USFD-Nach­wuchs­wett­be­werb: Schat­tie­run­gen von beige

Mehr als 2.200 Bewer­bungs­vi­de­os wur­den hoch­ge­la­den für den Kampf um die Wild­card für die deut­sche Vor­ent­schei­dung Unser Song für Däne­mark. Heu­te gab der NDR die zehn Acts bekannt, die beim Nach­wuchs­wett­be­werb am 27. Febru­ar im Ham­bur­ger Edel­fett­werk auf­tre­ten dür­fen (TV-Live­über­tra­gung ab 22:00 Uhr auf Eins­Plus und Nord3 sowie per Live­stream auf eurovision.de und eurovision.tv). Und was pick­te das Exper­ten­gre­mi­um aus Sen­der- und Indus­trie­ver­tre­tern aus der unglaub­li­chen Viel­falt an Skur­ri­lem, Tra­gi­schem, Alt­ba­cke­nem, Schrä­gem, Chan­cen­lo­sem, Gewöhn­li­chem, Fas­zi­nie­ren­dem, Bun­tem, Lang­wei­li­gem, Absei­ti­gem und Außer­ge­wöhn­li­chem? Aus die­sem schier unend­li­chen Füll­horn an Sti­len und Ide­en? Der gro­ße bri­ti­sche Blog­ger Roy Dela­ney fasst die ent­täu­schen­de Aus­wahl tref­fend zusam­men: “Alles, was wir beka­men, waren zehn Schat­tie­run­gen des­sel­ben beige”. 


Noch am ori­gi­nells­ten: das Damen­trio Elai­za

Zehn mal gelang­weil­tes Gitar­ren­ge­klim­per, brä­sig vor sich hin düm­peln­de Melo­di­en und rund­ge­schlif­fe­ner Gesang; zehn mal der ver­zwei­fel­te Ver­such, um kei­nen Preis der Welt irgend­wie auf­zu­fal­len oder sich aus der Mas­se abzu­he­ben: wenn das tat­säch­lich unse­re musi­ka­li­sche Zukunft sein soll, dann graut mir vor die­ser. Dabei beleuch­tet es nur erneut das selbst ver­schul­de­te Dilem­ma der deut­schen Musik­in­dus­trie, die neben Radi­o­de­le­gier­ten und Brain­pool­scher­gen maß­geb­lich mit­ent­schied: wenn man nicht bereit ist, auch nur das gerings­te Risi­ko ein­zu­ge­hen, wenn abso­lut alle Betei­lig­ten den­sel­ben, schein­bar siche­ren Mini­mal­kom­pro­miss anstre­ben, muss man sich nicht wun­dern, wenn das Publi­kum vor Lan­ge­wei­le weg­däm­mert. Da fügt sich selbst der Star­gast der Sen­dung, Roman Lob (DE 2012), naht­los ein, der im Edel­fett­werk sei­ne neue Sin­gle ‘All that mat­ters’ pro­mo­ten möch­te und wenigs­tens optisch ein High­light bie­tet.


Ben Ivory (DVE 2013) in sexy: Tim Peters


San­tia­no (DVE 2014) in rockig: Win­ter­storm

Dabei stand doch mehr als genug zur Aus­wahl, selbst wenn man ver­zwei­fel­te Has-Beens wie Dani­el Küb­lböck mal bei­sei­te lässt. Erneut geht mein Dank an Roy Dela­ney, der anders als ich vor dem musi­ka­li­schen Augi­as­stall nicht zurück­schreck­te und auf Euro­vi­si­on Apo­ca­ly­se eine klei­ne, fei­ne Aus­wahl abge­fah­re­ner Wild­card-Bewer­ber ver­sam­mel­te, von denen lei­der kein Ein­zi­ger in die End­aus­wahl kam. Weder der Anti­fa-Punk von Kop­fecho noch die revo­lu­tio­när gestimm­te Neue NDW von Tan­go­werk, der nor­di­sche Metal von Win­ter­storm, der druck­voll-melan­cho­li­sche Elek­tro­pop von Tim Peters oder der rund­weg durch­ge­knall­te Haupt­stadt­tech­no von Tomas Tul­pe. Alles Acts, die – gemes­sen am deut­schen Mehr­heits­ge­schmack – wohl nicht den Hauch einer Chan­ce besä­ßen, beim Vor­ent­scheid im März das Ticket nach Kopen­ha­gen zu lösen, das Ham­bur­ger Club­kon­zert aber in Sachen musi­ka­li­scher Viel­falt zwei­fel­los berei­chert hät­ten.


