Con­chi­ta Wurst: auch live ein Phö­nix

Nicht, dass ich jemals dar­an gezwei­felt hät­te: bei ihrem ers­ten Live­auf­tritt mit dem öster­rei­chi­schen Euro­vi­si­ons­bei­trag ‘Rise like a Phoe­nix’ im Rah­men der TV-Show Dan­cing Stars bewies Con­chi­ta Wurst ges­tern, dass sie den Bond-Song auch live stem­men kann. Und dass für die­sen Titel eine gim­mick­freie, zurück­ge­nom­me­ne Prä­sen­ta­ti­on, bei der die Sän­ge­rin allei­ne im Abend­kleid auf der Büh­ne steht und ledig­lich durch Licht und Tro­cken­eis­ne­bel spar­sa­me Effek­te gesetzt wer­den, am bes­ten geeig­net ist – ver­fügt die bär­ti­ge Dame doch über genü­gend Aus­strah­lung, Per­sön­lich­keit und Stim­me, um allei­ne zu glän­zen! Exzel­lent, lie­be Con­chi­ta – und dan­ke, ORF, für die muti­ge und Zei­chen set­zen­de Wahl!


Fabel­haft: Con­chi­ta live

17 Gedanken zu “Con­chi­ta Wurst: auch live ein Phö­nix”

  1. War das wirk­lich live? Wow! Wenn sich das in Kopen­ha­gen genau­so anhört, muss das ein­fach ins Fina­le.

  2. Beim ESC geht es nicht dar­um, “Zei­chen” zu set­zen. Nach den EBU-Sta­tu­ten sind poli­ti­sche Stel­lung­nah­men ja aus gutem Grund auch uner­wünscht. Es ist ein Musik­wett­be­werb und kein Wett­be­werb, wo man jeman­den wählt, weil man ihn oder sei­ne wie auch immer ver­kör­per­te Aus­sa­ge “mutig” fin­det! Und da kommt es bei mir gar nicht gut an, dass die­se Wurst die Grau­zo­ne nut­zen will, um auf so pro­vo­kan­te Art für die plum­pe Zur­schau­stel­lung der skur­rils­ten Lebens­ent­wür­fe zu wer­ben (und ich beto­ne, dass es um die plum­pe Zur­schau­stel­lung geht, die mich auch jedes Jahr beim CSD stört, und nicht um den Lebens­ent­wurf, den jeder für sich selbst kre­ieren darf) und ganz offen­sicht­lich noch die rus­si­sche Innen­po­li­tik zu kri­ti­sie­ren (ich fand die offen­sicht­li­che Anbie­de­rei von Finn­land beim Homo-Publi­kum im letz­ten Jahr schon total unan­ge­bracht). Ich hof­fe, dass die Zuschau­er sich die­ses Spiel nicht bie­ten und die Wurst im Halb­fi­na­le ver­hun­gern las­sen wer­den. Lei­der beträgt die Qua­li­fi­ka­ti­ons­chan­ce nahe­zu 100%, weil das 2. Halb­fi­na­le denk­bar schwach ist und die net­ten Nach­barn mit dem Hang zur Sozi­al­ro­man­tik ja stimm­be­rech­tigt sind (man wäre fast geneigt zu ver­mu­ten, dass das absicht­lich so gedeich­selt wur­de).

    Ich fin­de es sehr bedenk­lich, dass in den letz­ten Jah­ren zuneh­mend die Mög­lich­kei­ten genutzt wer­den, poli­ti­sche Stel­lung­nah­men im Auf­tritt zu ver­pa­cken. Und wäh­rend den völ­lig harm­lo­sen Lob­ge­sang auf die Hei­mat bei Weiß­russ­land 2011 alle so ent­setz­lich fan­den, fin­den es die glei­chen Leu­te die­ses Jahr bei Öster­reich super, obwohl ich das viel frag­wür­di­ger fin­de. Oder der Shit­s­torm gegen Russ­land, wo man in den Text, den ein (angeb­lich) schwu­ler Mal­te­ser und nicht etwa Putin ver­fasst hat, alle mög­li­chen Anspie­lun­gen auf die Krim inter­pre­tie­ren will. Das Mes­sen mit zwei­er­lei Maß hat hier lei­der auch Tra­di­ti­on. Ich glau­be ich wer­de schon des­we­gen – in der Hoff­nung auf einen Sieg – die­ses Jahr Ungarn unter­stüt­zen. Ein ESC in Ungarn bei der den Main­stream-Medi­en und -Blog­gern so ver­hass­ten Orban-Regie­rung: die Alb­traum­vor­stel­lung aller Reprä­sen­tan­ten der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung. Wobei ein ESC in Russ­land noch lus­ti­ger – aber der­zeit auch abso­lut unrea­lis­tisch – wäre.

