Finale 2014: The Secret is Love

Schon der Einspieler hätte es erahnen lassen können, in dem die Dänen die Eurovisionstrophäe, das gläserne Mikrofon, vom 14 Kilometer entfernten Malmö nach Kopenhagen holten – mit abenteuerlichen Stunts in bester James-Bond-Manier und unterlegt von den jazzigen Klängen des 1963er Siegertitels ‚Dansevise‘ vom dänischen Filmmusikkomponisten Jørgen Ingman. Dennoch: dass am Ende dieses grandiosen Abends eine österreichische Diva mit Bart und einer shirleybasseyesken Bond-Ballade selbige Trophäe mit einem triumphalen „We are unstoppable!“ in die Luft recken würde, hätte ich in meinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt. Doch Europa zeigte sich an diesem denkwürdigen, geschichtsträchtigen Samstag toleranter und offener als erwartet. Und zwar – ebenfalls entgegen der vorherigen Befürchtungen – regionenübergreifend in Ost und West. Nur die Jurys erwiesen sich mal wieder als konservative Horte der Homophobie (ja, der Finger zeigt auch auf Dich, Deutschland!), konnten aber den deutlichen Sieg von Conchita Wurst nicht verhindern. Und so dürfte der 60. Jubiläumsjahrgang im kommenden Mai in Wien stattfinden, wo er zuletzt 1967, in meinem Geburtsjahr, gastierte.


Sissi reloaded: die neue österreichische Kaiserin regiert

Lange Zeit stand die Grand-Prix-Teilnahme unseres Nachbarlandes unter keinem guten Stern: halbgare Songs, enttäuschende Platzierungen und beleidigtes Fernbleiben kennzeichneten die österreichische Eurovisionsbilanz der letzten zwei Dekaden. Diesmal machte der ORF alles richtig: er bestimmte die in bereits zwei Vorentscheidungen knapp gescheiterte Conchita intern zu seiner Vertreterin, ließ ihr bei der Songauswahl freie Hand (was übrigens zur Folge hatte, dass wir zumindest ein bisschen siegten: zwei der vier Autoren von ‚Rise like a Phoenix‘ stammen aus Deutschland) und sorgte im Verbund mit ihrem Manager in Kopenhagen für eine perfekte Präsentation ihres Titels. Eine fünfundvierzigsekündige Kamerafahrt – in Zeiten hektischer Schnitte eine schon fast anachronistisch altertümliche Erzählsprache – leitete ihren Auftritt ein und signalisierte sofort das Besondere und Mutige an dem Titel. Kein Schnickschnack, keine Tänzer, keine Chorsänger, keine Gimmicks lenkten von der Person der Sängerin ab, die ihren – selbstverständlich autobiografischen und mit Bedeutung aufgeladenen – Song mit Ernsthaftigkeit und Würde präsentierte. Und, nicht zu vergessen, mit großer Stimme sang. Das war, dem Barte zum Trotz, kein Spaßbeitrag, keine Freakshow: es war eine Haltung, die Frau Wurst hier zeigte.


Befreie Dich aus dem Hamsterrad der Konventionen, Mariya! (UA)

Eine Haltung, die in besagtem Bart und im Künstlername der Bühnenfigur Wurst bereits zum Ausdruck kam: Geschlecht ist ein soziales Konstrukt, eine gesellschaftliche Konvention, mit der es sich auch spielen und die sich aufbrechen lässt. In Zeiten krisenbedingt zunehmenden Hasses gegen alles, was anders ist; in Zeiten des „Anti-Propaganda-Gesetzes“ in Russland, das schon das Reden über Normabweichung unter Strafe stellt; in Zeiten, wo auch in Deutschland Dumpfkonservative Sturm gegen die Behandlung von Homosexualität im Schulunterricht laufen und homophobe Hassprediger wie Akif Pirinçci Bestseller landen und ihren wirren Stumpfsinn unwidersprochen in ARD-Sendungen kippen dürfen, eine dringend notwendige Haltung und wichtige Botschaft. Um so schöner die Bestätigung, die Europa der glaubwürdig gerührten Dragqueen zuteil kommen ließ und die mir wenigstens ein kleines bisschen den Glauben an die Menschheit zurückgab.


Bart- und Botschaftsbrüder Conchitas: Pollapönk (IS)

Bedauerlich hingegen, dass die in der Halle anwesenden, vorsichtigen Schätzungen zufolge zu mindestens 75% aus schwulen Männern bestehenden Fans, die Conchita auf einer Wolke aus Liebe und Applaus durch das Semi und das Finale trugen (einen derartig ohrenbetäubenden Jubel habe ich, seit den den Grand Prix mitverfolge, noch nicht erlebt!) die von ihrer und meiner Heldin ausgesandte Botschaft der Toleranz und des gegenseitigen Respekts gleichzeitig auf so schändliche Weise mit Füßen traten, in dem sie bereits beim Einmarsch der Tolmachevy Sisters aus Russland zu Showbeginn lauthals buhten, noch bevor die siebzehnjährigen früheren Junior-Eurovisions-Siegerinnen den ersten Ton gesungen hatten. Als ob die beiden jugendlichen Wiedergängerinnen der Kessler-Zwillinge (DE 1959) irgendetwas für die Politik ihres Präsidenten könnten! Alle Appelle der Organisatoren zur Fairness gegenüber den Künstlern verhallten leider ungehört, stattdessen aggressive Mißfallensbekundungen auch bei der Punktevergabe – am absurdesten das Ausbuhen der russischen Punktefee und Vertreterin von 2000, Alsou. Welche Botschaft glaubten die Fans, damit an die Zuschauer im einstigen Sowjetreiche zu senden? Die des Friedens, der Liebe und der Toleranz? Ich schäme mich für meine Schwestern!


