Belgien schickt das Muttersöhnchen!

Wer es schon süß fand, wie die Elaiza-Frontfrau Ela nach ihrem Sieg im deutschen Unser Song für Dänemark ins Mikrofon quietschte, sie wolle jetzt „die Mama!“ anrufen, der wird beim Contest in Kopenhagen einen Zuckerschock erleiden – alle anderen Zuschauer vielleicht nur einen Schock. Aber was für einen! Denn in Belgien ist soeben das von vielen Befürchtete, fast allen aber Erwartete eingetreten: Axel Hirsoux gewann mit seiner Ode an die ‚Mother‘ den dortigen Eurosong – und das mit einem Erdrutschsieg! Guildohorneske sechzig Prozent der eingegangenen Anrufe konnte der Tenor mit der Ich-bin-zwei-Pavarottis-Figur auf sich vereinen, womit seine zeitgleiche Top-Position im Juryvoting schon gar nicht mehr ins Gewicht fiel. Damit zeigte sich einmal mehr, dass es sich bei einem Wettbewerb lohnen kann, zu spalten. Denn die meisten Menschen dürften beim Anblick des weinerlichen Mittdreißigers, der ernsthaft auf der Bühne seine Anbetung für die – in der Halle anwesende – Frau Mama erklärt, zum Eimer greifen, um sich in hohem Bogen zu übergeben. Doch augenscheinlich gab es genügend Mütter (und Muttersöhnchen wie mich), welche diese Nummer ganz genuin zu Tränen rührte.


Rührt zu Tränen oder zum Kübeln – aber er rührt: Axel Hirsoux (BE)

Die restlichen vier Finalisten des Eurosong gerieten so vollends zur Staffage, was insbesondere die frühere Sylver-Frontfrau Silvy de Bie zu spüren bekam, die unter dem Namen Sil mit einer Trennungsschmerzballade antrat und vom Publikum mit sagenhaften 1,99% der Anrufe abgespeist wurde. Autsch. Doch im Grunde standen in den vergangenen Wochen sämtliche am Eurosong Beteiligten ohnehin im Schatten einer musikalischen Legende: der ukrainischen Eurovisionssiegerin von 2004, Ruslana, die als Gastjurorin im belgischen Viererpanel jede der Vorrunden, Semis und Finalsendungen mit unglaublichen Slapstickeinlagen oder wirren Ansprachen zur Ruslana-Show umfunktionierte. Ich weiß nicht, was sie sich so einpfeift, aber ich will dasselbe! Bei allem Spaltpotenzial schaffte es Monsieur Hirsoux allerdings auch, zu vereinen: das sprachlich in zwei Hälften geteilte Belgien nämlich, in dem üblicherweise die eine Hälfte von der anderen nichts wissen will. Weswegen der Wallone Axel wohl auch nicht in seiner Muttersprache Französisch sang, sondern auf Englisch. Und die holländisch sprechenden Flamen, die in diesem Jahr den Vorentscheid veranstalten und bei denen ein Wallone sonst kaum eine Chance hat, sahen ihm seine Herkunft nach und stimmten dennoch für ihn. Ist das nicht schön?


Überlässt ‚Euphoria‘ doch nicht dieser hergelaufenen Schwedin: Ruslana

Besonders schön übrigens auch die Siegerreprise, als sich Axel noch mal die Seele aus dem Leib sang und die so verehrte („I am weak, you’re strong“) Mutter relativ ungerührt im Greenroom stand, während Axels Lebenspartner neben ihr fast einen Weinkrampf erlitt. Nun darf Axel in Kopenhagen das restliche Europa spalten und für erbitterte Debatten sorgen, ob dies der Titel ist, mit dem der Grand Prix sich erneut lächerlich macht – oder genau der anrührende, Herzenswärme verbreitende Song, auf den der Kontinent gewartet hat. Hurra!

Die belgische Ode an die Mutter bringt Dich zum...

  • ... kübeln. Was für ein widerlich berechnender Schleim. Mach's weg! (44%, 35 Votes)
  • ... gackern. Glaubt die singende Bruttoregistertonne wirklich, mit 35 gibt's noch Welpenschutz? (43%, 34 Votes)
  • ... weinen. Was für ein ergreifendes Lied! Wunderschön! (13%, 10 Votes)

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10 Gedanken zu “Belgien schickt das Muttersöhnchen!

  1. Für mich einer der besten Beiträge des Jahres. Und mich rührt er auch, obwohl ich nichts mit Mannen anfangen kann. Das sollte für Top10 in CPH reichen.

  2. Persönlich gefällt mir das Lied zwar überhaupt nicht, aber der Bursche kann wirklich gut singen, und daher werde ich sicherlich nichts dagegen sagen. Verdienter Sieg.

  3. Musikalisch schön dramatisch, textlich viel zu kitschig, Stimme dafür wieder großartig. Finale gerne (und dort den weinerlichen Norweger in die Tasche stecken), gewinnen bitte nicht.

  4. das ist ja wohl eine der peinlichsten nummern der letzten 25 jahre – aber leider voll im trend der diesjährigen schmacht und schmalzballaden…
    fliegt hoffentlich im semi achtkantig raus und wenn nicht, dann im finale bottom 5 bitteschön

  5. Die Juries und die … ähem … Zielgruppe werden es lieben, während der Rest von Europe damit beschäftigt ist, sich zu übergeben und nicht anrufen kann. Reicht also für Top 10.

  6. Sorry, aber was nervige belgische ESC-Songs angeht, schlägt in meinen Augen nichts und niemand „Copycat“. (Und danke, dass ich jetzt wieder an dieses Mistding denken musste…)

  7. Habe mir gerade noch mal den Text zu Gemüte geführt: Das geht ja gar nicht! Ich habe meine – vor zehn Jahren verstorbene – Mutter auch sehr geliebt, aber dieses Lied trieft nicht nur vor Kitsch, sondern ist auf hochnotpeinliche Weise unterwürfig. Wenn Axel wirklich meint, was er da singt, gehört er nicht auf die ESC-Bühne, sondern auf die Couch – und hat mein volles Mitleid! Und nach erfolgreicher Therapie würde ich ihm einen wirklich guten, zu seinem Alter und zu seiner unbestreitbar wunderbaren Stimme passenden Song wünschen, für den ich dann auch sehr gerne anrufen würde. Aber dieses Stück brauche ich definitiv nicht im Finale!

  8. Kann mir wer sagen von welchem lied ich die ersten 3-4 töne kenne, bevor er zu singen beginnt, komme einfach nicht darauf, danke.

  9. Igitt, das ist wirklich so schleimig und schmierig, dagegen hört sich das großartige „Moonriver“ an wie ein Elefantenfurz. Bitte nicht ins Finale! 😉

Oder was denkst Du?