Die Türkvizyon: ein homofreier Gegen-Grand-Prix?

Im Dezember diesen Jahres veranstaltet, wie bereits berichtet, das türkische Fernsehen TRT erstmalig die Türkvizyon, eine Art Gegen-Grand-Prix eurasischer Länder und Regionen mit starken Turkvolk-Anteilen. Zwanzig Kombattanten treten vom 19. bis 21. Dezember im anatolischen Eskişehir gegeneinander an. Auf der Liste der Teilnehmerländer findet sich zunächst das Erwartbare: neben der Türkei und dem Bruderstaat Aserbaidschan zählt dazu das türkisch besetzte Nordzypern sowie eine Reihe von osmanisch geprägten Kaukasusstaaten und autonomen ehemaligen Sowjetrepubliken. Auch die Teilnahme des mehrheitlich muslimisch orientierten Bosniens – wie viele der anderen Länder übrigens vertreten von einem Privatsender – überrascht nicht. Im Gegensatz zu Russland, der Ukraine, Georgien, Moldawien und Weißrussland: Staaten, die nach meiner bisherigen Wahrnehmung deutlich weniger türkisch geprägt sein dürften als beispielsweise Deutschland. Auch wenn etliche dieser Länder voraussichtlich bei beiden Veranstaltungen mitmachen: hier könnte der EBU eine starke Konkurrenz erwachsen – und ein probates Druckmittel für publikumsstarke Sender aus dem eurasischen Raum, die eigenen Reformvorstellungen beispielsweise zum ungeliebten Big-Five-Privileg durchzusetzen. Oder auch die eigenen kulturellen Werte: wie Wiwibloggs heute unter Bezug auf die Nachrichtenseite NewsRU.com berichtet, haben Einwohner Weißrusslands eine Petition gestartet, die das staatliche Fernsehen auffordert, bei der Übertragung des Eurovision Song Contest 2014 den Auftritt der österreichischen Vertreterin Conchita Wurst auszublenden, da dieser nicht den „normalen und gesunden Familienwerten“ des Landes entspräche.


The Wurst is yet to come: die fabelhafte Conchita

Nun ist kaum damit zu rechnen, dass Lukaschenko diesem Ansinnen folgt: weiß der belarussische Diktator doch nur zu gut, dass dies einen (zumindest temporären) Ausschluss seines Landes vom Eurovision Song Contest zur Folge hätte. Und ähnlich wie der Aliyev-Clan ist auch Lukaschenko viel zu sehr an gewinnbringenden Beziehungen zur Europäischen Union interessiert. Dennoch stärkt natürlich die Teilnahme auch seines Protektorates, in dem türkischstämmige Minderheiten wie Tataren und Aserbaidschaner laut Wikipedia gerade mal 0,2% der Bevölkerung ausmachen, an der Türkvizyon den Stellenwert dieses Gegen-Grand-Prixs, dessen Entstehung meiner Vermutung nach auch mit rückwärtsgewandten Werten zu tun haben könnte. So wurde schon bei der unlängst ausgestrahlten, von der EBU lizenzierten Wiederholung des Eurovision Song Contest 2013 im asiatischen Raum der lesbische Kuss zwischen Krista Siegfrids (‚Marry me‘, FI) und ihrer Chorsängerin herausgeschnitten. Über das homophobe russische Gesetz „gegen Propaganda nicht-traditioneller Lebensweisen“ wurde bereits ausführlich berichtet. Moldawien, eines der überraschenden Teilnehmerländer der Türkvizyon, hat ein ähnliches Gesetz zwar vor einigen Tagen zurückgenommen, um die Beitrittsanbahnungen mit der Europäischen Union nicht zu gefährden. Dass zuvor ein solches überhaupt erlassen wurde, illustriert aber die tiefe Verwurzelung der Homophobie jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs.


