Dritter Supersamstag 2014: Tanzend im Regen Kuchen backen

Ein ereignisreicher Supersamstag liegt hinter uns, gleich vier weitere Eurovisionsbeiträge stehen nunmehr fest. Die längste Show des Abends leisteten sich die Letten, die mehr als drei Stunden und ein Superfinale benötigten, um in der Dziesma aus den zwölf Finalisten ihren Song für Dänemark herauszupicken. Immerhin lohnte es sich: ganz entgegen sonstiger Gewohnheiten und zu meiner völligen Überraschung und Begeisterung entschieden sie 1)Gemeint sind die Televoter, die den possierlichen Vier an dem von der Jury favorisierten Superlangweiler Dons vorbei auf den Thron hievten. sich für meinen neuen offiziellen Lieblingsbeitrag dieses Jahrgangs, das lustig-charmante ‚Cake to Bake‘ von Aarzemnieki. Nun dürfen sich der gebürtige Bochumer Jöran Steinhauer und seine Kumpanen in Kopenhagen ein witziges Wettbacken mit dem Weißrussen Teo und seinem ‚Cheesecake‘ liefern. Jöran, der ähnlich wie einst Peter Nalitch (RU 2010) als Internetphänomen Bekanntheit erlangte, konnte sein Glück bei der Ernennung zum Vertreter Lettlands kaum fassen und freute sich sehr, sehr niedlich. Und ich freue mich mit ihm und den Letten, denn die amüsante Folknummer über das Phänomen, das man oftmals die kompliziertesten Probleme löst, aber an einfachen Alltagsdingen wie dem Backen eines Kuchens scheitert, macht einfach nur Spaß – ein beim Grand Prix zuletzt schmerzlich vermisstes Konzept!


Hätt‘ ich Dich heut erwartet, hätt‘ ich Kuchen da: Aarzemnieki (LV)

Auf putzige Weise überrascht zeigte sich auch Ruth Lorenzo, die das spanische Mira Quién Va A Eurovisión gewann. Die dreiköpfige Jury setzte sie nämlich unisono auf den zweiten Rang und zog eine dunkelhäutige Frau mit einem Thomas-G:sson-Dramolett, einer lustigen Tingeltangelbobfrisur und dem Namen Brequette vor, der sich zwar liest wie ein französisches Weißbrot beziehungsweise ein Brennmaterialquader für Kohleöfen, sich dann aber doch ganz langweilig „Brigitte“ ausspricht. Frau Lorenzo, in Großbritannien 2)Im Gegensatz zu ihrem Heimatland, wo sie ein unbeschriebenes Blatt ist. von ihrer Teilnahme an irgendeiner dortigen Castingshow vor vielen Monden bereits bekannt, siegte jedoch im Televoting und schnitt somit punktgleich mit Baguette Brikett Bruschetta Brigitte ab. Als die Moderatorin Anne Igartiburu („Tranquilo!“) Ruth dann versicherte, dass sie gewonnen habe, entfuhr ihr ein schriller Freudenschrei. Wobei: letztlich besteht ihr ganzer Beitrag ‚Dancing in the Rain‘ (spanische Strophen, englischer Refrain) aus nichts anderem als dreiminütigem, castingshowtypischem Höchstleistungsschreien. Was Ruth immerhin von der Interpretin der Originalfassung dieses Titels, ‚Will my Heart survive‘ aus der deutschen Vorentscheidung 2002, unterscheidet: Isabel Soares konnte halt gar nicht singen.


Wer Jurys sät, wird kreischende Frauen ernten: Ruth Lorenzo (ES)


Erkennen Sie die Melodie? Isabel Soares (DVE 2002)

Wenig überraschend und ganz ohne Plagiat ging hingegen die ungarische Vorentscheidung A Dal zu Ende. Wie bereits im Vorjahr praktiziert, durfte eine vierköpfige Jury ganz alleine, ohne diese störende Demokratie (dafür aber sicher finanziell einträglich), vier Superfinalisten vorbestimmen, unter denen sich die Televoter dann zu entscheiden hatten. Wie erwartet, fiel ihre Wahl auf András Kállay-Saunders (nicht zu verwechseln mit Colonel Sanders, der Werbeikone der Hühnchenmörderkette KFC) und seinen Drum’n’Bass-lastigen Soulsong ‚Running‘, ein inhaltlich eindringliches Lied über das düstere Thema Kindesmissbrauch. Eigentlich eine exzellente Entscheidung – nur leider ruiniert der etwas blasiert wirkende Schönling András den für sich genommen herausragenden Titel durch seine enervierend affektierte Modulation und den etwas schwachen Live-Gesang, vor allem in den Strophen. Schade drum!


