Die Jury-Diskussion: Respekt für Hater?

Ein Shitstorm tobt seit Samstagnacht über Deutschland, und er entzündet sich am Voting der deutschen Jury. Jennifer Weist (Jennifer Rostock), Musikmanager Konrad Sommermeyer, Andreas Bourani, USFDTeilnehmerin Madeline Juno und Paul Würdig alias Sido stimmten als vom NDR beauftragte Musikexperten deutlich anders ab als die Majorität der Televoter und sorgten so am Samstag bei der Vergabe der Länderpunkte – dem Herzstück der Show – für verwundertes Augenreiben und partielle Beschämung bei den Zuschauern zuhause. Hatten doch die meisten von Ihnen, wie das restliche Europa, sich von Conchita Wurst bezaubern lassen und für sie gestimmt. Und nun verlas Schlagerkönigin Helene Fischer im strömenden Regen der Hamburger Open-Air-Grand-Prix-Party keine Douze Points für die neue Kaiserin? Da konnte doch etwas nicht stimmen! Das von der EBU in beispielhafter Transparenz umgehend nach Ende der Sendung veröffentliche Splitvoting belegte es dann: den oben genannten Fünfen, die Conchita irgendwo zwischen dem neunten und dreizehnten Platz einordneten, verdanken wir die blamablen sieben Punkte. Insbesondere Sido, der schon im Vorfeld keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen „Herrn Wurst“ machte, sowie Frau Juno, die ungeschickterweise im Aftershowparty-Interview mit Barbara Schöneberger noch log, sie habe „er/sie/es“ auf dem fünften Platz gehabt, stehen seither in der öffentlichen Kritik, die bisweilen im Rausch des Volkszorns auch schon mal die Grenzen überschreitet. Sido, als ehemaliger Aggro-Berlin-Rapper harte Worte gewohnt, scheint entspannt damit umzugehen, während Madeline Juno laut Stefan Niggemeier bereits twitterte: „Nie wieder mach ich so was mit, ehrlich!“


Macht eine unglückliche Figur: Frau Juno, hier beim Vorentscheid

Der NDR-Verantwortliche Thomas Schreiber, der seit einem ähnlichen Shitstorm von LaBrassBanda-Fans gegen die von Mary Roos angeführte Jury beim deutschen Vorentscheid zunehmende Schwierigkeiten zu haben scheint, überhaupt noch Promis für die Jury zu finden, zeigt sich verständlicherweise not amused: Wenn der Sieg von Conchita Wurst als ein Zeichen der Toleranz in Europa betrachtet wird, ist es eine Selbstverständlichkeit, dem Urteil der ‚music industry professionals‘ dieselbe Toleranz entgegenzubringen,“ sagte er. NDR-Hofberichterstatter Jan „Godwin“ Feddersen schließt sich, wenig überraschend, der Forderung nach mehr „Respekt vor der deutschen Jury, bitte“ an und legt verbal noch eine Schippe drauf: Wer sich über eine Jury beschwert, wenn sie nicht wunschgemäß abstimmte, will in Wirklichkeit keine [Toleranz], sondern folgt einer totalitären Logik“. Nein, Herr Feddersen: öffentlich geäußerte Kritik ist ein wesentliches Kernelement von Demokratie, bedingungslose Zustimmung hingegen ein vor allem in totalitären Systemen gerne gesehenes Verhalten.


Erste im Internetvoting, nur ein Punkt von der Jury: die Bayern sorgten für Dampf im Netz

Nun sind etwaige persönliche Beleidigungen natürlich genau so wenig hinnehmbar wie das aus politischen Gründen erfolgende Ausbuhen der russischen Tolmachevy Sisters durch die Fans in der Kopenhagener B&W-Halle. Eine harte, öffentliche Kritik am Abstimmungsverhalten der Jury ist hingegen so berechtigt wie erforderlich! Auch ich nenne in meinem Blog Jurys ja gerne pauschal „Wichser“ und habe die verfemten Fünf in Kommentaren abseits dieser Seite auch schon als „Hanseln“ bezeichnet. Das richtete und richtet sich aber natürlich gegen keinen Juror persönlich, sondern meint immer ihre öffentliche Funktion als Teil eines organisierten Bevormundungsinstrumentes. Langjährige aufrechtgehn.de-Leser kennen aus leidvoller Erfahrung meinen Hang zur gebetsmühlenartig wiederholen Brandrede gegen das mafiöse Gremium bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Um so erfreulicher, dass das vom Zeitgeist so krass abweichende Abstimmungsverhalten der fünf Unweisen aus dem Abendland nun auch die Masse für die Absurdität des Votingverfahrens sensibilisierte und für eine berechtigte Empörungswelle sorgte. Eigentlich, ich will es nicht all zu laut sagen, müsste ich Sido und Juno also sogar dankbar sein!


Sieger dank skandinavischer Nachbarschaftshilfe: die Ingmans (DK)

(Wieder-)Eingeführt wurde die Jury bekanntermaßen als Reaktion auf das weinerliche Geschrei des Westens über das angebliche Blockvoting der osteuropäischen Länder – so, als sei es unlauter, aus kultureller Verbundenheit für die Beiträge des Nachbarlandes zu stimmen – und die empfundene Unterwanderung der Telefonabstimmung durch Immigranten, wie sie sich an stetigen zwölf Punkten für die Türkei aus Deutschland, aber auch aus anderen westeuropäischen Staaten mit hohem Einwandereranteil, beispielhaft manifestierte. Dabei bestand das erste Phänomen schon zu Zeiten des reinen Juryvotings, entschied aber (mit Ausnahme des ESC 1963) noch nie den Ausgang des Wettbewerbs. Und gegen das zweite hielfe eine simple technische Lösung: das Zählen von maximal einem Anruf pro Land pro Telefon. Problem erledigt. Dass man dennoch an der Jury festhielt – und dass sie nun sogar ein ehemals erklärter Gegner wie Jan Feddersen verteidigt – liegt daran, dass ihr eigentlicher Zweck ein ganz anderer ist als der offiziell verbreitete: sie fungiert als Sammelbecken und Stellvertretungsorgan der Hater.


Auch 2008 schon Buhrufe gegen Russland: Dima sorgte für die Rückkehr der Jurys

Bei sämtlichen Diskussionen, die ich mit Juryfreunden in der Vergangenheit führte, sei es hier, auf Facebook oder in internationalen Fan-Foren, kristallisierte sich meist schnell heraus, dass die härtesten Verteidiger des Gremiums in erdrückender Mehrzahl zu den Balladenfreunden zählen: den mit den Rufern nach der Rückkehr des Orchesters und des Landessprachenzwanges eine erstaunlich große Schnittmenge bildenden Anhängern der eher klassischen, getragenen Grand-Prix-Kost, die alles, was zu laut, zu schrill und zu modern daherkommt, ablehnen. Sie fühlten sich in den Jahren des alleinigen Televotings geschmacklich nicht repräsentiert. Zeigte es sich doch, dass bei einer reinen Zuschauerabstimmung überdurchschnittlich oft Acts mit spektakulärer Bühnenshow und Songs mit hoher Schlagzahl vorne liegen (und sich anschließend auch meist gut verkaufen): die Mehrheit mag es halt nun mal peppig.


Erhielt in Kopenhagen den Preis für den silbersten Auftritt: Verka (UA 2007)

Statt sich aber nun, wie ein guter Demokrat, mit der Mehrheitsentscheidung abzufinden, krakeelten sie, das habe ja mit Musik nichts mehr zu tun, und forderten ein Korrektiv, welches das Augenmerk stärker auf die „Qualität“ der Songs legen sollte. Wie absurd: als gäbe es bei Popmusik – abseits von Dezibel und Beats per Minute – objektiv nachprüfbare Maßstäbe. Sehr schön brachte dieses vorgeschobene Argument nun gerade der in der Kritik stehende Sido zu Fall, der in seiner Replik auf die Vorwürfe gegen ihn sagte: Die einzige Diskussion, die man also zulassen kann, ist die, warum mir die Komposition und die Performance des Herren aus Österreich nicht gefallen hat. Wobei das wiederum eine reine Geschmacksfrage ist.“ Eben! Rein persönlicher Geschmack: etwas anderes spielt beim Juryvoting auch keine Rolle, kann es auch gar nicht. Nochmals danke, Sido! So langsam wirst Du mir schon beinahe wieder sympathisch!


