Vier­ter Super­sams­tag: die Nacht der leben­den Lei­chen

Gute Güte, was für ein kata­stro­pha­ler Euro­vi­si­ons­sams­tag! In gleich zwei ehe­mals super­coo­len Grand-Prix-Natio­nen ver­schis­sen es die Jurys nach wirk­lich allen Regeln der Kunst, in einem drit­ten ver­schis­sen sie es nur ganz knapp nicht, obwohl man dort eigent­lich nichts falsch machen konn­te, und in einem vier­ten war das Resul­tat nur halb erfreu­lich. Doch der Rei­he nach! Die wohl schlimms­te Fehl­ent­schei­dung die­ser Sai­son fäll­ten die Juro­ren in Rumä­ni­en. Die dor­ti­ge Sel­ecția Națio­nală war­te­te heu­er mit zwölf Titeln auf, deren Niveau das dies­jäh­ri­ge mal­te­si­sche Fina­le in Sachen Harm­lo­sig­keit und Null­re­le­vanz locker unter­bot und die größ­ten­teils noch nicht mal als Unter­hal­tung auf einem Kreuz­fahrt­schiff, wo die Men­schen ja nicht weg­lau­fen kön­nen, durch­ge­gan­gen wären. Ledig­lich drei Songs hoben sich aus unter­schied­li­chen Grün­den ein wenig her­aus: Vizi Imre, bei dem ein Blick auf sei­ne Clown­s­ho­sen genüg­te, um zu erken­nen, war­um sein ‘Kind of Girl’ nichts von ihm wis­sen will, wie er sich sin­gend beklag­te; Mire­la Vai­da Bou­rea­nu, die mit ‘One more Time’ ein alg­ope­que­ñit­es­kes, char­mant-ver­spiel­tes Stück Spiel­do­sen­mu­sik dar­bot; sowie Mar­cel Şăl Crăci­u­nescu, ein offen­sicht­lich schlecht gelaun­ter, schlecht rasier­ter Uncha­ris­mat, der mit ‘Hard­jock’ ein inter­es­sant beti­tel­tes, außer­ge­wöhn­li­ches Hard­rock-Pop-Amal­gam am Start hat­te. Die Wahl fiel statt­des­sen auf alte Bekann­te.


Wo bleibt der vor­schrifts­mä­ßi­ge Fire-Desi­re-Reim? Pau­la & Ovi (RO)

Näm­lich auf Pau­la Seling und Ovi­diu Cernăuţea­nu, das unto­te Domi­na-und-Frosch­äug­ler-Pär­chen, das schon 2010 die Welt mit über­la­ger­ter, sac­char­in­sü­ßer Sül­ze heim­such­te und deren aktu­el­ler Bei­trag ‘Mira­cle’ das sei­ner­zei­ti­ge ‘Play­ing with Fire’ in Sachen Plät­scher­fak­tor mühe­los unter­bie­tet. Pau­la & Ovi lagen im Tele­vo­ting zwar mehr als 6.000 Stim­men hin­ter der deut­lich unter­halt­sa­me­ren Spiel­do­sen­num­mer von Vai­di, was die größ­ten­teils betag­te Jury jedoch nicht davon abhielt, das Duo des Grau­ens, das mit einer unglaub­li­chen Text­kli­schee­bal­lung und cas­ting­show­kom­pa­ti­bler Stimm­a­kro­ba­tik auf­war­te­te, nach vor­ne zu mani­pu­lie­ren. Ange­sichts der aus Kos­ten­grün­den bereits auf nur eine Run­de redu­zier­ten und recht spär­lich aus­ge­stat­te­ten Vor­ent­schei­dung, die ins­ge­samt den Charme einer Mati­née in der ört­li­chen Schul­turn­hal­le aus­strahl­te, ver­mu­te ich, dass mit die­ser Wahl Rei­se- und Über­nach­tungs­kos­ten für die rumä­ni­sche Dele­ga­ti­on in Kopen­ha­gen ein­ge­spart wer­den sol­len, denn ins Fina­le kommt die­ser schwa­che Zweit­auf­guß ganz sicher nicht. Wo sind nur die Zei­ten geblie­ben, da Rumä­ni­en mit radio­taug­li­cher House-Mucke zu begeis­tern wuss­te? Wo sind all die Lie­der hin, was ist geschehn?


