Euro­vi­si­ons­vo­ting: wie Kon­sens­zwang zum Streit führt

Stim­men­raub”: die­ser Vor­wurf aus dem Mun­de des rus­si­schen Außen­mi­nis­ters Ser­gej Law­row beschäf­tigt der­zeit den aser­bai­dscha­ni­schen Prä­si­den­ten Ilham Ali­y­ew und die EBU. Wie bereits am Diens­tag berich­tet, zeig­te sich Mos­kau dar­über erbost, für Dina Gari­po­vas Bei­trag ‘What if’ aus der ehe­ma­li­gen Sowjet­re­pu­blik am kas­pi­schen Meer kei­ne Stim­men erhal­ten zu haben, obwohl der Song im dor­ti­gen Tele­vo­ting auf dem zwei­ten Platz lan­de­te, wie der aser­bai­dscha­ni­sche Macht­ha­ber sich beeil­te, mit­zu­tei­len. “Die­se haar­sträu­ben­de Akti­on darf nicht unbe­ant­wor­tet blei­ben,” zitiert der Spie­gel den rus­si­schen Außen­mi­nis­ter. Was zeigt, wel­chen poli­ti­schen Stel­len­wert der Wett­be­werb in Ost­eu­ro­pa genießt – man stel­le sich vor, Gui­do Wes­ter­wel­le kri­ti­sier­te den 21. Platz für Cas­ca­da! Unan­ge­neh­me Kon­se­quen­zen fürch­tet nun  Ste­fan Nig­ge­mei­er: “Wenn in den nächs­ten Tagen Mit­glie­der der dies­jäh­ri­gen aser­baid­scha­ni­schen Euro­vi­si­ons-Jury leb­los ans Ufer des kas­pi­schen Mee­res ange­spült wür­den, wäre es kei­ne gro­ße Über­ra­schung. Die sind näm­lich offen­kun­dig ver­ant­wort­lich für das schänd­li­che Null-Punk­te-Votum”.


Was, wenn – Dina 12 Punk­te aus AZ erhal­ten hät­te? Dann wäre sie auch nur Fünf­te

Die diplo­ma­ti­sche Kri­se ist eine direk­te Kon­se­quenz einer klei­nen, kom­pli­zier­ten, aber fol­gen­rei­chen Regel­än­de­rung bei der Aus­wer­tung und Vali­die­rung der jeweils zur Hälf­te zäh­len­den Tele­vo­ting- und Jury-Stim­men. Seit die­sem Jahr wer­den bei der Ermitt­lung der Län­der­punk­te jeweils alle 26 Teil­neh­mer (minus das eige­ne Land) mit ein­be­zo­gen und nicht mehr nur die jewei­li­ge Top Ten der Juro­ren und Tele­vo­ter. Ein schein­bar neben­säch­li­ches Detail, das aber gera­de bei star­ken Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen Jurys und Publi­kum gra­vie­ren­de Aus­wir­kun­gen zei­tigt, wie John Egan von ESC Insight am Bei­spiel Ita­li­ens ermit­telt hat, wo der Sen­der das Ergeb­nis des Tele­vo­tings ver­öf­fent­lich­te. Dort ging ein mas­si­ver Anteil der Publi­kums­stim­men an Rumä­ni­en (23,2%, Platz 1) bzw. den Bru­der­staat Mol­da­wi­en (13,8%, Platz 2). Tat­säch­lich erhielt Alio­na Moon als Fol­ge eines schlech­ten Jury­er­geb­nis­ses aber nur 4 Punk­te aus Ita­li­en, Glit­zer-Dra­cu­la Cezar gar nur einen ein­zi­gen. Unter Anwen­dung des bis 2012 prak­ti­zier­ten Sys­tems, so rech­ne­te Egan aus, hät­te Rumä­ni­en zehn Punk­te aus Ita­li­en erhal­ten und Mol­da­wi­en sechs.


Auch Cezar wur­de ein Opfer des Stim­men­raubs

Das Her­un­ter­wer­ten umstrit­te­ner Bei­trä­ge, die bei den Jurys deut­lich schlech­ter abschnei­den als beim Publi­kum, ist dabei kein Ver­se­hen, son­dern Absicht, will man damit doch das Dia­spora­vo­ting wei­ter ein­däm­men. Gera­de das ita­lie­ni­sche Bei­spiel belegt, dass das effek­tiv gelingt: die Mit­tel­meer­halb­in­sel ist Hei­mat für zahl­rei­che rumä­ni­sche Immi­gran­ten, die sich natür­lich für die Musik aus ihrer Geburts­re­gi­on erwär­men. Wie die Auf­re­gung um die “geraub­ten” aser­bai­dscha­ni­schen Punk­te für Russ­land zeigt, kann das neue Ver­fah­ren im Extrem­fall aber auch dazu füh­ren, dass ein Publi­kums­lieb­ling völ­lig leer aus­geht, denn nach wie vor erhal­ten ja nur die ers­ten zehn im natio­na­len Gesamt­ran­king über­haupt Punk­te. Wie die Reak­ti­on aus Mos­kau zeigt, wer­den Nil Points aus einem poli­tisch freund­lich gesinn­ten ehe­ma­li­gen Satel­li­ten­staat aber offen­bar als Gesichts­ver­lust ver­stan­den.


Ihr schul­det uns da noch was, Öster­rei­cher!

Und bevor wir uns über die über­zo­ge­ne rus­si­sche Reak­ti­on mokie­ren, soll­ten wir uns viel­leicht noch mal an die Ver­bit­te­rung hier­zu­lan­de erin­nern, als 1981 die Schweiz den sicher geglaub­ten Sieg für Lena Valai­tis‘John­ny Blue’ mit einer gene­rö­sen Null­wer­tung ver­hin­der­te. Bezie­hungs­wei­se an den his­to­ri­schen einen Punkt der öster­rei­chi­schen Jury im Jahr dar­auf für Nico­les ‘Ein biss­chen Frie­den’, in des­sen Fol­ge nicht weni­ge bereits gebuch­te Urlaubs­rei­sen ins Nach­bar­land erzürnt wie­der stor­niert wur­den. Und natür­lich kann man den Rus­sen ein frag­wür­di­ges Demo­kra­tie­ver­ständ­nis vor­wer­fen, wenn sie eine hohe Grand-Prix-Punkt­zahl aus den ehe­ma­li­gen Kolo­ni­en augen­schein­lich für ihr gott­ge­ge­be­nes Grund­recht hal­ten. Nur haben wir hier einen klas­si­schen Fall von Dop­pel­mo­ral, spricht es in mei­nen Augen doch für ein zutiefst demo­kra­tie­fer­nes Grund­ver­ständ­nis, die Ergeb­nis­se des Tele­vo­tings auf der­ar­tig mas­si­ve Wei­se zu mani­pu­lie­ren.


Platz 2 dank tür­ki­scher Dia­spo­ra­stim­men – oder weil es ein guter Song mit einer tol­len Show ist?

Auch, wenn einem das Dia­spora­vo­ting nicht schmeckt: hier­zu­lan­de leben­den Immi­gran­ten das Recht abspre­chen zu wol­len, beim Euro­vi­si­on Song Con­test für ihr Her­kunfts­land anzu­ru­fen, hal­te ich für mehr als merk­wür­dig. Die­se Men­schen tun ja nichts Ver­bo­te­nes: sie nut­zen die jedem ande­ren Anru­fer eben­falls zuste­hen­de Mög­lich­keit, bis zu zwan­zig Mal für einen Bei­trag anzu­ru­fen, der ihnen gefällt. Auch auf die Gefahr, mich zu wie­der­ho­len: will man den Dia­spora­ef­fekt dämp­fen, muss man die Anzahl der zuläs­si­gen Anru­fe pro Land redu­zie­ren. Vor­stell­bar wäre zum Bei­spiel, wei­ter­hin 20 Anru­fe zuzu­las­sen, aber maxi­mal drei Voten pro Tele­fon­an­schluss pro Land zu zäh­len. In dem die EBU aber einem klei­nen Häuf­chen von fünf Per­so­nen die Macht gibt, zehn­tau­sen­de von Zuschau­er­stim­men fak­tisch für ungül­tig zu erklä­ren, in dem sie einen Publi­kums­fa­vo­ri­ten so weit nach unten wer­tet, dass er in der Län­der­wer­tung null Punk­te erhält, führt das kom­plet­te Tele­vo­ting ad absur­dum. Wie­so soll­te ich über­haupt noch anru­fen, wenn ich weiß, dass Lena Mey­er-Land­rut und Flo­ri­an Sil­be­rei­sen (zwei der deut­schen Juro­ren 2013) mei­ne Stim­me will­kür­lich strei­chen kön­nen?