Kann Qualität beurteilen: Rapper Sido

Und auch in der aktuellen Diskussion springen in aller Regel jene am vehementesten der Jury bei, die mit ihrem Votum einverstanden sind. Dabei sollte ‚Rise like a Phoenix‘, sowohl was die Komposition, als auch was die Inszenierung mit einer still stehenden, einzelnen Sängerin ohne jedweden Schnickschnack angeht, eine geradezu vorschriftsmäßige Grand-Prix-Ballade aus dem großen Vicky-Leandros-Lehrbuch, gerade ihnen doch am allerbesten gefallen! Doch da kann vom Kleid über den ernsten Gesichtsausdruck bis zur großen Stimme alles perfekt sein: schon alleine der provokative Damenbart genügte den Traditionalisten, Conchitas Darbietung in der Rubrik „Klamauk“ abzulegen. Also das Gegenteil von „Qualität“. Und nein: ich unterstelle damit niemandem irgendetwas Böses, der ‚Rise like a Phoenix‘ einfach nur als Song nicht mochte. Der dürfte aber auch mit Conchitas Sieg im Publikumsvoting keine Probleme haben und befriedigt verkünden, die Jury habe mit ihrem Downvoting in vorbildhafter Weise ihre Arbeit getan. So, wie sich der kollektive Aufschrei gegen das Juryvoting auch nicht gegen den persönlichen Musikgeschmack der fünf Juroren richtet. Sondern dagegen, dass eben dieser, wie Sido zugab, rein persönliche Musikgeschmack fünf einzelner Personen genau so viel zählt wie der von über einer Million Anrufer.


Das exakte Gegenteil eines Spaßbeitrags: Conchitas Grand-Prix-Ballade

Oder, genau genommen, sogar noch mehr. Denn, die penible Veröffentlichung aller Einzelvotings macht es erst richtig augenfällig: die Jurys vergeben, anders als die Televoter, Punkte an alle 26 Lieder (abzüglich natürlich dem des eigenen Landes). Und beeinflussen auf diese Weise die Wertung noch stärker als bei dem noch bis 2012 praktizierten 50/50-Verfahren, bei dem nur die liebsten zehn Songs der Juroren Berücksichtigung fanden. Plastisch wird das am Beispiel des Vereinigten Königreichs: dort bestimmten die Anrufer den polnischen Beitrag ‚We are Slavic Girls‘ zu ihrem Favoriten. Die fünf britischen Juroren setzten den Song auf ihren letzten, den 25. Platz, und verhinderten so eine Punktevergabe an Polen (1+25 = 26, im Gesamtranking der elfte Platz = 0 Punkte). Nach dem alten Berechnungsverfahren hätten sich Donatan & Cleo im Juryvoting den kollektiven elften Rang mit den restlichen 15 nicht in der Top Ten der Juroren platzierten Songs geteilt, was im Verbund mit den 12 Punkten der Televoter für eine, wenn auch einstellige, Punktevergabe Großbritanniens an Polen gereicht hätte (12+0=12, geteilt durch 2=6 Punkte). Ähnlich lief es auch für die Wurst in Armenien, wo die Jury mit einem kollektiven 24. Rang für die beim Publikum zweitplatzierte Kaiserin eine Punktespende erfolgreich verhinderte.


Oh Gott, drei hübsche Kerle mit einem Dance-Brett, die Spaß auf der Bühne haben – das gehört bestraft! (GR)

Das Juryvoting wird so zu einer Art negativer Punktevergabe, einem Minus-Voting, das vor allem den Zweck erfüllt, Publikumsfavoriten Stimmen wegzunehmen. Das Publikum selbst kann hingegen stets nur FÜR ein bestimmtes Lied anrufen, niemals aber dagegen. Weswegen ein reines Televoting kontroverse Beiträge (wie beispielsweise Lordis ‚Hard Rock Hallelujah‘ [FI 2006]) tendenziell belohnt, weil Befürworter solcher Titel die Möglichkeit haben, in Massen für den Beitrag anzurufen, die Hater aber nicht dagegen stimmen können. So, wie bei jeder demokratisch organisierten Wahl: schreibe ich auf meinen Wahlzettel „Ich hasse die CDU“, mache ich ihn ungültig und er wird nicht gezählt. Mir bleibt nur die Möglichkeit, für die Piraten oder die Linke zu stimmen, wenn ich die CDU nicht will1)Beispiel zufällig gewählt.. Die Jury hingegen erfüllt, gerade unter der 2013 neu eingeführten Zählweise, vor allem den Zweck, GEGEN ein Lied zu stimmen, in dem die Songs explizit auch unterhalb der für die Wertung relevanten Positionen eins bis zehn gerankt werden müssen. Eine negativ ausgerichtete Kulturtechnik, die bei dem auf freundlichen Wettstreit ausgerichteten Contest so niemals vorgesehen war. Und damit eine erhebliche Veränderung seines Grundgedankens. Kein Wunder also, dass ihre Auswirkungen nun Shitstorms hervorbringen: man nennt das Karma, Herr Schreiber!


Könnten Lordi heute gegen die Jurys noch gewinnen? (FI)

Und gerade der oben beispielhaft erwähnte polnische Beitrag fällt mustergültig in die Kategorie des vom Publikum geliebten Spaßbeitrags (Endergebnis bei reinem Televoting: Platz 5), den die Juroren hassten (und auf Rang 14 schoben). Denn Spaß setzen sie mit Trash gleich, mit anspruchsloser, verblödender Unterhaltung. Dabei spielte die mit dickbusigen Buttermädchen in ländlichen Dirndln und mit prachtvollen Zöpfen auftrumpfende Inszenierung auf herrlich ironische und lustvolle Weise mit den altbekannten Klischees des modernitätsfremden Polen und seiner Katalogbräute, nahm diese durch Übertreibung trefflichst auf die Schippe und machte mit dem selbstbewussten Auftreten der Rapperin Cleo deutlich, dass es hier keineswegs um Sexismus geht – im Gegenteil! Für meine Begriffe war die Brühpolnische ebenso emanzipatorisch wie die österreichische Wurst. Aber Ironie ist ein den Spaßbremsen der Jurys und ihrer Anhänger wohl eher fremdes Konzept.


Porno oder Pop? Beides, und fortschrittlich dazu! (PL)

Und aus eben jenem Grund geht die Debatte um die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Jurys weiter, auf beiden Seiten. Ich entschuldige mich an dieser Stelle bei all meinen langjährigen Lesern, die ich mit meinem perpetuellen Aufgreifen dieses Themas ermüde – aber wann, wenn nicht jetzt, soll sie geführt werden, da das schändliche Sieben-Punkte-Voting für die Kaiserin der Herzen die von diesem Gremium ausgehende Bevormundung für die breite Masse so drastisch und zornerregend erfahrbar machte? Und ich weiß natürlich auch, dass nicht alle Juryfans zum Lachen in den Keller gehen und ausschließlich E-Musik hören. Und dass es nur ein alberner Liedwettbewerb ist, bei dem es um nichts geht – und den sogar mit Jurys ein kontroverser Act gewinnen kann. Will ich keinen Artikel schreiben, der die nach unten offene Spaltentiefe meines Blogs erschöpft, muss ich aber zwangsläufig ein bisschen zuspitzen und verkürzen. So wie nun auch in meinem abschließenden Fazit, das da lautet: wer von mir (zu Recht) Respekt und Toleranz für abweichende Meinungen erwartet, von dem erwarte ich Respekt für demokratische Gepflogenheiten und die positive Grundhaltung des Contests, die sich bislang – auch zu Zeiten der reinen Jurywertung – stets darin manifestierte, dass nur FÜR ein Lied gestimmt werden konnte und nicht dagegen.