You’re hiding Boys in your Brassière: t.A.T.u.s Auftritt von 2003 stünde heute in Russland unter Strafe

Was mir vor allem deswegen besonders bedauerlich erscheint, weil die Türkvizyon-Länder, statt sich zu separieren, einen spannenden Beitrag zur kulturellen Vielfalt beim Eurovision Song Contest liefern könnten. Das zeigt sich schon an den zwei bereits feststehenden Teilnehmern: der amerikanisch beeinflussten bosnischen Rockband Emir & the frozen Camels (Anspieltipp: ‚Sarajevo, New York, Roma‘) sowie der eher traditionalistischen Sängerin Fazile Ibraimova, die im September den auf der Krim abgehaltenen Musikwettbewerb Eastern Bazaar 2013 gewann und die autonome ukrainische Republik die Ukraine in Eskişehir vertreten wird. Beide hätte ich, offen gesprochen, lieber beim Eurovision Song Contest dabei! Und auch auf Songs aus Ländern wie Kirgisien wäre ich gespannt. Sehr schade also, dass diese lieber im eigenen Saft schmoren. Sie müssen ja nicht gleich westlich-dekadente Pseudolesben oder bärtige Frauen schicken – aber ein Miteinander ist doch immer gewinnbringender als ein Gegeneinander! 


Fazile Ibraimovas Beitrag für die Ukraine heißt ‚Savage‘

Türkvizyon 2013

Song Contest des türkischen Kulturraumes. 19. und 21.12.2013 in Eskişehir, Türkei.
Land / RepublikTeil vonInterpretSong
AltaiRUArtur MarlujokovAltayım Menin
AserbaidschanAZFərid HəsənovYaşa
BalkarienRUEldar ZhanikaevAdamdı Bizni Atıbız
BaschkortostanRUDiana IshniyazovaKuray Şarkısı
BosnienBAEmir & the frozen CamelsTers Bosanka
ChakassienRUVladimir DorjuTus çirinde
GagausienMDLudmila TukanVernis Lubov
GeorgienGEEynar Balakişiyev + Afik NovruzovKalbini Saf Tut
KasachstanKZRin'GoBirlikpen Alğa
KemerowoRUÇıldız TannakeşevaŞoriya'nın Unu
KirgisienKGÇoroKaygırba
KosovoKO (RS)Ergin KarahasanŞu Prizen
KrimUAElvira SarihalilDağların Elları
MazedonienMKİlkay YusufDüşlerde Yaşamak
NordzypernCYGommalarHavalanıyor
RumänienROGenghiz Erhan CutcalaiAy Ak Shatır
Sacha (Jakutien)RUOlga SpiridonovaSulus Uonna Tuun
TatarstanRUAlina ŞaripjanovaÜpkelemim
TuwaRUSailyk OmmunCavidak
TürkeiTRManevraSen, Ben, Biz
TürkmeneliIQAhmed DuzluKerkük'ten yola Çıkak
UkraineUAFazile IbraimovaElmalım
UsbekistanUZNilüfer UsmanovaUnutgin
WeißrusslandBYGunesh AbasovaSon hatiralar

Die Türkvizyon: Bedrohung für den ESC oder Bereicherung?

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12 Gedanken zu “Die Türkvizyon: ein homofreier Gegen-Grand-Prix?

  1. Hallo,

    man muss beides, ESC und Türkvizyon voneinander trennen, denn die Entscheidung, die Türkvizyon zu veranstalten, wurde nicht bei TRT getroffen.