    Das scheint bei mir die kon­se­quen­te Umset­zung des typisch deut­schen sozi­al­ro­man­ti­schen Refle­xes zu sein, denen bei­zu­ste­hen, die sonst kei­ne Für­spre­cher haben und die zu kri­ti­sie­ren, die (in der ver­öf­fent­lich­ten Mei­nung) “unum­strit­ten” sind.

  3. Fabel­haf­tes State­ment. Jeder Move, jede Akti­vi­tät von uns selbst ist auch poli­tisch. Wenn das die EBU und manch einer nicht weiß, dann eben einen Schluck Mumm neh­men, denn manch­mal muss es eben Mumm sein (und Con­chi samt ORF haben den heu­er – end­lich!).

  4. Dan­ke wer­ter Blog­ger für die kur­ze und prä­zi­se Ana­ly­se!
    Ja, genau so muss ein Live-Gesang sein, dann klappt es auch mit dem Nach­barn (und sei­nen Punk­ten) – gefällt mir außer­or­dent­lich gut.

  5. Wo bin ich denn hier gelan­det, auf der Sei­te von “PI-news” oder der AfD? Oder auf einer Putin-Fan­sei­te? Sind wir jetzt nicht mal mehr in den ESC-Foren vor homo- und trans­pho­bem Ser­mon gefeit? Wer so ver­ächt­lich über Gen­der-Evo­lu­ti­ons­viel­falt her­zieht, hat wohl ein Selbst­wert­pro­blem: Ande­re Lebens­for­men dis­sen, um sich selbst zu erhö­hen, bedeu­tet dass das eige­ne Ego ganz tief ange­sie­delt ist. Bezeich­nend ist, dass die in Hetz­ti­ra­den häu­fig vor­kom­men­den Ver­schwö­rungs­theo­ri­en auch hier nicht feh­len wie hier die kurio­se Annah­me, Con­chi­ta sei absicht­lich für das ver­meint­lich schwä­che­re Fina­le gesetzt. Der Autor die­ser fast schon bemit­leids­wer­ten Zei­len führt sich außer­dem selbst ad absur­dum: Sich poli­ti­sche State­ments beim ESC zu ver­be­ten, aber für Ungarn stim­men, weil man den dort ein­ge­schla­ge­nen reak­tio­nä­ren Kurs gut fin­det – mehr demas­kie­ren kann man sich nicht.

    Beim ESC wur­de schon immer poli­ti­sche Signa­le gesetzt: In grau­er Grand Prix-Vor­zeit Min­ou­che Bari­nel­li für Mona­co und in den 80ern Kojo für Finn­land jeweils mit Anti­kriegs­lie­dern. Mari­za Koch besang ’75 für Grie­chen­land das Elend des Zypern­krie­ges, 1973 war der por­tu­gie­si­sche Bei­trag Start­si­gnal für die Nel­ken­re­vo­lu­ti­on, 1990 beschäf­tig­te Nor­we­gen und Öster­reich in ihren Bei­trä­gen der Mau­er­fall. Auch gesell­schafts­po­li­ti­sche Akzen­te wur­den durch­aus gesetzt, allen Vor­an Dana Inter­na­tio­nal, die ihren Sieg 1998 allen Schwu­len und Les­ben der Welt wid­me­te. Poli­ti­sche State­ments hat­te zuletzt Baku sich kei­nes­wegs gewünscht; Anke Engel­ke hat die­se dann den­noch gut ver­packt schmun­zelnd rüber­ge­bracht.

