Albanien 2014: All Kinds of Everything

‚Zemërimi i një Nate‘ (‚Der Ärger einer Nacht‘) heißt der albanische Eurovisionsbeitrag 2014 und fasst das Geschehen beim 52. San Roma Festival Festivali i Këngës ganz gut zusammen. Es ist ein musikalischer Kessel Buntes, den Herciana Matmuja, auch bekannt als Hersi, hier präsentiert: auf ein dramatisches James-Bond-Intro mit Rockgitarren folgen überraschend Trompeten und Geigen, dann kippt der Song unvermittelt in eine relativ klassische Klavierballade um. Hersi, ganz in edlem Schwarz und mit, ahem, interessantem Pagenschnitt, singt mit Inbrunst und angemessen zornigem Gesicht. Bei den besonders intensiven Tönen könnte man eine komplette Wassermelone in ihrem Mund versenken. Das wäre alles ganz prima, hätte man nicht eine entscheidende Zutat vergessen: eine Hookline nämlich. Strophen und Refrain lassen sich kaum auseinander halten, das Ganze verschwimmt zu einem eher anstrengenden Irgendwas. Vielleicht reicht Hersi ja mit dem finalen (und, wie ich Albanien kenne, anglifizierten) Remix noch eine wiedererkennbare Melodie nach?


Von allem ein bisschen was: das albanische Song-Allerlei

Unter den 16 Beiträgen des gestrigen FiK löste allerdings kein einziger Begeisterungsstürme bei mir aus. Trashige Discosounds fehlten diesmal vollständig – kein Wunder bei einer Jury mit einem geschätzten Durchschnittsalter von weit über hundert Jahren. Das führte zu amüsant-ärgerlichen Szenen bei der Punktevergabe, als sich die Herren Professoren beim Vorlesen ihrer „Pik“ vom Zettel vollständig verhedderten und man fürchten musste, dass sie vor Aufregung noch den Löffel abgeben, bevor das Endergebnis feststeht. Beim dritten Mümmelgreis übernahmen dann vorsichtshalber gleich die Moderatoren die Ergebnisansage. Auf Rang zwei landete mit deutlichem Abstand mein Lieblingssong, ‚Me ty‘ von Klodian (etwas unglücklicher Vorname!) Kaçani, einem schmuck anzuschauenden jungen Herren im Frack. Der musste zwar anfangs ein bisschen nach dem richtigen Ton suchen und gegen das gigantische Live-Orchester ansingen, bot jedoch eine temporeiche, dramatische Klavierballade dar, die mich in ihrer Operettenhaftigkeit normalerweise nicht anspräche, sich im FiK-Umfeld aber als einziger Song mit einer echten Hookline wohltuend heraushob.


Waidwunder Blick: Klodian weckt Beschützerinstinkte

Apropos Orchester: so froh ich bin, dass es dies beim ESC nicht mehr gibt, so sehr muss ich den albanischen Klangkörper loben, dessen präzise und eindrücklich gespielten Soundwälle aus Streichern gerade den Rocksongs eine erstaunliche Tiefe verliehen. Auch der Backgroundchor, der einige der auftretenden Interpreten locker an die Wand sang, verdient eine lobende Erwähnung. Ebenso wie die Rockgruppe Lynx: wie man im Präsentationsclip sehen konnte, eine Handvoll kerniger langhaariger Bombenleger, von denen allerdings nur der Leadsänger (nette Rockröhre) und der Gitarrist auf die Bühne durften. Die restlichen Parts ließ sich das RTSH-Orchester nicht nehmen. Immerhin hatte deren Trommler bei ‚Princeha‘ ordentlich Spaß – der Song verfügte nämlich über einen ganz schönen Schub. Natürlich landeten Lynx mit erbärmlichen sechs Punkten auf dem vorletzten Platz.


Deutlich gefälliger: Hersis FiK-Beitrag vom Vorjahr

Aus der Kategorie „Ehemalige Eurovisionsteilnehmer“ durften wir den seit seinem noch etwas schüchternen Erstauftritt im Jahre 2006 zu einem ansehnlichen Kerl herangereiften Luiz Ejlli begrüßen, dessen leider ziemliche dröge, wenn auch sauber und verhalten dramatisch gesungene sowie mit wunderschön schwelgerischen Geigen unterlegte Ballade ‚Kthehu‘ wohl vor allem für ihr völlig abruptes Ende in Erinnerung bleibt. Anders als der direkt nach ihm auftretende Kollege Frederik Ndoci (2007), dessen fünftplatzierte Ballade ich vor lauter optischem Entsetzen über sein unpassendes schmales Bärtchen überhörte, was allerdings auch nicht schwer fiel, so langweilig, wie diese daherkam. Und auch Emmelie de Forest (DK 2013) fällt in diese Kategorie – sie trat allerdings als Pausenact auf, wo sie wenig glaubwürdig zum Playback mimte und noch weniger glaubwürdig kundtat, sie lebe seit ihrem Eurovisionssieg ihren Traum.


Das Ende kommt etwas überraschend: Luiz Ejlli hört einfach auf und geht

Insgesamt ein (etwas zu) festlicher Abend mit (zu) vielen Balladen, (zu) vielen angestrengten Mienen beim Singen, (deutlich zu) alten Juroren und (zu) wenigen Melodien. Da wirkt das offensichtliche Vorbild der Veranstaltung, das San Remo Festival, doch musikalisch vielfältiger und moderner. Vielleicht sollte das albanische Fernsehen, wenn es die alleine bestimmende Jury schon nicht ganz kippen will, zumindest mal eine verbindliche Frauenquote (diesmal kam eine Jurorin auf sechs männliche Kollegen) und ein Höchstalter von 70 Jahren festschreiben. Denn so hübsch es auch anzuschauen war, als die Siegerin Herciana bei ihrer Akklamation vor Rührung weinte: in Kopenhagen dürften die Tränen wohl eher fließen, wenn sie mit ihrem Wechselbalg von Song im Semi kleben bleibt.

Hat Herciana Matmuja Chancen aufs ESC-Finale 2014?

  • Frag mich das, sobald der Remix vorliegt - das wird ja ein anderer Song sein. (48%, 22 Votes)
  • Frag mich das, sobald ein paar mehr Konkurrenten feststehen. (22%, 10 Votes)
  • Nicht mit diesem Durcheinander von Song. (20%, 9 Votes)
  • Absolut! Tolle Sängerin, schönes Lied! (11%, 5 Votes)

Total Voters: 46

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2 Gedanken zu “Albanien 2014: All Kinds of Everything

  1. Das ist ein Pro-Argument für die Drei-Minuten-Grenze. Was war ich froh, als das Lied vorbei war! Und ich war noch so begeistert im letzten Jahr, als Albanien großes Kino nach Schweden schickte, das sogar von den hier so sehr gehassten Juroren beim ESC besser bewertet wurde als vom Publikum.

    Und das soll wirklich das Beste gewesen sein?

Oder was denkst Du?