Love, oh Love: lasst positive Energie um uns sein! (DE 2010)

Wer, wie die EBU (unter Mitwirkung des NDR) Jurys zu konterrevolutionären Gängelungsorganen umfunktioniert, muss mit meinem erbitterten – und auch mal mit harten Worten geäußerten – Widerstand rechnen. Oder, noch verkürzter: kein Respekt für Hater! Und, dies ganz zum Schluss: wenn der aktuelle Shitstorm gegen Sido und Madeline Juno nur dafür sorgt, dass der NDR künftig niemanden mehr für die Jury findet, dann hat er seinen Zweck schon erfüllt.

Nach dem deutschen Conchitagate: gehört die Jury wieder abgeschafft?

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1. Beispiel zufällig gewählt.

22 Gedanken zu “Die Jury-Diskussion: Respekt für Hater?

  1. Gesprochen als einer der hier niedergemachten Jurybefürworter (sorry, aber nach 2007/8 ging es einfach nicht mehr – irgendwas musste damals passieren, sonst wären wir heute bei einem Teilnehmerfeld, gegen das sich der JESC divers ausnimmt): Das angesprochene Ranking aller 25/26 Beiträge gehört definitiv auf den Müllhaufen. Wenn ich als Televoter nicht die Möglichkeit habe, gegen einen bestimmten Beitrag zu stimmen – was Lordi, Conchita oder auch Donatan and Cleo garantiert so einige Votes gekostet hätte -, dann darf auch die Jury diese Möglichkeit nicht haben. (Wobei auch die Televotingergebnisse von 1 bis 25 aufgeführt sind, dort also ein ähnliches Ranking stattfindet, aber eben ausschließlich passiver Art, weil ich nicht aktiv etwas nach unten ziehen kann.) Ich bin kein ausschließlicher Balladenfreund, ich bin kein Befürworter eines reinen Juryvotings (oh Gott, bloß nicht!), und ich bin auch kein Fürsprecher einer Wiedereinführung der Sprachregel. Ich lasse mich lediglich in die Schublade der „auch langsamen Beiträgen eine Chance“-Leute stecken.

    Die Frage, die sich mir hier stellt: was ist in den letzten sieben oder acht Jahren eigentlich passiert? Warum ist das Nachbarschafts- und Diasporavoting so massiv zurückgegangen, von einigen hartnäckigen Ausnahmen abgesehen? (Moldawien und Rumänien werden immer mindestens 10 Punkte austauschen, wenn sie können, genau wie Griechenland/Zypern oder Türkei/Aserbaidschan.) Während die Ergebnisse von 2005 bis 2008 kaum anders zu erklären sind, insbesondere unterhalb der Top 3 und im damals noch eingleisigen Semi (bis 2007), hat sich das Bild inzwischen auch beim reinen Televoting so massiv gewandelt, dass den Jurybefürwortern immer mehr die Argumente ausgehen. Während ich das Hochpunkten einer Patricia Kaas, eines Tom Dice oder eines Raphael Gualazzi nicht anders bewerten kann und will als positiv, gab es in den letzten drei Wettbewerben nicht einen vergleichbaren Fall dieser Art, außer man rechnet Pastora Soler oder Carl Espen dazu. Und wo ich das Runterpunkten von musikalisch so erbärmlichen Beiträgen wie „My Slowianie“ oder „Rise Up“ (bleargh!) noch nachvollziehen kann, entzieht sich mir die fast ebenso harte Strafwertung gegen „Hunter of Stars“ jeden Verständnisses. Was ist passiert? Ist das nur das Fehlen von ein paar osteuropäischen Ländern? Wohl kaum, denn der größte und meistens einheitlichste Block, die Ex-Sowjets, ist immer noch komplett anwesend. während den Ex-Jugos auch ihre Vier-von-Fünf-Präsenz im ersten Semi 2013 kein Stück geholfen hat (oder wie ist es zu erklären, dass wir dieses Jahr zwei Ex-Jugos im Finale hatten, und damit zwei mehr als in Malmö?).

    Setzt die Macht der Jurys runter. Für die, die beim Gedanken an 2007er-Verhältnisse Ausschlag bekommen (und ja, da rechne ich mich ohne weiteres zu – wäre 2007 anders gelaufen, wäre Andorra vielleicht noch dabei), lasst sie meinetwegen bei 25 oder 33 Prozent, aber schafft das gottverdammte Ranking ab. Sucht die Top 10 für beide Seiten raus, und schaut dann nach, wie die Songs, die bei einer Seite nicht auftauchen, zu arrangieren wären – wenn beispielsweise bei den Televotern auf Rang 4, 5 und 9 Lieder auftauchen, die die Jury nicht in den Top 10 hat, wird halt nachgeschaut, wo diese drei im Juryranking sind, und die dann mit den „effektiven“ Plätzen 11, 12 und 13 im Juryranking verrechnet. (Klingt komplizierter, als es ist; ich bin nicht besonders darin, Dinge verständlich zu erklären.) Die Televoter Europas haben über die letzten Jahre bewiesen, dass man ihnen im Großen und Ganzen tatsächlich mehr vertrauen kann als noch vor sechs oder sieben Jahren – wer damals vorausgesagt hätte, dass wir im Jahr 2014 ein Rennen um Platz 1 zwischen Österreich und den Niederlanden haben werden, wäre – aus damaliger Sicht berechtigt – für verrückt erklärt worden. Aber es war so, und es war gut so.

    Ein letztes: Du kannst so oft und so vehement behaupten, „Hanseln“ und „Wichser“ seien keine persönlichen Beleidigungen, aber die Sprache steht da leider nicht auf deiner Seite. Mir ist klar, dass „Jurys sind Wichser“ inzwischen zu einer Art Running Gag mutiert ist, aber die „Hanseln“ müssen wirklich nicht sein.

  2. Ach Oliver, dass Schöne an dieser Seite ist, dass ich mich hier total verstanden fühle. Vielen lieben Dank für den Artikel, ich kann jedem Wort zu 100 Prozent zustimmen!

    Die Jahre 2005-2007 wurden einfach komplett falsch angegangen – wenn man alle osteuropäischen Länder in ein großes Semi mit 27 Teilnehmern steckt ist doch klar, dass ein Ungleichgewicht beim Voting entsteht. Die Aufteilung in zwei gleichverteilten Semis 2008 war ein richtiger Schritt – dass dann trotzdem kaum ein westeuopäisches Land einen Stich machen konnte lag daran, dass deren Lieder schlichtweg Schrott waren („Irelande Douze Points“, „Baila El Chiki Chiki“, „Disappear“ ). Ich glaube jedenfalls, dass man dank dieser Aufteilung und der Regel, dass nur die Teilnehmer des jeweiligen Semis abstimmen können, in den darauffolgenden Jahren bis heute zumindest in den Semis auch gut ohne Juries gefahren wäre.

    So gerne ich die Juries abschaffen würde, eventuell könnte man, um auch die Jury-Befürworter zufrieden zu stellen, einen Kompromiss schließen:

    – Wechsel vom 50/50-System zu einem 25/75-System
    – Abschaffung des momentanen Jury-„Rankings“
    – größere Jury-Gruppen (z.B. 20 Professionelle statt 5)

  3. „20 Professionelle statt 5 (Prominente)“. das wäre mMn schon eine gute Lösung des Problems. Außerdem die Beschränkung der Wertung auf 10 Songs (statt alle Teilnehmer)
    Die Jurys sollten weiter als Koorektiv bestehen bleiben, denn im Zuschauervoting wierden doch nach wie vor zu sehr die optische Präsentation und der Knalleffekt der Songs, und nicht deren musikalische Qualität bewertet.
    Man kann das diesjährige Urteil der deutschen Jury nicht pauschal verurteilen, und noch falscher ist es damit alle Jurys international über einen Kamm zu scheren.
    Einige Songs wurden mMn unter qualitativen Gesichtspunkten zu Recht runtergewertet, andere zu Unrecht
    (zu Unrecht zB, die Beiträge von Israel und San Marino).
    Die aktuellen Jurys sind also kein Garant für Qualität. Deshalb sollten sie anders besetzt werden, wie oben vorgeschlagen. Und vielleicht auch über Jahre hinweg mit denselben Personen.

