Erster Supersamstag 2014: Bröder Louie

Gleich acht nationale Entscheide und Semis brachte uns der heutige Samstag. Zwei weitere Titel für Kopenhagen stehen fest, in sechs Ländern liefen Vorrunden. Unmöglich, das alles mitzuverfolgen (mittlerweile bin ich kurz davor, eine Internetpetition zu starten, welche die EBU auffordert, die Termine der nationalen Vorentscheidungen zu koordinieren), daher hier nur die wichtigsten drei: Finnland (Finale), Schweden (Semi) und die Schweiz (Finale). Anfangen möchte ich mit der ersten Runde des Melodifestivalen, das damit begann, dass die Moderatoren sich sympathischerweise über den dänischen Siegertitel des Vorjahres mokierten und auf der Bühne öffentlich Flöten verbrannten. Das war dann auch schon der Höhepunkt dieses MF-Qualis, in dem große Namen auf maue Songs trafen.


Hübsches Glitzer-Brust-Tattoo! Yohio

Prototyp dieser Kombination: das schwedische Mangabübchen Yohio, Publikumssieger des MF 2013, das dank der dämlichen Juries zu Hause bleiben musste. Er präsentierte eine Art Drag-Queen-Version einer bayerischen Lederhose, kombiniert mit einem paillettenbesetzten Draculakragen und Tonnen von Make-up, sowie einen mehr als schwachen Titel. Die Horden vermutlich weiblicher, minderjähriger Fans winkten ‚To the End‘ dennoch durch ins Finale. Zusammen mit ‚Songbird‘ von Ellen Benediktson, einer sterbensöden Reminiszenz an Anouks ‚Birds‘ vom Vorjahr, nur ohne deren Können und Klasse. In die AC verwiesen wurde überraschend Helena Paparizou, die seit ihrem Sieg für Griechenland im Jahre 2005 (‚My Number One‘) zwar das ein oder andere Pfündchen zulegte, damit aber fraulicher und besser aussieht als jemals zuvor und nichts von ihrer fabelhaft divaesken Ausstrahlung verlor. Lag es daran, dass sie zu dem klassischen MF-Pop-Stampfer ‚Survivor‘, dem einzigen sofort eingängigen Titel dieser Runde, eine verhältnismäßig statische Performance ohne Tänzer ablieferte? Oder bleibt es doch nur wieder dem berüchtigt schlechten Geschmack der Schweden geschuldet?


Die Duckface-OP hätte sie sich besser erspart: Helena

Skandalös auch die Verbannung meines MF-Favoriten Linus Svenning in die Second-Chance-Runde. Hier traf für meine Begriffe optisches auf musikalisches Wohlgefallen: Linus verfügt über einen muskulösen Körper, Tattoos bis über die Halskrause und mehr Metall im Gesicht als in einem Lordi-Song, wirkt also wie ein klassischer „Bad Boy“ – mit anderen Worten: unglaublich sexy. Mit angemessen heiserer Stimme raspelte er sich durch eine ebenso angemessen kitschige Ballade aus der Feder von Frederik Kempe mit dem Titel ‚Bröder‘: ein Abschiedslied an Linus‘ früh verstorbenen Bruder Jim. Natürlich mit der Einblendung von Jugendfotos der Svenning-Brüder und der Widmung „Ich vermisse Dich, geliebter Bruder“ zum Schluss – bei so was öffnen sich bei mir sofort die Schleusen. Zumal für meinen Geschmack absolut nichts die Kombination aus rauer Schale und weichem Kern übertrifft, die Linus hier von sich zeigte. Wenn ‚Bröder‘ die AC nicht übersteht und nicht im MF-Finale landet, ist Schweden für mich gestorben!


Seufz!

Als Lachnummer des Abends fungierte Alvaro Estrella, dem offenbar vor dem Auftritt ein Köter die Hoden abgebissen hatte. Jedenfalls jaulte er seinen peinlichen, mit der denkwürdigen Textzeile „Sweat Stains on the Dancefloor“ aufmachenden Modern-Talking-Gedächtnisschlager ‚Bedroom‘ in Tonlagen, die kein präpubertärer Regensburger Domspatz übertreffen könnte. Schauderhaft! Schauderhaft auch das Ergebnis des Finales der finnischen Vorentscheidung UMK: dort siegte eine seichte Softrockband mit dem selten dämlichen Namen Softengine und einem Song, der die Lüge bereits im Titel trägt: ‚Something better‘. Etwas Besseres gab es im UMK nämlich zuhauf, aber das verschmähten die dämlichen Finnen diesmal zu meiner großen Verärgerung.


Für mittelmäßigen Poprockseich brauchen wir Finnland nicht, dafür haben wir Dänemark!