Pos­sier­li­che Wal­zer­se­lig­keit: Vai­da (RO)

Ent­täu­schung auf gan­zer Linie auch in mei­ner ehe­ma­li­gen Lieb­lings-Euro­vi­si­ons-Nati­on Est­land. Der eins­ti­ge euro­päi­sche Elek­tro­pop-Markt­füh­rer bot im heu­ti­gen Fina­le der Eesti Laul auf­grund bereits vor­an­ge­gan­ge­ner Fehl­ent­schei­dun­gen in den Semis ein für sei­ne Ver­hält­nis­se schwa­ches Feld auf, aus dem die Jury mit traum­wand­le­ri­scher Sicher­heit den unak­zep­ta­bels­ten Song der dies­jäh­ri­gen Vor­ent­schei­dungs­sai­son für das Super­fi­na­le her­aus­pick­te, näm­lich das brech­reiz­er­re­gen­de ‘May­be-may­be’ der Super Hot Cos­mos Blues Band, deren Name allei­ne jedem Men­schen mit einem Rest an Musik­ge­schmack bereits War­nung genug sein müss­te. Das Publi­kum ergänz­te (unter gro­ber Miss­ach­tung des ein­zi­gen con­test­wür­di­gen Bei­trags, ‘Für Eli­se’ von Traf­fic) um die letzt­lich sieg­rei­che Tan­ja, die mit ‘Ama­zing’ ein ‘Eupho­ria’-Deri­vat der bil­ligs­ten Sor­te ablie­fer­te, was sich auch in der eins zu eins von Lore­en (SE 2012) abge­kup­fer­ten Tanz­cho­reo­gra­phie  nie­der­schlug. Nun ist mir klar, wer ‘Glo­rious’ schick­te und im Grand-Prix-Glas­haus sitzt, soll­te nicht mit Stei­nen wer­fen, aber seit wann hat das für sei­ne musi­ka­li­sche Krea­ti­vi­tät bekann­te Est­land es nötig, ein der­ar­tig arm­se­li­ges Me-too-Pro­dukt zu sen­den?


Das Inter­na­tio­nal House of Pan­cakes hat ange­ru­fen und will sein Gesicht zurück: Tan­ja (EE)

Nur knapp an der Klip­pe vor­bei segel­ten die Litau­er. Dort stand nach gefühlt acht­hun­dert­drei­und­sieb­zig Vor­run­den bereits seit letz­tem Sonn­tag der Titel ‘Atten­ti­on’ als litaui­sches Lied für Kopen­ha­gen fest, heu­te ging es nur noch um die Inter­pre­tin. Das hät­te eigent­lich ein No-Brai­ner sein sol­len, denn mit Vili­ja Matačiū­naitė fand sich auch die Kom­po­nis­tin des aggres­si­ven Elek­tro-Kra­chers im Feld der letz­ten Drei, die sich den Alphaf­rau­chen­song auf den eige­nen Leib geschrie­ben hat­te. Das sahen auch die Tele­vo­ter so, die sie mit 9.500 Anru­fen an die Spit­ze setz­ten, wäh­rend die Blon­di­ne Mia (nicht ver­wandt), die eine etwas gefäl­li­ge­re, aber eben auch fla­che­re Ver­si­on dar­bot, mit deut­li­chen 2.000 Stim­men Abstand auf dem zwei­ten Platz lan­de­te. Ein nicht uner­heb­li­cher Anteil der Juro­ren bevor­zug­te jedoch Mia, und im Fal­le eines Gleich­stan­des hät­te ihr Pla­zet den Vor­rang genos­sen. Mit 13 zu 12 Punk­ten ging es dann aber arsch­knapp noch ein­mal gut. Mit weni­ger als 1.000 Anru­fen und 5 Punk­ten von der Jury lan­de­te der männ­li­che Zähl­kan­di­dat Vai­das Baumi­la abge­schla­gen hin­ten – kein Wun­der bei einem von einer Frau für eine Frau geschrie­be­nen Song, auf den der Sän­ger auch erkenn­bar kei­ne Lust hat­te. Viel­leicht soll­te LRT das For­mat ein wenig über­den­ken?


