Est­land: man singt deutsh

Für Eli­se’ hieß der bes­te Bei­trag im heu­ti­gen zwei­ten Semi­fi­na­le der Eesti Laul. Genau: so wie die Beet­ho­ven-Kom­po­si­ti­on, wobei der schmis­si­ge Folk-Titel der Band Traf­fic weder etwas mit dem Klas­sik-Klas­si­ker zu tun hat noch auf deutsch gesun­gen wur­de. Den­noch über­zeug­ten die fünf größ­ten­teils bär­ti­gen, ent­spannt wir­ken­den Her­ren und ihr enga­gier­ter Backing­sän­ger nicht nur das anwe­sen­de Stu­dio­pu­bli­kum auf gan­zer Linie: Jury und Tel­e­vo­ter wähl­ten den Song über­ein­stim­mend ins est­ni­sche Fina­le wei­ter. Dabei plät­schert die Num­mer zum Auf­takt erst mal fünf­zig Sekun­den rela­tiv unspek­ta­ku­lär vor sich hin – dann aber rei­ßen der char­mant-ver­spiel­te, den­noch unmit­tel­bar ein­gän­gi­ge Refrain und die sanf­ten Man­do­li­nen­klän­ge den Zuhö­rer voll­stän­dig mit. Zum in die­ser Sai­son schein­bar ver­pflich­ten­den Folk-Trend passt der Song auch: ab damit nach Däne­mark!


Da kann Mal­ta ein­pa­cken: Est­land hat’s ein­fach bes­ser drauf! Traf­fic

Chan­cen für das Ticket nach Kopen­ha­gen dürf­te sich auch die Fan-Favor­et­te San­dra Nurm­sa­lu aus­rech­nen, jenes äthe­ri­sche Wesen mit Koch­topf­po­ny und Chia­ra-Oho­ven-Lip­pen, die 2009 dem est­ni­schen Frau­en­quar­tett Urban Sym­pho­ny sän­ge­risch vor­stand, mit ‘Ränd­jad’ nach fünf­jäh­ri­ger Nicht­qua­li­fi­ka­ti­ons-Durst­stre­cke wie­der eine Top-Ten-Plat­zie­rung für das bal­ti­sche Land hol­te und von die­sem Nim­bus bis heu­te zehrt. Muss sie auch: ‘Kui tuuled pöör­du­vad’, ihr aktu­el­ler Bei­trag, kommt als flau­schig-flo­cki­ges Pop-Etwas daher, das durch­aus zu bezau­bern weiß – bis zwan­zig Sekun­den vor Schluss ein Saxo­fo­nist (!) die Büh­ne betritt und alles zunich­te macht. Das Memo nicht erhal­ten, San­dra? Ist seit 1990 ver­bo­ten! Und rich­tig zwin­gend klingt der Song auch nicht (aber immer noch bes­ser als das Meis­te bis dato zum ESC Dele­gier­te).


Die Wed­le­rin: San­dra Nurm­sa­lu

Akut scheint in Est­land ein Man­gel an Sän­gern zu herr­schen: Nor­man Salu­mäe, der letz­te Woche mit sei­ner Band August Hunt (Eesti Laul 2011) im Semi aus­schied, durf­te heu­te solis­tisch gleich noch mal ran – und gelang­te im zwei­ten Anlauf ins Fina­le, gemein­sam mit einer sehr klas­si­schen Grand-Prix-Bal­la­desse namens Mai­ken und einer wei­te­ren ban­jo­ge­schwän­ger­ten, äußerst zau­ber­haf­ten Folk­bal­la­de mit dem Titel ‘Lau­le täis taeva­ka­ar’, die es trotz des stimm­lich leicht sub­op­ti­ma­len Vor­trags der wind­schief fri­sier­ten Bri­gi­ta Murutar schaff­te. Ver­mut­lich genoss die Sän­ge­rin ob ihrer offen­sicht­li­chen Auf­ge­regt­heit bei den Abstim­mungs­be­rech­tig­ten Wel­pen­schutz. Bleibt zu hof­fen, dass sie ihre Ner­ven und ihre Stim­me bis zum Fina­le am nächs­ten Sams­tag wie­der­fin­det; denn der Titel ist eigent­lich zu scha­de, um ihn von einer min­der­be­gab­ten Inter­pre­tin abmurk­sen zu las­sen.


Kön­nen wir die Sän­ge­rin bit­te schnell aus­tau­schen? Bri­gi­ta Murutar

Natür­lich schie­den erneut eini­ge fabel­haf­te Vor­ent­schei­dungs­per­len aus, so der flot­te Elek­tro-Dis­co­schla­ger ‘Muud pole vaja’ von Nion, der vor allem für den gül­de­nen Feder­schmuck und die sand­ra­kimesk durch­drin­gen­de Stim­me der Lead­sän­ge­rin im Gedächt­nis bleibt; die über einen fabel­haf­ten Künst­ler­na­men und eine noch fabel­haf­te­re Stim­me ver­fü­gen­de Hou­se-Diva Sofia Rubi­na, die einen glau­ben machen konn­te, Ade­va sei über Nacht weiß gewor­den und habe sich eine alters­an­ge­mes­se­ne Fri­sur zuge­legt; sowie schließ­lich und end­lich Mia­Mee, eine frisür­lich ent­stell­te und in einem blass­blau­en Lap­pen furcht­bar fahl wir­ken­de jun­ge Frau, die mit ‘Fear­ful Heart’ eine Art klaus­tro­pho­bes musi­ka­li­sches Kam­mer­spiel insze­nier­te und uns durch das per­pe­tu­el­le, bei­na­he schon hyp­no­ti­sche Beschwö­ren der Wor­te “All around her, all around her” gefan­gen zu neh­men ver­such­te. Dafür erwies sich das Stück dann aber doch als ins­ge­samt zu sprö­de und lang­wei­lig.


Birds were fal­ling from the Sky für die­ses Out­fit: Nion


Wir sind umstellt: Mia­Mee

Und natür­lich durf­te auch dies­mal das leicht ver­stö­ren­de Euro­vi­si­ons­med­ley mit den Clowns nicht feh­len. Nach den Bei­trä­gen Est­lands im ers­ten Semi nah­men sie sich dies­mal eini­ger Grand-Prix-Sie­ger­ti­tel an, wel­che durch die kar­ne­val­esk-bös­ar­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on zum Teil hin­zu gewan­nen (wie bei ‘Only Teard­rops’), zum Teil gru­seln lie­ßen (wie das deut­sche ‘Ein biss­chen Frie­den’, womit sich auch der lin­gu­is­ti­sche Kreis zu ‘Für Eli­se’ wie­der schließt).


Der Tromm­ler bei 1:45 Min – groß­ar­tig!

3 Gedanken zu “Est­land: man singt deutsh

  1. Est­land genießt bei mir alle­ge­mein Wel­pen­schutz. Wie auch bei Island scheint es gera­de­zu unglaub­lich, wie groß die Viel­falt der Bei­trä­ge bei einer so gerin­gen Ein­woh­ner­zahl ist. Und die Schwe­den gehen ab, wenn die 923. Kopie von Eric Saa­de im Mel­lo auf­tritt (ich spre­che hier nie­man­den an, Anton Ewald!).

  2. Mei­ne Pro­gno­se, es gibt vie­le Folk Titel und die wer­den alle beim ESC gna­den­los unter­ge­hen weil sie sich gegen­sei­tig die Punk­te weg­neh­men.

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