Hi-hüpf: bei schönen Griechen springt das Herz im Leibe

Nach so viel Politik nun endlich zu den Beiträgen: für die Ukraine eröffnete Mariya Yaremchuk den Abend mit einem eingängigen, aber auch wenig erinnerungswürdigen Popsong namens ‚Tick Tock‘. Warum sie einen schwarz gekleideten Herren in einem Hamsterrad mitbrachte, bleibt wohl ihr Geheimnis – er lenkte ziemlich von dem Song und Mariyas tadelloser gesanglicher Leistung sowie ihren schlangenfrauhaften Bewegungen ab. Natürlich musste auch sie kurz aufs Rad – hier wartete ich darauf, dass sich ihr langes, im Windmaschinensturm flatterndes Kleid in den Holzspeichen verfinge. Der unschöne Unfall blieb (leider?) aus. Das Nagetier spielte auch im nächsten Beitrag aus Weißrussland eine Rolle, sang der schnittige Teo doch „I don’t wanna be your trippy Hamster Date“. Oder etwas in der Art, man verstand es nicht so genau. Mit seiner Tanzstundenvorführung wirkte er etwas weniger Robin-Thicke-sexistisch als noch im Vorschauvideo: eher Robin Thinne also. Auch Aserbaidschans Dilara Kazimova setzte auf optische Ablenkung: bei ihr turnte eine Trapezkünstlerin durchs Bild, was keinerlei Bezug zu ihrer zähen Ballade ‚Start a Fire‘ aufwies. In der Castingshow Böyuk Sehne, aus der sie siegreich hervorging, stach Dilara mit einer völlig abgefahrenen Coverversion des Propellerhead-Klasssikers ‚History repeating‘ hervor, die ahnen ließ, dass man ihr besser eine schräge Uptemponummer à la ‚Kukushka‘ (Vorentscheid UA 2011) gegeben hätte als diesen ranzigen Schleim.


Pluspunkte für die Dirty-Dancing-Referenzen im Text! (BY)

Es folgten zwei skandinavische Highlights: die als Teletubbies verkleideten isländischen Erzieher / Parlamentsabgeordneten / sexy Vollbartträger Pollapönk mit der lustigen Funpunkhymne gegen Stottererverspottung, ‚No Prejudice‘ (was für ein cooles Volk die Isländer sein müssen, das auszuwählen!), und mein künftiger Ehemann, der Norweger Carl Espen. Ein, wie Peter Urban während des Einspielers (übrigens eine prima Idee des dänischen Fernsehens, die Künstler ihre Landesflaggen handwerklich nachbauen zu lassen, das hatte Charme) erzählte, ehemaliger Kosovo-Soldat, Schreiner und Türsteher und optisch mit Vollbart, Fleshtunnelohrring und großflächigen Unterarmtattoos eher der kernige Typ, der uns mit sanfter, zitternder Stimme von seinen Sehnsüchten und Ängsten, von seinem innerlich tobenden ‚Silent Storm‘ erzählte. Und das mit einem Höchstmaß an Glaubwürdigkeit und Authentizitiät, gewissermaßen nackt und schutzlos auf der großen Bühne. Mich rührte das sehr an, die Juroren auch. Lediglich beim Publikum kam Carls Ballade nur mittelgut an: es scheint noch ein weiter Weg, bis auch nicht als Frauen verkleidete Männer straflos über ihre Gefühle reden dürfen.


Butche Kerle mit Gefühl: es gibt nichts Geileres! (NO)

So authentisch der Norweger wirkte, so aufgesetzt und künstlich entfaltete sich die rumänische Darbietung der Rückkehrer Paula Seling und Ovi (RO 2010) vor uns. „Liberaces Toilettensitz“ nannte ein britscher Blogger treffend das kreisrunde Keyboard Ovis, aus dem er gelegentlich hervorlugte wie ein Ochsenfrosch aus dem Plumpsklo, wenn er nicht gerade mit seiner Duettpartnerin die wohl unglaubwürdigste Umarmung seit Chanée & Nevergreen (DK 2010) aufführte. Bezeichnend auch, dass der – wie Blogger aus Kopenhagen berichteten – unter einem extrem aufgeblähten Ego leidende Ovi die einzigen 12 Punkte des Abends – natürlich aus dem Bruderstaat Moldawien – mehr oder minder regungslos zur Kenntnis nahm. Ich hoffe, wir sehen die Zwei nie mehr wieder! Aram MP3, der armenische Vorabfavorit bis zum triumphalen Durchmarsch Conchitas im zweiten Semi, soll laut Urban Apotheker sein. Warum nahm er dann nichts gegen sein Unwohlsein? Jedenfalls sah er ziemlich fahl und kränklich, ja fast grün im Gesicht aus – lag es daran, dass er die rumänische Darbietung mit ansehen musste? Auch schwächelte er in den leiseren Parts seiner düsteren Ballade ‚Not alone‘ stimmlich. Sein vierter Platz im Gesamtklassement ist dennoch berechtigt, dafür war seine sanft beginnende, sich dann langsam immer dramatischer steigernde und nach einer brettharten Dubstepeinlage wieder sanft ausklingende Nummer einfach viel zu gut.


Bei 0:37 Minuten: schöne Brosche! (AM)

Sergej Ćetković aus Montenegro verdarb sich jegliche Chancen für seine merkwürdig abgehackt endende Balkanballade ‚Moj Svijet‘ durch die überflüssige Eiskunstläuferin auf der Bühne, die nur ablenkte und wie eine billige Kopie von Dima Bilans Siegperformance von 2008 wirkte. Musste er den Juroren dankbar sein, dass er überhaupt ins Finale einzog, so dürfen die Polen zu Recht die Hasskappe aufsetzen: ihre fabelhafte Nummer My Słowianie‘ von Donatan & Cleo wertete das Manipulationsgremium brutalstmöglich herunter. Natürlich: ein zeitgemäß bassbollernder, herausragend gerappter, mit Akkordeon neofolkloristisch angereicherter, druckvoller Song über die Vorzüge slawischer Frauen mit der Kernaussage „Schüttel, was Deine Mama Dir gab“ und in herrlichst eigenironischer Art und Weise präsentiert von selbstbewussten Frauen, die bezopft und im Dirndl alberne Landfrauenklischees durch Übertreibung der Lächerlichkeit preisgeben, und das Ganze noch auf spielerisch-lustvolle Weise – das kann ja nicht angehen!1)Die zehn deutschen Punkte können als weiterer Beweis für die Absurdität des Wertungsverfahrens gelten: beim deutschen Publikum landeten Donatan & Cleo auf Rang 3, die Juroren setzten sie auf einen gemittelten vierten Rang. Wegen der sonst recht unterschiedlichen Wertungen reichte das im Gesamten für einen zweiten Platz. Von meiner Seite aus bekamen die Polen Bonuspunkte für die witzige Idee, das für das telegene Wäscheschrubben im Holzzuber benötigte Wasser aus dem vom dänischen Fernsehen um die Bühne herum gebauten Wassergraben abzuschöpfen. Und für das hingebungsvoll butternde Milchmädchen! Das war einfach nur großartig!


