ESC und Menschenrechte: hilft ein Boykott?

ESC-Logo, (C) EBU
ESC-Logo, (C) EBU

Die Diskussionen tobten bereits im Vorfeld des Eurovision Song Contests in Baku, und die aktuelle Debatte um die homophoben russischen Gesetze bringen das Thema wieder auf die Tagesordnung: wie gehen wir beim Eurovision Song Contest mit Ländern um, welche die Menschenrechte nicht beachten? Lars Peters alias Douze Points vom Prinz-Blog veröffentlichte heute einen sehr persönlichen, sehr berechtigten Wutschrei über das tatenlosen Zusehen des Westens. Seine Forderung: Länder, welche die Europäische Menschenrechtskonvention verletzen, müssen von der Teilnahme und der Austragung des ESC gesperrt werden. Alternativ solle die ARD bei einem Sieg eines solchen Landes den Wettbewerb boykottieren.

Aufhänger der umfassenden und sehr lesenswerten Abhandlung ist natürlich die Gesetzgebung Putins, die unter dem fadenscheinigen Vorwand des Jugendschutzes die „Propaganda“ gleichgeschlechtlicher Lebensweisen unter Strafe stellt: schon die bloße Erwähnung von Homosexualität in der Öffentlichkeit kann in Russland mit harten Geldstrafen und Arrest geahndet werden. Das betrifft Gäste ebenso: gerade bestätigte der russische Sportminister Witalij Mutko, dass das Gesetz auch auf Teilnehmer, Zuschauer oder Journalisten der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi Anwendung finde. Das moldawische Parlament verabschiedete im Juli eher unbemerkt ein ähnliches Gesetz. Es ist vorherzusehen, dass dieses, wie in Russland auch schon, die Welle der Gewalt gegenüber Schwulen und Lesben weiter befeuern wird.


Verstörend: Jugendgangs locken Schwule in die Falle, um sie öffentlich bloß zu stellen

Leider ist die Homophobie bei großen Teilen der osteuropäischen Bevölkerung stark verwurzelt. Gerade die Kirche ist hierbei in vielen Ländern wie Polen oder Russland eine treibende Kraft. An Berichte von Übergriffen durch gewalttätige Nationalisten, aber auch „normale“ Passanten bei CSDs in Warschau, Moskau, Belgrad haben wir uns fast schon gewöhnt. Ebenso an unschöne Begleiterscheinungen des unter westlichen Fans als jährliche Schwulenolympiade geliebten Grand Prix: schon bei der Nominierung des slowenischen Travestietrios Sestre im Jahre 2002 kam es zu Ausschreitungen im Land, die sogar das Europaparlament beschäftigten. Vor den ESCs in Belgrad, Moskau und Baku ergingen Warnhinweise an die anreisenden schwulen Fans und Journalisten. Aber auch die Entsendung der späteren Siegerin Dana International, einer Transsexuellen, sorgte 1998 in Israel im Vorfeld für wütende Proteste religiös-orthodoxer Kreise.


Ihre Teilnahme erzürnte viele Slowenen: Sestre

In besonders beschämender Erinnerung bleibt der am Tag des Eurovisionsfinales durchgeführte und mit brutaler Polizeigewalt aufgelöste Slavic Pride 2009 in Moskau und das feige Wegducken der EBU, die sich bereits im Vorfeld von den Veranstaltern des russischen CSDs distanzierte. Einzelnen Contestteilnehmern wie den niederländischen Toppers oder der schwedischen Punkteansagerin Sarah Dawn Finer blieb es vorbehalten, Flagge zu zeigen. Ebenso wie der großartigen Anke Engelke, die 2012 bei der Punktevergabe nach Baku sagte: „Europe is watching you!“. Und damit auch meinte: wir haben Euch jetzt, wo wir dank des Eurovisionssieges überhaupt erstmalig richtig von Euch Kenntnis genommen haben, auf dem Schirm und wollen auch künftig ein Auge darauf werfen, wie es in Eurem Land so läuft. Was vor dem ESC definitiv nicht der Fall war, auch nicht in den Mainstreammedien.