Nur 1 Punkt aus Deutsch­land, trotz mei­ner fünf Anru­fe: Kris­ta

Noch sind die Split­vo­tin­g­er­geb­nis­se nicht ver­öf­fent­licht, aber schon die bis­he­ri­gen Que­re­len zei­gen, dass der stär­ke­re Ein­fluss, den die Jury durch das neue Aus­zäh­lungs­ver­fah­ren erhält und das zu einer Bevor­zu­gung von Kon­sens­ti­teln führt, die sowohl beim Publi­kum als auch den “Exper­ten” so mit­tel ankom­men, nicht zu einer Befrie­dung bei­trägt, son­dern die Atmo­sphä­re ver­gif­tet. Auch wenn das kei­ner offen aus­spricht: die Jurys wur­den ja über­haupt nur wie­der ein­ge­führt, um Län­der wie Aser­bai­dschan, die Tür­kei, Grie­chen­land und Russ­land, die über­durch­schnitt­lich stark von Nach­bar­schafts- und Aus­wan­de­r­er­stim­men pro­fi­tie­ren, auf das von West­eu­ro­pa emp­fun­de­ne “rech­te Maß” ein­zu­he­gen. Dass die­se Län­der sich das nicht auf Dau­er gefal­len las­sen (viel­leicht bis auf die Hel­le­nen, die im Moment auf­grund ihrer finan­zi­el­len Situa­ti­on ganz froh sein dürf­ten, nicht mehr in die Nähe eines Medail­len­platz zu gelan­gen), war zu erwar­ten und erscheint mir ver­ständ­lich.


Ankert nicht mehr im Euro­vi­si­ons­ha­fen: die Tür­kei

Der Streit dürf­te also wei­ter­ge­hen. Dass man in Genf außer­dem nicht das nach ein­zel­nen Län­dern auf­ge­teil­te, detail­lier­te Split­vo­ting bekannt­ge­ben will, son­dern nur die auf­ad­dier­ten Tele­vo­ting- und Jury­er­geb­nis­se, beschä­digt in der aktu­el­len Situa­ti­on das Ver­trau­en in die EBU und das Anse­hen des Euro­vi­si­on Song Con­test. Die Tür­kei, die die­ses Jahr bereits aus Pro­test aus­setz­te, dürf­te sich bestä­tigt füh­len, wei­te­re Län­der könn­ten fol­gen. Das mag man im Hin­blick auf die musi­ka­li­sche Bestü­ckung des Grand Prixs beur­tei­len, wie man will. Für den gera­de in Kri­sen­zei­ten wie jetzt so not­wen­di­gen euro­päi­schen Zusam­men­halt wäre es Gift.

Ist es aus Dei­ner Sicht okay, wenn ein Publi­kums­fa­vo­rit null Punk­te bekommt, weil die Jury ihn schlecht bewer­tet?

View Results

Loading ... Loa­ding …

39 Gedanken zu “Euro­vi­si­ons­vo­ting: wie Kon­sens­zwang zum Streit führt”

  1. Vor­stell­bar wäre zum Bei­spiel, wei­ter­hin 20 Anru­fe zuzu­las­sen, aber maxi­mal drei Voten pro Tele­fon­an­schluss pro Land zu zäh­len”
    Was soll DAS denn? Kom­plet­te Abzo­cke, es wer­den zwar nur die ers­ten 3 Anru­fe gezählt, aber man darf gern kos­ten­pflich­tig noch ein paar zusätz­li­che Anru­fe nach­schie­ben???

    Und wie bereits gesagt: die Beschrän­kung auf einen Anruf pro Anschluss mag zwar aus ande­ren Grün­den sehr sinn­voll sein, aber gegen Dia­spora­vo­ting bringt das gar nichts, da sich doch am Ver­hält­nis nur sehr wenig ändert, ledig­lich alle Stim­men­zah­len durch 20 divi­diert wer­den (zumin­dest im Prin­zip. Es kann natür­lich sein, dass Otto-Nor­mal­wäh­ler sein Kon­tin­gent nicht aus­schöpft, aber sol­che Gele­gen­heits­wäh­ler gibt es auch in der Dia­spo­ra).

  2. Nein, so war es nicht gemeint. Nicht gezähl­te Anru­fe soll­ten natür­lich auch nicht berech­net wer­den bzw. müss­te so eine Beschrän­kung natür­lich auch vor­her kom­mu­ni­ziert wer­den.
    Wie­so es nichts brin­gen soll, kann ich aber nicht nach­voll­zie­hen. Ich behaup­te mal, dass unge­fähr 80% der Anru­fer (zumin­dest im Fina­le) sowie­so exakt ein Mal anru­fen, für ihren Lieb­lings­ti­tel näm­lich. Das ist der Durch­schnitts­zu­schau­er oder Otto-Nor­mal­wäh­ler. Die rest­li­chen 20% dürf­ten sich aus den Hard­core-Fans zusam­men­set­zen, die so wie ich fünf Mal für Land A anru­fen, vier Mal für Land B und so wei­ter – und eben den Dia­spora­vo­tern, die zwan­zig Mal für ihr Her­kunfts­land anru­fen. Und gera­de Letz­te­re beein­flus­sen der­zeit das Ergeb­nis sehr stark. Bei einer Beschrän­kung der gül­ti­gen Anru­fe pro Land wür­de die­ser Ein­fluss wie­der auf eini­ger­ma­ßen reprä­sen­ta­ti­ve Antei­le sin­ken (außer natür­lich im Semi, wo die erwähn­ten 20% prak­tisch unter sich sind, weil Otto-Nor­mal­wäh­ler von die­ser Show gar nichts weiß).

  3. Ich den­ke – ein Anruf pro Anschluss, und das The­ma Dia­spo­ra­stim­men wäre geges­sen. Das Pro­blem: Es fließt weni­ger Geld in die Kas­sen.

    Aber: Wenn man die­ses Sys­tem so bei behält, dann muss man den Leu­ten auch sagen, wie es ist – näm­lich dass irgend­wo ein Grüpp­chen aus will­kür­lich aus­ge­wähl­ten Leu­ten nach will­kür­li­chen Kri­te­ri­en die Stim­men der Zuschau­er ent­wer­ten kann. Und dass es unter Umstän­den abso­lut nichts bringt, 20 mal zum Tele­fon zu grei­fen, weil durch die Jury trotz­dem 12 Punk­te zu einem Punkt wer­den kön­nen. Außer­dem muss man den Leu­ten natür­lich sagen, dass es pas­sie­ren kann, dass die Zuschau­er­stim­men gar nicht gezählt wer­den, weil jemand ent­schei­det, dass nur die Jury-Stim­men gezählt wer­den.

    Ein­mal abge­se­hen davon: Ich kann, wenn ich mir die Ergeb­nis­se der ver­gan­ge­nen Jah­re anschaue, nicht wirk­lich erken­nen, dass es abwechs­lungs­rei­cher oder span­nen­der gewor­den wäre. Wir haben stets ein paar Län­der, die sich sehr schnell vom rest­li­chen Teil­neh­mer­feld ent­fer­nen, und meist sind mehr oder weni­ger die glei­chen Län­der im Spit­zen­feld, und stets ist ziem­lich schnell klar, wer gewon­nen hat. In die­sem Jahr war schon nach dem zehn­ten Voting eini­ger­ma­ßen klar, dass es Däne­mark wer­den wird.