Hier haben Hausfrauen noch Spaß an der Arbeit! (PL)

Gewissermaßen als Anheizer für Conchita fungierte das schmucke griechische Trio Freaky Fortune und RiskyKidd, das mit dem energiegeladenen Clubstampfer ‚Rise up‘ (einer der wenigen Dancesongs, die live besser klingen als in der Studiofassung) die Halle zum Kochen brachte. Sie brachten das einzige Bühnengimmick des Abends mit, das tatsächlich Sinn machte: erhöhte das Trampolin doch den Spaß- und Energielevel des Songs nochmals dramatisch! Leider geil! Elaiza waren hinter der fabelhaften Österreicherin natürlich verloren: nach der charismatischen, botschaftsdurchdrungenen Dragqueen wirkte ihr leicht plodderiger Song noch unentschlossener, als es durch die Hookline schon zum Ausdruck kam. „Is it right or is it wrong?“: ja, das wusste von den Anrufern und Juroren auch keiner so recht! Denn die drei Mädels lieferten mit ungewöhnlicher Instrumentierung und schnickschnackfreier Darbietung durchaus einen Grand-Prix-Beitrag, für den man sich nicht schämen muss. Dankenswerterweise hatten sie auf den zwischenzeitlich angedrohten Zirkusclown aus dem Video verzichtet, dafür sorgte die Luftschlangenkanone am Ende für einen stimmigen visuellen Wumms. Elaiza können erhobenen Hauptes nach Deutschland zurückkehren, sie haben ihre Sache im Rahmen ihrer Möglichkeiten gut gemacht. Vielleicht wählen wir nächstes Jahr dann ja mal einen Song, der nicht nur im Inland gut ankommt.


Kein internationales Erfolgsrezept: floral gemusterte Humptatamusik (DE)

Herb hingegen der letzte Platz mit nur zwei Mitleidszählern für Frankreich. Dabei brachten Twin Twin mit ‚Moustache‘ eine witzige und philosophische Nummer im Stromae-Sound auf die Bühne, und für den nackten Oberkörper des Nichtzwillings Patrick Biyik müsste es Sonderpunkte geben. Allein: live klang der Gesang grauenvoll. Schade! Welcher ihrer unzähligen, stets bereitwillig der Klatschpresse anvertrauten Schicksalsschläge wohl unsere Michelle bewog, sich unter dem schwedischen Tarnnamen Sanna Nielsen am Ort ihres achten Platzes für Deutschland nochmals der Konkurrenz zu stellen? Trotz des sakralen Lichtkegels, in dem die Blondine im kleinen Schwarzen stand und ihren Suizid androhte (ich verstand jedenfalls ständig „Undo myself“), wirkte der Auftritt nicht beseelt, sondern steril und klinisch. Im Gegensatz zu Conchita, die beeindruckenden Gesang ablieferte, ohne dabei eine Miene zu verziehen, hinterließ Sanna den Eindruck, als müsse sie sich die Töne unter höchster Anstrengung aus dem Leib pressen.


Stets zum Scheitern verurteilt: Mitmach-Animation (FR)

Da fand ich im Vergleich zur Schwedensirene tatsächlich die Tolmachevy-Schwestern noch besser, obschon ihr ‚Shine‘ nun wirklich nach einem Amalgam sämtlicher azerischwedischen Beiträge der letzten fünf Jahre klang und die wohl hauptsächlich zum Steuern der Wippe benötigten Plexiglasstäbe etwas nach Star-Wars-Lichtschwertern aussahen. Und das Herumfuchteln mit ihnen ein bisschen nach Angriffskrieg, aber diese Assoziation mag der aktuellen politischen Lage geschuldet sein. Ähnlich wie bei Frau Yaremtschuk wartete ich hier vergebens darauf, dass nach dem Absteigen der ersten Tolmachefin von der Wippe die Hebelkraft zuschlüge und die Andere nur in hohem Bogen von besagtem Bühnengimmick flöge, was aber nicht passierte. Dass der Zweitplatzierte der portugiesischen Vorentscheidung, Rui Andrade, sich bei den Beiden als Chorsänger und Lampionauffalter verdingen musste, hatte etwas Imperialistisches. Oder handelte es sich vielmehr um eine Art eurovisionäres Asyl?


Bisschen gruselig: die russischen Shining-Zwillinge

Emma Marrone aus Italien beschloss, sich ihre Vorschusslorbeeren selbst zu verleihen und erschien – wie auch ihre Begleitmusiker – im Kaiser-Nero-Outfit mit Kranz im Haar. Das nenne ich mal das Schicksal herausfordern! Leider ging zwischen ihrer Ernennung und dem Finalauftritt das rotzig-giannananinnihafte ihrer Stimme ein bisschen verloren. Und das Herumrobben auf dem Bühnenboden wirkte eher brünftig als rockchickmäßig. So kam nun auch Italien im Big-Five-Wertungskeller an – mal schauen, ob die divenhaften Ragazzi nächstes Jahr noch mitmachen. Tinkara Kovač aus Slowenien, auch sie nur durch Jurygunst im Finale, verzichtete diesmal auf den sie im Semi noch umtanzenden Tod (ihr dortiger Tänzer trug ein etwas unglücklich gewähltes weißes Kapuzenshirt, so dass er ein wenig wie der Grimme Schnitter aussah). Leider jedoch nicht auf das schlimme nachtblaue Kleid und die Flöte. Ihr Song ‚Round and round‘ war nach 20 Sekunden auserzählt, drehte sich aber dennoch die vollen drei Minuten. Gut, jemand muss ja auch Vorletzter werden. Coldplay bereiten mir in der Originalbesetzung bereits so viel Vergnügen wie ein hartnäckiger Fußpilz. Von einer Handvoll finnischer Schulkinder (aka Softengine) in silbernen Anzügen auf Miniplaybackshow-Niveau nachgeahmt, steigert sich dieses Vergnügen ins Unermessliche. Vor dieser Art von formatradiofreundlicher Heteromucke flüchtete ich einst zum Grand Prix. Kann man das also bitte irgendwie aus meinem Heiligtum heraushalten?