Ja, schlimmes Thema, András (HU). Aber das Geflenne geht trotzdem überhaupt nicht.


In voller Länge und mit furchtbaren Bildern: der Videoclip zu ‚Running‘

Bleibt noch die bereits seit knapp sechs Monaten feststehende mazedonische Vertreterin Tijana Dapčević, die ausgerechnet diesen hoffnungslos überfüllten Supersamstag aussuchte, um ihren Eurovisionstitel ‚To the Sky‘ vorzustellen. Und zwar als autotuneverseuchtes Vollplayback im Rahmen einer TV-Show. Tijanas verhältnismäßig tiefe Stimme sorgte in Verbindung mit dem von ihr für ihren Auftritt ausgewählten Hosenanzug, ihren leicht herben Gesichtszügen und ihrer mangelnden Zurückhaltung bei der dekorativen Kosmetik beim Zuschauer zunächst für Verunsicherung, ob nicht etwa die slowenischen Dragqueens von 2002, Sestre, wieder zugeschlagen hätten. Nein: es ist eine biologische Frau! Und nach Kaliopi (MK 2012) und Esma (MK 2013) eine ziemliche Enttäuschung, denn ‚To the Sky‘ entpuppt sich als beliebiger, austauschbarer Nullachtfünfzehn-Dancepop von der Stange, der so aufdringlich und ziellos vor sich hin bollert wie ein paar testosterongeladene Jugendliche auf Angeberfahrt mit dem tiefergelegten BMW – womit dann auch die Zielgruppe für den Song feststeht. Beim Song Contest dürfte damit kein Blumentopf zu holen sein.


Wie das wohl live klingen mag? Tijana Dapčević (MK)

Welcher von den Supersamstag-Künstlern schafft es ins Finale von Kopenhagen?

  • Die ungarische Flennsuse. (49%, 58 Votes)
  • Der lettische Kuchenbäcker. (19%, 23 Votes)
  • Der spanische Schreihals - und nur der (ha ha). (19%, 23 Votes)
  • Die mazedonische Disco-Transe. (12%, 14 Votes)

Total Voters: 86

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Fußnote(n)   [ + ]

1. Gemeint sind die Televoter, die den possierlichen Vier an dem von der Jury favorisierten Superlangweiler Dons vorbei auf den Thron hievten.
2. Im Gegensatz zu ihrem Heimatland, wo sie ein unbeschriebenes Blatt ist.

11 Gedanken zu “Dritter Supersamstag 2014: Tanzend im Regen Kuchen backen

  1. Lettland: Charmantes kleines Lied von einer charmanten Gruppe interpretiert. Und gut, dass durch das Backe-backe-Kuchen-Lied verhindert wurde, dass die Letten einen weiteren Euphoria-Klon zum ESC schicken.
    Und toll, wie sich alles zu einem großen Bild zusammensetzt. Hoffentlich werden die Startplätze in Kopenhagen so weise und dramaturgisch konsistent vergeben, dass erst die Letten auf der Bühne einen Käsekuchen backen, den dann der Kollege aus Weißrussland dann besingen kann.

    Spanien: Ruth und Brikett begingen beide das Kapitalverbrechen, ihre Lieder nicht durchgängig in ihrer schweinecoolen Heimatsprache zu singen. Es sind beides große Eurovisions-Balladen, aber bei Baguette hört sich der englische Teil wesentlich schlimmer an als bei Ruth. Von daher geht der Sieg voll in Ordnung, obwohl das Lied von Gillette wesentlich moderner klingt. Und so toll gekrischen wie Pastora Soller hat Ruth auch nicht.

    Ungarn: Das Lied klingt erst mal nur nach gejaultem Gejammer, wird aber nach etwa einer Minute gut. Es müsste halt nur jemand interpretieren, der auch singen kann…

    FYROM: Ein Transvestit mit eklatantem Charisma-Mangel bewegt die Lippen zu einem autogetuntem Lied, das von Katie Perry ausgemustert wurde. Ganz schlimm.