    Wenn man das Jury-Sys­tem so bei­be­hal­ten möch­te, dann muss man sich aller­dings auch um ein Berech­nungs­sys­tem bemü­hen, dass die Favo­ri­ten bei­der Sei­ten aus­rei­chend berück­sich­tigt, und nicht die Mög­lich­keit bie­tet, den Favo­ri­ten der einen Sei­te, meist der Zuschau­er, nach unten zu punk­ten. Was dann aber wohl die Sache ad absur­dum füh­ren wür­de, denn so wie ich das sehe, soll die­ses Sys­tem ja gera­de die Zuschau­er­fa­vo­ri­ten nach unten punk­ten.

    Will hei­ßen: Es kann pas­sie­ren, dass die Jury ein Land wie Tür­kei grund­sätz­lich nied­rig ansetzt, weil sie davon aus­geht, dass die Dia­spo­ra­stim­men die Tür­kei bei den Zuschau­ern nach oben beför­dert – was nicht bedeu­tet, dass das tat­säch­lich so ist, aber es kann pas­sie­ren. Aber auch dies: Dass die Jury ein Land mög­lichst hoch ansetzt, um es in die Punk­te­re­gi­on zu beför­dern.

    So wie es aktu­ell ist, kann es pas­sie­ren, dass, theo­re­tisch, ein Gewin­ner­land weder bei den Juries noch bei den Zuschau­ern der Favo­rit war.

    Mich stört die­se man­geln­de Trans­pa­renz; mich stört aber noch mehr, dass die Ergeb­nis­se immer vor­her­seh­ba­rer wer­den.

  4. Ich bin voll­kom­men erschüt­tert!
    Nicht so sehr dar­über, dass Russ­land kei­ne Punk­te aus Aser­bai­dschan bekom­men hat, und auch nicht so sehr dar­über, wie die dor­ti­gen Des­po­ten über den Wett­be­werb und die Must-Vor­her­sag­bar­keit der Punk­te den­ken, son­dern eher dar­über wie abso­lut unge­recht das neue Sys­tem ist. Mir ist tat­säch­lich jetzt erst auf­ge­gan­gen, dass das Punk­te­ver­hält­nis damit nicht mehr 50% – 50% beträgt, son­dern eher 10% (Zuschau­er) – 90% (Jury)…
    Die Bei­spie­le um die rumä­ni­sche und mol­da­wi­sche Wer­tung aus Ita­li­en erschüt­tern mich!!! Denn wer hat denn nun dank der Jury die 12 und 10 Punk­te erhal­ten???
    Däne­mark und Mal­ta… Anstatt zwei­er Pola­ri­sie­ren­der Titel, die um Mit­tel­feld gelan­det sind, wur­den also 2 äußerst durch­schnitt­li­che Titel, die dafür ganz vor­ne (und fast ganz vor­ne) gelan­det sind belohnt… Das darf doch nicht wahr sein?!?!?!? Der Reiz des ESC ist es doch, dass auch die pola­ri­sie­ren­den schrä­gen Titel weit nach vor­ne kom­men kön­nen… Ohne die Jury­wer­tung wäre das Ergeb­nis ver­mut­lich wesent­lich span­nen­der gewor­den!

  5. Ja, genau das woll­te die EBU ja mit dem neu­en Berech­nungs­ver­fah­ren errei­chen: dass es pola­ri­sie­ren­de Titel noch schwe­rer haben und seich­tes Mit­tel­maß, das kei­nem weh­tut, beför­dert wird. Ein Stück weit kann ich das aus EBU-Sicht sogar nach­voll­zie­hen: 90% der Zuschau­er ste­hen nun mal auf Mit­tel­maß, und der Sieg eines kon­tro­ver­sen Titels beinhal­tet immer die Gefahr, Zuschau­er abzu­schre­cken. Das war z.B. auf natio­na­ler Ebe­nen bei Guil­do Horn der Fall oder beim ESC bei Lor­di: die haben zwar jun­ge Zuschau­er gebracht, aber auch älte­re zum dau­er­haf­ten Abschal­ten bewegt. Und da die Gesell­schaft euro­pa­weit altert, ori­en­tiert man sich eben lie­ber an den Älte­ren. Ich hal­te das aber für einen Feh­ler, denn zum einen haben es pola­ri­sie­ren­de Titel in einem Con­test, in dem ich die Zustim­mung aus mög­lichst allen Län­dern brau­che, um zu gewin­nen, ohne­hin schon schwer genug, das muss nicht noch ver­schärft wer­den. Und zum ande­ren pro­du­zie­re ich damit Lan­ge­wei­le. Sei es bei der Abstim­mung, wie von Dir erwähnt, aber auch bei der musi­ka­li­schen Bestü­ckung. Wir erle­ben das ja die letz­ten Jahr schon, dass die Zahl der auf die Jurys zuge­schnit­te­nen Bal­la­den wie­der mas­siv zunimmt. Und in dem die Jurys jetzt noch mehr Macht bekom­men, geht die Ent­wick­lung noch stär­ker zurück in Rich­tung der Neun­zi­ger, wo der Con­test fast nur noch aus sol­cher Kon­sens­wa­re bestand. Und so ster­bens­lang­wei­lig war, dass ihn kaum noch jemand gese­hen hat.

  6. dass das Punk­te­ver­hält­nis damit nicht mehr 50% – 50% beträgt, son­dern eher 10% (Zuschau­er) – 90% (Jury)”.
    Das stimmt natür­lich über­haupt nicht. Das Ver­hält­nis bleibt wei­ter­hin 50–50, denn der unge­kehr­te Fall, dass näm­lich der Zuschau­er einen abso­lu­ten Top-Favo­ri­ten auf einen Punkt run­ter­vo­tet, kann natür­lich genau­so ein­tre­ten, auch wenn sich dar­über wahr­schein­lich weni­ge auf­re­gen wer­den..
    Egal, wel­ches Sys­tem man nimmt, man wird immer Vor- und Nach­tei­le fin­den. Das jet­zi­ge bestraft tat­säch­lich pola­ri­sie­ren­de Titel (aber um genau sol­che han­delt es sich ja beim Block­vo­ting!).
    Dafür hat es eine Sache deut­lich abge­mil­dert, die in den letz­ten Jah­ren oft ange­me­ckert wur­de: Titel, die sowohl beim Zuschau­er als auch bei der Jury auf Platz 11 gelan­det wären, also ganz knapp drau­ßen, wären frü­her mit 0 Punk­ten geen­det. Die­se haben als Kon­sens­kan­di­da­ten nun eine ech­te Chan­ce.
    Ws wird ein­fach kein Sys­tem geben, das allen Belan­gen Rech­nung trägt. Wer sich schon mal mit Wahl­aus­zäh­lungs­ver­fah­ren beschäf­tigt hat, wird das bestä­ti­gen kön­nen.
    Wenn’s nach mir gin­ge, könn­te man das Zuschau­er­vo­ting ganz abschaf­fen. Dann müss­ten aller­dings ech­te FACH­ju­ries her­an­ge­zo­gen wer­den, gefüllt mit Mit­glie­dern, die Quer durch die Bank alle Bran­chen ver­tre­ten (eben nicht nur den Main­stream, inso­fern war Herr Sil­be­rei­sen die­ses Jahr recht gut besetzt, der Rest war aber ziem­lich ein­sei­tig).
    Lei­der wer­de ich davon wohl wei­terträu­men müs­sen, denn nur direk­te Publi­kums­be­tei­li­gung bringt ja Quo­te und Koh­le …

  7. Rich­tig: über den umge­kehr­ten Fall, dass ein ein­sa­mer Jury­fa­vo­rit am Zuschau­er­wil­len schei­tert, rege ich mich natür­lich nicht auf. Das ist eine Fra­ge des Aus­gangs­stand­or­tes: in mei­nen Augen ist ja der Zuschau­er­wil­le der ein­zig gül­ti­ge und maß­geb­li­che und genießt abso­lu­ten Vor­rang (was ein klei­nes biss­chen ja auch in der EBU-Rege­lung Wider­hall fin­det, dass bei einem Punk­te­gleich­stand das Tele­vo­ting den Aus­schlag gibt).