Was baumelt da an Sarahs Hals? Richtig; die Regenbogenflagge!

Was wiederum die Frage aufkommen lässt, ob ein Boykott tatsächlich ein sinnvolles Mittel ist. NDR-Mann Thomas Schreiber ließ im Zusammenhang mit den Diskussionen um die Durchführung der Show in dem als diktatorisch geführt geltenden Unterdrückungsstaat Aserbaidschan durchblicken, bei einem Sieg Weißrusslands über einen temporären Ausstieg Deutschlands nachzudenken. So, wie unter anderem Österreich im Jahre 1969 dem Contest im spanischen Madrid fernblieb, das damals noch unter der Regime des Diktators Franko stand. Nach Baku reiste die ARD aber dennoch – obwohl (oder vermutlich eher weil) der wesentlichste Unterschied zwischen den despotischen Regenten Aliyew (AZ) und Lukaschenko (BY) darin besteht, dass Ersterer über sehr viel mehr vom Westen dringend benötigtes Erdöl und Erdgas verfügt als Letzterer.


Gut, wenn man eine Wahl hat: danke, Anke!

Doch weder der von Stefan Niggemeier so trefflich beschriebene „Mulm in Baku“ hinsichtlich der auch während des Contest unvermindert weiterlaufenden Unterdrückungsaktionen gegen die dortige Opposition, noch das Ausspähen des Abstimmungsverhaltens der eigenen Bevölkerung beim Wettbewerb durch die aserbaidschanischen Behörden oder die Gerüchte um einen Stimmenkauf durch das nach wie vor siegeshungrige Land konnten die EBU bislang dazu bewegen, über einen Ausschluss auch nur nachzudenken. Viel lieber schmückt man sich mit wolkigen Erklärungen, als Garant der Meinungsfreiheit und Demokratie wirken zu wollen – zuckt aber nur mit den Schultern, wenn die Aliyews für den Bau der Baku Crystal Hall mal eben Menschen brutal und entschädigungslos aus ihren Häusern vertreiben. Von dieser Seite ist also, realistisch gesehen, nichts zu erwarten.


Hier sollen Litauer zum Powervoting bestochen worden sein

Bliebe noch ein Boykott durch die Fans. Die Bilder fähnchenschwingender, verrückt kostümierter, entrückt jubelnder Grand-Prix-Jünger in der Halle sind inzwischen fest in die TV-Übertragung integriert. In Malmö errichtete der schwedische Sender für noch mehr Partystimmung gar erstmals eine „Eurovision Mosh Pit“, also einen unbestuhlten Fanbereich direkt vor der Bühne – prompt kam es zum ersten Stagediving während einer Liveshow durch die lettischen Teilnehmer PeR. Zahllose – in der Überzahl schwule – Blogger berichten während der Probewochen rund um die Uhr von den Vorbereitungen und den Partys vor Ort und schüren so die Eurovisionsflamme. Und diese Begeisterung, dieses hysterische Summen im Netz springt auch auf die Mainstreammedien über. Was würde also passieren, wenn die schwulen und lesbischen Fans und Journalisten einem möglichen (neuerlichen) Contest in Moskau, Minsk oder Chișinău geschlossen fernblieben, ihn auch medial ignorierten?


Was wäre der Contest ohne die schwulen Fans?