    Die Regierung Erdogan versucht auf diese Weise dem Vorwurf zu begegnen, man habe sich vom Kemalismus abgewandt. Kleiner, sehr reduzierter, Einschub: Kemal Atatürk hat nicht nur den Laizismus zum Dogma gemacht, sondern war auch in den letzten Jahren des Osmanischen Reichs Teil der Jungtürken-Bewegung. Während die Pforte, also der Sultan, Jahrhunderte lang seinen Machtanspruch daraus ableitete, dass man die Hoheit über Mekka, Medina und Jerusalem hatte, also die heiligen Stätten des Islam, propagierten die Jungtürken eine Abkehr von der Führungsrolle in der muslimischen Welt hin zu einer Führungsrolle in der türkischen Welt. Erdogan hingegen ist der erste türkische Regierungschef, der die türkische Außenpolitik wieder auf die muslimische Welt, vor allem den arabischen Raum, ausgerichtet hat, und sieht sich deshalb heftiger Kritik von Kemalisten ausgesetzt. Mit der Türkvizyon soll das Signal ausgesandt werden, dass man außenpolitisch immer noch die Führungsrolle in der türkischen Welt beansprucht. Wird es funktionieren? Meiner Ansicht nach nicht. Die Musik spielt in der türkischen Welt schon längst woanders – wenigsten politisch und wirtschaftlich.

    Die Absage an den ESC hat wiederum andere Gründe, auch wenn es einige Überschneidungen gibt. Zunächst einmal hat der ESC aktuell politisch in der Türkei wenige Unterstützer. Eine Zeit lang wurde er als Möglichkeit gesehen, sich in Richtung Europa zu präsentieren, um damit politische Ziele, vor allem die EU-Mitgliedschaft zu forcieren. Das aber hat aktuell keine Priorität, und damit muss sich die Sendung allein durch ihre Meriten bewähren – die Kosten und die Zuschauerzahlen werden miteinander verglichen, die Verantwortlichen müssen es rechtfertigen. Das: „Wir machen es, egal was es kostet, und wie viele Leute zuschauen“ gibt es also aktuell nicht mehr.

    Und da sieht es dann so aus: Der ESC verursacht hohe Kosten; es war die teuerste Sendung im türkischen Fernsehen, Und seit einigen Jahren fällt, übrigens nicht nur in der Türkei, auf, dass die Zuschauerzahlen ab einer bestimmten Uhrzeit massivst in den Keller gehen. Eine ganze Reihe von Sendern monieren, dass der Wettbewerb ein Dramaturgieproblem hat. Wenn man das Fan-Denken beiseite lässt, dann fällt auf, dass bereits nach wenigen Punktevergaben bereits klar ist, welche Länder das Rennen unter sich aus machen. Und wenig später ist dann auch schon klar, wer wahrscheinlich gewinnen wird. Jemand, der keine emotionale Bindung an den ESC hat, schaut sich das nicht bis zum Ende an – und noch viel weniger so, wenn es schon mitten in der Nacht ist.

    Als problematisch wird auch gesehen, dass das Vorfeld meist Mittelmaß ist. Und dass das Mittelmaß immer etwas ist, mit dem der Zuschauer nicht mitfühlt, es sei denn, es ist das eigene Land. Man muss einen Beitrag sehr mögen, oder sehr hassen, um bis zum Ende mitzugehen. Aber das Mittelmaß ist etwas, was einfach gleichgültig ist.

    Ein weiteres Problem, das immer wieder angeführt wird ist, dass sehr viele Sender das Gefühl haben, ihre Bedenken nicht in angemessener Form in die Entscheidungsprozesse einbringen zu können. Der EBU wird vorgeworfen, intransparent zu sein, und nur die Interessen von einigen wenigen Sendern zu vertreten,

  2. Russland ist doch eigentlich von vorne bis hinten christlich-orthodox und den Kaukasiern, bzw. Zentralasiaten, die z.T. Angehörige von Turkvölkern sind, schlägt außerdem gerade in Moskau richtiger Hass entgegen: http://www.focus.de/politik/ausland/russland-den-russen-migranten-fuerchten-in-moskau-um-ihr-leben_aid_1128950.html

    Deswegen wundere ich mich übrigens, dass die Russen den Weg dahin gefunden haben. Vielleicht wollen sie Aserbaidschan irgendwas wiedergutmachen nach dieser einen Votingproblematik (als Russland nichts aus Aserbaidschan bekam) oder was auch immer.