    Abso­lut zutref­fend ist, dass ein sowohl bei den Jurys als auch bei den Zuschau­ern elft­plat­zier­ter Titel nach dem neu­en Sys­tem an umstrit­te­nen Publi­kums­fa­vo­ri­ten vor­bei­schie­ßen kann, die von den Jurys run­ter­ge­wer­tet wor­den sind. Das fin­dest Du gut, ich schlecht. Da sind wir wie­der bei per­sön­li­chen Geschmacks­fra­gen: Du bevor­zugst durch­schnitt­li­che­re Kon­sens­wa­re, ich mag kon­tro­ver­se Bei­trä­ge. Mir ist ein Titel, der spal­tet, weit­aus lie­ber als eine Num­mer, die alle – ich ein­ge­schlos­sen – ganz nett fin­den. Ich fin­de einen umstrit­te­nen Sie­ger­ti­tel wie ‘Hard Rock Hal­le­lu­jah’ bes­ser (auch für die Repu­ta­ti­on des Con­test) als einen, bei dem man mit den Schul­tern zuckt.

    Will man allen gerecht wer­den, was man ohne­hin nie ganz schafft, müss­te man das Punk­te­sys­tem ändern und nicht mehr nur noch den ers­ten zehn Punk­te geben, son­dern allen. Da die “Dou­ze Points” aber ein sol­ches Mar­ken­zei­chen des Grand Prix sind, wird dies nicht gesche­hen. Und da Men­schen wie Du, die Kon­sens­mu­sik bevor­zu­gen, in der Mehr­heit sind, wird sich auch am Abstim­mungs­ver­fah­ren und der Jury­be­vor­zu­gung nichts ändern. So lan­ge, bis dem Con­test wie­der die Zuschau­er davon­lau­fen, weil das musi­ka­li­sche Menü so lang­wei­lig gewor­den ist… 😉

  8. Du bevor­zugst durch­schnitt­li­che­re Kon­sens­wa­re, ich mag kon­tro­ver­se Bei­trä­ge”.

    Das ist aller­dings voll­kom­men falsch inter­pre­tiert und ich muss mich schon fra­gen, ob ich mich bei For­mu­lie­run­gen wie “Und da Men­schen wie Du, die Kon­sens­mu­sik bevor­zu­gen, in der Mehr­heit sind” womög­lich belei­digt füh­len muss. ;-(
    Ich woll­te ledig­lich auf­zei­gen, dass es durch­aus auch Argu­men­te für die neue Rege­lung geben kann.

    Mein per­sön­li­cher Geschmack geht (von Aus­nah­me­fäl­len wie dem dies­jäh­ri­gen Sie­ger­ti­tel oder Abba 1974) abso­lut nicht in Rich­tung Kon­sens oder Main­stream. Sonst hät­te ich wohl kaum (völ­lig ver­geb­lich natür­lich, egal ob Jury oder Tele-0–8-15-Geschmack) für Bul­ga­ri­en, Alba­ni­en und Frank­reich ange­ru­fen. Mir hat auch Mon­te­ne­gro super­gut gefal­len.
    Ansons­ten höre ich vor allem Pro­gres­si­ve Rock (daher fand ich auch Arme­ni­en gar nicht so schlecht, auch wenn das eher weni­ger pro­gres­siv war), bin aber für belie­bi­ges (für mich) Neu­es sehr auf­ge­schlos­sen, was für mich vor allem ein Grund ist für mein ESC-Inter­es­se (und die natio­na­len Vor­ent­schei­dun­gen). Aber all die­se Köst­lich­kei­ten wer­den ja vom Wahl­volk in der Regel genau­so­we­nig bevor­zugt wie von Juries zusam­men­ge­setzt wie bei­spiels­wei­se die dies­jäh­ri­ge uns­ri­ge. Daher mein Wunsch nach Ein­füh­rung von rei­nen Fach­ju­ries ohne jeg­li­che Kom­pro­mis­se mit Tele­vo­tern.

  9. Oh, dann ent­schul­di­ge ich mich für die fal­sche Ein­schät­zung. Und belei­di­gen woll­te ich Dich damit kei­nes­falls. Es ist ja nichts ver­kehrt dar­an, Kon­sens­wa­re zu mögen, per­sön­li­cher Geschmack ent­zieht sich jeder Wer­tung durch Ande­re.
    Dass Du die Gegen­ar­gu­men­te auf­ge­zeigt hast, fin­de ich gut, und sie sind ja auch alle rich­tig. Ich woll­te wie­der­um nur dar­le­gen, war­um ich sie anders gewich­te. Und ich glau­be halt, dass die Dis­kus­si­on pro und con­tra Jury meis­tens mit dem per­sön­li­chen Geschmack kor­re­liert. Davon gibt es aber augen­schein­lich auch Aus­nah­men, wie ich eben gera­de wie­der gelernt habe. Dafür dan­ke.

  10. Erfah­rung und Geschich­te zei­gen, dass “non­kon­for­me” Bei­trä­ge höher bewer­tet und bes­ser gou­tiert wer­den, als Lie­der, die wie aus dem G:son-Baukastensystem zusam­men­ge­schus­tert sind. Natür­lich spie­len regio­nal unter­schied­li­che Geschmä­cker eine Rol­le. Aber Songs, die “etwas ris­kie­ren” (etwa Ungarn, Cesar und die Grie­chen 2013) fin­den auto­ma­tisch mehr Auf­merk­sam­keit und damit auch Punk­te. Also: Weg mit der Jury.

    Zu Lor­di: Die Mani­pu­la­ti­on durch Nokia (ist das nicht ein fin­ni­sches Unter­neh­men?) gehört bis heu­te zu einer mei­ner liebs­ten Ver­schwö­rungs­theo­ri­en.

    Die EBU liegt falsch, wenn sie glaubt, mit Inno­va­ti­vem oder wenigs­tens Zeit­ge­mä­ßem Senio­ren als Teil-Ziel­grup­pe zu ver­grau­len. Das ist eine Annah­me, die durch nichts belegt ist.

  11. Ich per­sön­lich den­ke, dass der­zei­ti­ge Berech­nungs­sys­tem ist nicht ide­al, was man schon allein an der Ver­wir­rung um die Punk­te­ver­ga­ben sieht.

    Ich den­ke auch, dass kein Sys­tem jemals kom­plett per­fekt sein wird, und dass schon allein des­halb, weil die Aus­gangs­punk­te für die Betei­lig­ten so ver­schie­den sind.

    Die EBU muss die Zuschau­er­zah­len kon­stant hal­ten, eine mög­lichst anspre­chen­de Sen­dung prä­sen­tie­ren. Der aus­rich­ten­de Sen­der wird Ein­nah­men brau­chen. Und die teil­neh­men­den Fern­seh­sen­der wol­len natür­lich mög­lichst nahe in die Nähe des Sie­ger­trepp­chens kom­men, und das, so jeden­falls mein ganz sub­jek­ti­ver, per­sön­li­cher Ein­druck in man­chen Fäl­len, mög­lichst anstren­gungs­frei, wäh­rend ande­re sich ins Zeug legen und trotz­dem nie auf einen grü­nen Zweig kom­men.

    Und dann sind da die Zuschau­er, die ihre Favo­ri­ten ganz oben sehen, eine span­nen­de Abstim­mung mit­er­le­ben wol­len, und natür­lich idea­ler­wei­se den ESC nächs­tes Jahr im eige­nen Land haben wol­len.

    Wie gesagt: Das kom­plett per­fek­te Sys­tem wird es nicht geben. Aber man kann stets ver­su­chen, mög­lichst nahe an ein per­fek­tes Sys­tem her­an zu kom­men.

    Das aber ist wie­der­um nur mög­lich, wenn eine unab­hän­gi­ge Aus­wer­tung der Abstim­mungs­da­ten in den ein­zel­nen Län­dern mög­lich ist – und da sehe ich aktu­ell nicht, dass das pas­sie­ren wird. Mein Ein­druck ist, dass die EBU dar­auf hofft, dass die Debat­te so schnell wie mög­lich weg geht. Dabei dürf­te aller­dings die Ver­wir­rung nach der Ver­öf­fent­li­chung des Split Voting noch grö­ßer wer­den. Denn die Errech­nung von Zuschau­er- und Jury­punk­ten ist ja rein theo­re­tisch, weil es sie in der Rea­li­tät so nicht gab.