Chav­tas­tisch: mit Vili­ja legt Mann sich bes­ser nicht an (LT, ab Minu­te 1:40)

Bleibt zu guter Letzt die Andra Chan­sen, die Second-Chan­ce-Run­de des schwe­di­schen Melo­di­fes­ti­va­len, in dem sich acht in den Qua­li­fi­ka­ti­ons­run­den bereits aus­ge­sieb­te Acts um zwei Wild­cards für das Fina­le am kom­men­den Sams­tag balg­ten. Die Wie­der­kehr schaff­te dabei die zwei­ma­li­ge (2001, 2005) grie­chi­sche Euro­vi­si­ons­re­prä­sen­tan­tin Hele­na Papa­riz­ou – ein ech­ter ‘Sur­vi­vor’ – sowie der super­se­xy zutä­to­wier­te Linus Sven­ning mit sei­ner herz­er­grei­fen­den Ode an sei­nen früh ver­stor­be­nen ‘Brö­der’ (eine gute Wahl!). Auf der Stre­cke blie­ben hin­ge­gen die bei­den Rock­schla­ger von Ammo­track und Out­trig­ger – deren ‘Echo’ hät­te im Mel­lo-Fina­le wenigs­tens für ein biss­chen Abwechs­lung gesorgt. Nun ist die Fra­ge: kann sich Ace Wil­der mit ihrer rotz­fre­chen Gören-Num­mer ‘Busy doin’ not­hin” gegen die ver­ma­le­dei­ten Jurys durch­set­zen oder bekom­men wir die sie­ben­hun­dert­fa­che Mel­lo-Teil­neh­me­rin San­na Niel­sen und ihr super­lang­wei­li­ges ‘Undo’ rein­ge­drückt, nur damit die Alte end­lich mal Ruhe gibt? Oder geschieht gar ein Wun­der und Alca­zar fei­ern doch noch den längst über­fäl­li­gen Tri­umph? Wir wer­den sehen!


Zurück in den Käfig: für die hüb­schen Jungs von Out­trig­ger ist lei­der Schluss (SE)

Wer von den heu­ti­gen Fina­lis­ten schafft es auch in Kopen­ha­gen ins Fina­le?

  • Die rumä­ni­schen Paul & Pau­la. (42%, 41 Votes)
  • Die litaui­sche Xena. (22%, 21 Votes)
  • Die est­ni­sche Lore­en. (19%, 18 Votes)
  • Kei­ner von denen. (18%, 17 Votes)

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9 Gedanken zu “Vier­ter Super­sams­tag: die Nacht der leben­den Lei­chen”

  1. Gute Güte, was für ein kata­stro­pha­ler Euro­vi­si­ons­sams­tag!”

    Signed.

    Für Schwe­den hof­fe ich ja auf Ace Wil­der. Das hat was Fri­sches, Ori­gi­nel­les. Mehr ESC-Lei­chen und Song­ko­pi­en ver­tra­ge ich nach den letz­ten bei­den Tagen näm­lich nicht mehr.

  2. Die Esten sind schon ein sel­ten doo­fes Volk. Da hät­ten sie mit Eli­se, Len­na oder San­dra womög­lich ein Kopen­ha­gen 2001 wie­der­holt und wäh­len so einen Mist. Rumä­ni­en und Litau­en dage­gen haben gut gewählt, auch wenn Vai­da mei­ne Favo­ri­tin war. Und die Schwe­den haben end­lich ein­mal alles rich­tig gemacht, jetzt müs­sen nur noch San­na oder Hele­na gewin­nen

  3. Glück­wunsch Est­land. Im Lau­fe der Vor­ent­schei­dung min­des­tens VIER poten­ti­el­le Sie­ger­ti­tel raus­ke­geln zuguns­ten eines unin­spi­rier­ten Dis­cos­t­amp­fers – das muss euch erst mal einer nach­ma­chen.
    Ver­mut­lich wur­den die Zuschau­er von der akro­ba­ti­schen Tanz­show der fleisch­far­be­nen Lore­en geblen­det. Man muss ihr zumin­dest attes­tie­ren, beein­druckt zu sein, wie sie bei all den Sprün­gen und Hebe­fi­gu­ren die Töne hal­ten kann. Wenn sie jetzt noch den drei­fa­chen Wurf­a­xel in die Kür ein­baut, kann sie zumin­dest in der A-Note ordent­lich punk­ten. Das Lied stört dann gar nicht wei­ter.

    In Rumä­ni­en sind einer Abstim­mung, bei der die Jury NACH dem Tele­fon­vo­ting ran­ge­las­sen wird, der Mani­pu­la­ti­on Tür und Tor geöff­net. Was auch immer Doo­fi und Pau­la in die Jury­mit­glie­der inves­tiert haben – es hat sich gelohnt.
    Ihr Lied klang in der Stu­dio­ver­si­on ja ganz OK, aber Avicii hat ange­ru­fen und will sei­ne Syn­thies zurück. In der Live-Ver­si­on mutier­te das gan­ze aber zu schie­fem Geschrei.

