Frank­reich lässt sich einen Bart ste­hen

Ganz am Ende ihres knapp sech­zig­mi­nü­ti­gen Dali­da-Spe­cials von Les Chan­sons d’abord erwähn­te Nasta­sha St-Pierre (FR 2001) es gewis­ser­ma­ßen en pas­sant: die fran­zö­si­schen Ver­tre­ter 2014, von den Zuschau­ern über einen Zeit­raum von meh­re­ren Wochen demo­kra­tisch gewählt, hei­ßen Twin Twin! Die drei Jungs, Lorent Idir, François Dje­mel und Patrick Biyik, lau­fen mit Gesichts­be­ma­lung, Hoch­was­ser­ho­sen und Assi-Unter­hem­den her­um und sin­gen davon, sich einen ‘Mousta­che’ wach­sen las­sen zu wol­len, wes­we­gen in der Wol­le gefärb­te Freun­de des klas­si­schen fran­ko­phi­len Gefühls­stur­mes reflex­ar­tig “Spass­bei­trag!” rufen und den Unter­gang des Abend­lan­des bekla­gen. Doch auch, wenn gegen das Kon­zept “Spaß” beim Euro­vi­si­on Song Con­test aus mei­ner Sicht nicht das Gerings­te ein­zu­wen­den ist, möch­te ich an die­ser Stel­le ein­flech­ten, dass es sich bei dem Text des Lie­des um eine phi­lo­so­phi­sche Form der Gesell­schafts­kri­tik han­delt, die das Phä­no­men umschreibt, dass mate­ri­el­ler Besitz nie­mals glück­lich macht, son­dern nur Gier aus­löst, wie die Kol­le­gen von Wiwi­bloggs bereits her­aus­ar­bei­te­ten. Hin­zu kommt noch eine Mör­der-Hook, zeit­ge­mä­ße Elek­tro­sounds und die gran­dio­se fran­zö­si­sche Wort­schöp­fung “Salle de Mus­cu­la­ti­on”, eine deut­lich klang­vol­le­re Beschrei­bung als das deut­sche “Fit­ness­stu­dio”. So sage ich: for­mi­da­ble! Und kann nur hof­fen, dass die Juro­ren in Kopen­ha­gen sich nicht voll­ends bla­mie­ren, in dem sie die­sen moderns­ten Euro­vi­si­ons­bei­trag des Jah­res abwer­ten.


Kämp­fen für die Bart­pflicht, was ich nur unter­stüt­zen kann: Twin Twin

9 Gedanken zu “Frank­reich lässt sich einen Bart ste­hen

  1. Bes­ser als alles was ges­tern gewählt wur­de, aber lei­der hat Frank­reich sta­tis­tisch gese­hen die schlech­tes­te Aus­gangs­po­si­ti­on!

  2. Ich kann mir auch gut vor­stel­len, dass der Act ganz gut ein­schla­gen kann. Wenn Per­for­mance und Look die ent­spre­chen­de Credi­bi­li­ty haben. Wenn es zu bil­lig daher­kommt wird es tod­si­cher nicht als modern, son­dern nur als lächer­li­cher Spaß­bei­trag auf­ge­nom­men wer­den. Was wohl am Ende auch ein­tre­ten wird. Sich selbst ein Bein stel­len kön­nen vie­le Län­der ja sehr gut.

  3. Jawoll. Das Lied macht Spaß und LAu­ne und ist etwas zugäng­li­cher als der ähn­lich gela­ger­te islän­di­sche Bei­trag. Immer­hin ein Land hat an die­sem Wochen­en­de was rich­tig gemacht.

  4. Es ist halt ziem­lich stark an Stromae ange­lehnt. Ich mag sol­che Tritt­brett­fah­rer nicht und zudem wird das außer­halb von Frank­reich ähn­lich kata­stro­phal unter­ge­hen wie die Fatal Picards. Spass hin oder her – den hier kapiert man nicht.

  5. Du fin­dest das eine “Mör­der-Hook”? Echt jetzt? Also ich höre hier in ers­ter Linie einen ziem­lich schwa­chen Gesang…

  6. Als ich die drei Lied­vor­schlä­ge gehört hat­te, war mir schon fast klar, dass bestimmt mal wie­der das furcht­bars­te von allen am Ende gewin­nen wür­de. Und so kam es dann selbst­ver­ständ­lich auch.

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