Nacht der Favo­ri­ten­stür­ze beim Mel­lo

Nicht nur in Island schlu­gen ges­tern Abend die Wel­len der Empö­rung hoch: auch bei der drit­ten Vor­run­de des schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len sorg­ten die Zuschau­er­ent­schei­dun­gen mal wie­der für Unver­ständ­nis und Unmut unter den Fans. Dies galt ins­be­son­de­re für den Sturz der sie­ben­tau­send­fa­chen Mel­lo-Teil­neh­me­rin Shir­ley Clamp (oder “Shööley Cläämp”, wie es auf einem selbst geschrie­be­nen Pla­kat im Zuschau­er­raum so schön zu lesen war), für die sich zur Ver­bit­te­rung von in der Wol­le gefärb­ten Grand-Prix-Fans der sehe­ri­sche Titel ihres Mid­tem­po-Mel­lo-Schla­gers ‘Bur­ning ali­ve’ bewahr­hei­te­te. Selbst schuld, wie ich aller­dings fin­de: zwar war­te­te besag­ter Song mit allen klas­si­schen Ingre­di­en­zen (wahr­nehm­ba­re Melo­die, Rückung, Wind­ma­schi­ne) auf, konn­te sich aber eben nicht so recht zwi­schen Schla­ger und Bal­la­de ent­schei­den und kam dem­zu­fol­ge nie so rich­tig aus dem Quark. Schlim­mer jedoch: Shir­leys – man wagt es kaum, so zu nen­nen – Kleid: eine schier unbe­schreib­li­che Kreu­zung aus Negli­gé, Rus­la­na-Lap­pen, Caro­la-Cape und etwas aus der Abtei­lung “Abend­mo­de für die rei­fe­re Frau” in den alp­traum­haf­tes­ten Ver­dau­ungs­far­ben. Frau Clamp gab in ver­mut­lich unter­be­wuss­ter Anbie­de­rung an ihre Fan­ba­sis das weib­li­che Äqui­va­lent zu einem schwu­len Mitt­vier­zi­ger, der ver­zwei­felt ver­sucht, sei­nem Gay­ro­meo-Alter (die magi­sche 35) zu ent­spre­chen, und dabei tra­gisch schei­tert.


Singt sie da bei Sekun­de 10 tat­säch­lich “Sodo­my”? Dame Shir­ley

Als zwei­ter Favo­ri­ten­sturz des Abends muss das Aus­schei­den des wohl pro­mi­nen­tes­ten Teil­neh­mers der dies­jäh­ri­gen Mel­lo-Sai­son gel­ten: der “rap­pen­de Zahn­arzt” Dr. Alban, der Anfang der Neun­zi­ger euro­pa­weit einen Top-Ten-Hit nach dem ande­ren lan­den konn­te (‘Hel­lo Afri­ka’, ‘It’s my Life’, ‘Sing Hal­le­lu­jah’, um wahl­los nur ein paar weni­ge zu nen­nen), von denen er ges­tern gemein­sam mit sei­ner frü­he­ren Back­ground­sän­ge­rin Jes­si­ca Folckers (eben­falls bei Ace of Base tätig, was man eben­so her­aus­hör­te) eine Art müdes Mash-Up dar­bot. Viel­leicht hät­te der 56jährige sich nicht an die Emp­feh­lun­gen sei­ner 1990er Hit­sin­gle ‘No Coke’ hal­ten und zur Fei­er des Tages aus­nahms­wei­se mal ein Näs­chen neh­men sol­len, denn so wirk­te er ein­fach nur unglaub­lich aus­ge­brannt. Was auch Jes­si­ca, das tan­zen­de Spann­bett­tuch, mit all ihrer hek­ti­schen Über­ak­ti­vi­tät nicht aus­glei­chen konn­te. So sehr ich die­se Deka­de noch heu­te fes­ter Über­zeu­gung für die bes­te musi­ka­li­sche Ära aller Zei­ten und ihren Club­sound (ob Hou­se, Tech­no oder eben Euro­dance) für den unüber­treff­ba­ren Höhe­punkt allen Pop­schaf­fens hal­te, so sehr muss­te die­ser halb­her­zi­ge Auf­guss zugleich auf gan­zer Linie ent­täu­schen. Es hilft eben nichts, die Hel­den von damals noch­mals aus­zu­bud­deln, son­dern beschä­digt nur ihre Denk­mä­ler (was ich als klei­nen Nacht­ge­dan­ken all jenen mit­ge­ben möch­te, die noch immer von einer Abba-Reuni­on träu­men).