  2. Ne du, wer Juries sät, der hätte verkrampft schreiende Frauen geerntet, nämlich Brequette. Da haben die Televoter aber besser auf gesangliche und perfomatorische Qualität geachtet! Ich wünsche Spanien und Ruth jedenfalls eine gute Platzierung in Kopenhagen. Wäre verdient. Noch besser gefällt mir allerdings das Lied aus Ungarn. Live habe ich es leider noch nicht gehört. Wenn er es einigermaßen anständig hinbekommt, sehe ich ein weiteres Top-Ten-Resultat in Folge für Ungarn. Was ich hier lese, macht mir allerdings nicht viel Mut, so dass er um den Sieg wohl nicht mitsingen wird. Lettland ist ganz niedlich, aber im Grunde fast genauso verzichtbar wie Mazedonien (Daria Kinzer meets Hanna Mancini).

  3. Ja, der Bochumer Traum wurde wahr! Das war so eine tolle Dziesma gestern und Cake to bake ist tatsächlich so ein handgemachtes Dingen, weshalb ich seit Jahrzehnten den ESC verfolge, danke dafür, liebes Lettland! Und ja, die Assoziation zu Peter Nalitsch hatte ich auch bereits. 🙂

  4. Und ich dachte, der Hausherr wäre begeistert von Andras‘ Äußerem…
    Naja, mir jedenfalls gefällt der ungarische Beitrag sehr gut und er könnte auch weit kommen, besonders da weder das Lied noch der Sänger etwas Ungarisches an sich haben. Gerade Andras könnte man leicht als US-Sunnyboy verkaufen.

    Mazedonien? Es fängt so vielversprechend an, aber dann kommt die leicht furchterregende Frau, die nie und nimmer selbst gesungen hat. Ich denke, das hat, womit wir wieder in den USA wären, Pink übernommen. Mal schauen, wie das im Mai wird, wenn sie selbst singen muss und keinen Superstar hinter sich hat, der die Arbeit macht.

    Spanien ist nach Ungarn ein weiterer Kracher, aber auch recht gekünstelt. Kommt nicht an „Running“ ran.

    Und zuguterletzt Lettland! Wäre das Lied letztes Jahr gewählt worden, hätte ich gesagt, das fliegt raus, so sehr ich es auch mag. Zwar kann unser gebürtiger Bochumer vielleicht nicht so weit kommen, wie Gianluca letztes Jahr z.B., aber gegen einen Finaleinzug Lettlands hätte ich nichts einzuwenden.

  5. Natürlich ist der András hübsch, gar keine Frage. Aber gerade beim Live-Auftritt wirkt er sehr von sich eingenommen, zugleich aber auch sehr unsicher und gekünstelt. Diese übertrieben weinerliche Interpretation ist nicht echt, da ruht selbst Frau Lorenzo mehr in ihrer inneren Mitte, obwohl ihr Song ein reines Äußere-Fassade-Musical-Dingens ist. Würde Colonel Sanders nur ein bisschen authentischer performen, wäre die ungarische Nummer ein Sieganwärter.

  6. Und gerade diese Entspanntheit hat Ruth meines Erachtens auch den Sieg vor der doch etwas verkrampft wirkenden Brequette eingebracht. Da kann sich András wirklich noch eine Scheibe von abschneiden.

  7. Bei „Cake to Bake“ gehe ich ausnahmsweise mal 100 Prozent d’accord mit dem Hausherrn. Spaß kommt in den meisten Beiträgen dieses Jahres nur in Spuren oder gar nicht vor – das muss nicht schlecht sein (siehe „Running“, das ich trotz seiner harten Thematik mag – aber mein Lieblingslied ist ja auch „Luka“ von Suzanne Vega), aber nervt auf Dauer dann doch.

  8. Das, was Du als „blasiert“ bezeichnest, hat bei ihm familiäre Tradition. Ein bisserl wie bei Lenas großbürgerlichem Hintergrund, deren Papa Diplomat war. Die englische Wikipedia sagt: „He is a descendant of the noble Kállay family from maternal side.“ Also alter ungarischer Landadel (https://en.wikipedia.org/wiki/K%C3%A1llay_family), da wird einem die Noblesse mit der Muttermilch eingeflößt, selbst wenn die schöne Nachfahrin im fernen Amerika sich als Model verdingt und einen Detroiter Soulsänger ehelicht. Diesen Dünkel hat man dann einfach, da kann der hübsche András nun wirklich nix dafür … Dass er Missbrauch nicht authentisch am eigenen Leib kennengelernt hat, sondern dies bloß performt, dafür kann er auch nix … Wie Hegel sagt: „Der Schein ist dem Wesen wesentlich.“

  9. Ist das also der neue Trend? Adel beim ESC? Wenn die Gewinnchancen höher sind, je blauer das Blut ist, dann hat András nach dem Sieg der angeblichen illegitimen englischen Königinnennachfahrin ja schon in der Tasche!

Oder was denkst Du?