ESC 2014: Deutsch­land ist das neue Schwe­den

In den zurück­lie­gen­den Jah­ren konn­te sich beim Euro­vi­si­on Song Con­test Schwe­den als Pop-Export-Nati­on eta­blie­ren, deren Song­schrei­ber zuneh­mend regel­mä­ßig auch ande­re Län­der mit ihren Kom­po­si­tio­nen belie­fer­ten. Zwar ist die­ser Trend unge­bro­chen – nicht zuletzt das wei­ter­hin sie­ges­hung­ri­ge Aser­bai­dschan ver­lässt sich erneut auf ein Lied aus bewährt skan­di­na­vi­scher Feder. Doch auch Deutsch­land ist in die­sem Jahr, wenn man so will, mit mehr als nur dem Hei­mat­bei­trag in Kopen­ha­gen ver­tre­ten. Gleich sechs der 39 37 Ein­sen­dun­gen des dies­jäh­ri­gen Wett­be­werbs ver­fü­gen in irgend­ei­ner Form auch über ger­ma­ni­sche Wur­zeln. Neben Elai­za und dem selbst geschrie­be­nen ‘Is it right?’ gilt dies bei­spiels­wei­se, wenn auch in der denk­bar schwächs­ten Form, für die geor­gi­sche Jazz-Com­bo The Shin, die sich 1998 in Stutt­gart grün­de­te, wo die drei Musi­ker schwer­punkt­mä­ßig leben und arbei­ten. Ein wenig stär­ker wird der Bezug beim grie­chi­schen Rap­per Ris­ky­Kidd, des­sen Vater Deut­scher ist (aller­dings wuchs Ris­ky in Lon­don auf und lebt seit vier Jah­ren in Athen). Doch es kommt noch mehr!


Grie­chen­land: ger­ma­nisch unter­wan­dert

San Mari­no bedient sich, bekannt­lich schon im drit­ten Jahr in Fol­ge, einer Kom­po­si­ti­on des Mün­che­ner Grand-Prix-Groß­va­ters Ralph Sie­gel (mal sehen, ob es Valen­ti­na Monet­ta dies­mal end­lich schafft und damit der Tret­müh­le ent­flie­hen kann). Und auch der Song für die Öster­rei­che­rin Con­chi­ta Wurst ent­floss (teil­wei­se) deut­scher Feder: “Musik und Text stam­men vom inter­na­tio­na­len Autoren­team Char­ly Mason, Joey Patul­ka, Ali Zuc­k­ow­ski und Juli­an Maas,” so infor­miert uns der ORF in einer Pres­se­mit­tei­lung zum Bei­trag ‘Rise like a Phoe­nix’. Zuc­k­ow­ski – da war doch mal was? Rich­tig: wie die Älte­ren sich noch mit Grau­sen erin­nern wer­den, fei­er­te ein gewis­ser Rolf Zuc­k­ow­ski in den Acht­zi­gern rie­si­ge kom­mer­zi­el­le Erfol­ge mit ganz schlim­mer Kin­der­mu­sik. Bei einem der damals mit­tu­en­den Infan­ten han­del­te es sich – neben Rolfs Erst­ge­bo­re­nem Alex­an­der ali­as Ali – um Juli­an Maas. “In ver­schie­de­nen Kon­stel­la­tio­nen schrie­ben sie u. a. Songs für Chris­ti­na Stür­mer, erfolg­rei­che deut­sche Acts wie Adel Tawil und Sarah Con­nor und inter­na­tio­na­le Grö­ßen wie Blue (UK 2011) und Ash­ley Tis­da­le. Sie steu­er­ten u. a. auch die Musik für den Film 2 Leben, den deut­schen Oscar-Kan­di­da­ten 2014, bei,” so der ORF wei­ter.