    Ich per­sön­lich hät­te kaum etwas gegen Fach­ju­ries. Nur glau­be ich nicht dar­an, dass das in der Rea­li­tät umsetz­bar ist. Denn zunächst ein­mal braucht man exak­te Kri­te­ri­en für die Aus­wahl der Jury-Mit­glie­der. Und dann braucht man Kri­te­ri­en, nach denen sie ihre Bewer­tung abge­ben. Und dann braucht man einen Mecha­nis­mus, der gewähr­leis­tet, dass die Regeln auch ein­ge­hal­ten wer­den.

    Aber vor allem stellt sich die größ­te aller Fra­gen: Wie will man sicher stel­len, dass die Jury in Län­dern wie Weiß­russ­land oder Aser­bai­dschan unbe­ein­flusst wer­ten kön­nen? Vor­aus­ge­setzt natür­lich, man sagt die­sen Län­dern nicht ein­fach Lebe­wohl.

  12. Mein Kom­men­tar hat es wohl lei­der nicht durch die Mode­ra­ti­ons­schlei­fe geschafft…

    daher noch­mal:

    Man kann sich so lan­ge strei­ten, wie man will. Aber DAS rich­ti­ge Votings­sys­tem, mit dem jeder zufrie­den ist, kann nie­mals gefun­den wer­den.

    Man kann zum voll­stän­di­gen Tele­vo­ting zurück­keh­ren, aber da dürf­ten dann beson­ders die deut­schen Punk­te wie­der von die­sem Dia­spora­vo­ting, mit dem ich ja ein klein wenig auf Kriegs­fuß ste­he obwohl ich den­noch nie­man­dem das Recht abspre­chen will, für sein Land zu stim­men, durch­setzt sein und ein Block­vo­ting á la 2007 wäre dann eben­falls vor­po­gram­miert.

    Oder wir machen wie­der das voll­stän­di­ge Jury­vo­ting, das es bis Ende der Neun­zi­ger gab. Aber die Geron­ten­gar­de wird dann wohl en bloc stim­men (Ich sage nur: 1966, Schwe­den) und außer­dem scheint sie, wie man die letz­ten Jah­re gese­hen hat, nach fol­gen­den Kri­te­ri­en zu stim­men: Ist es leich­te Kost? Hat das den Charme des alten Grand Prix? Ist es Ita­li­en?

    Oder wir las­sen nur die Fan­clubs abstim­men, aber dann dürf­te sich nur die Fra­ge stel­len, ob der nächs­te ESC in Kopen­ha­gen, Oslo oder Stock­holm statt­fin­den wird.

    Oder wir las­sen nur die LGBT-Clubs abstim­men 🙂

    Wird doch vom Haus­her­ren favo­ri­siert, oder ?

    Aber da wer­den die ost­eu­ro­päi­schen Län­der wohl schlech­te Kar­ten haben, auf­grund ihres Umgangs mit sexu­el­len Min­der­hei­ten…

    Schluss­end­lich wäre es bes­ser gewe­sen, wenn man genau­so gevo­tet hät­te wie 2010, 2011, 2012. Ich bin schon jetzt gespannt, wie das etwas selt­sa­me Ergeb­nis zustan­de gekom­men ist und wie Cas­ca­da im Tele­vo­ting abge­schnit­ten haben (0 Punk­te aus Skan­di­na­vi­en und Groß­bri­tan­ni­en waren ja schon eine faust­di­cke Über­ra­schung).

  13. O Mie” war pola­ri­sie­rend und schräg? In wel­chem Par­al­lel­uni­ver­sum?

  14. Belie­ve”, “Run­ning Sca­red” oder “Eupho­ria” waren non­kon­form?

    Ris­kan­te Songs fin­den ihr Publi­kum ohne Juries? Wie war noch gleich das Tele­vo­tin­g­er­geb­nis für “Et s’il fal­l­ait le fai­re” oder “Mad­ness of Love”?

    Und das Pro­blem mit den auf­ge­führ­ten Songs die­ses Jahr­gangs ist, dass sie in den unte­ren Top 10 oder im Mit­tel­feld ver­san­de­ten, was genau­so auch für “Birds” und sogar “Tomor­row” gilt (und zumin­dest bei Ungarn glau­be ich bis zum Beweis des Gegen­teils, dass die Jurys das Lied hoch­ge­zo­gen haben). Die Top 5 die­ses Jahr waren eine Para­de aus (zuge­ge­ben kom­pe­ten­ter) Kon­sens­wa­re, abge­se­hen viel­leicht von Nor­we­gen, die ihren Bei­trag aber ver­gli­chen mit der Stu­dio­fas­sung mas­siv ent­schärft haben – wenn die Bäs­se im Intro so gewum­mert hät­ten wie auf der Plat­te, hät­te das die Voter scha­ren­wei­se ver­jagt.

    pasi hat voll­kom­men recht: das nivel­lie­ren­de wir-geben-allen-eine-Bewer­tung-Sys­tem gehört sofort auf den Müll. Mei­ner Mei­nung nach hat­ten wir seit 2009 sehr schö­ne, abwechs­lungs­rei­che Wett­be­wer­be, was die­ses Jahr unter ande­rem genau wegen die­ser Ände­rung des Wer­tungs­sys­tems nicht im glei­chen Maß der Fall war.

    Edit: an den Haus­herrn: der Titel des Bei­trags ist übri­gens falsch geschrie­ben. 🙂 Das Wort heißt “Kon­sens”.

  15. Herr­schaf­ten, bei aller ver­ständ­li­chen Lie­be zu “Birds”: dass der Song ein “Et s’il fal­l­ait le faire”-Ergebnis ein­fah­ren wür­de, war eigent­lich von Anfang an klar. Bit­te nehmt nicht den eige­nen Hori­zont als Maß­stab für die Mehr­heit – “Birds” ist ein schö­nes Lied, aber ganz ent­schie­den nicht aus dem Holz, aus dem man ESC-Sie­ger schnitzt. (Die 0 Punk­te aus Deutsch­land waren aller­dings eine Schan­de, das stimmt schon.)

  16. Das ist es ja eben – wenn “Birds” ein Jury-Favo­rit war, aber noch dazu beim Publi­kum gut ankam, dann sind doch die 0 Punk­te aus D noch unver­ständ­li­cher. Und es ist ja tat­säch­lich so, dass bereits ein Juror bei Nicht­ge­fal­len mehr Ein­fluss auf das Abschnei­den eines Bei­tra­ges hat, als bei­spiels­wei­se 10.000 Tele­vo­ter – und das ist schon etwas schräg.

  17. Beim all­ge­mei­nen Publi­kum (im Gegen­satz zu den Hard­core-Fans) kam Birds eben gera­de nicht so toll an!

  18. Wer genau hat bewie­sen, dass es ein Jury-Favo­rit war und/oder beim Publi­kum gut ankam? Okay, wir haben das auf­ge­schlüs­sel­te Ergeb­nis aus Däne­mark, wo “Birds” bei den Tele­vo­tern bes­ser ankam als bei den Jurys – wobei sich Dänen und Nie­der­län­der, wenn ich “Scan­di­na­via and the World” glau­ben darf, sehr gut ver­ste­hen -, aber schon in Nor­we­gen war das offen­sicht­lich anders – und das sind Ergeb­nis­se aus Län­dern, in denen der Song auch tat­säch­lich zu den Lieb­lin­gen gehör­te. Da “Birds” aus Ost­eu­ro­pa nur sehr spär­lich Punk­te bekam, war es dort offen­kun­dig eher kein Publi­kums­knal­ler und/oder kein Jury­ren­ner, und in die­sem Fall gehör­te Deutsch­land dann halt zu Ost­eu­ro­pa. 😉 (Eben­so übri­gens wie Ita­li­en, Spa­ni­en, Mal­ta, Frank­reich oder San Mari­no. So unge­wöhn­lich war das Null-Punk­te-Ergeb­nis aus Deutsch­land also auch wie­der nicht.)