Der Italiener schaut nicht in die Kamera!

Ruth Lorenzo aus Spanien (Briten auch bekannt aus X-Factor) gab uns, passend zum Titel ihrer konstruiert-kitschigen Disneyballade ‚Dancing in the Rain‘, den begossenen Pudel: mit klatschnassen Haaren stand sie auf der Bühne und schrie sich in schlechtester Castingshowmanier die Lungen wund. Wenn Du Dir da mal nicht den Tod holst, Kind! Wie erwartet, wurden die Juroren bei dem Gejodel feucht im Schlüpfer und übergossen sie mit Punkten. Jammer. Weniger Liebe brachten sie, im Gegensatz zum Publikum, dem Tessiner Schnuckel Sebalter entgegen, der eine Art musikalischen Gemischtwarenladens entbot, in dem ständig irgendetwas anderes passierte. Ob fröhliches Pfeifen (war das eigentlich live oder vom Band?), die engagiert mißhandelte Rybak-Fiedel oder Trommeln: Sebalter grinste sich mit gewinnendem Lausbubenlächeln durch das Folk-Potpourri. Selbst der italienische Akzent beim englischen Text von ‚Hunter of Stars‘ wirkte bei ihm irgendwie niedlich.


Putzig kann der Schweizer halt. 2015 dann das Heidi?

Geteilte Meinungen verursachte der Einfall der Ungarn, das düstere Thema der familiären Gewalt gegen Kinder mit den Mitteln des interpretativen Tanzes darzustellen. Ich fand es gelungen, auch wenn die heldenhafte Rettung des geknechteten Mädchens durch das singende Monchichi András Kállay-Saunders ganz am Ende arg dick aufgetragen wirkte. Doch wie hätte man die Geschichte sonst auflösen wollen? Musikalisch gab es an der stimmstark interpretierten Drum-n-Bass-Ballade ohnehin nichts auszusetzen, bis auf die Tatsache, dass András Schützling in seiner Aussprache nicht nach Hilfe rief, sondern sich ein Hundebaby wünschte („She cries for Welp“): hier hörten und sahen wir einen der stärksten Eurovisionssongs der letzten zehn Jahre, eines Sieges würdig. Mal schauen, ob die deutschen Radiostationen den Song nun vielleicht wenigstens in ihre Playlist aufnehmen: besser als das Meiste der zurzeit angesagten „Neuen Deutschen Depression“ (Zitat einer befreundeten Mitschauerin) ist es allemal. Und einen paneuropäischen Hit hätte András verdient!


Fit but he knows it: der András (HU)

Den maltesischen Mumford-Söhnen von Firelight sah man an, dass die Insel nicht allzu groß und dort jeder mit jedem verwandt ist. Ihr kellyesk-biederes Outfit täuschte über den schlüpfrigen Text hinweg (If you want me near then you must come for the ride“ – und sang er nicht am Anfang „Freedom of life, I will express my soul / Look me in the eye and electrify my hole“?). Lag es am niederländischen Neocountry-Überraschungserfolg, dass ihr niedlicher Inselfolk so schlecht abschnitt? Die Common Linnets hatten zunächst unter dem Heimbeitrag zu leiden: die als visueller Höhepunkt des Auftrittes des dänischen Kellners Basim und seinem auch in seiner Schnellnervigkeit an Scatman Johns ‚Ski Ba Bop Ba Dop Bop‘ erinnernden ‚Cliché Love Song‘ entrollte Flagge hatte sich verhakt, so dass die Umbaupause länger dauerte als geplant. Schließlich konnten die Beiden aber doch loslegen und ihren relaxten, harmonisch fließenden Bluegrass-Song ‚Calm after the Storm‘ zum Besten geben. Ihr zweiter Platz für das bis zum Vorjahr chronisch erfolglose Eurovisionsland darf als weitere große Sensation des Abends gelten – zumal mit einem Titel aus dem Einflussbereich des bislang als sicheres Grand-Prix-Kassengift geltenden Country. Und dann trat Waylon auch noch mit Amish-Hut auf und Ilse de Lange im spießigen Blümchenblüschen. Und sie sangen vis-à-vis, einander zugewandt, eine intime und dem Publikum abgewandte Atmosphäre erzeugend. Mit anderen Worten: die Niederländer gaben einen Scheiß auf bislang unumstößliche Eurovisionsgesetze – und lagen damit goldrichtig.


Ein Touch Dornenvögel: die Bluse des Grauens und ihr Priester (NL)

Vor vierzig Jahren konnte Ralph Siegel seinen ersten Beitrag beim Eurovision Song Contest platzieren: ‚Bye bye, I love you‘ von Ireen Sheer für Luxemburg. Vermutlich aus Anlass dieses Jubiläums gewährten die Televoter und Jurys des ersten Semis ihm und Valentina Monetta im dritten Anlauf für San Marino den Finaleinzug, wo er mit dem angestaubten ‚Maybe‘ auf Rang 24 landete. Oder hoffte man, er gäbe dann vielleicht endlich Ruhe? Da kennt die Welt aber ihren Herrn Siegel schlecht! Gruselig übrigens die während des zweiten Schnelldurchlaufs gezeigte Backstageszene, als der unrasierte und mit Sonnenbrille maskierte über Siebzigjährige seine halb so alte Schutzbefohlene in enger Umklammerung an den Kameras vorbei schleifte, als sei er Silvio Berlusconi. Große Hoffnung setzten die Briten in ihr Nachwuchstalent Molly Smitten-Downes. Leider enttäuschte das den Geist des 1997er Verlegenheitssiegers ‚Love shine a Light‘ atmende Werk ‚Children of the Universe‘ auf ganzer Linie, auch wenn es mit der perfekt auf den anschließenden Beginn des Televotings abgestimmten Textzeile „Power to the People“ endete. Da fehlte irgendwie der Wumms.


