Türkvizyon: Vogelstimmengate im Semi!

Soeben ging das Semifinale der ersten Türkvizyon zu Ende: eine rundweg fabelhafte Show mit einem hochgradig erfrischenden Musikmix aus Billigdisco, Klageliedern und Kehlgesängen, leider ruiniert durch die himmelschreienden Fehlentscheidungen der Jury, die erkennbar nur nach Nationalität abstimmte und die engsten politischen Freunde der Türkei durchwinkte. Was besonders pikant ist, wenn man bedenkt, dass der vom türkischen Fernsehen hauptsächlich ins Feld geführte Grund für das Fernbleiben des Landes vom Eurovision Song Contest (und die Gründung der Türkvizyon) die Unzufriedenheit mit der Eurovisionsjury war! Immerhin: im Finale am Samstag entscheiden alleine die Zuschauer per SMS – nur ist es da zu spät, einige der besten Beiträge sind bereits ausgesiebt.


Wetten, so was haben Sie noch nie gesehen: Çıldız Tannakeşeva (Kemerowo)

Die Show selbst überzeugte durch einen hohen Produktionsstandard (vorbildlich: ein Gebärdendolmetscher) und wäre mit ihrer vergleichsweisen Konzentration auf die Songs und lediglich ergänzendem Tanz an sich etwas für Grand-Prix-Traditionalisten. Nach dem überraschend bereits um 17:30 Uhr erfolgten Start fiel zwar zunächst der Ton aus, aber Gott sei Dank nur für ein paar Minuten. Zudem traf es lediglich den Opening Act, eine Balletteinlage, die an Dschinghis Khan (DE 1979) erinnerte – nur diesmal authentisch. Kein Tonausfall hingegen bei den gefühlt mehrstündigen Ansprachen zahlreicher Funktionäre im Anschluss daran – leider! Die Halle schien nur halbvoll – nach dem Bericht eines Freundes, der nach Eskişehir gereist war, wussten die meisten Einwohner dort noch gestern nichts von dem Event. Trotzdem schien die Stimmung gut. Die 24 Semifinalisten traten in alphabetischer Reihenfolge ihres Herkunftslandes auf (natürlich nach der türkischen Bezeichnung).


Der Schnelldurchlauf mit allen 24 Titeln

Und bereits beim ersten Beitrag aus der Republik Altai hätten wohl locker 70% der durchschnittlichen Eurovisionszuschauer wieder abgeschaltet. Artur Marlujokov gab im cremeweißen Seidenanzug seine beste Çetin-Alp-Imitation, nur dass ‚Opera‘ (TR 1983) sich gegen Arturs ‚Altayım Menin‘ geradezu Helene-Fischer-haft ausnimmt. Wieso er es ins Finale schaffte, erscheint mir unbegreiflich, im Gegensatz zu Fərid Həsənov aus, Sie merken es schon an den komischen Kopfüber-əs, Aserbaidschan. Wie sein diesjähriger Vornamensvetter beim richtigen ESC überzeugte er weniger durch Stimme als durch gutes Aussehen und einen schmissigen Popsong sowie eine subtil homoerotische Show mit extrem woofigen Tänzern und schwarzem Leder. Zu allem Überfluss schien Fərid auch noch einen Jackenärmel im Getümmel des Darkrooms verloren zu haben – bei was nur? ‚Yaşa‘ kam jedenfalls zu Recht weiter.


Kann mal jemand das Bübchen da wegholen und den bärtigen Kerl nach vorne stellen, bitte? (AZ)

Ein Botoxmonster (Diana Ishniyazova) im schlimmen Kleid – mit Pelzbesatz! – betrat für Baschkortostan die Bühne und schied mit einem wirren Mix aus Ethno und Pop sowie unmelodischem Geschrei aus. Ähnlich furchtbares Gekreisch kam aus Belarus, allerdings konnte Gunesh Abasova durch eine divaeske Verspätung beim After-Auftritt-Interview punkten. Alles an ihrer Darbietung war üppig: ihre Frisur, ihr Swarovski-Kleid und ihre etwas zähe Geigenballade. Sie zog ebenso ins Finale wie die bosnischen Rocker von Emir & the frozen Camels. Deren Nummer kam angemessen schräg herüber und erinnerte in ihren besten Momenten ein wenig an den genialen Laka (BA 2008). Ob der ebenso schräge Gesang gewollt war oder nur nicht gekonnt? Man weiß es nicht! Sehr schön ihr visueller Schlussgag, als die besungene ‚Ters Bosanka‘, die zänkische Bosnierin, auf der Bühne erschien, ein Nudelholz schwingend.