  4. Ich weiß nicht, ob die EBU oder wenigstens der NDR (als Teilnehmer der Referenz-Gruppe) diese Blogs und auch deren Kommentare liest, aber schön wäre es.

    Das komplette Durch-Ranken für die Wertung ist höchstgradig ungerecht – schaut euch nur mal die Jury-Wertung Belgiens im Semi 1 für Armenien an: natürlich möchte das Land nicht immer als Einwandererland auf dem Tableau erscheinen, aber einen Beitrag der zum Zeitpunkt des 1. Semis noch als Favorit auf den Gesamtsieg galt und tatsächlich ein modernes, ruhiges Stück ohne Sperenzkes (also typischer Jury-Liebling eigentlich) so gemeinschaftlich auf den letzten Platz zu jurieren nur in der Annahme, dass es im Televoting auf 1 liegen wird – und rums… keine Punkte aus Belgien für Armenien. Das finde ich unglaublich. Und das im Semifinale, wo ja in Belgien aufgrund der eigentlich guten Prognosen für Axel und seine Mutter nicht nur armenische Einwanderer vor den Fernsehgeräten und Telefonen gesessen haben dürften. Eigentlich wäre heuer erstmalig eine hohe Wertung Belgiens für Armenien richtig plausibel gewesen. Und das könnte (ohne $-Zeichen in den Augen) mit einer stringenteren Begrenzung der Telefonanrufe doch in den Griff zu bekommen sein.

  5. Kann man einfach nicht akzeptieren, das die deutsche Jury halt einen anderen Geschmack hatte als alle anderen. Wer Toleranz für andere Lebensweisen fordert, dem sollte Toleranz gegenüber einer Jury, die einfach was anderes besser fand, nun wirklich nicht schwer fallen. Finde das ganze Bohei einfach nur albern. Österreich hat uns sogar 0 Punkte gegeben, warum wird darüber nicht diskutiert?

  6. Vielleicht, weil 0 Punkte für Deutschland dieses Jahr alles andere als ungewöhnlich waren? (Ach, und nur so nebenbei: auch das war den Jurys zu verdanken. Bei den österreichischen Televotern lagen Elaiza auf Platz 5. Und wenn man sich das Ergebnis so ansieht: mehr Arbeit für Stella Jones, den Maverick der österreichischen Jury!)

    Und ja, die Jury hatte vielleicht einen anderen Geschmack, aber das genau ist doch der Kernpunkt der Argumentation: warum zählt deren Geschmack grob geschätzt zweihunderttausendfach stärker als der von Herrn oder Frau Mustermann? Mit welcher Berechtigung? Dänemark mag ja ein ganz anständiger Song gewesen sein (wenn auch hart an der Grenze zum Plagiat, aber das ist bei einem Bruno-Mars-Verschnitt nun wirklich zu erwarten – „Locked Out of Heaven“ klang auch schwer nach The Police), aber mit welcher musikalischen Begründung (die einzige, die die Existenz der Jurys rechtfertigen könnte) haben alle fünf das Ding gemeinsam auf Platz 1 gesetzt, womit sie in Europa ziemlich allein dastanden? Wenn selbst die Juroren nur mit „persönlicher Geschmack“ argumentieren, unterminieren sie damit ihre eigene Daseinsberechtigung.

    Die Jury hat keine automatische Existenzberechtigung. Sie wurde 2009 wieder eingeführt, weil das Maß an Nachbarschafts- und Diasporavoting ein für die Westeuropäer gefühlt unerträgliches Maß erreicht hatte und etwas geschehen musste, sonst wären wohl diverse von ihnen ausgestiegen. Da dieses Problem, wie das Ergebnis dieses Jahr deutlich aufzeigt (vier von zehn Songs der Top 10 kamen auch beim reinen Televoting aus Westeuropa, darunter so „blockfreie“ und vermeintlich aufs Dauerversagen abonnierte Länder wie die Niederlande, die Schweiz oder Österreich, während einige klassische Diasporaprofiteure wie Griechenland oder Aserbaidschan auch im Televoting – Aserbaidschan sogar besonders dort – abgeraucht sind), in dem Maß nicht mehr existiert, müssen die Jurys sich jetzt eben rechtfertigen, warum man sie noch braucht. Das einzige für mich noch verbliebene Argument zu ihren Gunsten ist das Pushen von langsameren Liedern (das Leitbeispiel dieses Jahr ist Norwegen) und das Aussieben von Sound-and-Fury-Beiträgen ohne musikalische Substanz (was dieses Jahr in meinen Augen massiv übertrieben wurde; während Griechenland es verdient hatte, von den Jurys kaputt gevotet zu werden, ebenso wie Portugal im ersten Semi, kann man das von Polen oder gar der Schweiz nun wirklich nicht behaupten). Diese Aufgabe ist für meine Begriffe wichtig, aber müssen die Jurys dafür 50 Prozent der Stimmgewalt haben und obendrein ein Werkzeug an die Hand bekommen, um effektiv verhasste Beiträge runterstimmen zu können? Und die Antwort darauf lautet für mich: nein, müssen sie nicht.

  7. Der Shitstorm gegenüber den Juries lässt sich doch ganz einfach damit erklären, dass die Leute sich bevormundet fühlen, denn sie haben erkannt, dass die subjektive Meinung unter dem Deckmantel von „Expertenmeinungen“ von 5 Leuten genauso viel zählt wie die Meinung von tausenden Anrufern. So fest wie man sich auch anstrengen mag, ist es letztendlich nicht möglich, Musik auf objektive Weise zu beurteilen. Es gibt immer irgendwelche Umstände, die einen ins Subjektive gleiten lassen. Das hat sich doch dieses Jahr sehr stark gezeigt. Ich will keinem Juror unterstellen homophob zu sein, aber nehmen wir an es gab solche Juroren; denkt irgendjemand wirklich, dass jene bei Österreich ihre Homophobie komplett ausgeblendet haben und nur das Lied beurteilt haben? Das ist einfach nicht möglich!

    Wenn man die Juries dennoch als korrektiv für Diaspora und Nachbarschaftsvoting beibehalten will (was ich auch irgendwie verstehe), dann sollte man dringendst die Anzahl der Juroren mindestens verdoppeln! Man könnte es ebenso einrichten, dass die Hälfte der Juroren aus dem Musikgeschäft stammen und die andere Hälfte ganz normale Leute sind, die sich um einen Platz in der Jury bewerben. Oder wie wär es die Jury mit Politikern und Diplomaten zu besetzen. Diese können sich nicht erlauben in ihren Votes irgendwelche Tendenzen erkennen zu lassen 😉

  8. Nochmal: selbstredend akzeptiere ich, dass Frau Juno und Herr Würdig einen anderen Musikgeschmack haben als ich. Und dass sie entsprechend abgestimmt haben. Das ist ihr gutes Recht und völlig okay. Was ich nicht akzeptiere und niemals akzeptieren werde, ist, dass ihr Voting zweihunderttausendmal so viel zählt wie meins. Das ist undemokratisch, denn es gibt keinen für mich akzeptablen Grund, warum der persönliche Musikgeschmack dieser Personen wertvoller oder wichtiger ist als meiner. Da das aber momentan noch so gehandhabt wird, nehme ich mir auch das Recht heraus, ihren Geschmack, der ja anscheinend eine Art erlesenen Staatsgeschmackes darstellen soll, der über dem des gewöhnlichen Zuschauerplebses steht, zu kritisieren. Das geht nicht gegen die Person, es geht gegen die Institution.

