Ich kauf mir was: betreibt Aserbaidschan Stimmhandel?

Erst seit 2008 dabei, stets im Finale, bereits ein Sieg und kein Ergebnis schlechter als #8: die Erfolgsbilanz Aserbaidschans beim Eurovision Song Contest kann sich wahrlich sehen lassen. Die ehrgeizige Diktatur am Kaspischen Meer verfügt anscheinend über ein gutes Gespür für das richtige Song- und Showkonzept beim härtesten Musikwettbewerb der Welt – und über die notwendigen finanziellen Mittel. Dass es diese Mittel auch für anderes als Internetwerbung oder spektakuläre Bühnenaufbauten aufwendet, vermuten aufmerksame Statistikfans schon länger, kassiert der Erdölstaat doch öfters mal Punkte gerade aus kleineren Teilnehmerländern wie Malta, wo sich das Televoting leichter beeinflussen lässt. Nun will eine litauische Website eine Stimmenkaufaktion mit verdeckter Kamera gefilmt haben, wie unter anderem 12points.tv berichtet. Dabei hätten russischsprachige Männer einheimischen Litauern jeweils 20 Euro dafür geboten, so oft wie möglich – also zwanzig Mal – für Aserbaidschan anzurufen. Farid Mammadov erhielt am Ende des Abends 12 Punkte aus Vilnius.


Kein Wunder, dass der Glaskasten so an ‚Grab that Dough‚ erinnert

Der Eurovisionssprecher der EBU, Sietse Bakker, bestätigte auf Facebook die Existenz solcher Stimmenkaufaktionen, des sogenannten Powervoting. Es sei der Grund dafür, warum man das Splitvoting nur als Gesamtergebnis veröffentliche: „Gibt es in einem Land nicht genügend Televotingstimmen für ein verlässliches Ergebnis, werden die Länderpunkte ausschließlich aufgrund der Juryabstimmung vergeben. Bei einem detaillierten Splitvoting könnte man sehr leicht erkennen, wo das der Fall war, und es so den Leuten leichter machen, im nächsten Jahr das Ergebnis dort per Powervoting zu beeinflussen“, so Bakker. Nun hätte es die EBU zwar selbst in der Hand, diesen Schummeleien durch das strikte Begrenzen der Anrufe auf eine Stimme pro Land und Telefonanschluss einen Riegel vorzuschieben. Da scheinen aber die Einnahmen wichtiger zu sein als die Fairness.


Wirft ein neues Licht auf Russland: Aserbaidschans Stimmenangst

In der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan ordnete Autokrat Ilham Aliyew laut escxtra unterdessen eine Untersuchung an, weil die einstige Besatzungsmacht keine Punkte aus Baku bekam, während der Erdölstaat selbst die vollen Douze Points von Mütterchen Russland erhielt. Beim Televoting habe Dina Garipova nach Auskunft der gegenüber der Staatsmacht wie üblich hoch kooperativen Telefongesellschaften des Landes auf dem zweiten Platz gelegen. Nun zeigt man sich hinsichtlich der „brüderlichen Beziehungen“ zu Putin besorgt. Die EBU beeilte sich, darauf hinzuweisen, dass das jeweils zu 50% aus Jury- und Televotingstimmen komponierte aserbaidschanische Gesamtergebnis zu keinem Top-Ten-Platz für ‚What if‘ gereicht habe und Russland daher korrekterweise null Punkte erhielt.


Das käme Aliyew nie über die Lippen!

Da die Verantwortung für das Bringschuldversagen gegenüber Moskau also nur bei den Jurys liegen kann und man in Genf seinen Aliyew kennt, schob man auch gleich nach, dass jede Form des politischen Drucks auf die professionellen Juroren gegen die Regeln des Eurovision Song Contest verstoße und Konsequenzen nach sich ziehe. Ach ja? Die aktuelle Absicherung der EBU besteht darin, dass man sich von den Juroren eine Erklärung unterschreiben lässt, dass diese unabhängig abstimmen. Dass in Ländern wie Aserbaidschan, wo Bürger, die für Armenien anrufen, sich vor der Staatspolizei verantworten müssen, solche Erklärungen das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen, dürfte dabei aber selbst Jan Ola Sand klar sein. Dennoch passiert bis auf wolkige Allgemeinplätze erst mal nichts, der Stimmhandel dürfte daher fröhlich weitergehen.


Von 12 auf Null: das Gesetz der Schwerkraft?

Auch aus Podgorica kommen nun Zweifel am Ergebnis, wie escxtra unter Bezugnahme auf ein montenegrinisches Internetportal kolportiert. Dort wundert man sich darüber, dass die Ukraine im ersten Semi 12 Punkte von den Exjugoslawen erhielt, im Finale aber eine dicke fette Null. Angeblich wolle man in Erfahrung gebracht haben, dass ‚Gravitiy‘ in beiden Runden der Lieblingstitel der montenegrinischen Juroren gewesen sei, was es um so unwahrscheinlicher mache, dass sich die Televoter des 630.000-Menschen-Staates so schwankend in ihrer Liebe zu Zlata Ognevich verhielten. Im Finale gingen die Douze Points der ehemaligen serbischen Republik an – Aserbaidschan. Nun schied Montenegro leider selbst in der Qualifikationsrunde aus, und stark schwankendes Abstimmungsverhalten ist gerade in Ländern, die sich nicht für das Finale qualifizieren konnten, prinzipiell nichts Ungewöhnliches – dennoch riecht dieser krasse Unterschied etwas fischig. Im Semi zählte man 5.500 Anrufe, im Finale dürfte es nur ein Bruchteil dessen gewesen sein. Um so leichteres Spiel für Powervoter.

Was hilft gegen Powervoting und Stimmenhandel?

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12 Gedanken zu “Ich kauf mir was: betreibt Aserbaidschan Stimmhandel?

  1. Überrascht mich das jetzt? Ja wohl kaum (kann man in all meinen Kommentaren zu „Hold me“ nachlesen). Vielleicht liefert das ja auch eine Erklärung für die Achse LT-GE.
    Aber so viel ich auch von „one man – one vote“ halte, *dagegen* würde das nur sehr beschränkt helfen. Das Verhältnis zwischen unbestochenen und bestochenen Wählern ändert sich nicht dadurch, ob jeder einmal oder 20-mal anruft. Ich weiß auch, dass manche unbestochenen Wähler ihr Kontingent nicht voll ausschöpfen, aber am Grundsatz der Argumentation ändert das nicht viel.

  2. Wobei nicht vergessen werden darf, dass die Achse LT-GE diesmal nicht ganz so gut gearbeitet hat. Litauen gab acht Punkte an Georgien und bekam nur einen EINZIGEN.
    Und auch vorher war es schonmal vorgekommen, dass Georgien z.B. nur fünf an Litauen gab.

  3. Pingback: ESC Finale 2009: It comes as no Surprise

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