einen exakten Beweis die Daten, aber es ist zumindest plausibel, dass gerade die Niederlande zu den Gewinnern des neuen Auszählungsverfahrens gehören, da sie von Publikum und Juries eher gleichermaßen so um den zehnten Platz gerankt wurden. Nach dem alten Verfahren wäre Birds vermutlich im Halbfinale ausgeschieden!

Oder was denkst Du?