  9. Außer natürlich armenische und aserische Politiker, die könnten es sich vermutlich gerade nicht leisten, keine Tendenzen in den Votes zu haben (oder genauer, eine bestimmte Tendenz nicht zu haben). Aber das leidige Thema ist so oder so ein Quell stetiger Freude.

  10. Fürs Protokoll: die Zweihunderttausend war nur eine zufällige Zahl, die ich unter der Annahme in die Runde geworfen habe, dass es in Deutschland eine Million Televotes gab (also zweihunderttausend Televotes auf jeden Juror). Ich habe keine Ahnung, wie viele es wirklich sind. Nur um zu verhindern, dass sich hier ein Meme bildet. 😉

  11. Da sieht man mal, was für Dumpfbacken das doch sind. Vielleicht hätte man die Jury-Mitglieder mal darüber aufklären sollen, dass NICHT ihr eigener Geschmack (dafür ist ja das Televoting da) gefragt ist, sondern der künstlerische Aspekt. Es kann mir keiner erzählen, dass ALLE 4 den dänischen Beitrag für künstlerisch wertvoll fanden, dass er von JEDEM auf Platz 1 gesetzt wurde (riecht schon nach ABsprache) – ich fand diesen Song nach zweimaligem Hören schon nervig. Man kann eine Jury ruhig beibehalten, aber bitte nicht mehr 50:50 und dann sollte man wieder die Jury-Mitglieder in verschiedenen Altersklassen zusammenstellen. Bei der diesjährigen Jury und ihre Abstimmung kann ich nur den Kopf schütteln.

  12. Liebe ESC-Fans, Jury-Hater und Jury-Verfechter,

    mit großem Interesse verfolge ich diesen Blog und insbesondere die wiederkehrenden Diskussionen über das Regelwerk und die technischen Details. Als Funktionär eines internationalen Sportverbandes habe ich gewisse Erfahrungen mit der Entwicklung von Ranking-Systemen und der statistischen Auswertung von Wettkämpfen und erfreue mich an Diskussionen über Wertungssysteme jeder Art – sei es im Sport oder beim ESC.

    Zunächst einmal bekenne ich mich als Verfechter der Jury und teile die Argumente einiger Vorredner, dass sie als Instrument gegen Beiträge ohne musikalische Substanz, auf optische statt musikalische Präsenz getrimmte Performances und Diaspora-Voting unverzichtbar ist.

    Die Veröffentlichung der Split-Votings bis auf die Ebene der Einzeljuroren ist ein wertvoller Zugewinn an Transparenz und ein absolut richtiger Schritt. Ich hoffe, dass die EBU trotz der medialen Offensive gegen einige Juroren / Juries daran festhält.

    Auch wenn das mathematische Gewicht zwischen Televoting und Jury-Wertung beim 2014er System formal identisch war (beide Institutionen vergeben die gleiche Rangsumme und die gleichen Abstufungen), schafft die isolierte Option zur AKTIVEN Abwertung von Beiträgen durch Vergabe einer schlechten Platzziffer auf Jury-Seite ein auch für die hier in der Minderheit befindlichen Jury-Fans wohl kaum zu rechtfertigendes Ungleichgewicht. Das bis 2012 praktizierte System mit ausschließlicher Berücksichtigung der jeweiligen Top 10 bevorzugt jedoch polarisierende Beiträge und gibt der Jury kein wirklich effizientes Instrument zur vernichtenden Abwertung von Klamauk an die Hand, da 5 bis 7 Punkte auch ohne Jury-Top 10-Platz zu erzielen waren.

    Mein Vorschläge würde ein dreigeteiltes System nach folgenden Regelungen umfassen:

    1.) Die Juries werden beibehalten und auf 10 Experten pro Land aufgestockt. 5 dieser Personen sollen die Musikwissenschaft repräsentieren (Dirigenten von philharmonischen Orchestern oder Rundfunkorchestern, Musikwissenschaftler, Musikpädagogen etc.), die anderen 5 sollen die Musikindustrie repräsentieren (keine Künstler, sondern Plattenlabels, Rundfunk, Musikverlage etc.). Während erstere sicherlich mehr Wert auf musiktheoretische Komponenten wie Harmonielehre, Instrumentation, Arrangement etc. legen, können letztere das Vermarktungspotential der Darbietungen evaluieren. Beide Populationen sollen einigermaßen alters- und geschlechtsausgewogen sein.

    Jeder Juror vergibt den klassischen Punkte-Breakdown (12, 10, 8-1) an die Top 10.

    Eine solche Jury mag für die Kritiker ein Bevormundungsinstrument bleiben, die oben genannte Zusammensetzung würde jedoch ein höheres Gewicht der Einzelstimme gegenüber dem gemeinen Televotingteilnehmer rechtfertigen. Ein Musikwissenschaftler beurteilt einen Beitrag sicherlich fundierter und eher losgelöst von persönlichen Präferenzen, zumindest wenn er gewissenhaft vorgeht und seine Verantwortung als Juror ernst nimmt – auch im Interesse seines guten Namens, der durch die Veröffentlichung der Split-Votings auf dem Spiel steht.

    2.) Die ESC-Fanclubs der jeweiligen Länder bilden die zweite Säule. Sie führen eine Abstimmung über ein Internetformular auf einer EBU-Plattform (gerne auch via Smartphone-App) während der TV-Übertragung aus, in dem sie jeden Beitrag bepunkten (z. B. von 0 bis 12). Die Teilnahme sollte eine mindestens zweijährige Mitgliedschaft im entsprechenden Fanclub und eine mindestens zweimalige Teilnahme an der Jahreshauptversammlung / Mitgliederversammlung voraussetzen. Aus den Mittelwerten aller Teilnehmer wird dann eine Rangfolge gebildet. Die Top 10 erhalten Punkte nach dem Breakdown 60, 50, 40, 35, 30, 25, 20, 15, 10, 5.

    Alternativ könnte der nationale Fanclub auf eigenen Wunsch eine 5-köpfige Jury stellen, die dann einzeln abstimmt für die jeweiligen Top 10 (12, 10, 8-1).

    Also noch ein Bevormundungsgremium mit höherem Voting-Gewicht? Auch wenn ich nicht selbst Mitglied eines solchen Fanclubs bin, wäre es für mich absolut nachvollziehbar, wenn ESC-Hardcore-Fans, die Geld für eine Mitgliedschaft bezahlen, regelmäßig Newsletter und Mitgliederzeitungen lesen, die Mitgliederversammlung besuchen, sich sicherlich wesentlich intensiver mit dem ESC und den Beiträgen im Vorhinein beschäftigen (z. B. wegen des OGAE-Polls) und zudem im Gegensatz zum Televoter jeden Beitrag gezielt bepunkten ein höheres Gewicht erhalten.

    Die OGAE-Polls der vergangenen Jahre zeigen, dass durchaus eine qualitativ akzeptable und bunte Mischung an Beiträgen auf den Top-Positionen landet.

    3.) Das Televoting-Ergebnis bringt den Top 10 Punkte nach folgendem Breakdown (120, 100, 80, 70, 60, 50, 40, 30, 20, 10). Natürlich darf jeder Zuschauer beim Televoting von jedem Anschluss aus (bzw. von einem Mobiltelefon per SMS) nur ein einziges Mal für ein Land abstimmen. Jeder darf gerne (im Extremfall 25 mal) für unterschiedliche Länder abstimmen, falls mehrere Beiträge gefällig sind, aber nur einmal für jeden Beitrag. Diaspora-Voting wird damit nicht verhindert (da auch dann noch Votes von Migranten die musikalischen Präferenzen des eigentlichen Kernlandes verfälschen), aber zumindest eingedämmt und der Anreiz für Manipulationen (a la Aserbaidschan 2013) gegen null geht, da das Kosten-Nutzen-Verhältnis dann kaum noch gegeben ist.