    Die Türkvizyon ist weder Bedrohung noch Bereicherung. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will halt seinen Traum vom großtürkischen Reich leben und tut das auch mit seiner ESC-Kopie. Sollen die Türken das doch machen! Dann gibt’s auch kein Gejammer mehr darüber, dass sie wegen den diskriminierenden Juroren nur Siebte geworden sind und nicht Vierte.

  3. Ich vermute eher mal, dass Mütterchen Russland da Präsenz zeigen will, damit die ganzen autonomen Republiken wie Tatarstan nicht auf dumme Gedanken kommen. Und dass der Erdogan da sein eigenes Ding durchziehen will, beunruhigt mich nicht so sehr – aber, dass da auch (für mein Empfinden) Eurovisions-Stammländer wie die Ukraine oder Bosnien mitmachen. Nachher wandern die uns noch ab, und das möchte ich nicht!

  4. Spannender Aufsatz, danke sehr!

    Das mit den Zuschauerzahlen erklärt auch ein bisschen, warum die EBU ständig am Voting herumschraubt, sei es beim Auszählungsverfahren oder der Präsentation (also, dass beispielsweise die Ländervoten nicht mehr in alphabetischer oder Auftrittsreihenfolge vorgelesen werden, sondern so, dass das Ergebnis möglichst spannend wird).

    Um so ärgerlicher, dass die Jurybeteiligung Mittelmaß bei den Liedern ja eher fördert.

  5. ich finde es eine ausgesprochene bereicherung dass sich sozusagen ein spin-off bildet – und freue mich speziell auf die „stans“. du hast so detaillierte infos – weißt du zufällig auch, wie man an tickets kommt? ich will auf jeden fall in eskişehir dabei sein, flug hab ich schon gebucht.

  6. Leider nein. Die Infos stammen von turkvision.info. Da gibt’s auch ein Kontaktformular, frag da doch mal nach. http://www.turkvision.info/iletisim.htm
    Ich bin jedenfalls auch schon mal gespannt auf die -stans und werde hier verbloggen, was immer ich dazu im Netz finde. Viel Spaß in Eskişehir!

  7. Ich persönlich halte es für unwahrscheinlich, dass ein Land beim ESC abspringt, weil es bei der Türkvizyon mitmacht. Denn aktuell ist es so, dass die Türkei im wahrsten Sinne des Wortes die Musik bestellt und bezahlt. Die Voraussetzungen sind also ganz andere: Anders als beim ESC muss ein Sender nicht wirklich Geld in die Hand nehmen und bekommt dafür eine Unterhaltungssendung, über deren Qualität und Akzeptanz bei den Zuschauern derzeit wohl niemand etwas Genaueres sagen kann. Vor allem ist unklar, ob das Publikum in Ländern wie der Ukraine, Russland, aber selbst in Bosnien überhaupt etwas mit einer im Großen und Ganzen auf die Türkei ausgerichteten Sendung überhaupt etwas anfangen können. Selbst bei den turkstämmigen Bevölkerung kann man nicht zwangsläufig davon ausgehen, dass die Türkei für sie einen sprachlichen und kulturellen Pol bietet. Um genau zu sein, hat es eigentlich noch nie eine gemeinsame kulturelle Identität gegeben, auch wenn sich die Sprachen zum Teil sehr ähnlich sind, und zum Ende des Osmanischen Reichs und in der Anfangszeit der türkischen Republik in der Türkei massiv darauf hingearbeitet wurde, eine solche gemeinsame Identität zu schaffen. Die politischen Grenzen haben über die Jahrzehnte allerdings andere kulturelle Orientierungen geschaffen, und e dürfte unwahrscheinlich sein, dass sich dies nun in drei Nächten ändern wird. Es ist deshalb auch unmöglich zu sagen, ob aus der Veranstaltung mehr als nur eine einmalige Sache wird.

    Dementsprechend halte ich es auch für zu früh, von einer Konkurrenz für den ESC zu sprechen, falls das überhaupt jemals möglich sein sollte. Man sollte zum einen nicht vergessen, dass es immer mal wieder Spin Offs und Imitationen gegeben hat – vom Bundesvision Song Contest über Dance und Junior Wettbewerbe bis hin zum Grand Prix der Volksmusik.

