Perlen der Vorentscheidung: die erste Schweizer Ernte 2014

So, nach einigen Tagen herbstdepressionsbedingter Blogpause (welche die klammen Zyprer schamlos nutzten, ihre Eurovisionsteilnahme 2014 erwartungsgemäß abzusagen) nun zu einem Thema, das meine Stimmung verlässlich erhellt: dem Schweizer Internet-Vor-Vorentscheid! 30 mehr oder minder handgestrickte Beiträge wurden seit Eröffnung des eurovisionären Hades vor wenigen Tagen bereits hochgeladen. Und bei jedem einzelnen Künstler lässt sich leicht erkennen, warum er / sie / es auf dem regulären Popmarkt nie auch nur den Hauch einer Chance haben wird. Aus vermutlich humanitären Gründen (oder, weil sie selbst so wenig vorzeigbare Eigengewächse besitzen), lässt das Schweizer Fernsehen traditionell auch Songs aus dem Ausland zu, und so funktioniert die SF-Plattform als gerne genutztes Ventil für die Mühseligen und Beladenen aus ganz Europa. Mit gleich fünf Liedern missbraucht die Türkin Melis Bilen das so großzügig eingeräumte Gastrecht besonders schamlos. ‚Let’s do it now‘ ist nur eine ihrer halbgaren Wegwerfnummern, beschreibt im Titel aber am treffendsten ihre Verkaufsstrategie. Der mit weitem Abstand tragischste Beitrag kommt jedoch aus Deutschland, genauer gesagt aus Köln: Danny Geske ist eine dickliche Fächertunte mit der wohl grausigsten Singstimme seit Menschengedenken. Zum hilflos ploddernden Synthiebeat murmelt er holprig etwas von „Homo Love in 2014“ und treibt damit meinen Fremdschämfaktor auf Stufe 11.


Paula hat angerufen und will ihre Kuhflecken zurück: Danny mit der Kinderpuddingfrisur

In die selbe nicht vorhandene Marktnische drängen auch Konichiwa Panda.  Über sie schrieb ich letztes Jahr (wo sie es auch schon erfolglos versuchten): „zwei offensichtlich tragisch veranlagte Teenagerjungs“ (falsch, das eine ist eine klassische Lesbe) „mit wirklich schlimmen Haarfrisuren, die über den örtlichen Rummel schlendern und mit heftigst vocoderisierten Mädchenstimmen ein Gewinsel von sich geben, dass es einem die Schuhe auszieht. Gut für sie, dass sie in der toleranten Schweiz leben“ (falsch, sie kommen aus dem bayerischen Fürth) „und nicht in Rostock: da hätten sie die örtlichen Skinheads schon längst verkloppt. Während des Videodrehs.“ Bis auf die kleinen sachlichen Fehler kann ich das für den diesjährigen Beitrag ‚Golden‘ wörtlich so stehen lassen. Noch nicht mal für Musik reichte es bei gleich zwei besonders unfasslichen Nummern: sowohl das geschätzt vierzehnjährige Pickelface Cem-Ion als auch der Brillennerd Ilir Selimi bringen ihre erschütternden Rohrkrepierer acappella zu Gehör. Zu immerhin ein wenig Akustikgitarrengeklimper reicht es bei dem ebenfalls schätzungsweise vierzehnjährigen Nerd Daniel, der mit ‚Keep on walking‘ einen flauen Aufguss von ‚Somewhere over the Rainbow‘ abliefert.


Taugt noch nicht mal als Rummelplatzmucke: das wirre Geplinker der Pandas

Auf den Pfaden des 95jährigen Heilsarmee-Bassisten Emil Ramsauer (CH 2013) wandeln die Herren von Jazzeral: sechs Pensionisten in Anzügen machen Volksfest-Jazz im Hobbykeller. Am besten kommt der Pianist der Kapelle, von dem ich nicht weiß, ob mich seine alkohol-aufgeschwemmte Visage eher an Gunther Gabriel oder an Fozzy-Bär aus der Muppet-Show erinnert. „Mein Gott, hat Hape Kerkeling aber mittlerweile ein Tripelkinn!“ war mein erster Gedanke beim Anblick von Flo & Raf, im Hauptberuf vermutlich Kellner in dem Bürgerhaus / der Mehrzweckhalle, in dem das Video zu ‚You know‘ gedreht wurde, einem scheppernden Synthieschlager auf schwenglisch (englisch mit einem äußerst skurrilen schweizerischen Zungenschlag). In bestem Bata-Illic-Deutsch radebrechen hingegen Toni Rexhaj und Dave Fryman alias Dfrex, die in ‚Der Weg ist das Ziel‘ musikalische Völkerverständigung an der Bushaltestelle mit der überlebenden Hälfte von Lys Assias letztjährigen Begleitrappern New Jack betreiben. Und das, wo doch „sechs Steine, sieben Steine, acht Steine liegen im Weg“! Auch das klassische Elternteil-Kind-Duett darf nicht fehlen beim Schweizer Vor-Vorentscheid: John Hänni, ein sich selbst vermutlich extrem cool vorkommender Mittvierziger in Lederjacke, spielt auf den Straßen Londons um Geld, begleitet von seinem stets unglaublich peinlich berührt wirkenden Sprössling Jamie, der das wohl als alles andere als ‚A happy Life‘ betrachtet.