    Abschließend werden die Punkte aus allen drei Systemen addiert. Bei Gleichstand zählt der bessere Televoting-Rang. Die besten 10 erhalten dann die Punkte nach dem traditionellen Schema.

    Formal führt das System zu einer Punkteverteilung von 40% durch Televoting, 20% durch ESC-Fanclub-Juroren und 40% durch Experten-Juries. Durch die konzentrierte Wertung der Punkte beim Televoting und beim Fanclub-Voting (falls nicht das Jury-Modell präferiert wird) bei gleichzeitig zu erwartender Diversifizierung der Jury-Punkte (bei ausbleibenden Absprachen und deren konsequenter Sanktionierung) wird der Einfluss des Televotings effektiv höher sein. Wenn sich die Juroren sehr uneinig sind, sinkt der Einfluss des Juryvotings, im ungünstigsten Fall auf annähernd 0%, wenn die Juroren die Punkte so sehr streuen, dass die Differenz zwischen dem Jury-Sieger und dem Jury-Letzten maximal 5 Punkte beträgt. Sind sich die Juroren hingegen beim Favoriten einig, bei den weiteren Plätzen jedoch nicht, können sie einem Song zusammen mit den Fanclubs im Extremfall sogar ohne einen einzigen Televoting-Punkt zu 12 Gesamtpunkten verhelfen.

    Es wird bei Betrachtung dieser Überlegungen also offensichtlich, dass der Zweck einer solchen Jury-Regelung weniger die Abstrafung ungeliebter Beiträge, sondern die Aufwertung von qualitativ hochwertigen Beiträgen wäre. Um dennoch Klamauk zu bestrafen, könnte das System daher noch um folgende Ergänzung versehen werden:

    Beiträge, die von keinem einzigen der 10 Juroren einen Punkt erhalten haben, werden zwangsweise zurückgereiht, und erhalten selbst bei Televoting- und Fanclub-Sieg ein Maximum von 4 finalen Wertungspunkten. Es werden also so viele Beiträge mit weniger Rohpunkten um einen (ggf. auch mehrere, falls mehere Beiträge unter diese Regel fallen würden) Rang nach oben verschoben, bis der abzustrafende Beitrag auf dem 7. Platz = 4 Punkte landet. Zur Vermeidung von Missbrauch dieser Regel (die Jury könnte sich im Extremfall auf 10 Beiträge einigen, die von allen, ggf. in unterschiedlicher Reihenfolge zur Vermeidung eines Ausschlusses, bepunktet werden) soll sie nur greifen, wenn die 10 Juroren insgesamt an mindestens zwei Drittel der Beiträge mindestens einen Punkt vergeben und somit ein diversifiziertes Voting sichergestellt haben.

    Bei Anwendung meines vorgeschlagenen Punktesystems, unter Bezugnahme auf beide deutschen OGAE-Votings (EC 40%, OGAE 60%) und bei Verdopplung der Jury-Punkte (da nur 5 statt 10 vorgeschlagenen Juroren), wäre folgendes Ranking für die deutsche Abstimmung zu Stande gekommen (Total – Jury / EC / OGAE / Televote – Finale Punkte).

    1 Niederlande (200 – 96 / 4 / 0 / 100 – 12 points)
    2 Österreich (178 – 4 / 24 / 30 / 120 – 10 points)
    3 Dänemark (152 – 120 / 10 / 12 / 10 – 8 points)
    4 Polen (146 – 66 / 0 / 0 / 80 – 7 points)
    5 Armenien (103 – 44 / 0 / 9 / 50 – 6 points)
    6 Norwegen (101 – 52 / 14 / 15 / 20 – 5 points)
    7 Griechenland (94 – 0 / 6 / 18 / 70 – 4 points)
    8 Schweden (94 – 38 / 20 / 36 / 0 – 3 points)
    9 Finnland (72 – 72 / 0 / 0 / 0 – 2 points)
    10 Russland (60 – 0 / 0 / 0 / 60 – 1 point)
    11 Schweiz (52 – 12 / 0 / 0 / 40)
    12 Ungarn (36 – 0 / 12 / 24 / 0)
    13 Island (34 – 4 / 0 / 0 / 30)
    14 UK (31 – 28 / 0 / 3 / 0)
    15 Spanien (22 – 16 / 0 / 6 / 0)
    16 Aserbaidschan (20 – 20 / 0 / 0 / 0)
    17 Montenegro (8 – 0 / 8 / 0 / 0)
    18 Malta (4 – 4 / 0 / 0 / 0)
    19 Italien (2 – 2 / 0 / 0 / 0)
    20 Frankreich (2 – 2 / 0 / 0 / 0)
    21 Ukraine (0)
    22 Rumänien (0)
    23 Weißrussland (0)
    24 San Marino (0)
    25 Slowenien (0)

    EC- und OGAE-Punkte für unterlegene Halbfinalisten (Israel, Lettland) blieben außen vor.

    Zum Musikalischen (und hier endet natürlich jede wissenschaftliche Diskussion): Ich oute mich als Anhänger der klassischen Eurovisions-Balladen. Die wichtigste Regeländerung wäre für mich die umgehende und verpflichtende Wiedereinführung des Live-Orchesters, damit die großartige Grand Prix-Ära mit Siegerbeiträgen wie Monaco 1971, Schweden 1974, Irland 1987, Schweden 1991 oder Irland 1994 zurückkehrt. Dann wäre der Wertungsmodus letztlich sekundär, da komplett unwürdiger Schrott (falls es ihn dann überhaupt noch gäbe) leicht zu entlarven wäre. Über die Sprachenregelung könnte man hingegen diskutieren.

    Während ich 7 deutsche Punkte dieses Jahr für Österreich durchaus noch als angemessen betrachtete, störte mich bei den deutschen Juroren und v. a. Televotern die geringe Wertschätzung des schwedischen Beitrags, während ich Polen doch als überbewertet betrachte. Europaweit missfällt mir die Geringschätzung von Slowenien. Den Kritikern an der Jury-Abwertung der Schweiz kann man wiederum entgegnen, dass der Auftritt im Finale stimmlich doch sehr von Nervosität geprägt war und rhythmisch nicht unbedingt 100% präzise vorgetragen wurde. Ich habe noch keine Aufnahme vom Jury-Finale gesehen. Sollte das dort ähnlich gewesen sein, darf das von Music Industry Professionals schon als Grund für deutliche Abwertungen betrachtet werden. Auch wenn der Song und nicht die Interpretation im Vordergrund stehen sollte, kann und wird man das nicht trennen können.

    Ich hoffe, den Autor des Blogs mit meinen Ansichten nicht allzu sehr verärgert habe.

    Viele Grüße
    Sebastian

  13. Nur der Form halber: das müsste wohl „ALLE 5“ heißen. Und ja, wenn die Jurys bleiben (und ich sehe im Moment kaum Anzeichen für eine baldige Abschaffung), dann dürfen und sollten sie vielleicht ein bisschen diverser zusammengestellt werden. Wenn vier von fünf Juroren unter 35 und Musiker sind, obwohl es sich laut den Statuten nur um Professionelle der Musikindustrie im weitesten Sinne ohne irgendwelche Altersgrenzen handeln muss, dann ist irgendwas falsch gelaufen. Hatte Nicole gerade keine Zeit? Oder von mir aus Gunter Gabriel, Heino oder Frank Zander? (Das sind bis auf den Letztgenannten alles keine Künstler, mit denen ich großartig was anfangen könnte, aber man kann kaum bestreiten, dass diese Herrschaften wohl einen anderen Musikgeschmack an den Tag legen als eine Madeline Juno oder ein Sido.)