Gab die indische Göttin: Molly (UK)

Von den Pausenacts konnten insbesondere die Clips mit Borgen-Augenschmaus Pilou Asbæk als Führer im fiktiven Eurovision Museum oder als Part der moderierenden Glee-Truppe mit ihrem Loblied auf die Zwölf überzeugen – auch wenn Casper, Entschuldigung, Pilou hier ohne den charakteristischen und schmückenden Vollbart antrat und nacktgesichtig aussah wie ein Briekäse auf zwei Beinen. Als komödiantische Highlights des Votings erwiesen sich die zu einem Botoxmonster kaputtoperierte Sabina Babayeva (AZ 2012) mit ihren krassen Schlauchbootlippen; der sich offensichtlich noch nicht im Stimmbruch befindliche sanmarinesische Knabe, der die äußerst faulig riechenden Douze Points der dortigen Jury nach Aserbaidschan durchgeben musste; die ferngesteuert grinsende Alyona Lanskaya (BY 2013), die in völliger Verzweiflung über ihre nacheurovisionäre Bedeutungslosigkeit nicht an sich halten konnte, uns nochmals mit ihrem Meisterwerk ‚Solayoh‘ zwangszubeglücken; die stilecht mit Filzbart verkleidete österreichische Punktefee und natürlich die spanische Señorita,  die zunächst ums Verrecken nicht bekanntgeben wollte, wer den nun die iberischen acht Zähler bekommen soll – und sie dann in einem bizarren Tribut an den estnischen Vertreter von 2012 als „Oit Points“ ansagte. Ein Fremdschämmoment mal wieder die deutsche Punktevergabe: wann lernt der NDR endlich, dass es außerhalb Hamburgs keine Sau interessiert, wie viele Fans im strömenden Regen auf der Reeperbahn ausharren, sondern alle nur zügig die Punkte erfahren wollen? Extrapunkte hingegen an Schweden, die Alcazar aufboten, deren Sängerin Tess Merkel (nicht verwandt) sich „Equal Rights“ auf den Unterarm geschrieben hatte und so den politischen Stellenwert der Douze Points an Conchita noch unterstrich.


Wissen, wie sie Kindern umzugehen haben: die Dänen

Und Extrapunkte an Frau Wurst, die nicht nur ihren Auftritt mit Würde absolvierte, sondern auch die Siegerinnenehrung. Ob die ungläubig-bescheidene Fassungslosigkeit, mit der sie jede 12-Punkte-Wertung im Greenroom quittierte, nun echt war oder gespielt – es hatte Stil und große Klasse. Bleibt für nächstes Jahr nur zu hoffen, dass der ORF aus den gut gemeinten, aber fürchterlich in die Hose gegangenen Fehlern von Erika Vaal lernt und nicht erneut versucht, die Begrüßung in der Wiener Stadthalle (welche Location könnte sonst in Frage kommen?) in den Sprachen aller Teilnehmerländer vorzunehmen. Englisch reicht. Höchstens vielleicht noch – als Versöhnungsangebot für die schändlichen Buhrufe dieses Jahrgangs und als Zeichen der kulturellen Wertschätzung – Russisch. Das verstehen immerhin knapp die Hälfte der partizipierenden Nationen.

ESC Finale 2014

Eurovision Song Contest 2014 - Finale. Samstag, 10. Mai 2014, aus den B&W-Hallerne in Kopenhagen, Dänemarkt. 26 Teilnehmer, Moderation: Lise Rønne, Nikolaj Koppel und Pilou Asbæk.
#LKInterpretTitelPkt
gs
Pl
gs
Pkt
TV
Pl
TV
01UAMaria YaremchukTick Tock1130611208
02BYTeoCheesecake0431605611
03AZDilarə KazimovaStart a Fire0332202622
04ISPollapönkNo Prejudice0581504612
05NOCarl Espen ThorbjørnsenSilent Storm0880803916
06ROPaula Seling + Ovidiu CernăuţeanuMiracle0721210309
07AMAram MP3Not alone1740419303
08MESergej ĆetkovićMoj Svijet0371903318
09PLDonatan & CleoMy Słowianie0621416205
10GRFreaky Fortune + Risky KiddRise up0352004314
11ATConchita WurstRise like a Phoenix2900131101
12DEElaizaIs it right?0391803120
13SESanna NielsenUndo2180319004
14FRTwin TwinMoustache0022600126
15RUTolmachevy SistersShine0890713206
16ITEmma MarroneLa mia Città0332103219
17SITinkara KovačRound and round0092501525
18FISoftengineSomething better0721103917
19ESRuth LorenzoDancing in the Rain0741004115
20CHSebalterHunter of Stars0641311407
21HUAndrás Kállay-SaundersRunning1430509810
22MTFirelightComing Home0322301724
23DKBasimCliché Love Song0740904313
24NLCommon LinnetsCalm after the Storm2380222202
25SMValentina MonettaMaybe0142401823
26UKMolly Smitten-DownesChildren of the Universe0401702921

Fußnote(n)   [ + ]

1. Die zehn deutschen Punkte können als weiterer Beweis für die Absurdität des Wertungsverfahrens gelten: beim deutschen Publikum landeten Donatan & Cleo auf Rang 3, die Juroren setzten sie auf einen gemittelten vierten Rang. Wegen der sonst recht unterschiedlichen Wertungen reichte das im Gesamten für einen zweiten Platz.