    Und natür­lich haben die Juro­ren mehr Ein­fluss auf das Ergeb­nis als die Tele­vo­ter. Aber das bekommt man grund­sätz­lich nicht aus­ge­gli­chen hin – wie vie­le Deut­sche braucht man noch­mal, um im Tele­vo­ting einen Islän­der, Mal­te­ser oder San­ma­ri­ne­sen auf­zu­wie­gen? Für Island lau­tet die Ant­wort, vor­aus­ge­setzt, die Tele­vo­ting­quo­te ist in bei­den Län­dern gleich hoch: grob gerech­net 250. Für San Mari­no wären es 2500, was aller­dings vor­aus­setzt, dass genug Stim­men rein­kom­men, um das Tele­vo­ting zu zäh­len.

  19. Die­se ver­bit­ter­te Pro­pa­gan­da gegen die Jurys wird lang­sam ein biß­chen lang­wei­lig. Soll man Immi­gran­ten das Recht abspre­chen, beim Euro­vi­si­on Song Con­test für ihr Her­kunfts­land anzu­ru­fen? Ja! Unbe­dingt! Dann näm­lich, wenn sie es nur aus bil­li­gem Natio­na­lis­mus her­aus tun, egal ob ihnen der Song gefällt oder nicht. Daß ein sol­ches Abstim­mungs­ver­hal­ten die gan­ze Show schei­tern läßt, haben wir doch vor der Wie­der­ein­füh­rung der Jurys Jahr für Jahr vor Augen geführt bekom­men.

    Es ist mir lie­ber, es ent­schei­den über­haupt nur eini­ge weni­ge Jury-Mit­glie­der nach ihrem Musik­ge­schmack, als es ent­schei­den Mil­lio­nen TV-Zuse­her nach pri­mi­ti­ven natio­na­lis­ti­schen Kri­te­ri­en.

  20. Tja, und mir nicht. Da wer­den wir schlicht­weg nicht zusam­men­kom­men. Im übri­gen, wer will denn ent­schei­den, ob die Immi­gran­ten aus purem Natio­na­lis­mus her­aus anru­fen? Ich bin kein Immi­grant, also des Dia­spora­vo­tings unver­däch­tig, und ich habe – wie so oft – für Grie­chen­land ange­ru­fen, weil ich den Song (und die Jungs) geil fand. Und den Titel aus Aser­bai­dschan, der sicher­lich aus kul­tu­rel­ler Ver­bun­den­heit auch bei den hier leben­den Tür­ken ein biss­chen was ein­sam­meln konn­te, den fand ich auch gut (auch wenn ich nicht dafür ange­ru­fen habe). Den rus­si­schen Bei­trag wie­der­um fand ich brech­reiz­er­re­gend, aber ich kann nach­voll­zie­hen, wenn da klas­sisch gestimm­te Bal­la­den­fans einen Pflau­men­sturz bei krie­gen und in Mas­sen anru­fen.

    Wir sind ja gar nicht soweit von­ein­an­der ent­fernt: ich fin­de es auch son­der­bar, wenn die­sel­ben Län­der jedes Jahr die­sel­ben hohen Punkt­zah­len krie­gen, egal wie gut oder schlecht der Bei­trag ist. Aber ich wer­de auch sau­er, wenn ein fünf­köp­fi­ges Gre­mi­um mei­ne Anru­fe für Koza Mos­tra ent­wer­tet, weil sie von der EBU den Auf­trag haben, die übli­chen Ver­däch­ti­gen her­un­ter­zu­vo­ten. Dann wäre es in der Tat ehr­li­cher, nur noch Jurys abstim­men zu las­sen – was dabei her­aus­kommt, haben wir aber schon in den Neun­zi­gern gese­hen, als der Con­test kurz davor stand, über die Klin­ge zu sprin­gen.

  21. Die Show war 2007/08 längst nicht so kurz vor dem Able­ben wie 1996 – anders gesagt, rei­nes Tele­vo­ting mag unvor­teil­haft sein, aber rei­nes Jury­vo­ting ist es erst recht. Ich bin ein Befür­wor­ter des aktu­el­len Sys­tems (ohne die Ver­schlimm­bes­se­run­gen von die­sem Jahr), aber lie­ber rei­nes Tele­vo­ting, bei dem die Zuschau­er wenigs­tens das Gefühl haben, sie rich­ten etwas aus, als rei­nes Jury­vo­ting, bei dem man die selt­sa­men Ent­schei­dun­gen nicht mal als Mehr­heits­mei­nung ver­kau­fen könn­te. In Zei­ten von anruf­ba­sier­ten Cas­ting­shows, die regel­mä­ßig Mil­lio­nen vor die Bild­schir­me locken (wie vie­le “The Voice of X”-Veteranen hat­ten wir die­ses Jahr beim ESC?) ist eine jury­ba­sier­te Sen­dung schlicht nicht ver­mit­tel­bar, und eine Rück­kehr zum rei­nen Jury­vo­ting erst recht nicht.

    Außer­dem: wer bit­te ent­schei­det, wann man aus rei­nem Natio­na­lis­mus für ein ande­res Land anruft? Ich selbst habe tür­ki­sche Wur­zeln, aber das hat mich nicht dar­an gehin­dert, den ase­ri­schen Bei­trag die­ses Jahr als abso­lu­te Grüt­ze zu emp­fin­den und für Grie­chen­land zu sim­sen. Müss­te ich jetzt mei­ne Tür­ken­kar­te zurück­ge­ben, wenn ich eine hät­te? Kul­tu­rel­le Ver­bin­dun­gen zum Land fin­de ich neben­bei auch kei­nen sinn­vol­len Grund für eine Stim­me, wenn das Lied so der­ma­ßen gene­risch ist wie “Hold Me” oder die ande­ren Kau­ka­sus-Songs die­ses Jahr. Ich hät­te auch aus dem Aus­land nicht für Cas­ca­da ange­ru­fen – die auch nicht eben “deutsch” schrei­en – , und ich kann die Leu­te, die offen­kun­dig nur aus Loya­li­tät zum eige­nen Land anru­fen, so oder so nicht ver­ste­hen. Aber wenn man dem ernst­haft einen Rie­gel vor­schie­ben woll­te, hät­te man ja die Waf­fen bei der Hand: ein Anschluss gleich ein Anruf, fer­tig aus. Die Ex-Jugos haben es gelernt, wie das Ergeb­nis die­ses Jahr deut­lich zeig­te, jetzt müss­ten die Ex-Sowjets nach­zie­hen, beson­ders der Kau­ka­sus.

  22. Ja, end­lich spricht es mal jemand an, die­se neue Top26-Rege­lung gehört vor die Hun­de! Ich will jetzt nicht Ora­kel von Del­phi spie­len, aber ich bin mir sicher, dass all die Län­der auf Platz 19 und dahin­ter gera­de im Ver­gleich zu den Vor­jah­ren nur auf­grund die­ser Regel unter 25 Punk­ten lagen. Und bei der alten Rege­lung hät­te es wahr­schein­lich auch kei­nen Platz 21 für uns gege­ben, da hät­ten mehr Län­der klei­ne, aber fei­ne Punk­te an uns ver­ge­ben.

  23. Milim”. “The­re Must Be Ano­t­her Way”. “Me and My Gui­tar”. “Time”. “Quéda­te con­mi­go”. “L’amore è femmi­na”. “Siren”. Das bereits zitier­te “Suus”. Auf höhe­rem Niveau sogar “Is It True?” oder “Rän­da­jad”.

    Soll ich wei­ter­ma­chen? Und umge­kehrt, wie oft ist es pas­siert, dass ein musi­ka­li­sches Nichts aus­schließ­lich wegen sei­ner Büh­nen­show von den Tele­vo­tern hoch­ge­jazzt wur­de, à la “Par­ty for Every­bo­dy” oder “Allez ola olé”?