  4. Das signe ich wie­der­rum.

    Ganz ehr­lich, vier­mal (!) Fre­drik Kem­pe im Mel­lo-Fina­le – das hält doch kein Mensch aus, zumal sei­ne Titel immer gleich ste­ril und mecha­nisch klin­gen. Am schlimms­ten ist “Undo”… frei nach Lori­ot: “Das hab ich was eige­nes – da hab ich mein Jodel­di­plom!”
    Am liebs­ten wäre mir auch Ace Wil­der – die ist frisch und frech und spielt nicht den immer­glei­chen Schwe­den-Stie­fel run­ter, wie es eini­ge Ande­re jetzt schon seit einer Deka­de beim Melo­di­fes­ti­va­len machen.

  5. Ich fand ja, dass ihr Auf­tritt im Semi das gewis­se Etwas hat­te, oder so ein “Momen­tum”. Wäre toll, wenn sie das am Final­abend wie­der­ho­len könn­te. Und San­na kann sich dann über den Gewinn des Second-Chan­ge-Con­tests freu­en. Den schafft sie locker. Locke­rer als den eigent­li­chen ESC.

  6. Das kann ich unter­schrei­ben… alles! Veehr­ter Bloo­ger, Du hast doch Ahnung, ist es denn tat­säch­lich mög­lich bei die­ser Eis­kunst­lauf­kür die Töne der­ar­tig sicher zu ste­hen, Tan­ja hat ja nicht ein ein­zi­ges Mal aufs Eis gepackt. Aber es war schon strunz­lang­wei­lig und ich bin mehr als ent­setzt über das Eesti Laul heu­er.
    Genau­so grau­se­lig fand ich die rumä­ni­sche Ent­schei­dung, mög­li­cher­wei­se bin ich mitt­ler­wei­le in guter Gesell­schaft mit dem Wunsch den Vam­pir mit den blut­trie­fen­den Tam­pons wie­der zum ESC-Leben zu erwe­cken. Was soll­te denn Pau­la lan­ger Ton in die­ser Num­mer – toll gestan­den – aber ist das jetzt eine Dance-Num­mer oder was… mira­cle whip.… puuuh, ich hof­fe sehr, dass Pau­la und Ovi es den bul­ga­ri­schen Was­ser­tromm­lern vom letz­ten Jahr gleich tun und das Fina­le ver­sem­meln.
    Wie spricht sich der Nach­na­me von Vili­l­ja wohl aus? Wie “Atten­ti­on” in litau­isch aus­ge­spro­chen wird, weiß ich seit Sams­tag. Ja, sie macht Angst mit ihrer Num­mer, aber tat­säch­lich ist das noch das Mutigs­te, was ich am Sams­tag sah… aber wie­der ein Tän­zer auf der Büh­ne, der die Prot­ago­nis­tin umgarnt… Ä Tänn­chen pliiies.
    Und dann noch Schwe­den… viel­leicht wird es ja jetzt Bru­der Linus mit der Schmu­se­de­cke??

  7. Wäh­rend ich natür­lich die Ein­schät­zung bezüg­lich Litau­en völ­lig tei­le, dass die letzt­li­che Sie­ge­rin die­je­ni­ge ist, die es ver­diet hat, bin ich der Jury in Rumä­ni­en nur dank­bar, dass sie uns vor einem der mei­ner Mei­nung nach schreck­lichs­ten Bei­trä­ge die­ses Fina­les als Sie­ger bewahrt hat. Ovi & Pau­la waren zwar nicht mein Favo­rit (der wäre mit Abstand Sal mit sei­nem Hard Tur­bo Folk gewe­sen, aber auch Sil­via Dumit­res­cu fand ich noch etwas bes­ser, aber die­se wur­den ja offen­bar auch nicht vom Publi­kum geliebt), denn der Song ist ziem­li­cher Müll – vor allem der Refrain – und kann sich (Forts. folgt)

  8. (Forts.) irgend­wie nicht für ein Gen­re ent­schei­den, aber die bei­den haben wenigs­tens rich­tig gut gesun­gen.
    Zu Est­land: naja, nix hal­bes und nichts gan­zes. Hier moch­te ich weder den Publi­kums- noch den Jury-Lieb­ling. Bis zum Beginn des Super­fi­nals hat­te ich ja noch auf Len­na gehofft, nach­dem mein Fave Mai­ken eh schon abge­schla­gen war.
    Über das doo­fe Mel­lo will ich mich nicht zu weit ver­brei­tern, nur soviel: Ich will am liebs­ten Ellen Bene­dikt­son oder eben San­na Niel­sen!

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