18 Gedanken zu “Finale 2014: The Secret is Love

  1. die wunderbare fassungslosigkeit von samstag nacht und dem triumph von frau wurst weicht nun am montag morgen immer mehr einer fassungslosigkeit gegenüber unserer deutschen jury!?!
    ich muss gestehen dass ich immer ein befürworter der juries war, fühlte mich auch bestätigt, als die russischen omas sangen und ja fast gewonnen hätten, aber was sich da „unsere“ jury dieses jahr geleistet hat, ist ein großer skandal!
    ich habe gerade einen guten link gefunden, der zeigt dass die deutsche jury im grunde konservativer gevoted hat als die ach-so-böse ex-sowjetische bevölkerung!!!

    http://hdambeck.de/2014/05/11/wer-hat-eigentlich-den-esc-2014-entschieden/

    auch als freund des polnischen songs (samt des meines erachtens gelungensten gimmicks ever (= das waschweib) bin ihc empört!

  2. Danke für deine klaren Worte betreffend dieses pöbelnden Publikums vor Ort. Alle schwafeln von Toleranz und Respekt in den letzten Tagen, und die gleichen Leute pfeifen den russischen Beitrag aus. Unwürdig und schändlich, dieses Verhalten! Diese Hooligans haben die Idee des ESC verraten und zerstört. Bin mir nicht sicher, ob man sich nächstes Jahr mit Russland wird versöhnen können. Ich glaube vielmehr, dass Russland gar nicht mehr teilnimmt. Auch Aserbaidschan, Israel, Mazedonien, Albanien, die baltischen Staaten, ja sogar Frankreich könnten sich wegen Erfolglosigkeit oder aus finanziellen Gründen vielleicht zurückziehen.

  3. Der Kommentar über Slowenien, dass nur dank Jurygunst im Finale war, stimmt nicht, wenn ich Wikipedia glauben darf. „Round and Round“ war auch bei den Televotern drin – nur als Zehnter, aber immerhin.

  4. Oh, und davon, dass die Jurys an San Marinos Finaleinzug beteiligt gewesen wären, kann auch nicht die Rede sein. (Platz 13 im Semi.)

    Anscheinend hat sich da seit gestern irgendwas verändert; ich glaube, Montenegro war gestern noch als 50/50 gelabelt, steht aber jetzt als 100% Jury da. Lettland ist plötzlich auch im Televoting nur Dreizehnter, stattdessen Montenegro plötzlich Zehnter. Vielleicht hat da jemand die 100%-Jury-Länder zum Televoting dazugerechnet, weil das auch bei reinem Televoting passiert wäre. (An der Tabelle bei Wikipedia kann auch sonst so einiges nicht stimmen; ich sehe zwei von Moldawien abgegebene Zehner, wobei die für Armenien laut eurovision.tv die falsche ist.)

    Und ein letztes Detail der Merkwürdigkeit: Griechenland hatte beim reinen Televoting einen (geteilten) dreizehnten Platz, bei den Jurys hingegen nur Rang 19. Dass daraus insgesamt Platz 20 wird, ist die eine Seltsamkeit – aber noch bekloppter finde ich, dass Freaky Fortune von den Jurys tatsächlich mehr Punkte bekommen hätten (49, gegenüber 43 bei den Televotern).

  5. Sorry für den Kommentarspam, aber ich habe mir jetzt mal die Tabelle vorgenommen und aufgedröselt, wie „West“ und „Ost“ abgestimmt hätten, wenn sie allein gewesen wären. (Üblicher Disclaimer: „West“ umfasst auch Malta, Griechenland und Israel; die Ex-Jugos fallen unter „Ost“.)

    Tja. Wie immer gab es ein paar Songs, die nur in bestimmten Ecken Europas richtig ankamen. Tatsächlich war der Osten (der dieses Jahr allerdings nur 17 Länder umfasste) so derart unentschlossen, dass es nicht ein einziges Lied gab, das dort dreistellige Punktzahlen einfahren konnte – an der Spitze der Ostwertung liegen Österreich und Armenien mit jeweils 91 Punkten, ganz dicht gefolgt von Schweden und den Niederlanden mit jeweils 89. Den Tiebreak entscheiden dann Österreich (14 Wertungen gegen 12 für Armenien) und Schweden (13 Wertungen gegen 11 für die Niederlande) für sich. Die Westwertung geht dagegen eindeutig an Conchita, mit 199 Punkten gegenüber 149 für die Niederlande und 129 für Schweden (präsentiert von der Endziffer „9“!).

    Letzter im Westen? Das ist nicht einfach zu entscheiden, denn es gibt hier gleich dreimal die Höchststrafe: für Montenegro, Slowenien und San Marino (!) hat Westeuropa nicht mal ein kümmerliches Pünktchen übrig gehabt (Weißrussland war mit 1 Punkt aus Israel nicht viel besser dabei). Im Osten ist die Sache hingegen klar – Frankreich steht allein mit null Punkten am Ende der Liste, Vorletzter ist hier Großbritannien mit drei Punkten.

    Interessant wird es natürlich, wenn man die Länder und Songs betrachtet, die massive Differenzen zwischen Ost und West aufweisen. Da gibt es dieses Jahr so einige Kandidaten: Weißrussland – 42 von 43 Punkten aus dem Osten; Island – 52 von 58 Punkten aus dem Westen; Griechenland – 27 von 35 Punkten aus dem Osten; Deutschland – 32 von 39 Punkten aus dem Osten; Russland – 69 von 89 Punkten aus dem Osten (und ohne den Zehner aus Griechenland sähe das noch wesentlich einseitiger aus); Finnland – 54 von 72 Punkten aus dem Westen (und zwei Drittel der 18 Ostpunkte kamen aus Estland und Ungarn, zwei klassischen Finnland-Freunden beim ESC); Malta – 26 von 32 Punkten aus dem Westen; Dänemark – 56 von 74 Punkten aus dem Westen; und Großbritannien – 37 von 40 Punkten aus dem Westen. Auch Aserbaidschan verdient hier eine Erwähnung, denn alle seine Westpunkte (12 von insgesamt 33) kamen aus einem Land – San Marino (was hat eure Jury für Pillen genommen?!).

    Polen und Spanien hingegen können sich für ihren Universal-Appeal auf die Schulter klopfen – ihre 62 bzw. 74 Punkte teilen sich genau gleichmäßig auf Ost und West auf; auch die Schweiz kommt dem sehr nahe (64 Punkte, davon 31 aus dem Westen und 33 aus dem Osten).