Wirkte gar nicht zickig, trotz Nudelholzes: die ‚Ters Bosanka‘ (BA)

Nun folgt ein Fünferpack Nichtfinalisten, beginnend mit der schwer leidenden (und ebenso schwer atmenden) Gagausierin Ludmila Tukan, der es auch nichts half, dass sie sich am Schluss ihrer dramatischen Weltschmerzballade zu Boden warf. Georgien schickte einen peinlichen Berufsjugendlichen mit schmaler Krawatte (ist die nicht seit den Neunzigern verboten?), Viertel-Irokesen und einem halbgaren Discosong; der Irak einen waschechten Beduinen, dessen Oberhemd mich allerdings daran erinnerte, dass ich noch meine Weihnachtsgeschenke einpacken muss. Eldar Zhanikaev, der mit Kabadino-Balkarien und der Nachbarrepublik Karatschai-Tscherkessien gleich zwei Länder vertrat, wirkte ein wenig irre, was sich noch dadurch verstärkte, dass er sich ständig gegen den Kopf tippte. Schade ist es allerdings um Vladimir Dorju aus Chakassien: ein asiatisch anmutender Sumoringer mit gebrochener Boxernase und fettglänzender Gesichtshaut, der mit unglaublich tiefer Stimme vor sich hin röchelte und dabei abwechselnd klang wie eine lebende Maultrommel und Harvey Fierstein als mit Damenbass singende Drag Queen in Das Kuckucksei.


Meine Stimmbänder wären danach hin: Vladmir Dorju (Chakassien)

Er teilte das ungerechte Schicksal, von der Jury verschmäht zu werden, mit seinen Kehlgesang-Kolleginnen aus Kemerowo und Tuwa. Sailyk Ommun (‚Cavidak‘) wirkte nicht zuletzt dank ihres ausgefallenen Kopschmuckes optisch wie eine Weltraum-Prinzessin, ihre Tänzer begleiteten sie in stilechten Enterprise-Kostümen. Ihr Gesang lässt sich am ehesten als Mischung aus Kreischen, Zischen, Jodeln und Schreien beschreiben – ein bisschen so wie Nina Hagen auf Pilzen.  Sehr strange und sehr geil. Den Höhepunkt lieferte aber Çıldız Tannakeşeva, die Vogelstimmenimitatorin aus Kemerowo. Aufgrund ihres schon fast nicht mehr menschlichen, tiefen Knurrens und ihrer eher brikettartigen Figur vermochte man zunächst kaum, sie einem Geschlecht zuzuordnen, geschweige denn einer Spezies. Auch sie hechelte, grunzte und schrie, produzierte dann aber eine Fülle exotischer Vogellaute, so dass man beinahe das Gefühl bekam, sich in einem nächtlichen Urwald zu befinden. Dazu lief trippiger Ambient – wer gerne mal auf psychedelische Reisen geht, für den könnte sich ihre Musik als wahrer Schatz erweisen!


Sie ist nicht vom selben Stern: Saylik Ommun aus Tuwa

Raus flogen außerdem die ukrainische Halbinsel Krim mit einem Mix aus Bar-Jazz und türkischen Klagegesängen; Mazedonien mit mittelmäßigem und strukturlosem Hardrock sowie einem – besonders im Kontrast zu seinen jugendlich-virilen Tänzern – verlebt wirkenden Sänger; ein extrem hölzerner Rumäne, den auch die Formationsarme zum Schluss seines Orient-Disco-Titels nicht mehr retteten und ein lebenserfahrenes Discoflittchen aus Jakutien, die schon fast klischeehaft benannte Olga Spiridonova, die ihrem etwas platt gedrückten Gesicht nach zu urteilen bei der Türkvizyon nicht zum ersten Mal in ihrer Karriere mit einem Kameramann kollidierte. Ihre unsichtbaren Backings (oder das Band) machten gesanglich einen guten Job, sie nicht so.