    Man ver­ste­he mich bit­te nicht falsch – ich will kei­ne Rück­kehr in Zei­ten, wo musi­ka­lisch halb­wegs Zeit­ge­mä­ßes mit ach­ten Plät­zen belohnt wur­de (hal­lo, 1996!). Aber ich will eben auch, dass Songs wie die oben genann­ten eine Chan­ce haben, wahr­ge­nom­men zu wer­den, und das ist im rei­nen Tele­vo­ting eher sel­te­ner der Fall, wo die Stim­me dann eher aus Loya­li­tät oder “das hab ich mir gemerkt, weil es so selt­sam aus­sah” abge­ge­ben wird (das ist nicht immer so, aber bei eini­gen Songs ist der Platz, den sie erreicht haben, ein­fach nicht anders zu erklä­ren).

    Der Grund, war­um gera­de “Et s’il fal­l­ait le fai­re” und “Mad­ness of Love” so gern zitiert wer­den, ist ganz ein­fach: bei­de Songs haben rela­tiv klei­ne, aber sehr laut­star­ke Fan­grup­pen, die der Mei­nung sind, die­se Lie­der wären in der Bewer­tung nach rei­nem Tele­vo­ting mas­siv unter Wert ver­kauft wor­den – ich zäh­le mich selbst dazu und bin auch vier Jah­re spä­ter immer noch ent­setzt über die (Ver­zei­hung) bescheu­er­ten Tele­vo­ter Euro­pas, die Patri­cia Kaas auf Platz 17 hät­ten ver­sau­ern las­sen, nach­dem sie eine der bes­ten Per­for­man­ces ablie­fer­te, die jemals auf einer Euro­vi­si­ons­büh­ne zu sehen war. Ich bin mir ziem­lich sicher, dass “Birds” und “Kedve­sem” eben­falls in die­se Schub­la­de fal­len wer­den, soll­te sich her­aus­stel­len, dass sie ihre Top-10-Plät­ze nur den Jurys zu ver­dan­ken haben.

  24. Auf Maxis noch nicht frei­ge­ge­be­nen Bei­trag geant­wor­tet: Maze­do­ni­en und Alba­ni­en haben ihre Punk­te wie immer getauscht, da muss ich dir lei­der die Illu­sio­nen rau­ben – 12 von Alba­ni­en nach Osten, und 10 zurück, auch wenn kei­ner von bei­den was davon hat­te.

    Slo­we­ni­en wäre ohne sei­ne Freun­de aus der ehe­ma­li­gen BRJ ganz ohne Punk­te nach Hau­se gefah­ren – das ist dann so ähn­lich wie bei bri­ti­schen Bei­trä­gen der 2000er, deren Punk­te gern mal zum über­wie­gen­den Teil aus Irland kamen und umge­kehrt (es gab Aus­nah­men, wie UK 2003 oder IE 2007).

    Ser­bi­en schließ­lich bekam von sei­nen Ex-“Partnern” immer­hin 25 der 36 mög­li­chen Punk­te, was (aus 3 von 15 mög­li­chen Län­dern) über die Hälf­te ihres Schluss­punk­te­stan­des von 46 aus­mach­te.

    Die Ach­sen sind durch­aus noch da, aber es stimmt schon, dass sie bei unbe­kann­te­ren Künst­lern ein­fach nicht im glei­chen Maß anschla­gen. Das ist in der ehe­ma­li­gen UdSSR, spe­zi­ell auf dem Kau­ka­sus-Zwei­strahl, lei­der noch anders, und um ehr­lich zu sein, wäre ich dafür, das Setz­ver­fah­ren im Semi noch ein biss­chen zu ver­schär­fen, um sol­chen Mus­tern zumin­dest dort einen Rie­gel vor­zu­schie­ben. Jeder weiß, wo die Punk­te aus Rumä­ni­en lan­den, wenn Mol­da­wi­en im glei­chen Semi mit­spielt und umge­kehrt; glei­ches gilt für die Ach­sen Aserbaidschan/Türkei, Griechenland/Zypern, Andorra/Spanien (falls die erst­ge­nann­ten jemals wie­der mit­ma­chen), Belgien/Niederlande und eben auch Georgien/Armenien/Aserbaidschan (natür­lich nicht als Drei­eck, son­dern als Zwei­strahl; dass sich Arme­ni­en und Aser­bai­dschan nicht mit dem Hin­ter­teil anschau­en, weiß ich schon). Eben­so soll­te ver­hin­dert wer­den, dass ein Block so kol­lek­tiv im glei­chen Semi lan­det wie die ehe­ma­li­gen Sowjets die­ses Jahr (alle außer Lett­land und dem Kau­ka­sus. In Riga wer­den sie schön geflucht haben) oder die Kerns­kan­di­na­vi­er (N, S, DK) 2010 (was zuge­ge­ben Schwe­den damals nicht viel gebracht hat).

  25. Okay, das hat mich wirk­lich erstaunt. Es leben offen­bar doch mehr Leu­te in Euro­pa, die mit Hips­ter-Chic was anfan­gen kön­nen und auch noch ESC gucken. Haben viel­leicht die gan­zen Leu­te, die die Ver­an­stal­tung “iro­nisch” gou­tie­ren, das ers­te Mal in ihrem Leben zum Tele­fon gegrif­fen?

    Der Kan­di­dat für die Schub­la­de die­ses Jahr ist dann wohl “O Mie”. Aller­dings dürf­te das eher nicht die glei­che emo­tio­na­le Reak­ti­on aus­lö­sen wie “Mad­ness of Love”.

  26. Das stimmt von der chro­no­lo­gi­schen Abfol­ge natür­lich, was Du sagst. Aber wenn man sich die Ergeb­nis­se des Jury­vo­tings über die letz­ten Jah­re mal so ansieht, fal­len doch immer wie­der die sel­ben Mus­ter auf: Ita­li­en wird grund­sätz­lich sehr viel höher bewer­tet, als die Tele­vo­ter das tun, Frank­reich in aller Regel auch. Also die beim Publi­kum eher wenig gelieb­ten Euro­vi­si­ons­grün­der­vä­ter, die auch aus peku­niä­ren Grün­den für die EBU wich­tig sind. Zufall? Ich habe mei­ne Zwei­fel…

    Hin­ge­gen wer­den Län­der wie Russ­land, Grie­chen­land, die Tür­kei (so sie dabei ist) fast immer deut­lich schlech­ter von den Jurys bewer­tet – also die Län­der, die beim Tele­vo­ting von einer star­ken Dia­spo­ra pro­fi­tie­ren. Dahin­ter steckt nach mei­nem Emp­fin­den eine (mög­li­cher­wei­se unbe­wuss­te) Stra­te­gie – nach dem Mot­to: die krie­gen im Tele­vo­ting eh immer mehr, als sie ver­die­nen (weiß man ja aus frü­he­ren Jah­ren), also geben wir (die Jurys) denen halt zum Aus­gleich weni­ger. Das hat nichts mit Mathe­ma­tik zu tun, eher mit einem Gefühl schein­bar aus­glei­chen­der Gerech­tig­keit.

    Das mit dem Ungleich­ge­wicht der zyprio­ti­schen Tele­vo­ting­stim­men im Ver­gleich zu den deut­schen stimmt natür­lich – dafür gibt es ja die Big-Five-Rege­lung als Aus­gleich. Und es ist eine der offen­sicht­li­chen Unge­rech­tig­kei­ten des Sys­tems, mit denen ich leben kann, weil natür­lich das Prin­zip, dass jedes Land gleich viel zählt, zu den Kern­ele­men­ten der Sen­dung gehört. Dass ein Zyp­rer ein­mal im Jahr mehr zu sagen hat als ein Deut­scher, das macht doch auch den Charme die­ser Show aus. Dass Flo­ri­an Sil­be­rei­sen mehr zu sagen hat als ich und zehn­tau­sen­de Ande­rer, das ist und bleibt hin­ge­gen nur ärger­lich.