    Allerdings: Unklar ist auch, wie weit das Produkt Türkvizyon überhaupt der Struktur der Marke ESC folgt. So wie mir das erklärt wurde, soll es ein SMS-Voting geben, aber es ist unklar, ob es eine Länder- / Regionenwertung geben wird, wie man das vom ESC kennt und wie das, falls es so sein wird, technisch umgesetzt werden soll. Denn die russischen Teilrepubliken haben keine eigenen Telefonvorwahlen

    Wenn ein Land allerdings nicht zum ESC kommt, dann wird das ausschließlich daran liegen, dass es irgendein Problem mit dem ESC gibt. Vielleicht hat man gerade kein Geld. Vielleicht stimmen die Zuschauerzahlen nicht.

    Nach allem, was ich gehört habe, denkt eine recht große Zahl von Ländern darüber nach, dem ESC wenigstens vorüber gehend den Rücken zu zu kehren, weil die Faktoren nicht mehr stimmen und man das Gefühl hat, dass die EBU auf diese Problematiken nicht adäquat eingeht.

    Im Grunde scheint es drei Gruppen von Ländern zu geben:

    Jene, in denen die öffentliche und politische Unterstützung groß genug ist, um koste was es wolle mitzumachen. Jene, in denen man mitmacht, danach aber eine Kosten- / Akzeptanz-Rechnung anhand von Ausgaben und Quoten / Marktanteilen präsentieren muss. Und jene, in denen die Marktakzeptanz des eigenen Beitrages eine erhebliche Rolle spielt.

    In der letzten Gruppe gibt es wieder einzelnen Fraktionen: In einigen Ländern wird die Teilnahme als solche nicht in Frage gestellt, aber auf die Marktdurchdringung des Beitrags geschaut. In anderen Ländern wird gleichzeitig auch die Kosten- / Akzeptanzrechnung aufgemacht.

    Vertreter dieser Länder argumentieren, dass man zwangsläufig auf die Marktakzeptanz des Beitrages schauen muss, weil man sonst die Unterstützung der Plattenfirmen verliert. In Großbritannien wird zudem offen gesagt, dass man das nehmen muss, was die Konzerne anzubieten haben, weil die Entscheidungsträger der BBC aktuell kein Interesse an einem Vorauswahlkonzept hat und das auf die Zuschauer schiebt, denen man vorwirft, sie hätten mehr als einmal, Scherzbeiträge gewählt, und damit dem Vereinigten Königreich eine peinliche Schmach beschert. Problematisch ist dabei, dass die Plattenfirmen die Akzeptanz der Sendung beim Zuschauer nicht unbedingt interessiert.

    Daraus entsteht ein Spannungsfeld. Kommerziell erfolgreiche Beiträge müssen einem bestimmten Muster folgen, das nicht unbedingt ESC-kompatibel ist, weil kommerziell erfolgreich durch die Einnahmestrukturen der Plattenfirmen nicht gleichzeitig auch erfolgreich beim Publikum bedeuten muss; dennoch möchten die Sender einigermaßen gut abschneiden.

    Deshalb sind es vor allem diese Länder, die auf ein Wertungssystem drängen, das solche Beiträge begünstigt, und gleichzeitig eventuelle Spitzen, wie beispielsweise humorige Beiträge, oder Lieder, die sonst irgendwie aus dem Rahmen fallen, aus dem Rennen nimmt.

    Das ist nun sehr verknappt dargestellt gewesen. Im Grunde ist dies aber der Punkt, der viele Länder stört: Man betreibt viel Aufwand, um einen Beitrag auszuwählen, und scheitert dennoch unter Umständen an Juries. Oder, was wahrscheinlicher ist: Man weiß nicht, woran es gelegen hat, dass man im Semi rausgeflogen ist, weil die Sender selbst auch keine Abstimmungsdaten aus den einzelnen Ländern haben.

