Estland ist nicht mehr Bestland

Traurig, aber wahr: auch die schönsten und vielversprechendsten musikalischen Läufe gehen irgendwann mal zuende. Dies ist leider gerade bei der Eesti Laul zu beobachten, der Vorentscheidung Estlands, die uns in den zurückliegenden Jahren stabil mit fantastischen Beiträgen verwöhnte, von subtil alptraumhaften Kinderliedern und wunderlich-charmantem Folk über abgefahrenen Fun-Punk und zauberhaften Elektropop bis hin zu herzerwärmenden Ethnoballaden. Meist bewiesen die Esten auch in der Auswahl ihres Eurovisionsvertreters ein geschicktes Händchen – bis 2013, als man sich für Langeweile pur entschied. Und auch dieses Jahr scheint sich der unheilvolle Trend fortzusetzen: fanden sich im zehnköpfigen Feld des gestrigen ersten Semis der Eesti Laul gerade mal vier leidlich gute Songs, so wählte die Jury – erschütternderweise in völliger Übereinstimmung mit dem Publikum – gerade mal einen davon (nämlich das kultige Dicke-Herren-Trio Kõrsikud und deren possierliches ‚Tule ja jää‘) ins Finale am 1. März weiter und entschied sich ansonsten für Bockmist im Quadrat.


Schwingt die Handys: der Tchibo-Kaffee-Experte und seine Kumpels

So schaffte es ein mehr als plumpes ‚Euphoria‘-Derivat (ich weiß, wer mit Cascada [DE 2013] im Glashaus sitzt, sollte keine Steine werfen. Aber wir reden hier von Estland, dem Mutterland der musikalischen Kreativität: die können es eigentlich besser!) namens ‚Amazing‘ in die Endrunde, deren kürbisköpfige Interpretin Tanja mit einer spektakulären, irgendwo zwischen Loreens Krabbentanz und Sophos Höchstleistungs-Hebefiguren liegenden Choreografie geschickt – und offenbar erfolgreich – von der musikalischen Dürftigkeit ihres Nachahmers ablenkte. Unverdient weiter ist auch die ehemalige Vanilla-Ninja-Frontfrau Lenna Kuurmaa, deren angebliche ‚Supernoova‘ jedoch nichts anderes darstellte als ein schnell verglühendes Sternschnüpplein. Über die beiden anderen Finalisten möchte ich lieber den Mantel des Schweigens ausbreiten, um meine Laune nicht vollends abgleiten zu lassen und um unappetitliche Vergleiche zu vermeiden. Danke für ihr Verständnis.


Planloses Umherirren und hektisches Heben: Tanja auf der Suche nach dem Konzept


So, als habe man den Pet Shop Boys den Leadsänger der Simple Minds reingedrückt: The Titles

Widmen wir uns daher lieber den Ausgeschiedenen. Verständlich erscheint das Steckenbleiben vielleicht noch im Falle der Titles. Zwar vermag ihr Song ‚Flame‘, ein zu gleichen Teilen treibendes wie lakonisch dahingerotztes Achtzigerjahre-Synthiepopstück, akustisch unbedingt zu überzeugen. Dafür aber stieß die optische Präsentation ab, namentlich der Frontsänger der Band mit seiner zum Reinschlagen geradezu auffordernden Hackfresse und seiner schlimmen Frisur, die den zwangsweisen Einsatz von Schermaschinen oder Flammenwerfern rechtfertigte. Selbst schuld also! Nicht erklärlich erscheint mir indes die Zurückweisung der 2011er estnischen Shootingstars August Hunt mit dem poppigen ‚Kus on Exit?‘ oder meiner diesjährigen Top-Favoriten Vöörad mit dem dubsteppigen Pop-Smasher ‚Maailm on hull‘. Auch wenn man hier den Einsatz grotesk geschminkter Harlekinsmimen als Tänzer punktemindernd berücksichtigt, so ist mit ihrem Vorrundenausscheiden für mich untrennbar die Streichung Estlands von der Liste relevanter Eurovisionsnationen verknüpft. Schade!


Rundum perfekt: August Hunt. Die Esten müssen blind und taub sein!


Tausend Wörter mit „-agina“, nur das eine fehlte: Vöörad

Immerhin schien das estnische Fernsehen von Vöörads tanzender Gauklertruppe so beeindruckt gewesen zu sein, dass diese auch gleich den Pausenact dieses Semis bestreiten durfte: ein hochgradig respektloses und damit hochgradig unterhaltsames Persiflage-Medley estnischer Vorentscheidungstitel (mit einem satirisch eingestreuten ‚Waterloo‘), mit dem ERR Sinn für das Selbstironische bewies und gleichzeitig einen wehmütig machenden Blick darauf erlaubte, wie großartig die Eesti Laul in der Vergangenheit war. Nun bleibt nur noch die schwache Hoffnung, dass im zweiten Semi noch irgendetwas Brauchbares nachkommt – oder sich Estland wenigstens für Kõrsikud als Vertreter für Kopenhagen entscheidet, um eine Katastrophe kosmischen Ausmaßes abzuwenden.


Erkennen Sie die Melodie? Im Einzelnen: Rapunzel / Rockefeller Street / Waterloo / Rändajad / Meiecundimees üks Korsakov läks eile Lätti / Kuula / Et uus saaks alguse / Kaelakee hääl / Mina jään / I wanna meet Bob Dylan / Valss

6 Gedanken zu “Estland ist nicht mehr Bestland

  1. Prust…das letzte Video. Die estnische Antwort auf die Polkamedleys von Weird Al Yankovic (und wer jetzt nicht weiß, wovon ich spreche, sollte mal Youtube konsultieren…).

  2. Naja, so ganz scheiße war ja wohl kein einziger der Beiträge. Da ist man aus nahezu allen anderen Ländern regelmäßig viel Schlimmeres gewohnt.

    Und im zweiten Semi ist dann Chiara Ohoven Sandra Nurmsalu mit meinem derzeitigen ESC-Favoriten am Start. Solange die Esten das auswählen, ist alles gut.

  3. Tule ja jäa ist ja grausam – mein Gott, komm mir vor als tanzt Rumpelstielzchen durch den Wald. Was wird das bislang für ein Contest, wenn das so weitergeht. Amazing ist noch gut 🙂

  4. Amazing gefällt mir inkl. Perfo, abgesehen aller Vergleiche (Loreen, Helena, Carola, Marlene Charell, Kejsi Tola, Yulia Savicheva…) echt gut! Wenn das Multitalent live singen muss, wird sie eh tanzen lassen müssen. Die beiden Herren, die nicht immer so ganz die Töne treffen? Bitte nicht!

  5. Ich verstehe am Anfang von Amazing immer ‚Loreen disguise‘. Das trifft es sehr gut und ich brauche keinen weiteren Danceklon mehr. Allein schon damit ich mich nicht ärgern muss, wenn Amazing besser abschneiden sollte als Glorious.^^

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