Bei die­sem blei­chen Nackt­fleisch lässt man die Son­nen­bril­le bes­ser auf: Tomas Tul­pe


Ich ver­ste­he zwar kein Wort, bin aber auch dage­gen: Kop­fecho

Aber es exis­tie­ren in Deutsch­land ja auch neun öffent­lich-recht­li­che Jugend­wel­len und min­des­tens noch ein­mal so vie­le Pri­vat­ra­dio­sta­tio­nen für die jun­ge Ziel­grup­pe neben­ein­an­der her, die alle die exakt glei­chen zwan­zig Titel immer und immer wie­der durch­nu­deln und sich oft genug die­sel­ben hirn­am­pu­tier­ten Mode­ra­ti­ons­ro­bo­ter tei­len, die über­all unter der­sel­ben Zwangs­fröh­lich­keit ste­hen. Weil jedes noch so mini­ma­le Abwei­chen vom Main­stream einen hier­zu­lan­de ver­mut­lich bereits radi­ka­ler Umtrie­be ver­däch­tig macht. Inso­fern kann Ása Ástar­dót­tir, deren boun­cen­des islän­di­sches Trink­lied ‘Skál’ zu den meist­ge­se­he­nen Vide­os auf Unser Song für Däne­mark zähl­te, ver­mut­lich froh sein, nicht erwählt wor­den zu sein: die grau­en Her­ren von Uni­ver­sal hät­ten sie bei der Ein­rei­se nach Ham­burg sicher­lich ver­haf­tet..


Wie viel ‘Geld’ Mia (DVE 2004) wohl gera­de als Juro­rin bei DSDS ver­dient?


Von dem Typ wür­de ich mich auch ans Gelän­der fes­seln las­sen: Ása Ástar­dót­tir

17 Gedanken zu “USFD-Nach­wuchs­wett­be­werb: Schat­tie­run­gen von beige”

  1. Und hier das Klein­ge­druck­te bei den Teil­nah­men­be­din­gung 🙂
    “Wir suchen Singer/Songwriter oder Grup­pen die ähn­lich klin­gen, nicht älter als 30 und nicht erfolg­reich, damit wir eine USFO/USFM ähn­li­che Cas­ting­show machen kön­nen. Eine Teil­nah­me am ESC ist aus­ge­schlos­sen, da wir euch nicht groß­ar­tig pro­mo­ten und somit kei­ne Chan­ce besteht, gegen die eta­blier­ten Acts zu gewin­nen.”

  2. Ich kann die­sen Arti­kel zu 1000 % unter­schrei­ben!!! Es wäre so viel Poten­ti­al dabei gewe­sen und was kam dabei raus?? Damit lockt man sicher­lich kei­ne Euro­vi­si­on Fans hin­ter dem Ofen her­vor. Ich wer­de auf jeden Fall die­ser Ver­an­stal­tung fern blei­ben. Chan­ce kom­plett ver­paßt. Man hät­te sich dann doch mal an dem fan­tatsi­schen, bun­ten Melo­di­fes­ti­va­len in Schwe­den ori­en­tie­ren sol­len. Aber so wird das nüscht!!!!