    In Ländern wie der Türkei muss man sich aber dafür rechtfertigen, warum man so viel Geld ausgegeben hat, und dann doch im Semi scheiterte, und die schlechte Datenlage befördert alle möglichen Verschwörungstheorien.

    Im Grunde ist die eine große Forderung, die im Raum steht, die, dass die EBU gegenüber den Teilnehmern Transparenz schafft, und eine ernsthafte Debatte darüber zulässt, wie das Voting in Zukunft gestaltet werden soll. Dagegen sperrt sich die EBU, weil sich einige große Länder dagegen sperren.

    Stattdessen wird ein bisschen am Voting-Segment herum geschraubt, und das Jury-System etwas verändert.

    Was übrigens auch etwas war, worüber es dem Vernehmen nach intern keine ernsthafte Debatte gegeben haben soll, und was nun vor allem bei kleinen Ländern für heftige Kritik sorgt.

    Denn künftig wird es noch einfacher sein, das Voting zu beeinflussen, und zwar so: Man beeinflusst die Juroren in einem Land, und schießt dann durch technische Beeinflussung das Televoting ab. Man muss sich ja im Kopf behalten, dass die Zuschauerstimmen in einem Land unter den Tisch fallen, wenn es Auffälligkeiten gibt. Damit hat man der Jury in Windeseile die Deutungshoheit über das Ergebnis verschafft.

    Die Theorie ist, dass man das gerne auch in beliebig vielen Ländern machen kann. denn im Grunde kann dann die EBU kaum etwas tun. Sie wird sich kaum während der Sendung hinstellen und erklären, dass es in mehreren Ländern Manipulationsversuche gegeben hat, und sie wird kaum einen Titel disqualifizieren. Das jedenfalls ist die Annahme, die immer wieder zu hören ist, und die zu der Kritik führt.

    Im Grunde sind das die Gründe dafür, warum man vielerorts eher zurück haltend ist. Es ist gut möglich, dass der ESC zunächst einmal schrumpfen könnte.

    Natürlich hat man als Fan den Wunsch, einen möglichst kompletten ESC zu sehen. Allerdings muss man sich auch bewusst sein, dass die wenigsten Zuschauer Hardcore-Fans sind, und einfach nur unterhalten werden wollen. Sie sehen die Sendung mit anderen Augen als wir hier, und sie finden den ESC unter Umständen langweilig.

  8. Zum letzten Absatz: warum genau sollte jemand den ESC anschauen wollen, der/die ihn langweilig findet? Und warum sollte er langweilig(er) werden, wenn mehr Länder teilnehmen?

    Und zu dem Gedanken mit der Manipulation: Wenn das gleiche Land das Televoting und die Juryabstimmungen beeinflusst, verdoppelt sich dadurch auch die Möglichkeit, dabei erwischt zu werden, insbesondere in Kombination mit der Offenlegung der Jurymitglieder, wie sie ab 2014 gelten soll. Ich halte Spekulationen in dieser Hinsicht im Moment für müßig, weil es gute Argumente in beide Richtungen gibt und schlicht niemand wissen kann, was jetzt passieren wird. Wenn natürlich nächstes Jahr der Skandalsieg Aserbaidschans im Nachhinein als manipuliert entlarvt wird (ein Scoop, den sich kaum ein Medium entgehen lassen würde – ich halte es heutzutage kaum noch für möglich, sowas unter den Teppich zu kehren), waren alle Befürchtungen berechtigt. Und wenn nicht?

  9. Letzteres bezweifle ich. Hätte es in diesem Jahr nur Televoting gegeben, dann wäre ein hitzige Diskussion um einen Manipulationssieg vorprogrammiert, Aserbaidschan und Schweden trennten ja nur 2 Punkte. Aber dadurch, dass Italien und Schweden bei Televotern und Jury jeweils entgegengesetzt ankamen, würde Aserbaidschan wohl auch mit Abzug von ein paar Schummelpunkten der lachende Dritte bleiben, schätze ich mal.

Oder was denkst Du?