    Con­chi­ta Wurst beweist mit ihrem Erschei­nungs­bild Mut, war­um kann man das nicht mal posi­tiv auf­fas­sen statt dar­auf Schmäh­ti­ra­den anzu­stim­men? Über­dies ist sie stimm­lich hoch­be­gabt, wie das Video zeigt, und der Song ist eine zwar kon­ven­tio­nel­le, aber gut­ge­mach­te Bal­la­de. Ich freue mich schon auf die Reak­tio­nen der Weiß­rus­sen und Rus­sen, die sich beim öster­rei­chi­schen Bei­trag ja wohl ger­ne aus­ge­klinkt hät­te – viel­leicht gibt es ja ganz “unge­plant” eine Sen­de­stö­rung? Herrn “Kon­tra­punkt” wün­sche ich etwas mehr Gelas­sen­heit und Selbst­re­fle­xi­on, denn wenn einen die Homo- und Trans­the­ma­tik über­mä­ßig beschäf­tig, hat das viel­leicht tie­fe­re Wur­zeln. Und: Suchen Sie sich viel­leicht mal ein neu­es Hob­by, das ESC-Publi­kum wünscht sich zum weit über­wie­gen­den Teil Diver­si­tät.

  6. Wür­de irgend­je­mand die Gesangs­leis­tung beur­tei­len, dann ja. Der Song Con­test ist aber, der Göt­tin sei Dank, kei­ne Cas­ting Show für einen Platz im Kir­chen­chor. Was also vor den Ohren der Jury und des Publi­kums bestehen muß, ist der Song. Für den kann man hof­fen (ange­sichts ver­schie­de­ner posi­ti­ver Reak­tio­nen im Netz), ich per­sön­lich fin­de ihn aber um Grö­ßen­ord­nun­gen zu alt­ba­cken und zu bie­der. Scha­de um die Chan­ce, Frau Wurst hat­te schon Bes­se­res.

  7. Ich stim­me grund­sätz­lich zu – in fast allem. Ja, es ist sehr offen­sicht­lich, wie hier ein­sei­tig Stel­lung bezo­gen und mit zwei­er­lei Maß gemes­sen wird. Ja, auch ich als schwu­ler Mann fin­de die diver­sen CSD-Para­den abar­tig. (Aller­dings nicht der Zur­schau­stel­lung diver­ser Lebens­ent­wür­fe wegen, son­dern weil es gar kei­ne Lebens­ent­wür­fe gibt, die so aus­se­hen wie das, was da vor die Kame­ras der Main­stream Medi­en gezerrt wird.)

    Einen grund­sätz­li­chen Wider­spruch leis­te ich mir jedoch: Frau Wurst bricht mit ihrer Büh­nen­per­sön­lich­keit prak­tisch alle denk­ba­ren Gren­zen auf. Sie ist ganz, ganz sicher kei­ne Bot­schaf­te­rin spe­zi­ell für schwu­le The­men. (Als poli­tisch akti­ver Schwu­ler würd ich das auch nicht wol­len.) Sie ist auch kei­ne Iko­ne für Trans­gen­der-Per­so­nen. Sie ist all das und viel mehr. Sie hat es in einer ganz ein­fa­chen, aber wir­kungs­vol­len Art geschafft, gegen alle Rol­len­vor­ga­ben zu ver­sto­ßen – und dabei noch den Spaß in den Vor­der­grund zu stel­len statt einer bier­erns­ten “Ret­tet die Wale”-Botschaft. Genau das ist es, was ich ihr so hoch anrech­ne.

    Ich könn­te schwer mit einem Inter­pre­ten leben, der eine poli­ti­sche Bot­schaft für gleich­ge­schlecht­li­che Ehe absetzt – obwohl es *mei­ne* Bot­schaft ist. Frau Wurst aber ist gleich zwei oder drei Meta­ebe­nen drü­ber. Sie sagt ein­fach: “Nimm Dich selbst nicht so ernst, aber zwän­ge auch ande­re nicht in Dei­ne Rol­len­bil­der.” Das ist eine höchst zuläs­si­ge Bot­schaft. Ja, sie ist auch poli­tisch – aber auf der glei­chen Ebe­ne, wie “Mousta­che” poli­tisch ist. Das hält der ESC aus.

  8. Ich woll­te Kon­tra­punkt (liegt nicht schon in die­sem Namen eine gewis­se Arro­ganz?) ant­wor­ten, aber ich sehe, dass sich das erüb­rigt. Des­halb nur eins: Dan­ke sehr.