    Und was sagt uns das jetzt? Das muss wohl jede(r) für sich entscheiden. Vielleicht ist das diesjährige Ergebnis ja ein Zeichen, dass die Gräben doch nicht so tief sind wie gedacht – wenn drei der vier Toppositionen des Ostens mit Westländern besetzt sind und umgekehrt die Plätze 4 und 5 des Westens von Ostländern eingenommen werden (Armenien und Ungarn, genau wie im Endergebnis), dann ist das möglicherweise ein Zeichen. Jedenfalls stimmt es mich persönlich hoffnungsvoller als das doch sehr zwischen West und Ost gespaltene Voting vom letzten Jahr.

  6. Die Argumentation für Russland (und da kann man Weißrussland gleich mit auf die Liste setzen, denke ich) kann ich nachvollziehen. Die anderen hingegen hätten doch – in unterschiedlichem Maß – was von beleidigter Leberwurst; Aserbaidschan soll den Bettel hinwerfen, nur weil es einmal in sieben Teilnahmen nicht in den Top 10 gelandet ist? Für Estland und Litauen war das dieses Jahr der erste DNQ seit 2010, und beide sind nur sehr knapp gescheitert; wenn überhaupt ein baltischer Staat wegen Erfolglosigkeit das Handtuch werfen kann, dann Lettland, das inzwischen seit 2008 auf eine Finalteilnahme wartet und damit der Rekordserie der Niederlande nahe kommt (Bulgariens Serie haben sie dieses Jahr eingestellt). Albanien hatte jetzt mal zwei DNQs in Serie, aber deren Ergebnisse der letzten Jahre waren insgesamt nicht schlecht, sondern nur etwas durchwachsen (und die Lieder der letzten beiden Jahre waren zu sperrig und/oder qualitativ minderwertig). Mazedonien? Schwierig, aber wenn die bis jetzt noch nicht abgesprungen sind, obwohl ein Großteil ihrer Nachbarn das Geld lieber zusammenhält, werden die auch durchhalten, denke ich. Israel hat meines Wissens das Problem, dass der Sender im nächsten Jahr aufgelöst werden soll; gekoppelt mit vier DNQs in Serie könnte das tatsächlich unangenehme Konsequenzen für ihre Teilnahme haben.

    Bei Frankreich andererseits finde ich es schon seit Jahren erstaunlich, dass man sich doch jedes Jahr noch aufrafft und mitmacht. Die Grande Nation hat in den letzten Jahren so ziemlich alles ausprobiert, was nur geht, und ist mit allem mehr oder weniger auf die Nase geflogen, manchmal hochverdient (Twin Twin, Anggun, Les Fatals Picards), manchmal nicht (Sébastien Tellier, Patricia Kaas, Amandine Bourgeois). Allmählich würde mir an deren Stelle die Geduld ausgehen – oder aber man entwickelt einen von den Niederlanden abgeschauten Trotz, was mir lieber wäre, denn ein solcher europaweiter Wettbewerb braucht Frankreich (ebenso wie Italien).

  7. Hier meine Preise:

    Beste männliche Augenbraue: die Niederlande
    Sänger mit dem größten Sexappeal: Schweiz
    Beste Stimme: Österreich (männlich und weiblich)
    Bester Song: Ungarn
    Bester langweiliger Song: Slowenien
    Langweiligster Song: UK
    Kurzweiligster Song: Dänemark
    Beste Bühnenpräsenz: Österreich
    Bester Song zum Tanzen: Island
    Kalkuliertester Song: Rumänien
    Bester Song ohne Melodie: Aserbaidschan
    Schlimmstes Outfit: Rumänien und Italien
    Schönster Background-Tänzer: Ukraine
    Beste Heulboje, weiblich: Schweden
    Beste Heulboje, männlich: Norwegen
    Sexismus-Preis 2014: Polen*
    Beste Ballade: Armenien
    Bester Eurovisionsschlager: Montenegro
    Sympathischste Sänger: Deutschland und Malta
    Bester Song für eine Pinkelpause: San Marino

    *Ironie? Echt?
    Conchita war klasse.

  8. Ich möchte anmerken, dass es sowohl Slowenien als auch Montenegro auf Platz 10 (knapp) ins Finale geschafft hätten. Da hat der Hausherr was übersehen 😉

  9. Das passiert dieses Jahr aber leicht, weil die Wertungen so knapp waren und es offenbar mehrere Länder in den Semis gab (besonders in Semi 1), die reine Jurywertungen hatten, bei denen sich dann die Frage stellt, ob man sie komplett rauslässt (was meines Erachtens keinen Sinn ergibt) oder sie reinnimmt und damit das „reine“ Televoting „verunreinigt“. Ich glaube, ich nehme mir mal die Ergebnistabellen von eurovision.tv und spiele ein bisschen rum…

  10. Oliver, auch von mir ein Dank für deine Kritik am pöbelnden Publikum. Conchita bejubeln, aber deren Message nicht verstehen… Wir müssen von der Wurst noch viel lernen.

  11. Vor allem – der dritte (!!!) Platz im Russischen Televoting hat eindrucksvoll gezeigt: nicht alle Russen sind homophobe Dumpfbacken. Aber das ist generell das Problem der europäischen Medien bezüglich Russland-Berichterstattung – die Ansichten irgendwelcher mafiösen Hardliner werden gleich immer auf’s komplette Volk projeziert. Klar ist Homophobie in Russland ein ernst zu nehmendes Problem, auch durch den übermächtigen Einfluss der orthodoxen Kirche, aber das Voting hat am Samstag gezeigt, dass viele Russen auch durchaus pragmatisch und reflektiert am Werk sind und kein Problem haben, ihre Sympathien einer Drag-Queen mit Bart zu schenken.
    Was durch die tendenziöse Berichterstattung zustande kommt, hat man ja dann gesehen: Pfeifkonzerte ohne Ende für zwei unbeteiligte Mädchen (die Berichten zufolge, nach dem 1. Semi hinter der Bühne in Tränen ausgebrochen sein sollen). Die Fans haben sich damit absolut keinen Gefallen getan und eine Entschuldigung in Richtung Tolmachevy-Schwestern wäre mehr als angebracht.