Coldplay light also heuer aus Lappland. Dabei stand alternativ fantastischer Elektropunk zur Verfügung: mit ‚God/Drug‘ boten die sensationellen Miau ein Stück von geradezu estnischer Qualität an – etwas, das die geschmackssicheren Suomis doch sonst zu schätzen wissen? Auch der wunderhübsche Countryschlager ‚Selja‘ des nachgerade adorierenswert putzigen Duos Hukka ja Mama wäre eine mutige und gute Wahl gewesen. Die Entscheidung hinterlässt mich ratlos: was war denn da nur wieder los? Vernebelt die – leider berechtigte – Angst vor der Abstrafung durch die konservative Eurovisionsjury mittlerweile selbst so progressiven Völkern wie den Finnen die Sinne? Müssen wir uns erneut auf einen Jahrgang voller Langeweile und Mittelmäßigkeit einstellen?  Es ist zum Weinen!


Von dieser göttlichen Droge nehme ich gerne mehr: Miau


Ja ja… deine Mudder: die possierlichen Hukka ja Mama

Die Schweiz schließlich belebt 2014 eine beim Eurovision Song Contest lange nicht mehr gepflegte Tradition: das gepfiffene Lied. Der durchaus ansehnliche Tessiner Sebastiano Paù-Lessie tritt unter dem Bühnennamen Sebalter für die Eidgenossen an. Sein dezent banjoesker Song ‚Hunter of Stars‘ bleibt neben diesem scheinbar seit Jahrzehnten zu Recht ausgestorbenen Manierismus vor allem für sein katastrophal schlechtes Englisch im Gedächtnis, wenn schon für sonst nichts. Dass es keine gute Idee ist, Italiener auf Englisch singen zu lassen, wissen wir eigentlich spätestens seit Sinplus (CH 2012) und ihrem legendären „Swiem agänst ze Strimm“, doch das scheint die Schweizer nicht zu scheren. Letztlich spielt es auch keine Rolle: nicht ein Titel der rundweg uninteressanten Großen Entscheidungsshow hätte auch nur den Hauch einer Chance besessen, in Kopenhagen ins Finale einzuziehen. In Sachen Unterhaltung muss man das lernresistente Land leider komplett abschreiben.


Müssen Sie sich nicht merken: der Schweizer Beitrag

Und so wäre Europa deutlich mehr geholfen, wenn das Schweizer Fernsehen das für den helvetischen Vorentscheid und die Teilnahme des Landes am Eurovision Song Contest aufgewandte Geld an Bosnien und / oder Bulgarien spendete, um diesen klammen, aber kreativen Staaten das Mitmachen zu ermöglichen. Mal ein bisschen Altruismus, ihr Banker? Überlegt’s Euch halt.

Zwei Mal Langeweile aus der Schweiz und Finnland. Oder?

  • Ja. Furchtbar und chancenlos, beide Songs. (35%, 29 Votes)
  • Sebalter ist klasse, Soft Engine mau. (20%, 17 Votes)
  • Was für ein Quatsch! Zwei super Titel, mag ich beide! (15%, 13 Votes)
  • Soft Engine ist klasse, Sebalter mau. (15%, 13 Votes)
  • Ich find' die auch doof, fürchte aber dennoch den Finaleinzug. (14%, 12 Votes)

Total Voters: 84

Loading ... Loading ...

14 Gedanken zu “Erster Supersamstag 2014: Bröder Louie

  1. alles käse.was da am samstag so geboten wurde, war querbeet echter käse. man merkt, das niemand mehr so richtig Interesse hat, zu gewinnen.am besten merkt mans bei der schweiz. katastrophe, was da geboten wurde.Ich denke mir, das der wunsch vieler bald in Erfüllung geht und die schweiz aus diesem Wettbewerb aussteigt

  2. So schlecht ist „Hunter Of Stars“ auch wieder nicht. Ich mag das sogar. Aber ich bin halt froh um jedes Lied, das nicht gefühlskalt und auf die Juries getrimmt ist, wie z.B. „Running Scared“.

    Von „Something Better“ war ich in den ersten zwanzig Sekunden restlos begeistert. Doch schnell wurde es immer dänischer mit einem Hauch der vor wenigen Tagen aufgelösten Band „A Friend In London“ und dann noch der Gesang, hm, naja… jedenfalls wurde es dann zum Ende immer seichter und 0815-hafter. Besser als das, was man letztes Jahr geboten bekam oder was in den bereits feststehenden Titeln steckt, findet man nicht.

    Nun zu Schweden: Yohio ließ mich sofort an die musikalische ESC-Entwicklung von Jedward denken. Von leicht aufsehenerregend („Lipstick“) zu total normal („Waterline“).
    Bei Helena Paparizou war ich mir sicher, dass sie vor allem wegen ihrem Namen ins Finale kommt. Sie war die Beste. Aber die Latte lag auch nicht sehr hoch.
    Songbird im Finale ?! Für mich war das sicher draußen und es ist auch nichts besonderes. Dann lieber „Bröder“. Das hatte wenigstens noch Klasse. Wenigstens hatte man noch den Anstand, ihm eine zweite Chance zu geben.