  27. Die Jurys wer­den aber jedes Jahr neu besetzt.
    Das hie­ße, das die­se unter­schied­lichs­ten Men­schen (sind Jury­mit­glie­der schließ­lich auch) über die glei­che Denk­wei­se ver­fü­gen.
    Oder schlim­mer noch, und der Gedan­ke gefällt Dir wahr­schein­lich, von der EBU gebrieft wer­den und/oder einen How-to-vote-Leit­fa­den an die Hand bekom­men.
    Könn­te es nicht viel­leicht auch sein, das die Jurys, im Gegen­satz zu den Zuschau­ern, in der Lage sind die Show rund­her­um (Tän­zer, Licht, Pyro, Gim­micks) zum Teil aus­zu­blen­den und mehr das “nack­te” Lied und die Qua­li­tät der Inter­pre­ten zu bewer­ten?
    Das die Grün­der­vä­ter unter beson­de­rem “Jury­schutz” ste­hen kann man nun wirk­lich nicht sagen, denn sonst wür­den UK, Spa­ni­en und wie die­ses Jahr auch Deutsch­land sich nicht so oft im Tabel­len­kel­ler wie­der­fin­den.
    Frank­reich neigt ein­fach dazu schwe­rer zugäng­li­che Acts zu schi­cken. Wenn sie ein­fach gestrick­te Sachen, wie 2010 Jes­sy Mata­dor, an den Start brin­gen, dreht sich das Ver­hält­nis Zuschau­er (Platz 8) – Jury (Platz 24) sofort um.
    Es ist doch schön, das es zu jedem Bei­spiel ein Gegen­bei­spiel gibt.
    Es wäre, glau­be ich, nicht ver­wun­der­lich, wür­de man so man­chem Top-Ten-Plat­zier­ten der letz­ten Jah­re die Show weg­neh­men, das Ran­king ganz anders aus­fal­len und sich viel­leicht sogar (abzüg­lich Dia­spora­ef­fekt) dem Jury­re­sul­tat anglei­chen.
    Flo­ri­an Silbereisen´s Stim­men­ge­wicht hat wahr­schein­lich auch was mit der Per­son zu tun, bei Mary Roos wär´s doch bestimmt nicht so schlimm.

  28. Ja, genau das glau­be ich, dass die Juro­ren von der EBU bzw. den betei­lig­ten Sen­de­an­stal­ten gebrieft wer­den. Nicht im Sin­ne eines schrift­li­chen Leit­fa­dens, eher so, dass münd­lich unver­fäng­lich bestimm­te Erwar­tun­gen geäu­ßert wer­den. Viel­leicht braucht es aber noch nicht mal das: die Jurys wären ja über­flüs­sig und wür­den sich ihrer eige­nen Exis­tenz­grund­la­ge berau­ben, wenn sie ähn­lich wie die Zuschau­er abstim­men wür­den. Das wer­den die Juro­ren schon im Hin­ter­kopf haben, wenn sie für “künst­le­risch Anspruchs­vol­le­res” voten.
    Und natür­lich kön­nen die Jurys nicht jedes Jahr sto­isch die gesam­ten Big 5 nach oben pushen, egal wel­chen Mist die Län­der sen­den. Es fällt aber den­noch auf, dass Frank­reich und Ita­li­en (also die bei­den Län­der, die schon in den Sech­zi­gern von den Jurys bevor­zugt wur­den, weil sie ja ach so anspruchs­vol­le Chan­sons schi­cken) stets deut­lich mehr Punk­te von den Juro­ren bekom­men. Ja, der Mata­dor ist ein schö­nes Gegen­bei­spiel, das aber wie alle Gegen­bei­spie­le als gele­gent­li­che Aus­nah­me die Theo­rie nur bestä­tigt.
    Es mag schon sein, dass die Juro­ren eher geneigt sind, die Show aus­zu­blen­den. Genau das wer­fe ich ihnen ja vor, denn der Euro­VI­SI­ON Song Con­test ist ja eine Fern­seh­SHOW (sonst lie­fe er im Radio oder fän­de kon­zer­tant statt), da ist die visu­el­le Prä­sen­ta­ti­on natür­lich min­des­tens genau so wich­tig wie das Lied und soll­te auch ent­spre­chend mit bewer­tet wer­ten, wie ich fin­de.
    Natür­lich mag ich Mary Roos deut­lich lie­ber als den Sil­be­rei­sen (rein musi­ka­lisch, als Mensch ken­ne ich bei­de ja nicht), aber auch mit Mary wür­de ich zür­nen, wenn sie mei­ne gelieb­ten kilt­tra­gen­den Grie­chen run­ter­ge­wer­tet hät­te.

  29. Genau­so wich­tig”. Kor­rekt. Aber bit­te NUR genau­so wich­tig, nicht “min­des­tens”, ansons­ten hät­ten die Macher damals auch einen Talent­wett­be­werb à la “Das Super­ta­lent” machen kön­nen (was laut Tim Moo­re in “Nul points” tat­säch­lich die ers­te Idee war) – die Lie­der sind schon wich­tig. Aber das Pro­blem dabei ist, dass die Tele­vo­ter sich sehr häu­fig durch Show und Loya­li­tä­ten davon ablen­ken las­sen, dass das Lied dahin­ter soviel Sub­stanz hat wie ein lee­rer Eimer aus Heli­um (oh, hal­lo, “Par­ty For Every­bo­dy”). Das sol­len die Jurys kor­ri­gie­ren, und wenn dabei die sper­ri­ge­ren Sachen aus Frank­reich oder Ita­li­en nach oben wan­dern, wäh­rend die eher schlich­ten und/oder mies per­form­ten Lie­der aus Groß­bri­tan­ni­en oder Deutsch­land abstür­zen, dann ist das eben so. Ob sie die­ser Auf­ga­be immer so nach­kom­men, kann ger­ne bestrit­ten wer­den…

    War­um genau soll­ten die Jurys im “Eigen­in­ter­es­se” abstim­men, wenn sie jedes Jahr neu besetzt wer­den? Die Logik erschließt sich mir nicht. Stimmt Flo­ri­an Sil­be­rei­sen 2013 irgend­wel­che Songs hoch, um (hypo­the­tisch gespro­chen) Her­bert Grö­ne­mey­er für 2014 einen siche­ren Arbeits­platz zu garan­tie­ren? In klei­ne­ren Län­dern mag sowas eher der Fall sein, aber selbst da kennt (und mag) bestimmt nicht jeder jeden.

    Ach, und Ita­li­en wur­de in den 60ern von den Jurys bevor­zugt behan­delt? Erzähl das mal den Künst­lern, die von ’66 bis ’69 für Ita­li­en zum ESC gefah­ren sind und die ins­ge­samt nicht mal halb so vie­le Punk­te beka­men wie Giglio­la Cin­quet­ti allein. Für Frank­reich stimmt das tat­säch­lich, aber das ist ein schein­bar nicht raus­zu­rech­nen­der Sym­pa­thie­fak­tor – das setz­te sich mit eini­gen Aus­nah­men bis ans Ende der Juryära 1997 fort. Anders gesagt, Frank­reich ist qua­si das Anti-Schwe­den. 😉

  30. Das sahen die Jurys offen­kun­dig genau­so, aber die Tele­vo­ter eher weni­ger.

  31. Was ist an die­ser Aus­sa­ge bit­te unwahr? “Birds” ist ganz ent­schie­den kein Easy Lis­ten­ing, weder im strik­ten musi­ka­li­schen noch im wei­te­ren Sin­ne die­ses Begriffs. Und “sper­rig” muss nicht zwin­gend nega­tiv besetzt sein.

    Soll­ten die deut­schen Juro­ren “Birds” abge­wer­tet haben, sind sie damit gegen den euro­päi­schen Trend gegan­gen, wo “Birds” bei den Jurys gering­fü­gig bes­ser dastand als bei den Tele­vo­tern.

  32. Natür­lich feh­len für einen exak­ten Beweis die Daten, aber es ist zumin­dest plau­si­bel, dass gera­de die Nie­der­lan­de zu den Gewin­nern des neu­en Aus­zäh­lungs­ver­fah­rens gehö­ren, da sie von Publi­kum und Juries eher glei­cher­ma­ßen so um den zehn­ten Platz gerankt wur­den. Nach dem alten Ver­fah­ren wäre Birds ver­mut­lich im Halb­fi­na­le aus­ge­schie­den!

Oder was denkst Du?