Erinnert optisch an ‚Opa‘ Schorsch Alkaida & Friends (GR 2010): Ikay Yusuf (MK)

Nicht ganz nachvollziehbar ist das Weiterkommen von Alina Sharipzhanova aus Tatarstan, der nicht nur das Kinn fehlte, sondern auch ein als solcher klassifizierbarer Song, sowie des Kosovaren Ergin Karahasan, der zwar eine hübsch billige Ethno-Disco-Nummer vorweisen konnte, aber den Eindruck verbreitete, als leide er während seines Auftrittes körperliche Qualen. Der Zuhörer ob seiner Stimme übrigens auch. Dass die türkische Band Manevra trotz eines eher halbgaren Poprockliedchens und einer eher schwachen Performance, aus der lediglich der niedliche Flötist optisch wie musikalisch hervor stach, weiterkam, verwundert weniger – nach den Zuschauerreaktionen in der Halle zu urteilen, hätten die Juroren bei einem negativen Plazet um ihr Leben fürchten müssen. Nilüfer Usmanova, die usbekische Hera Björk, sang zwar zum Steinerweichen, hatte aber einen extrem billigen Achtzigerjahre-Discoschlager im Gepäck – das zog bei den überwiegend älteren Juroren wohl.


In den Händen einer talentierteren Sängerin, sagen wir C.C. Catch, käme das gut: ‚Unutgin‘ von Nilüfer (UZ)

Fazile Ibraimova aus der Ukraine überzeugte die Traditionalisten hingegen eher mit dem anfänglich übers Gesicht gezogenen Schleier (der im Verlauf der Darbietung allerdings fiel) und der einzigen Rückung des Abends, während das nordzyprische Duo Gommalar (wenn ich nicht irre, Geschwister) alleine schon aus politischen Gründen weiterkam – ein Ausscheiden des türkisch besetzten Nordteils der Mittelmeerinsel ausgerechnet im selbst ernannten Mutterland wäre ebenso undenkbar wie 0 Punkte aus Athen an Nikosia beim echten Grand Prix. Ihr Song? Ein schier endloser Grabgesang. Selbst ein zwischendurch zur Auflockerung eingestreutes „La la ley“ mutete an wie eine wütende Anklage, auch aufgrund der durchgängig todernsten Gesichter der Beiden, wunderbar konterkariert indes durch so anmutige wie absurde, ruckartige Handbewegungen beim Singen.


Haben nichts zu lachen: die Nordzyprer

Bleiben noch meine beiden Lieblingstitel unter den Finalisten. Beim kirgisischen Beitrag ‚Kaygırba‘ ist es nicht so sehr die merkwürdige Musik, die ein bisschen an das einlullende Plinkaplonk erinnert, das man hierzulande gerne in China-Restaurants als Hintergrundberieselung einsetzt, sondern die etwas bieder wirkenden Asiaten von Çoro, die sich da als Boygroup inszenierten, was einen völlig surrealen Effekt erzeugte. Mein Liebling ist natürlich der lustige Typ mit den dicksten Augenbrauen seit Breschnew, der sich an der kirgisischen Variante des Banjo komplett verausgabte. Rock’n’Roll! Richtig gut sind aber die Kollegen von Rin’Go: kernige kasachische Hip-Hopper und Beatboxer, deren mit zahlreichen „Opa! Opa!“-Rufen gespickter Song ‚Birlikpen Alğa‘ auch beim ESC fraglos gut ankäme. Noch nicht mal der katastrophale Ton und die nicht minder unfähige Kameraarbeit während ihres Auftrittes konnten den positiven Eindruck schmälern. Die müssen gewinnen am Samstag, und dann zum richtigen Grand Prix kommen!