  3. Sehr tref­fend!
    Deutsch­land fährt schein­bar nicht zu einem Wett­be­werb son­dern zu einem chil­li­gen Lie­der­abend.
    Es ist ein­fach trau­rig und die­se Lie­der­abend-Vor­auswahl-Qua­li­fi­ka­ti­on im Edel­fett­werk gucke ich mir nicht an. Das ein­zi­ge was mich vom ein­schla­fen abhal­ten könn­te, wäre der mega Frust!
    Ich schau mir lie­ber die VEs in Est­land und Rumä­ni­en an, da schei­nen echt gute Sachen dabei zu sein, die schon längst bei escradio.com gespielt wer­den.

  4. Sehr gut geschrie­ben und so wahr!
    Man fragt sich wirk­lich, nach wel­chen Kri­te­ri­en die­se Aus­wahl getrof­fen wur­de. Da ist Nichts Außer­ge­wöhn­li­ches, nichts Span­nen­des, nichts Schrä­ges, nichts Über­ra­schen­des, nichts zum Auf­re­gen, nichts Skan­da­lö­ses – aber dafür ver­brei­tet der NDR gepfleg­te Lan­ge­wei­le. Ich schal­te ab und wer­de mich wie Chris den ande­ren Vor­ent­schei­dun­gen wid­men. Als lang­jäh­ri­ger Euro­vi­si­on-Fan hat man mich wirk­lich ver­prellt!

  5. Ja,ja,ja Recht hast Du!!! Bin ent­setzt über die Aus­wahl. Wie kann bei den Juro­ren ( Ent­schei­dern) nur so wenig Euro­vi­si­on Gefühl vor­han­den sein? Hier liegt auch der Grund war­um der Song­con­test in Deutsch­land nicht rich­tig in s Lau­fen kommt. Nur Gil­do hat es mal geschafft und viel­leicht noch Lena im Vor­feld ihrer 1. Teil­nah­me den Euro­vi­si­on Hype in die deut­schen Lan­de zu trans­por­tie­ren. Was soll man aber auch erwar­ten ? Schal­te ich das Radio ein und die hei­mi­schen Pro­duk­tio­nen erklin­gen, wan­dert mein Blick suchend nach einem Strick durch die Woh­nung. Nicht weil alles schlecht ist, nein, weil deut­sche Pop­mu­sik mich run­ter­zieht und manch­mal erwi­sche ich mich dabei, wie ich der gera­de die grau­en­haf­ten Bezie­hungs­pro­ble­me besin­gen­den “Chan­teu­se” sel­ber den Strick über­rei­chen möch­te, damit mir das nächs­te Mach­werk erspart bleibt. Aus glei­chem Holz ist auch der Graf geschnitzt und so schließt sich der Kreis. Ich bin froh nur die Halb­fi­na­le in Kopen­ha­gen sehen zu kön­nen! Das Fina­le mit dem Gra­fen schaue ich mir fremd­schä­mend lie­ber vor hei­mi­schen TV an. Ich hof­fe, dass die Fans vor Ort genü­gend Kraft aus den fröh­li­chen, bun­ten und lebens­be­ja­hen­den Bei­trä­gen schöp­fen , um den bedeu­tungs­schwan­ge­ren deut­schen Bei­trag ertra­gen zu kön­nen.

  6. Ver­giss es!! Solan­ge der “head of dele­ga­ti­on” so heißt, wie er heißt, wirst du zumin­dest bei uns nie etwas Außer­ge­wöhn­li­ches oder gar Skur­ri­les oder was auch immer das Herz begeh­ren könn­te, zu Gesicht bekom­men. Auch wenn das jetzt von Torf­köp­pen ent­schie­den wor­den ist, das was hier gera­de pas­siert, ist der­ma­ßen bor­niert, das ich eher an eine von vorn­her­ein abge­kar­te­te Sache glau­be. Die Nutz­nie­ßer soll­ten klar sein.

  7. Wenn man sich die bereits fest­ste­hen­den bei­trä­ge aus Mal­ta und der Schweiz so anhört, komm­te das mit dem chil­li­gen Lie­der­abend doch fast hin. Aus Island könn­te auch etwas ent­spre­chen­des kom­men. Scheint ein Trend der Sai­son zu sein.