Für unse­re guten Freun­de nur vom Bes­ten: Con­chi­tas ESC-Song

Und Con­chi­ta ergänzt: “Ins­ge­samt hat­ten wir einen Pool von rund 100 Lie­dern. Als ich ‘Rise Like a Phoe­nix’ zum ers­ten Mal gehört habe, wuss­te ich, dass das mei­ne Num­mer ist – ich fin­de es ein­fach per­fekt.” Bleibt als letz­ter der sechs mir bekann­ten Grand-Prix-Songs mit deut­schem Bezug der let­ti­sche Bei­trag ‘Cake to bake’ – er stammt zwar aus let­ti­scher Feder, beim Front­mann der Band Aar­zem­nie­ki han­delt es sich aber um den Bochu­mer Pfar­rers­sohn Jör­an Stein­hau­er. Der ent­deck­te sei­ne Lie­be zum Song Con­test und zu dem Bal­ten­staat im Jah­re 2000, als Brain­storm beim ESC den drit­ten Platz beleg­ten. Bei einem Jah­res­prak­ti­kum in einer evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de in Riga lern­te er den Bri­ten Nick Mas­sey ken­nen, der wie er aus Lie­be zu dem Land die äußerst schwe­re Spra­che erlern­te – und Musik mach­te. Gemein­sam grün­den sie Aar­zem­nie­ki – und lan­de­ten im Spät­som­mer 2013 mit ‘Pal­dies Latinam’, dem Abschieds­song zur let­ti­schen Wäh­rung Lat, einen Über­ra­schungs­hit. Nach dem Aus­stieg von Nick arbei­tet Jör­an mit dem Let­ten Gun­tis Vei­lands zusam­men, der den Grand-Prix-Titel schrieb.


“Als wäre es der Evan­ge­li­sche Kir­chen­tag zum The­ma ‘Kuchen­ba­cken’ ” (Sascha Korf)

Und am Ende unse­rer klei­nen Euro­pa­rei­se schließt sich beim Hei­mat­bei­trag ‘Is it right?’ der Kreis, ver­fügt Elai­za-Lead­sän­ge­rin Elż­bie­ta Stein­metz bekannt­lich über pol­ni­sche und ukrai­ni­sche Wur­zeln. Und so fließt beim Natio­nen­wett­be­werb in bes­ter euro­päi­scher Manier alles fröh­lich bunt durch­ein­an­der und es zeigt sich erneut: am bes­ten wird es immer dann, wenn die Kul­tu­ren, statt inzes­tuös im eige­nen Saft zu schmo­ren, sich mit­ein­an­der ver­mi­schen und sich gegen­sei­tig befruch­ten. Genau so soll es sein!

7 Gedanken zu “<span class="caps">ESC</span> 2014: Deutsch­land ist das neue Schwe­den”

  1. Hal­lo Olli, eine klei­ne Anmer­kung zu Aar­zem­nie­ki: Gun­tis Vei­lands (der Komponist/Texter von “Cake to bake”) ist männ­lich, er ist der Herr mit der Kap­pe, der so ruhig die Gitar­re spielt. Mit einer Frau hat Jör­an bei “Pal­dies latinam” zusam­men gear­bei­tet: Aija Gus­a­re.

    Ansons­ten ist das schon sehr inter­es­sant, was aus den Du-Da-im-Radio-Bur­schen so gewor­den ist. 🙂

  2. Cake to bake’ und ‘Phoe­nix’ sind so schön, die zäh­len jeweils für zwei! 🙂 Ist kor­ri­giert – zäh­len müss­te man kön­nen…

  3. Und nächs­tes Jahr singt Oceana für Mol­da­wi­en, nicht zu ver­ges­sen. Und San­ta­no ist eng­lisch-irisch inspi­riert. Und Dschin­gis Khan rei­ten durch den Step­pen­wind. Was ist mit Wencke Myrhe, die Nor­we­ger waren sei­ner­zeit sau­er, dass sie für Deutsch­land sang. Da gab es doch noch wei­te­re Skan­di­na­vie­rin­nen. Und Vicky Lean­dros sieg­te für Luxem­burg.

    Was will ich damit sagen? Gut, dass der ESC immer schon quer­beet mit­ein­an­der war und bleibt. Indes, dan­ke für Dei­nen wich­ti­gen Bei­trag, das euro­päi­sche Gemisch kann nicht genug betont und gewür­digt wer­den. Und ja, es wäre schön, wür­de die­se ewi­ge ESC-Schwe­den­schla­ger­pop­sül­ze end­lich Kon­kur­renz erhal­ten. Viel­leicht ist ja jetzt mal Mit­tel­eu­ro­pa dran. Wäre eigent­lich ganz span­nend.

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