Vierter Probentag in Malmö: von Blut und Alkohol

‚Alcohol is free‘ ist nicht nur der Titel des griechischen Beitrags, es war auch das gelebte Motto der irischen Party am gestrigen Abend, was bei etlichen Malmö-Bloggern heute früh für personelle Ausfälle und dicke Schädel sorgte, wie zu lesen war. Glücklicherweise waren es auch die Griechen, die als erste heute früh probten und mit ihrem Energie- und Testosteronlevel die Sinne belebten. Leider verzichteten Koza Mostra an ihrem ersten Probentag – noch, wie ich hoffe! – auf die sexy Kilts, dafür brachten sie beleuchtbare Instrumente mit, die bei abgedunkelter Bühne während des Breaks für einen schönen visuellen Effekt sorgen. Natürlich dürfen auch ein paar Sirtakischritte nicht fehlen und am Ende streicht sich Rebetiko-Opa Aghatonos in Anleihe an den Videoclip noch mal über seinen Walroßbart. Perfekt!


Um die Vengaboys zu zitieren: Boom boom, I want you in my Room

Für geteilte Reaktionen sorgte die Entscheidung Moran Mazors, ihr umstrittenes Joggingkleid aus dem israelischen Finale anzubehalten und lediglich durch Glitzerapplikationen noch etwas aufzuwerten. In meinen Augen verfolgt sie die richtige Strategie: wer hat, soll herzeigen. Und Moran hat! Übrigens auch Bühnenpräsenz, ganz im Gegensatz zur armenischen Rockband Dorians, deren Mitgliedern (mit Ausnahme von Leadsänger Gor Suyan) ihre Teilnahme am Eurovision Song Contest eher peinlich zu sein scheint. Wäre es mir an ihrer Stelle übrigens auch, vor allem mit so einem unglaublich lahmen Lied im Gepäck. Eher unbeteiligt wirkte auch der Ungar ByeAlex, der seine heutigen Durchgänge für allerlei spielerische Vokalakrobatik nutzte und zwischendurch gelangweilt auf die Uhr schaute. Allerdings gehört diese ostentative Angeödetheit bei Hipstern wie ihm ja zum Konzept. Glücklicherweise sorgen der auf dem Bühnenhintergrund laufende, bereits aus A Dal bekannte Zeichentrickfilm und die stets sonnig gelaunte, blonde Backingsängerin für genügend Ablenkung.


Trotz allem mag ich den Song total!

Der Nachmittag startete mit Fanfavoritin Margaret Berger. Hier war ja von vorne herein klar, dass die Darbietung aus der selben technoiden Eisprinzessinnenhow bestehen wird wie schon im norwegischen Melodi Grand Prix (und in der Tat trägt sie das gleiche Bondagekleid, wie bei Moran nur noch mit etwas zusätzlichem Glitzerstein aufgepeppt). Die spannende Frage indes war: wie klingt ‚I feed you my Love‘ ohne die massive Vokalunterstützung vom Band wie im MGP? Die Antwort ist: gut! Frau Berger bringt neben ihrem schweinegeilen Drummer noch drei kompetente Chorfrauen mit, die sich visuell dezent im Hintergrund halten, sie stimmlich aber sicher durch das Lied tragen, während sie uns die etwas düstereren Spielarten der Liebe näherbringt. Müsste ich mich zwischen den beiden skandinavischen Wettquotenköniginnen entscheiden, so bekäme Margaret meine Stimme.


‚You put a Knife against my Back‘: auch eine schöne Umschreibung für rückwärtige Liebe!

Albanien konkurriert in diesem Semi mit den Armeniern um die wenigen Stimmen für den Sektor „echter Rock“. Ihr großer Vorteil: sie haben einen Song, der tatsächlich rockt! Ihr Nachteil: sie haben nicht gerade die telegensten Visagen – aber darüber verfügen ihre Mitbewerber aus dem Kaukasus auch nicht. Blöd & Bledar versuchen hiervon mit Unmengen von Trockeneis sowie pyrotechnischen Effekten abzulenken, und alleine dafür bin ich schon dankbar. Natürlich ist all dies sofort vergessen, sobald die georgischen Nell & Icki Sopho & No(bo)di die Bühne betreten. Ich kann jetzt schon förmlich spüren, wie sämtliche Juroren und televotenden Großmütter Europas gleichzeitig auslaufen. ‚Waterfall‘ drückt zielsicher sämtliche klassischen Grand-Prix-Balladen-Knöpfe und hebt das Klischeelevel von ‚Running upstairs‘ nochmals an. Selbst der sattsam bekannte Goldregen zur Rückung darf nicht fehlen. Platz 3 im Finale ist damit sicher.