  14. Interessanter Vorschlag, aber ich halte ihn nicht für umsetzbar! Die Votings werden nach dem Ende des Televotings zusammengezählt, wie man dieses Jahr gesehen hat, gab es schon eine Verzögerung bis verifizierte Ergebnisse vorlagen. Wenn nun eine dritte Abstimmungssäule hinzukommt ist das Chaos viel zu groß!

    Dagegen, dass die Juries ausfgestockt werden sollen, hat wohl niemand was. Aber Dirigenten von philharmonischen Orchestern und Musikpädagogen? Nee, das führt dann doch irgendwie an der Sache vorbei und man wüsste doch eigentlich immer genau, wen diese Leute dann bevorzugen. Es soll ja noch so bleiben, dass es kein Rezept gibt, wie man den ESC gewinnt. Wenn man nun Leute abstimmen lässt, die in einem bestimmten Musikstil arbeiten und sich eigentlich nur da auskennen, dann nimmt man der ganzen Sache doch die Überraschung!

    Ebenso ist das bei den ESC-Fanclubs. Ich sehe nicht, dass die letzten OGAE-Polls soo unglaublich unterschiedlich sind. Dass Sanna Nielsen dieses Jahr abräumt, das war doch wohl jedem klar. Die ESC-Fanclubs bevorzugen eben leichte Kost, seichter Pop, nichts kompliziertes… Und das ist auch wieder vorhersehbar.

    Das Orchester hat ausgedient! Was hätte ein Orchester bei Liedern wie z.B. von Cascada letztes Jahr zu tun gehabt? Nichts! Ebenfalls würde es meiner Meinung nach einen Vorteil für Lieder bedeuten, die ein Orchester benötigen könnten. Denn, wenn das Orchester spielt, dann wird es auch eingeblendet, aber wenn das Orchester nichts zu tun hat, dann wird es nicht von der Kamera gefilmt. Das hat einen ganz anderen Effekt und verschiebt die Wahrnehmung und würde auch in gewisser Weise gegen die Regel verstoßen, dass nur 6 Leute auf der Bühne sein dürfen.

    Zum Schluss: Der Schweizer Beitrag war rhythmisc nicht präzise? Du weißt schon, dass die Musik vom Band kommt? Wenn der Beat bzw. Rhythmus irgendwie fehlerhaft war, dann lag das am Band, aber nicht am Gesang. Und wenn das so wäre, dann wäre das ein Skandal! 😉

  15. Ein weiteres Argument gegen die Einbeziehung der Fanclubs: manche Wertungen der OGAE-Abstimmung haben mit musikalischen Argumenten vermutlich eher weniger zu tun. Das miserable Abschneiden San Marinos dieses Jahr zeugt aus meiner Sicht von enttäuschter Liebe für „Crisalide“, nicht von einer derart drastischen Ablehnung von „Maybe“. Und dann muss man natürlich noch den Schwedenbonus dazurechnen, der zumindest immer dann zum Tragen kommt, wenn ein Dauerteilnehmer des Mello und/oder ein echter Siegkandidat für Schweden antritt – Sanna Nielsens Bewertung dieses Jahr hatte mit der Realität jedenfalls nur tangentiell etwas zu tun.

    Und das Orchester? Nein. Bitte nicht. Nie wieder. Wer sich mal die Studiofassungen der Beiträge von (nur zwei Beispiele) 1978 oder 1982 angehört hat und das mit den Liveauftritten in Paris respektive Harrogate vergleicht, der weiß, wie ein schlecht gelauntes Orchester einen Song kaputt spielen kann. Ich hätte persönlich nichts dagegen, wenn man den Künstlern gestatten würde, live Instrumente zu spielen – das hätte bei einigen Auftritten dieses Jahr mit Sicherheit interessante Konsequenzen gehabt, zum Beispiel bei den Niederlanden, der Schweiz oder Finnland – , aber bitte zwingt die Künstler nicht dazu. Abgesehen von Alex‘ gutem Argument, dass Electronica-Künstler davon überhaupt nichts hätten, wenn sie ihren Stil nicht komplett umwerfen, ist es schlicht unfair gegenüber den Performern, sich binnen kürzester Zeit auf ein ihnen vorher mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit unbekanntes Orchester einstellen zu müssen. Das würde ein Zufallselement einbringen, das zumindest ich nicht haben muss.

  16. Hier nochmals einige Anmerkungen:

    1.) Als technisch undurchführbar würde ich das dreiteilige System nicht betrachten. Ich hatte schließlich angeregt, dass die Fanclubs die Beiträge während des Contests sofort bewerten (indem z. B. die Bewertung des jeweiligen Beitrages nur während des Auftritts und der nächsten 30 Sekunden frei geschaltet ist, damit stellt man auch sicher, dass die Fanclub-Voter ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit für den Contest und das Voting aufbringen müssen), sodass die Ergebnisse deutlich vor denen des Televotings vorliegen würden. Die technische Plausibilität und versteckte Absprachen könnte man leicht mit statistischen Testverfahren automatisiert detektieren, ein EBU-Schiedsrichter müsste nur bei Unregelmäßigkeiten eingreifen. Auch die Auswertung und Konvertierung in Punkte könnte man ebenso wie beim Jury-Voting automatisieren, sodass nach Auszählung und Plausibilitätsprüfung des Televotings nur noch dessen Ergebnisse hinzugezählt werden müssten. Eine zeitliche Verzögerung sollte im Regelfalle nicht entstehen. Dass man so ein System vorher testen muss (z. B. beim JESC oder im Rahmen der Proben) ist klar.

    2.) Mein Kommentar zu den „vorderen Plätzen“ beim OGAE-Poll bezog sich nicht nur auf die Sieger, sondern auf die abwechslungsreiche Bestückung der Top 10.

    3.) Die Dirigenten und Musikpädagogen waren natürlich nur ein Beispiel für Berufsgruppen, in denen Musikwissenschaftler zu finden sind. Erstere (oder z. B. auch Generalmusikdirektoren von Musiktheatern, Opernhäusern oder Musical-Bühnen) machen natürlich im Zusammenhang mit einem Live-Orchester besonders viel Sinn, da sie darauf trainiert sind, das Zusammenwirken von Vokalisten mit einem Orchester zu kritisieren und zu optimieren. Die Vielfalt der repräsentierten musiktheoretischen Berufsgruppen und „Musik-Industriellen“ in der Jury soll den besonderen Reiz ausmachen und eben den ESC nicht berechenbar machen. Eine Opern-Arie mag den Generalmusikdirektor des Opernhauses und ggf. den Musikpädagogen beeindrucken, den Vertreter des Plattenlabels (und wohl auch den durchschnittlichen Televoting-Teilnehmer) jedoch unbeeindruckt lassen. Bei Lordi mag es umgekehrt sein. Eine dermaßen diversifizierte Punktevergabe mit vielfältigen Berufsgruppen in der Jury, Fanclub-Voting und Televoting würde den Contest zumindest anfangs wohl relativ unberechenbar machen und sicherlich unterschiedliche Philosophien und Herangehensweisen herbeiführen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass das musikalische Spektrum durch das vorgeschlagene Wertungssystem zumindest anfänglich breiter würde.

    4.) Alex’s Vorschlag die Hälfte der Jury mit ganz normalen Leuten zu besetzen, würde doch den Jury-Kritikern noch mehr Öl ins Feuer gießen. Welche besondere musikalische Fachkompetenz außer des persönlichen Geschmacks soll denn ein normaler ESC-Zuschauer zur Jury-Bewertung beitragen, die eine u. U. 100.000-fach höhere Stimmengewichtung im Vergleich zum Televoting-Teilnehmer rechtfertigt? Das würde wiederum nur Sinn machen und berechtigt sein, wenn man ESC Hardcore-Fans mit langjähriger Expertise und intensiver Beschäftigung mit den Beiträgen auswählt. Diese findet man dann eben v. a. in den OGAE-Fanclubs.