Volle Hallen gäbe es natürlich dennoch: die (zu einem deutlich stärkeren Anteil heterosexuellen) lokalen und osteuropäischen ESC-Anhänger, die den Contest ohnehin eher als ernsthaften Wettbewerb begreifen denn als schräge Party mit fragwürdiger Musikbeschallung, nähmen dann halt die Plätze ein. Allerdings zeigte sich schon in Moskau, wo das russische Fernsehen gerne um die schwulen Fanblocks herumfilmte, um keine „Propaganda“ zu betreiben, dass sich hier die rechte Stimmung nicht einstellt. Dass aber selbst der im Auftrag der linksalternativen Tageszeitung taz schreibende und für den NDR bloggende, an sich reflektierte Jan Feddersen in Baku genervt über „Menschenrechtisten“ stöhnte, die seine bunte Eurovisionsblase zum Platzen bringen wollten, lässt befürchten, dass einem Großteil der Fans die Lage im Land scheißegal ist und sie sich auch nicht durch das Vorbild des polnischen Vertreters von 2010, Marcin Mroziński, der als Reaktion auf die Anti-Homo-Gesetze seine Teilnahme an einem russischen Musikfestival absagte, vom Dabeisein abhalten lassen.


Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann!

Auch ich, der seit Jahren schon nicht mehr vor Ort dabei bin, wüsste noch nicht mal, ob ich dazu in der Lage wäre, einen ganzen Jahrgang komplett zu ignorieren. Nicht darüber berichten, ihn nicht im Fernsehen schauen, noch nicht mal die anderen Blogs dazu verfolgen? Der Entzugsschmerz erscheint mir bei der rein gedanklichen Vorstellung schon unerträglich. Doch dass, wie Douze Points im Prinz-Blog utopiert, die TV-Sender der demokratischen Staaten die EBU verlassen und eine neue Organisation gründen, die dann den Grand Prix mit deutlich dezimierter Teilnehmerzahl fortführt, halte ich für ebenso unrealistisch wie eine EBU-Instanz, die nichtdemokratische Länder mit Zweidrittelmehrheit zeitweilig vom Contest suspendiert. Man möge sich die diplomatischen Folgen vorstellen, wenn die Vertreter der ARD in einer Sitzung der Reference Group die Hand zum Ausschluss Russlands erhöben!


Malmö, Kopenhagen: alles dasselbe!

Das wird nicht passieren, schon gar nicht wegen der Rechte der Homos. Zumal wir uns keinen Illusionen hingeben müssen, dass mit dem immer stärkeren Auseinanderdriften der Gesellschaft und im Zeichen der Krise auch bei uns im ach so kuschligen Westen der Backlash kommen wird: wenn die Stimmung schlecht ist, kriegen es immer zuerst die Minderheiten ab, ob die Migranten in Griechenland, die Roma auf dem Balkan oder die Schwulen in Osteuropa. So, nun bin ich nach zehn langen Absätzen genau so ratlos wie zu Beginn. Trösten wir uns vorerst damit, dass der Contest 2014 in Dänemark stattfindet, einem der liberalsten Länder der Erde, Rang 4 im Demokratie-Index. Diese Show können wir also zumindest unbeschwert genießen. Und da freu ich mich schon drauf!

Angenommen, Russland gewinnt den nächsten Song Contest.

  • Dann bin ich dafür, dass Deutschland nicht teilnimmt. (52%, 58 Votes)
  • Dann bleibe ich auf jeden Fall zuhause. Schauen und verfolgen werde ich's trotzdem. (26%, 29 Votes)
  • Das überlege ich mir dann. (16%, 18 Votes)
  • Dann fahre ich auf jeden Fall wieder nach Moskau. Ich lass mir das nicht mies machen. (5%, 6 Votes)
  • Dann werde ich die Show auch nicht im Fernsehen anschauen. (0%, 0 Votes)

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9 Gedanken zu “ESC und Menschenrechte: hilft ein Boykott?

  1. Boykotte sind immer so eine Sache. Man zeigt zwar berechtigterweise den Regimes die kalte Schulter, aber andererseits bekommen Regimekritiker Aufmerksamkeit durch den ESC. Im Zweifelsfall sollte man den ESC eben bei einem Sieg Russlands auch mal nach Wien geben, der Contest war schon so lange nicht mehr in Österreich und das Land dürfte doch sehr tolerant sein. Also lieber den Contest in ein halbwegs einwandfreies Land geben, das lange kein Ausrichter mehr war.