  8. Aha? Wer soll denn bit­te davon pro­fi­tie­ren? Der NDR? Die Plat­ten­fir­men? Ich per­sön­lich hal­te das hier für eine klas­si­sche Hanlon’s-Razor-Situation – erklä­re nichts mit Bös­wil­lig­keit, was mit Dumm­heit adäquat zu begrün­den ist.

    Ach, und an alle, die sich hier dar­über beschwe­ren, dass da nichts für die Euro­vi­si­ons-Fans dabei ist: das ist nicht die Ziel­grup­pe, die der NDR hier anspre­chen soll­te. Es kann gut sein, dass inter­es­san­te­re Optio­nen ver­füg­bar gewe­sen wären (ich höre mir kei­ne Vor­ent­schei­dungs­bei­trä­ge an, um mir Ent­täu­schun­gen zu erspa­ren, wenn unver­meid­lich mei­ne Favo­ri­ten nicht durch­kom­men, also sage ich zu den Lie­dern nichts), aber wir sind nicht die Adres­sa­ten hier­für. Wenn wir tat­säch­lich ein Melo­di­fes­ti­va­len D auf­zie­hen wol­len, muss die gro­ße Mas­se der Men­schen mit ins Boot, und das wird mit dem ESC-typi­schen Camp und Euro­dance eher nicht klap­pen, “Eupho­ria” hin oder her. Wenn man dem NDR die Opti­on geben wür­de, alle Fans per­ma­nent zu ver­prel­len (ha! As if! Wir sind am Ende doch immer dabei, außer viel­leicht in Putin-Russ­land…) und dafür den Rest des Publi­kums zu sichern, wüss­te ich ziem­lich genau, wen ich an der Stel­le eher hofie­ren wür­de.

  9. Mir fehlt die Vari­anz, ob camp, ob Dance, ob dies, ob das, ist mir ehr­lich gesagt wum­pe, aber der ESC braucht das und die Leu­te wol­len das auch. Das Küken­ge­schwa­der soll einen neu­en Shoo­ting Star her­vor­brin­gen, so sehe ich das. Bringt Koh­le, Punk­te und Zuschau­er.. hof­fen die Milch­mäd­chen. Maschen­stri­cke­rei für die Kli­en­tel der 10–17jährigen. Mir geht es dar­um, was mög­lich ist, mal was aus­zu­pro­bie­ren, Poten­zia­le aus­zu­schöp­fen, die bestimmt zuhauf unge­nutzt vor sich hin­schlum­mern. Die über 2000 Bewer­bun­gen haben das gezeigt, waren ein guter Anfang.

    Das Wild­car­de­vent hat jetzt ein Gesicht. Oder soll­te man bes­ser Frat­ze sagen?

  10. In dem Fall gilt mein Hanlon’s-Razor-Kommentar aber gleich dop­pelt. 10 bis 17 ist defi­ni­tiv NICHT das Alter, in dem man sich für den ESC inter­es­siert, jeden­falls nicht in West­eu­ro­pa, und wenn die sich auf die­se Grup­pe ein­schie­ßen wol­len, dann viel Spaß – das wird nichts.

  11. Der NDR hät­te ger­ne eine 2. Lena. Das Ist aber genau so unsin­nig wie der Ver­such 2 Jungs und 2 Mäd­chen ein bun­ten Kos­tü­men auf die Büh­ne stel­len und zu hof­fen dass man damit den Erfolg von ABBA wie­der­ho­len könn­te. Ein­zig­ar­tig­keit kann man nicht kopie­ren. Was man maxi­mal hin bekommt ist ein Roman Lob Klon.
    Dann doch lie­ber den Gra­fen nach Kopen­ha­gen schi­cken. Wird zwar auch nicht funk­tio­nie­ren aber schreckt viel­leicht in Zukunft ande­re eta­blier­te Schlaf­ta­blet­ten ab.

Oder was denkst Du?