Die besten der Finalisten: Rin’Go aus Kasachstan

Türkvizyon 2013, Semifinale

Song Contest des türkischen Kulturraumes. 19.12.2013 in Eskişehir, Türkei.
#Land / RepublikInterpretSongFinale?
01Altai (RU)Artur MarlujokovAltayım Meninja
02AserbaidschanFərid HəsənovYaşaja
03Baschkortostan (RU)Diana IshniyazovaKuray Şarkısınein
04WeißrusslandGunesh AbasovaSon hatiralarja
05BosnienEmir & the frozen CamelsTers Bosankaja
06Gagausien (MD)Ludmila TukanVernis Lubovnein
07GeorgienEynar BalakişiyevKalbini Saf Tutnein
08Chakassien (RU)Vladimir DorjuTus çirindenein
09Türkmeneli (Irak)Ahmed DuzluKerkük'ten yola Çıkaknein
10Kabadino-Balkarien (RU)Eldar ZhanikaevAdamdı Bizni Atıbıznein
11KasachstanRin'GoBirlikpen Alğaja
12Kemerowo (RU)Çıldız TannakeşevaŞoriya'nın Ununein
13KirgisienÇoroKaygırbaja
14Krim (UA)Elvira SarihalilDağların Ellarınein
15KosovoErgin KarahasanŞu Prizenja
16NordzypernGommalarHavalanıyorja
17Mazedonienİlkay YusufDüşlerde Yaşamaknein
18UsbekistanNilüfer UsmanovaUnutginja
19RumänienGenghiz Erhan CutcalaiAy Ak Shatırnein
20Sacha (Jakutien) (RU)Olga SpiridonovaSulus Uonna Tuunnein
21Tatarstan (RU)Alina ŞaripjanovaÜpkelemimja
22Tuwa (RU)Sailyk OmmunCavidaknein
23TürkeiManevraSen, Ben, Bizja
24UkraineFazile IbraimovaElmalımja

8 Gedanken zu “Türkvizyon: Vogelstimmengate im Semi!

  1. Was für eine Show, der Unterhaltungswert war teilweise sogar höher als bei einer moldawischen Vorentscheidung.

  2. Höchst erfrischend Deinen Beitrag zu lesen. So erspart man sich die komplette Sendung, so komprimiert, wie es hier dargestellt wird.
    Und ich stimme Dir in so gut wie allem zu, nachdem ich den Recap gesehen habe. Nur in einem Punkt nicht:
    Alina Sharipzhanova aus Tatarstan war für mich die klassische ESC-Teilnehmerin (vom Liedchen her, nicht von dem asiatischen Stewardessen-Outfit). Bei dem ganzen Gejalla für westliche Ohren eine wirkliche Erholung. Und gut gesungen hat´se auch. Selbst ohne Kinn.
    Aus meiner Sicht verdient weiter. 🙂

  3. Was für ein fabelhafter Überblick! Habe Tränen gelacht. Und am Ende hatte ich trotz 80% verpasster Show ähnliche Favoriten.

  4. Ich sehe schon, ich habe gar nichts verpasst!

    Angesichts des Schnelldurchlaufes schien die Musik da OK gewesen zu sein, aber der Lächerlichkeitsfaktor steigt mal wieder, diesmal durch das Stimmverhalten der Jury.
    Und das Geklingel zwischen den Beiträgen im Schnelldurchlauf nervt massiv !!!

  5. Der Schnelldurchlauf gibt nur einen unzureichenden Eindruck, vieles wirkt erst richtig schön (oder richtig schön grauslig), wenn es sich in seiner ganzen Länge und Pracht entfaltet. Ansonsten hast Du mit allem Recht, bis auf den ersten Satz. 🙂

  6. Olli, du hast da was falsch verstanden: Die Türkei hat nur was gegen Jurys, solange die gegen den türkischen Beitrag stimmen. Ansonsten finden sie Jurys auch total supi. ^^

    Und generell verstehe ich nicht, warum man für 24 Teilnehmer ein Semifinale einbauen muss. Der richtige ESC nudelt doch auch so viele Teilnehmer im Finale durch /die dann aber alle nur höchstens 3 Minuten singen dürfen)

  7. Machen die Malteser doch auch jedes Jahr: Im Semi Reduktion gerade mal von 24 auf 16.

Oder was denkst Du?