  2. Ich muss erstmal sagen, ich bin seit ca. zwei Jahren ein Fan von aufrechtgehn.de und des Prinz Blogs, für mich sind diese Blogs die erste Informationsquelle zum Thema Eurovision Song Contest. Hatte sonst nie großen Bedarf gesehen, mal einen Artikel zu kommentieren, da diese meist auch meine Meinung vertritt. Aber hier geht jetzt meine Meinung von eurer auseinander, weswegen ich mich jetzt gezwungen sehe, in etwas längerer Form meine Meinung darstellen und hoffe nicht, dass mein Kommentar wegen Überlänge (oder zu harter Kritik?) gelöscht wird.

    Hätten wir „wirklich“ ein Problem mit solchen menschenrechtsverletzenden Ländern, hätte man die eigentlich gar nicht erst an dem ESC teilnehmen lassen dürfen. Aber, da wir die ja schon teilnehmen lassen haben, sollte man nicht auf „überrascht“ machen, wenn der Sieger mal Aserbaidschan heißt. Dass es Diskriminuerung von Homosexuellen und politisch Andersdenkenden gibt, dürfte ja schon im Falle Weißrussland vor der ersten Teilnahme 2004 bekannt gewesen sein. Und dass der Alijew-Clan ziemlich autorität regiert, es nicht sehr genau mit der Meinungsfreiheit nimmt und der alte Bergkarabachkonflikt waren schon vor 2008 bekannt. Meiner Meinung nach hätte man schon viel früher auf die Barrikaden gehen sollen!

    Ich hab mir auch mal „nebenbei“ die europäische Menschenrechtskonvention durchgelesen. Wenn man sich mal Artikel 14 durchliest, muss ich komischerweise an das Versagen der staatlichen Institutionen wie dem Verfassungsschutz bei den NSU-Prozessen denken. Oder an den „gelegentlichen“ Übergriffen der Polizei an Leuten, die „ausländisch ausschauen“ – Stichwort Racial profiling. Wurde sogar vom Deutschen Institut für Menschenrechte festgestellt.

    Sollte die EBU tatsächlich bei Verstößen gegen die europäische Menschenrechtskonvention Länder von Eurovision Song Contest ausschließen – könnte man auch Deutschland einfach mal so ausschließen? Oder muss man so zynisch sein, und ein Limit für Verletzungen des Menschenrechts einführen – frei nach dem Motto „Ihr diskriminiert ja nur gelegentlich ein Paar Neger, ihr dürft dabei sein!“?

  3. Ein sehr guter und sehr berechtigter Einwand, vielen Dank! Auch wenn ich zwischen eher eigenmächtigem (und meines Erachtens gesetzlich nicht gedecktem) Racial Profiling und dem strikten gesetzlichen Verbot, Homosexualität auch nur öffentlich zu erwähnen, noch einen kleinen Unterschied machen würde, hast Du natürlich dem Grund nach Recht: Menschenrechtsverstöße kommen überall täglich vor, und es werden leider eher mehr als weniger. Dass der deutsche Verfassungsschutz sich komplett selbst verhaften müsste, wenn er seine Aufgabe ernst nehmen würde, ist ebenso bittere Realität.

    Ich denke auch, mit einem Ausschluss von Ländern aufgrund von Menschenrechtsverstößen würde man die Büchse der Pandora öffnen, frei nach dem Motto: wer da ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein („Autsch! – Oh, Mutter!“). Dass sich die EBU da also raus hält, ist ja gar nicht so verkehrt – wenn sie sich nicht gleichzeitig als Hüterin eben dieser Rechte aufspielen würde! Sie soll doch bitte einfach dieses Gewäsch aus ihrer Eigenwerbung streichen, dann habe ich damit auch kein Problem mehr.