Running conmigo oder Pastora Nikki 2.0

Sam B. vom ESCN Liveblog beschreibt Takasa sehr treffend als „eine Art Familienbande: Bruder und Schwester singen, Papa an der Trompete, die leicht behämmerte Tante mit einer großen Trommel, Opa am Bass und der sexy Böser-Buben-Cousin an der Gitarre“. Die Freikirchler halten sich an das Uniformverbot der EBU, tragen aber alle mit dem Slogan „Together we’re One“ bestickte weiße Hemden und wirken damit noch sektenartiger und evangelikaler. Ihr statischer Auftritt – alle sechs in einer Reihe, kein Kniefall von Jonas Gygax am Ende – erscheint völlig amateurhaft und hölzern, der 95jährige Emil Ramsauer weiß sehr offensichtlich nicht, was da gerade um ihn herum geschieht. Das strahlt zwar einerseits eine sympathiebringende kindliche Naivität im Stile einer Dana (IL 1970, ebenfalls ein schwerer Fall religiöser Eiferei) aus. Andererseits dürften die Schweizer aufgrund ihres Alters selbst im schwedischen Systembolaget einkaufen, da zieht die Unschuldsmasche nicht mehr so sehr.


Betreutes Singen: hoffentlich kippt Emil nicht um!

Der Probentag hätte nicht schöner enden können als mit dem rumänischen Countertenor Cezar. Der nimmt sich und seinen trashtastischen Titel ‚It’s my Life‘ anscheinend selbst sehr, sehr ernst, was die Darbietung nur um so lustiger macht. Ohne jede Frage geht sein Auftritt ins Kuriositätenkabinett der Eurovisionsgeschichte ein und dürfte ab sofort jede Videorückschau der schlimmsten Grand-Prix-Unfälle zieren. Cezar erscheint in einem überdimensionierten, glitzernden Dracula-Cape, sein Ausschnitt dürfte selbst Moran Mazor vor Neid erblassen lassen, er trägt ein riesiges Kruzifix und neben ihm winden sich vier Tänzer unter einem blutroten Laken von der Größe San Marinos: so stelle ich mir eine Massenkarambolage in den Karpaten vor! Von den moldawischen Brüdern klauten die Rumänen dann auch noch den Bühnenlift, von dem Cezar sich bis auf Höhe der ebenfalls blutrot leuchtenden IKEA-Lampen emporfahren lässt. Was ein bisschen so aussieht, als überprüfe Graf Dracula seinen Vorrat an benutzten Tampons, die er sich für schlechte Tage zurückgelegt hat. Es ist zum In-die-Hose-machen und ich will das bitte, bitte im Finale sehen!


Genau für so etwas schaue ich den ESC! Danke, Cezar!

4 Gedanken zu “Vierter Probentag in Malmö: von Blut und Alkohol

  1. Volle ZUstimmung. Cezars Show sollte Europa am Finalabend nicht vorenthalten bleiben! Und könnten die statt des Goldregens nicht Wasser auf die beiden georgischen Schmalztrinen kippen? Damit hat SVT doch auch Erfahrung. Lustig wäre es ja gewesen, wenn sie Jedwards Zimmerspringbrunnen wiederverwendet hätten. Schade. Chance vertan.

  2. Wäre der Mann im anderen Semi, hätte ich kein Problem damit, dem zuzustimmen. Aber wenn wegen dieser grausamen Sülze „Kedvesem“ oder „Ég á líf“ hängenbleiben, werde ich sauer.

  3. Cezar? Finale? Ich kann ja Eure Gründe durchaus nachvollziehen (und teile sie auch), Krassimir Avramov kann einpacken, hier kommt Cezar, der Eiermann! Es stellt sich für einen Finaleinzug allerdings eine Frage: Wo um Himmels Willen lässt man den Herrn starten? Falls er nämlich ins Finale kommt, gehe ich aufgrund meiner hier schon öfter an anderen Stellen erläuterten Theorie davon aus, dass nach ihm der Sieger starten wird – und zwar egal wer das ist und egal von welcher Nummer Rumänien aus startet. Nach dieser unfassbaren Nummer kommt einem ALLES wie Balsam vor. (Böse Zungen in dem Forum, das ich üblicherweise frequentiere, behaupten ja schon, unter diesen Umständen sei im Falle des Finaleinzugs für Rumänien bereits jetzt fix die Startnummer 15 vorgesehen….)

Oder was denkst Du?