Die Kellys reloaded: die Hännis auf den Streets of London

So, und bevor ich die Geduld meiner Leser endgültig überstrapaziere, schnell zu den etwas erträglicheren Elaboraten. Nur optisch empfehlenswert ist der Beitrag ‚C’est fini‘ von Sand Lato, die zu furchtbarer, schleimiger Saxophonmusik Schluss macht mit ihrem Stecher, einem von der Kamera geradezu liebkosten, sehr schnuckeligen Muckibuden-Minimacho mit Migrationshintergrund. Prima, dann ist der ja jetzt wieder auf dem Markt! ‚Waste my Time‘ ist hingegen eine durchaus eingängige Dancenummer, zu der aus unerfindlichen Gründen eine aufgescheute New-Wave-Lesbe mit dem merkwürdigen Namen Swiss Dance System wie im Alptraum durch eine menschenleere Schule rennt. Ebenfalls das Herkunftsland im Namen trägt das Frauenduo Swissters: Celebration beginnt zum balladesken Auftakt mit einer Kamerafahrt durch eine computergenerierte CIM-City-Großstadtsimulation und blendet dann auf die beiden dezent gekleideten Frauen. Doch – bumms! – plötzlich gibt es einen Tempowechsel, aus der Ballade wird ein besinnungslos aufgetriedeltes Liedlein, und die etwas verhärmt wirkenden Mädels tragen auf einmal kribbelbunte Sommerkleidchen und stehen inmitten eines fröhlich murmelnden Bächleins in idyllischer Landschaft, wo sie umhertollen wie die Welpen. Am Ende kommt eine wiederum computergenerierte Bühne mit computergeneriertem Klatschvieh Publikum und ein Alphorn hinzu. Mehr Schweiz geht nicht!


Wenn Du ihn nicht willst, Sand, ich nehm ihn!

Die beiden nach meinem Dafürhalten einzigen mit leidlichen Chancen auf das Finale der Großen Entscheidungsshow ausgestatteten Songs kommen zum einen vom italoschweizerischen Rockerbärchen Chanto, dessen in den Strophen gar nicht so üble Rockhymne ‚Seguimi‘ allerdings unter der Abwesenheit eines griffigen Refrains deutlich leidet, worüber auch die (allerdings wie in Zeitlupe wirkenden) Zeichentricksequenzen seines Videos nicht hinweghelfen, im Gegensatz zu dem knuffigen Gitarristen, den er dabei hat.  Und zum zweiten von Fleur Magali, einer weiteren Wiederholungstäterin, die das naiv-harmlos vor sich hin plinkernde Sommerliedchen ‚Smile (like a Sunshine)‘ mitten in einem zur Blumenwiese umdekorierten Kornfeld stehend präsentiert, wie es sich für einen typischen Schweizer Beitrag gehört. Zwar ist dessen Grundidee nach einer Minute ausgereizt und wiederholt sich in den verbleibenden zwei Minuten scheinbar endlos, aber das macht die Sängerin mit ihrem unbeholfenen Mädchencharme wieder wett. Zudem kommt Harmlosigkeit beim helvetischen Publikum bekanntlich an. Jedoch, zugegeben: so richtige Perlen fehlen bislang noch. Einsendeschluss für diesen Teil der Vorentscheidung ist aber erst am 28. Oktober, noch besteht also Anlass zur Hoffnung!


Sag es durch die Blume: Fleur Magali

 

6 Gedanken zu “Perlen der Vorentscheidung: die erste Schweizer Ernte 2014

  1. Ja, immer wieder „interessant“ dieses „musikalische“ Sammelsurium. Mittlerweile ist auch wieder ein Beitrag der Steili Kressä online. Kann es aber nicht ganz mit dem letztjährigen Sultan Hagavik aufnehmen. Besonders tragisch finde ich ja im Moment Dixi. Wenn ein eigentlich ganz gutes Lied mit einer charismalosen Interpretin geschlagen ist, tut mir das in der Seele weh. 🙁

  2. Ei Gude!
    Schon mal auf die Facebookseite des Herrn Danny Geske gewesen (Der Link zur Seite ist auf der SRF-Seite unter seinem Video zu sehen)? Der hat diesen Artikel auf seiner Seite gepostet, die Kommentare seiner „Fansbase“ sind sehr amüsant! Fazit aus einem Kommentar: aufrechtgehn.de ist ein Blog, der von politischen Rechten betrieben wird, die nicht mit sich selbst zufrieden sind. Sehr drollig insgesamt.

    Mit freundlichen Grüßen,

    ein weiterer mit sich selbst unzufriedener Hessen-Hitler 😀

  3. an einen sieg der schweiz glaube ich eh schon lange nicht mehr. tja, viel feind, viel ehr.
    mit dem titel von 3forall würden die meisten anderen länder bestimmt weit vorne landen.

  4. Leider ich muss sagen das, dieses Songs wo da oben vorgestellt sind, nicht eine Lied ist ideal fuer Eurovision Song Contest. Wir haben. Augen oeffnen, in die Plattform sindi viele bessere Songs!!!

Oder was denkst Du?