Ver­falls­da­tum abge­lau­fen: der Ace-of-Base-meets-Alban-Mega­mix

Wie es die Mel­lo-Tra­di­ti­on for­dert, wähl­te das Publi­kum auch ges­tern den ein­zi­gen wirk­lich hörens­wer­ten Bei­trag in die Andra Chan­sen – seit sei­ner Ein­füh­rung das euro­pa­weit mit Abstand bru­tals­te Vor­ent­schei­dungs-Recall-Blut­bad zwi­schen lau­ter Titeln, die es alle­samt ver­dien­ten, ein belie­bi­ges Land beim Euro­vi­si­on Song Con­test zu ver­tre­ten, in Schwe­den aber statt­des­sen wie einst­mals die Gla­dia­to­ren im Kolos­se­um zu Rom vor Publi­kum auf­ein­an­der gehetzt wer­den, um zur Unter­hal­tung der blut­rüns­ti­gen Mas­sen um ihr Leben zu kämp­fen. Out­trig­ger, die 2013 mit einer Cover­ver­si­on von Robin Stjern­bergs ‘You’ im Metal-Sound Bekannt­heit erlang­ten, sind so etwas wie die Take That des Schwer­me­tall: fünf hin­rei­ßend hüb­sche Pos­ter­boys, die in einer cle­ver durch­dach­ten Büh­nen­show einen druck­vol­len, melo­di­schen Pop­song mit gele­gent­li­chen, zur Auf­lo­cke­rung ein­ge­streu­ten Growl-Ver­zie­run­gen prä­sen­tier­ten. Ob die auf Hoch­glanz polier­ten Metall­kä­fi­ge, in denen sie saßen, ledig­lich als Unter­hal­tungs­ele­ment dien­ten oder dazu gedacht waren, sie vor dem Bewer­fen mit Bier­do­sen durch ech­te Hea­vy-Metal-Fans zu schüt­zen, sei ein­mal dahin­ge­stellt (obschon die­se Ziel­grup­pe ver­mut­lich eher spär­lich im Rund der Mel­lo-Sta­di­en ver­tre­ten sein dürf­te).


Es reibt sich mit der Lotion ein: Out­trig­ger im Schwei­gen-der-Läm­mer-Chic

Wen wähl­ten die Schwe­den also direkt ins Fina­le? Nun, zum einen ein prä­pu­ber­tä­res Büb­chen namens Oscar Zia, der gemein­sam mit vier dem opti­schen Anschein nach direkt von ihm geklon­ten Begleit­tän­zern eine direkt bei Eric Saa­de geklau­te, voll­kom­men syn­chro­ne Cho­reo­gra­fie zu einem direkt bei Dan­ny Sau­ce­do geklau­ten Dis­co­schla­ger mit dem direkt bei Barack Oba­ma geklau­ten Titel ‘Yes we can’ tanz­te. Sowie ein schwe­di­scher Avril-Lavi­g­ne-Ver­schnitt namens Ace Wil­der, die eine rund­weg sym­pa­thi­sche Elek­tro-Hym­ne auf das beschäf­ti­gungs­lo­se Grund­ein­kom­men (‘Busy doin’ not­hin’) skan­dier­te, deren mit­rei­ßen­de Hook­li­ne “Don’t wan­na work – work – work” natür­lich mei­ne aus dem Her­zen kom­men­de, unge­teil­te Zustim­mung und Unter­stüt­zung fin­det. Mei­ne vol­le Sym­pa­thie bekam Ace in dem Moment, da sich ihr Gesicht bei der Bekannt­ga­be ihres Final­ein­zugs zu einem glaub­haft nicht geschau­spie­ler­ten “Was zur Höl­le?” ver­zog. Die will ich in Kopen­ha­gen sehen!


Sehr schön: die Schreck­se­kun­de am Schluss, bevor doch noch der Applaus ein­setzt

Shir­ley Clamp und Dr. Alban sind in Schwe­den geschei­tert. Das ist…

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4 Gedanken zu “Nacht der Favo­ri­ten­stür­ze beim Mel­lo

  1. Scha­de, Shir­ley gefällt mir, aller­dings auch nicht in dem Fum­mel – Dr. Alban kann ja gar nicht mehr sin­gen – schreck­lich

  2. Irgend­wie habe ich das dump­fe Gefühl, dass Ace tat­säch­lich im Mel­lo-Fina­le ganz oben mit­spie­len wird.

  3. War­um ist Barack Oba­ma eigent­lich fett gesetzt? Ich dach­te, die­se Ehre kommt auf die­ser Sei­te nur ESC- oder Vor­ent­schei­dungs­teil­neh­mern zu – oder ist das nur für den Gag, damit die gan­zen “geklaut von”-Dinger gleich aus­se­hen?

  4. Ups! Das war wohl der (unter­be­wuss­te) Grund dafür. Aber so geht’s natür­lich nicht! Dan­ke, ist kor­ri­giert!

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