  12. Diese angeblichen großen „Gräben zwischen Ost und West“ schaufeln sich doch vor allem die ESC-Fans mit Begeisterung selber. Mich regt diese Fangemachte Ost-Phobie langsam ein wenig auf – dich Ospero möchte ich da ausdrücklich davon ausnehmen, du bist da sehr reflektiert, aber in vielen anderen verbohrten Köpfen wird wohl immer noch der Eiserne Vorhang und die damit einhergehenden Vorurteile und Ressentiments liebevoll gepflegt.
    Wäre Ruth Lorenzo für die Ukraine (oder Russland) gestartet (als Rutha Lorenzoboda sagen wir mal) hätte es wieder geheißen „total konstruiert“, „nicht authentisch“, „Ostblock-Schreihälsin/Dirne“, aber da sie ja für Spanien auf der Bühne war, war sie die tolle Diva und hach ja… da wird sehr stark mit zweierlei Maß gemessen.
    Und auch wenn der komplette „Ostblock“ (für mich mittlerweile ein Kampfbegriff erzkonservativer ESC-Fans) mehrheitlich für Conchita gestimmt hat, wird das auch nichts an dieser Denkweise ändern. Dafür hat man das alte Feindbild aus dem kalten Krieg doch viel zu sehr liebgewonnen.

  13. Weiss vielleicht Aufrechtgehn mehr? Könnte es sein, dass der ganze Zirkus sowieso eine Farce ist? Denn es ist schon merkwürdig: Der ESC ging um ca. 0.30 Uhr zu Ende, um 1 Uhr begann die Pressekonferenz. Live vor Ort: die gesamte ORF-Korona (Fernsehchefin, Intendant u.a.). Sind diese Leute sekundenschnell nach Kopenhagen gebeamt worden, oder waren sie schon am Nachmittag eingeflogen worden, weil die EBU das (manipulierte) Ergebnis schon kannte? Ich nehme an, die TV-Verantwortlichen von z.B. San Marino, Frankreich oder Polen waren nicht vor Ort…

  14. Möglich, aber das getrennte Ergebnis vom letzten Jahr, wo ich die gleiche Analyse schon mal gemacht hatte, zeigt, dass West und Ost sich doch noch unterscheiden. Aber natürlich würde sich ein ähnliches Bild bieten, wenn man beispielsweise Nord und Süd gegeneinander stellen würde – nimmt man nur die fünf „klassischen“ Nordics, hätten die Niederlande und Österreich exakt gleichauf gelegen, mit dem „Nordic ehrenhalber“ Estland hätten die Niederlande sogar gewonnen. Solche Spielereien beweisen oder widerlegen kaum etwas, aber es ist schon interessant zu sehen, dass „der Osten“ dieses Jahr deutlich gewillter war, Punkte an „den Westen“ zu geben als 2013.

  15. Österreich war noch am Nachmittag auf Platz 1 der Wettquoten gerutscht – ich denke, der ORF wird die Leute für alle Fälle da hingeschickt haben (Wien-Kopenhagen ist jetzt auch nicht die Welt), um im (zu diesem Zeitpunkt schon durchaus denkbaren) Falle eines Sieges was zu sagen zu haben; nach 48 Jahren staut sich da wahrscheinlich ein bisschen was an. 😉 Ein paar Ranghohe anderer Sender (TROS? ARMTV? MTV aus Ungarn?) dürften für alle Fälle ebenfalls da gewesen sein.

  16. Sehr bemerkenswert finde ich, dass die deutsche Jury einstimmig!!! an Dänemark den 1 Platz vergeben hat. Offenbar wurde bei der Auswahl der Jury darauf geachtet, dass da Menschen mit gleichen Musikgeschmack zusammen kommen. Einheit statt Vielfalt! Und die waren sich dann einig, dass eine brave Performance mit einem netten Liedchen, der beste Auftritt des abends war?! Bin richtig erstaunt über Sidos Musikgeschmack.
    In nur 5 anderen Ländern war sich die Jury beim ersten Platz ebenso einig: Finland und Slowenien jeweils Platz 1 für Austria. Polen Platz 1 für NL, Dänemark Platz 1 für Ungarn und – wenig überraschend –waren sich in Moldawien alle Jurymitgleider und die Televoter einig mit Platz 1 für Rumänien (warum besteht eigentlich eine Grenze zw. diesen beiden Ländern?)

  17. Nun, ersteinmal ‚Glückwunsch‘ für diese gelungene Seite, die offenbar so weit oben liegt, dass man(n) auch per Zufallssuche fündig werden kann.
    Hab den ESC aus Spanien verfolgt „¡Regen regen ren!“ – ach, hatten wir doch eine so gute Alternative! – und fand das Ergebnis ebenfalls frohmachend.
    Geil, wie der lokale Moderator wieder und wieder über die bärtige Frau stolperte, grossartig, mit welcher Selbstverständlicheit die dänische Regie funktoniert hat, ein erschröckliches Bühnenbild inclusive Badewanne
    und doch, mir haben die Buhrufe und die Ablehnung russischer Politik sehr wohl gefallen und gut getan.
    Sicherlich wissen die russischen Sängerinnen, dass der Protest nicht ihnen galt (genauso, wie das Übermass an Applaus für Ukraine nicht der Musik galt), und vielleicht – gute Menschen gibts ja bekanntlich überall – haben sie sich heimlich darüber gefreut. Denn den Sieger zu ihrem Sieg beglückwünschen dürfen sie ja bei Strafandrohung nicht, daher kann es gut sein, dass sie die gebuhte Ablehnung durchaus richtig (um-)gedeutet haben.
    Und sicherlich wissen und verstehen die meisten ZuschauerInnen auch, wem die Buhrufe galten und warum die Ablehnung deutlich wurde. Wie sollte das auch anders sein!
    Ein überraschend schöner Abend und die Nachlese in den Blättern ist köstlich! Danke an Thomas-Conchita! Merci für die Stunden!!
    Art

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