    Eine andere Frage ist aber aus meiner Sicht, wie wir Fans mit dem Thema umgehen. Für mich persönlich ist klar, dass ich in ein so offensiv schwulenfeindliches Land wie Russland nicht reise. Die Contests von Moskau und Baku habe ich schon mit halbschlechtem Gewissen und deutlich vermindertem Vergnügen verfolgt und verbloggt. Ich bin in der Sache aber auch ehrlich ratlos.

  4. Hmm, schwieriges Thema. Grundsätzlich finde ich nicht, dass man Diktaturen vom ESC ausschließen sollte. Schließlich geht es um Musik und Show, und ich finde russische oder ungarische Sänger sollen sich genauso auf der Bühne präsentieren dürfen wie jeder andere auch. ByeAlex können ja auch nix dafür, dass sie Bürger eines Staates sind, der gerade mit großen Schritten in Richtung Neofaschismus abdriftet.
    Was die EBU aber unbedingt ändern müsste: die Rahmenbedingungen für eine Austragung! Nicht nur ein Sieg beim ESC sollte Vorraussetzung sein, sondern zusätzlich noch die Einhaltung der Europäischen Menschenrechtskonvention. Sollte nur eines der beiden Vorraussetzungen gegeben sein: Pech gehabt! Wird das Austragungsrecht halt an ein Land weitergegeben, dass diese erfüllt. Das wäre für mich ein guter Kompromiss – denn einerseits bezieht man so gegenüber Diktaturen und Menschenrechtsverletzern klar Stellung, auf der anderen Seite schlägt man gewissen Ländern nicht gleich voreilig die Tür vor der Nase zu. Zudem hätte das vielleicht den angenehmen Nebeneffekt, dass Aserbaidschan oder Russland, mit dem Wissen den Contest mit ihrer aktuellen Gesetzgebung nicht austragen zu dürfen, etwas die Lust am manipulieren und Stimmen kaufen verlieren. Das ist nämlich das zweite Problem, dass die EBU unbedingt angehen sollte, es aber aus vermutlich rein pekuniären Gründen nicht tut.
    Von den Fans erwarte ich ehrlich gesagt nicht viel. Einen Beitrag, der für eine Diktatur antritt, darf man natürlich trotzdem gut finden, völlig legitim. Aber wenn, wie von mir in Malmö gesichtet, schwule Fans Alyona Lanskaya mit überdimensionalen Weißrussland-Flaggen bekreischen, ist das eigentlich nur noch grotesk.

  5. Zumal ich nach wie vor glaube, dass die Frau nicht echt war, sondern ein Borg! 😉

    Deinen Gedankengang mit der Trennung von Teilnahme und Austragung kann ich zwar nachvollziehen. Andererseits halte ich ihn für ein bisschen verzwickt: die „Ehre“, den Contest austragen und damit das eigene Land ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, ist der einzige Bonus, der mit einem Sieg beim Contest verbunden ist. Dafür nehmen die Meisten doch überhaupt teil. Das ist irgendwie so, als würde ich bei den Olympischen Spielen sagen: die Russen dürfen beim Gewichtheben zwar mitmachen, aber wenn sie die meisten Kilo gestemmt haben, kriegen sie trotzdem keine Goldmedaille. Damit brüskiere ich diese Länder ja noch mehr, in dem ich sie zu Teilnehmern zweiter Klasse erkläre.

  6. Schon wieder diese tolle Idee, die Europäische Menschenrechtskonventionen in den ESC zu übertragen! Aber leider würde man auch damit den gesamen ESC abschaffen, da es partout kein einziges (!) Land in Europa gibt, welches sich zu 100% an die EMRK hält. Sogar die als sehr demokratisch geltenden skandinavischen Länder tun dies nicht im vollen Umfang. Da genügt nur ein Blick in die aktuellen Jahresberichte von Amnesty International (kann man auf amnesty.de einsehen, http://www.amnesty.de/laenderberichte ). Daher stellt sich schon wieder die bereits von mir erwähnte Frage: Wo soll die EBU bitte eine „Grenze“ ziehen? Oder gleich alle Länder vom ESC verbannen?