  9. Dan­ke auch. Mir ist noch eine Peti­tes­se zum The­ma “Tran­sen beim ESC” ein­ge­fal­len: 2002 ver­trat das Tra­ves­tie-Trio “Sest­re” Slo­we­ni­en, was dort eine homo­pho­be Pro­test­wel­le aus­lös­te – bis sich die EU einschaltete.und nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf die EU-Bei­tritts­ver­hand­lun­gen Slo­we­ni­ens andeu­te­te. Sofort war Ruhe…

  10. Klar muss der Song stim­men (und Auf­tritt und Insze­nie­rung dazu pas­sen), aber zumin­dest scha­den tut gut sin­gen sicher auch nicht. 😉 Und der Gesang zählt eben auch mit zum Gesamt­ein­druck eines Acts. In wel­chem Maße, dar­über lie­ße sich natür­lich strei­ten.

  11. Wo ich gera­de noch­mal über “Zei­chen set­zen” beim ESC nach­den­ke: wie war das noch gleich mit Jean-Clau­de Pas­cal, dem Sie­ger von 1961? Ich habe mir den Text von “Nous les amou­re­ux” noch­mal durch­ge­le­sen, und ich bin mal wie­der erstaunt, was man damals alles sagen konn­te, ohne dass die hete­ro­se­xu­el­le Mehr­heit begriff, was wirk­lich Sache ist. Inso­fern steht Con­chi­ta Wurst in einer sehr alten, sehr ehr­wür­di­gen Euro­vi­si­ons-Tra­di­ti­on.

  12. Die Kom­men­ta­re hier wer­den in aller Regel von Hand frei­ge­schal­tet, um Spam und per­sön­li­che Belei­di­gun­gen zu ver­hin­dern. Da ich nicht 24 Stun­den online bin, kann das auch mal einen Moment dau­ern. Dei­ne Mühe war also nicht ver­ge­bens, dan­ke für den Dis­kus­si­ons­bei­trag (auch wenn ich mit dem ers­ten Absatz über­haupt nicht über­ein­stim­me).

  13. bär­ti­ge Dame”, das ist schön und damit ist doch alles gesagt. Sie irri­tiert, aber man gewöhnt sich dran. Das Lied ist für mich klas­sisch-kon­ven­tio­nell im bes­ten Sin­ne. Denn war­um soll man auch immer das Rad neu erfin­den? Con­chi­ta Wurst moch­te die­ses Lied am liebs­ten, nur so kann sie es gut inter­pre­tie­ren und das tut sie groß­ar­tig. In Kopen­ha­gen wird sie es genau­so machen, wes­we­gen ich den­ke, sie wird im Fina­le weit vor­ne lan­den. Und das hat sie und haben sich ihre öster­rei­chi­schen und euro­päi­schen Fans ver­dient.

  14. @ospero 24. März 2014 um 01:23
    Dan­ke für den Super-Tipp! Mein Schul­fran­zö­sisch genüg­te die­sen Anfor­de­run­gen lei­der bis­her nicht; auch der von mir erwähn­te Titel “Boum Bad­abo­um” von Min­ou­che Barel­li, Mona­co 67, ist über­setzt nicht gera­de schlüs­sig, aber Ser­ge Gains­bourg erklär­te viel spä­ter, dass er damit aus­sa­gen woll­te, sich noch aus­zu­le­ben, bis es zu spät ist, weil damals eine Atom­kriegs­ge­fahr all­ge­gen­wär­tig war.

  15. Mein Fran­zö­sisch hät­te dafür ver­mut­lich auch nicht aus­ge­reicht, aber diggiloo.net ist da immer sehr hilf­reich (oder viel­mehr: war, lei­der).

  16. Ah – das wuß­te ich nicht, Oli­ver. Ich hab mei­nen Kom­men­tar nur nach dem Absen­den noch gese­hen – und dann nim­ma. Bei mehr als drei getipp­sel­ten Zei­len geht mir dann immer ‘s G’impfte auf. (“Sand­burg­ka­putt­ma­ch­ef­fekt”) 🙂

    Schön, mei­ne Zei­len wie Phö­nix aus der Asche stei­gen zu sehen. 😉

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