    5.) Das Orchester wird natürlich immer ein Lieblings-Streitthema zwischen eingefleischten Grand Prix-Fans und der modernen ESC-Bewegung bleiben. Es hat ausgedient? Beim San Remo-Festival glücklicherweise noch nicht und man kann wahrlich nicht behaupten, dass dort nur einfältige, rückständige oder balladige Darbietungen zu sehen sind. Es ist durchaus beabsichtigt, dass Beiträge, welche ein Orchester sinnvoll einbinden, durch die Wiedereinführung gefördert würden. Ich würde aber noch einen Schritt weiter gehen und die Playbacks komplett verbieten. Alle Instrumente sind live zu spielen. Das kann und soll natürlich auch Instrumente umfassen, die nicht in einem philharmonischen Orchester zu finden sind, wie z. B. ein Piano, ein Keyboard, einen Synthesizer, einen E-Bass oder ein digitales Drumkit.

    Die Tatsache, dass zunehmend mehr Interpreten Instrumente auf die Bühne schleppen und dann ein Pseudo-Spiel zum Playback darbieten, führt doch die Musik ad absurdum und ist letztlich als lächerlich und effekthascherisch zu verurteilen. Das sollte man viel eher verbieten als den Live-Einsatz der Instrumente.

    Gleich mit verbieten sollte man Bühnenfeuerwerk, Konfetti-Orgasmen, Trickkleider und meterhohe digitale Projektionswände – zumindest für den eigentlichen Contest, beim Opening und Interval Act mag das noch seine Berechtigung haben. Würde ohne Playback ohnehin deutlich schwieriger zu programmieren und zu timen sein. Die Beeinflussung des gemeinen Televoting-Teilnehmers durch solche Effekte ist nicht zu leugnen, sonst würden sie nicht bei nahezu jedem Beitrag eingesetzt. Es ergibt sich wohl der Eindruck, dass die Bühnengestaltung und der Effekteinsatz allmählich zur Leistungsschau der ausrichtenden Broadcaster mutiert und immer mehr überhand nimmt. Hier könnte man einiges an Geld einsparen, das dann bei der Aufrechterhaltung und Förderung der Rundfunkorchester gut angelegt wäre.

    Es handelt sich um einen Song Contest, nicht um einen Bühnenshow-Contest. Im Hörfunk oder beim Kauf einer CD oder eines mp3-Files steht schließlich auch kein Feuerwerk oder Trickkleid zur Verfügung um den Hörer zu verführen. Der ESC kam 40 Jahre lang ganz gut ohne all dies aus. Nur mit Orchester, Dirigent, Interpret(en) und Auditorium.

    Conchita mit Live-Orchester (und guter Kameraführung) wäre sicherlich wesentlich genialer gewesen. Vor dem letzten Refrain fängt die Kamera das Schlagwerk ein, es erschallt ein Paukenwirbel, ein Beckenschlag, der Schwenk zurück auf die Interpretin, das Anschwellen der Stimme, entsprecht gestisch untermauert, an strategischen Stellen werden die Blechbläser gezeigt, zur gleichen Sekunde tragen die überall in Europa vor den Bildschirmen sitzenden enthusiastischen Fanclub-Juroren 12 Punkte ins Online-Formular ein …

    Sehr zu empfehlen zum Orchester-Thema ist auch http://www.esclivemusic.com/index.php/history

    6.) Beim Schweizer Beitrag bezog sich meine Kritik auf die nicht ganz perfekte rhythmische Übereinstimmung zwischen Playback und Gesang. Das kann jedoch auch am jeweiligen Video liegen. Ich habe mir das heute nochmals in einem anderen Video angehört und fand eigentlich nur zwei Unsauberkeiten.

  17. OK, jetzt verstehe ich, was du möchtest. Einen Contest, der allein auf das Lied fokussiert ist.

    Aber ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass das wirklich jemals der Fall beim ESC gewesen ist. Wenn es nur um das Lied ginge, dann hätten die Organisatoren einen Contest im Radio veranstaltet. Aber nein, sie haben ihn bewusst als Fernsehshow inszeniert, wo die Juroren die singenden Teilnehmer sehen, nicht nur hören, können. Und das von Anfang an! Klar, damals gab es noch kein Feuerwerk und Pyro etc., aber es ist doch auf der anderen Seite immens wichtig, dass sich etwas weiterentwickelt. Wer würde denn heute noch die Show von vor 60 Jahren sehen wollen? Also jetzt nicht als nostalgische Wiederholung, sondern ernst gemeint in dem Stil von damals. Man darf eins nichts vergessen, auch beim ESC spielen die Finanzen (für die Organisatoren) die erste Rolle! Und heutzutage bekommt man die Leute nur vor den Fernseher, wenn man etwas Außergewöhnliches bietet. Und wie gesagt, die Optik bzw. die Show hat schon immer eine gewisse Rolle gespielt. France Gall, zum Beispiel, damals 1965. Ihr kindliches Lied hat sie perfekt mit ihrer unschuldigen, kindlichen Mimik und Gestik unterstrichen! OK, keine Pyro, aber dennoch ein wirklich starkes optisches Signal, das jedem irgendwie sympathisch war! Und in den 70ern kam doch wirklich die Idee der „Show“ auf Hochtouren. Es wurde getanzt und geschauspielert… Also davon zu sprechen, dass man zu den guten alten Zeiten zurückkehren sollte, ist einfach nicht wahr, denn der Contest war immer sowohl für das Ohr als auch für die Augen bestimmt.

    Und noch ein Kommentar zu der Idee mit den ESC-Fans-Juries: Auch dieser Idee würden spätestens die Finanzen einen Strich durch die Rechnung machen. Für jeden Juror oder jede Jury einen statistischen Test berechnen lassen, der sicher zeigt, ob jemand betrügt oder nicht kostet immens viel Geld! Und kein Land wird so dumm sein und eine ganze Jury bestechen, sondern, wenn dann lediglich einzelne Personen und die werden dann nicht durch statistische Tests auffliegen. Ebenfalls finde ich, wenn man die Fanclubs miteinbezieht, dann fördert man „ESC-typische Musik“. Meiner Meinung nach darf es diese aber nicht geben! Dieser Contest sollte irgendwann erreichen, dass jeder Musikstil willkommen ist! Wenn man nun Leute in die Juries setzt, von denen man weiß, dass sie einen bestimmten Musikstil bevorzugen, dann verhindert man die Vielfalt im Contest!

  18. Moment…vierzig Jahre lang? Das hieße also, dass wir bis 1996 keinerlei Mätzchen hatten, die vom Song ablenken – oder, wie ich das freundlicher ausdrücken würde, ihn unterstreichen – sollten?

    Sorry, aber das ist ziemlicher Unsinn. Alex hat schon France Gall erwähnt, und auch Sandie Shaw 1967, Dana 1970, ABBA 1974 oder (um mal etwas zu erwähnen, das nicht gewonnen hat) Ireen Sheer 1978 hatten jeweils ihre Tricks und Kniffe, die im striktesten Sinne nichts mit der Musik zu tun hatten. Das ist bei einer Fernsehshow schlicht unvermeidlich, und um ehrlich zu sein, sehe ich keinen Grund dafür, sowas zu verbieten – im Gegenteil, das wäre aller Wahrscheinlichkeit nach der Todesstoß für die Veranstaltung. Man kann nicht 2015 Fernsehen nach den Maßstäben von 1965 machen. Wenn es wirklich nur um das Lied geht, kann man die Leute auch gleich live eingesungene Aufnahmen bewerten lassen, damit das Aussehen des/der Vortragenden nicht unnötig ablenkt und man sich die Bühnendeko spart. Nur wäre das eben auch sturzlangweilig und hätte keinen Platz im Fernsehen – der Eurovision Song Contest hat seine eigenen Tropes und Gesetze, und die haben sich im Laufe der Zeit eben gewandelt. Man kann natürlich darüber diskutieren, wie viel Glitter, LED-Kram und Feuerwerk „sein muss“, aber es komplett verbieten? Nein.

Oder was denkst Du?