    Die könn(t)en höchstens Länder rauswerfen, die gegen das ESC-Reglement verstoßen. Macht man aber nicht, weil das dann zu einer Situation führen würde wie 1996, als Deutschland in einer Audio-Vorrunde aus dem ESC gekickt wurden und man sich beschwerte, dass durch die Nicht-Teilnahme der ESC als „schwer finanzierbar“ gilt. Und selbst eine Nicht-Teilnahme der Länder am ESC würde warscheinlich sowieso wenig bis gar nichts am politischen System ändern. Dafür haben sich ja z.B. die Russen ja andere Großevents bekommen die Olympischen Winterspiele 2014, ein Formel 1-Rennen ab 2014 und die Fußball-Weltmeisterschaft 2018.

    Da aber bis dato kein Land rausgeschmissen wurde, und die „Diktaturen“ seit Jahren erfolgreich (Ausnahme: Weißrussland) teilnimmt, muss halt auch damit rechnen, dass auch solche Länder den Sieg erringen und sollte auch den nächsten ESC ausrichten dürfen.

    Wem das trotzdem nicht passt, dem empfele ich schlicht und ergreifend, das Fernsehgerät an den ESC-Tagen abzuschalten. Oder (Achtung: revolutionär, nahezu kommunistisch klingende Töne!) sich daran beteiligen, diese Unrechtsstaaten Hand in Hand mit dem Volk zu stürzen! 99,9% der Leute, die sich angesprochen fühlen, würden die 1. Option wählen.

  7. Moment. Verstehe ich den letzten Absatz richtig – ich habe, wenn mir die Tatsache der Teilnahme von Diktaturen am ESC nicht passt, nur die Möglichkeiten, ihn nicht zu schauen oder zum Che Guevara Jr. zu werden und in Aserbaidschan, Weißrussland oder der Ukraine auf die Straße zu gehen?

    Nein. Sorry. Dazwischen gibt es vielleicht auch noch ein paar andere Optionen. Ich muss nicht mit allem einverstanden sein, was beim ESC passiert, aber das heißt noch lange nicht, dass ich gar nichts, was dort geschieht, gutheiße, was ein Totalboykott für mich implizieren würde. Soll ich 30 Länder bestrafen, die sich kaum etwas zuschulden kommen lassen (vorsichtige Schätzung), indem ich die ganze Chose boykottiere? Ich habe als Zuschauer auch noch andere Möglichkeiten – vielleicht stimme ich einfach aus Prinzip nicht für gewisse Länder. Oder ich gehe, wenn diese Länder dran sind, einfach mal was essen oder auf Toilette.

    Und zur Frage, wo die Grenze zu ziehen ist: Es gibt einen qualitativen Unterschied zwischen „diese Dinge passieren in einem Land“ und „diese Dinge werden von diesem Land entgegen der EMRK legislativ gutgeheißen“ (Gesetzgebung in Russland oder Moldawien, staatliches System in Aserbaidschan oder Weißrussland). Ersteres ist normal – so bedauerlich das ist, aber niemand ist perfekt -, letzteres ist es ganz entschieden nicht. Jeder Verstoß gegen die Konvention ist einer zuviel, aber ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass – nur mal als Beispiel – ein deutscher Soldat wegen Mordes an einem Polen während eines NATO-Manövers verurteilt wird, in die Heimat überstellt wird und dort nicht nur eine Begnadigung, sondern auch noch eine Beförderung bekommt. Ebensowenig glaube ich, dass so etwas in Norwegen, Italien oder Rumänien passieren würde. In Aserbaidschan ist genau das passiert (der Soldat galt als Held, weil sein Opfer Armenier war). Das ist der Unterschied zwischen systemkonträr und systemimmanent.

Oder was denkst Du?