  3. Oh ja. MIAU wäre für Finnland wirklich die wesentlich bessere Wahl gewesen. Wenn auch etwas schräg, so finde ich das doch wesentlich eingängiger als den Gewinnertitel. Schade drum.

    Den Schweizer Song finde ich an sich ganz putzig. Aber der Gesang! Das schlechte Englich ist das Eine- aber für mich hört sich das so an, als sei der Gute auch noch mit der Menge des Textes überfordert und kommt daher hin- und wieder aus dem Takt. Oder bilde ich mir das ein? Klingt irgendwie nach einer ganz schlechten Karaoke-Version eines eigentlich guten Liedes.

  4. Finde beide Songs langweilig und belanglos. Finnland noch mehr als Schweiz. Hätte mich sehr über Au paradis und Going down gefreut. Vor allem auch auf der esc-cd. Schade, naja – Unsere Chancen steigen 😛

  5. Stimmt! Am ohrenfälligsten in dem kurzen Acapella-Part, da stolpert er mit dem Text wirklich massiv hinterher.

  6. Die spinnen, die Schweden. Der schwer pathetische Verwandtentod-Murks gehört wegen Geschmacklosigkeit direkt disqualifiziert und die öde Ballade war ein echter Downer. Wat soll das ganze bunte Drumrum, wenn doch nur öder Softpop durchgesunken wird? Dann doch lieber ein bisschen Spaß mit Casanova!

  7. Ganz deiner Meinung. Dass es dieser vollgepinselte und zugenagelte Glatzenheini auch noch ins AC geschaftt hat, ist schon eine Frechheit. Aber dort ist wenigstens Ende Gelände.
    Nicht deiner Meinung: die Ballade war der einizige Lichtblick des Abends und an Anouk hab ich keine Sekunde gedacht, dafür aber an Lana del Rey, die ich schon sehr mag. Zu Recht Finale. Dort hätte ich dann aber auch sehr gerne Helena gesehen, deren Lied zehnmal besser war, als das dieser Comicfigur….Aber gegen die geballte Macht der 13jährigen ist nicht anzukommen. Eltern bitte Handy konfiszieren !

  8. Die Schweizer haben ganz eindeutig das geringste Übel gewählt, dafür Gratulation. Der Song ist doch fast schon charmant, besonders im Gegensatz zumkalkulierten 3forAll-Act. Finnland leider sehr Mainstream und Schweden irgendwie auch. Helena Paparizou könnte mit ihren über die Jahre erworbenen fraulichen Rundungen fast schon ein Claudia-Faniello-Double abgeben. Und das Lied hätte fast genausogut in eine maltesische Vorentscheidung gepasst. Yohio hatte einen überraschend guten Auftritt mit einem überraschend nichtssagendem Lied. Leider. Da muss insgesamt noch mehr kommen, Schweden!

  9. Lappland ist mitnichten alleinig ein Teil von Finnland, sondern von Skandinavien. Ansonsten bin ich erstaunlicherweise der gleichen Meinung wie der hiesige Vorbeter, Der Siegertitel aus Finnland ist nett aber es gab bessere. Mia hatte Weltniveau (hätte Erich gesagt), frech und sehr gute Produktion mit einem eingängigen Titel. Und der Begriff von „geradezu estnischer Qualität“ sollte in unser alle Wortschatz eingehen.

  10. Die Jurys standen übrigens in Finnland nach dem gerade veröffentlichten Ergebnis eher weniger auf der Seite von Softengine – die Top 3 waren zwar in beiden Tabellen identisch, aber während bei den Jurys knapp über 18 Prozent für Platz 1 gereicht haben, kamen die Sieger bei den Televotern auf über 28 Prozent. Der Kram gefällt den Finnen also anscheinend tatsächlich. Warum auch immer.

  11. Ich habe mich inzwischen mal durch die Playlists auf Youtube durchgehört (am Rande: Das Sebalter-Video oben spielt nicht, ausnahmsweise mal mit der Begründung „Dieses Video ist privat“. Bitte?), und ich muss ganz ehrlich sagen, dass mir seit 2002 kein Jahrgang mehr solche Probleme dabei bereitet hat, Lieder zu finden, die ich mag. Eine der ganz wenigen Ausnahmen (neben „Cake to Bake“)? „Hunter of Stars“, bei dem ich (nein, was für eine Überraschung!) überhaupt nicht mit dem Hausherrn konform gehe. Ich finde dieses Stück charmant und beschwingt, zwei Eigenschaften, die den kalkulierten Sülzballaden, aus denen dieser Jahrgang zu gefühlten 90 Prozent besteht, komplett abgehen. Europa? Ich will dieses Lied am 10. Mai im Finale sehen. Es ist mir egal, ob es aus dem unbeliebtesten Land westlich von Russland kommt.

Oder was denkst Du?