Malta: Das Imperium schlägt zurück

Nach dem fulminanten Sieg einer singenden Nonne in der italienischen Ausgabe der Castingshow The Voice in diesem Sommer lag es wohl auf der Hand, etwas Ähnliches auch zum Eurovision Song Contest einzureichen. Und welches Land böte sich hierfür mehr an als das streng katholische Malta, auf dem bekanntlich 365 Kirchen auf knapp 425.000 Einwohner kommen, mithin ein Gotteshaus für jeden Tag des Jahres? Das dachte sich auch der notorische maltesische Grand-Prix-Seriensongschreiber Philiph Vella und überredete sechs ortsansässige Betschwestern – wie das Vorbild Cristina Scuccia natürlich Ursulinen – seinen Beitrag ‚Love and let go‘ zu interpretieren. Darin besingen sie das herzergreifende Schicksal eines an der Kirchentüre hinterlegten Findelkindes, welches sie, wie es ihre Aufgabe ist, großziehen und dann in die Welt entlassen: ‚Love and let go‘ eben. In die gestern Abend bekannt gegebene Auswahl der zwanzig Semifinalisten des Malta Song for Europe schafften sie es erwartungsgemäß, und obgleich – oder womöglich weil – sie deutlich unflotter und unbeholfener daherkommen als ihre vergleichsweise glamouröse italienische Kollegin, dürfte alles andere als ein Sieg des Sister Acts beim Vorentscheid eine Überraschung sein. Zumal der authentisch naive Ausdruck in Frontschwester Michaelas Pfannkuchengesicht es verunmöglicht, ihnen den kalt berechnenden Zynismus des Songtextes vorzuhalten.


Schwester Schwester, für mich bist Du die Sahnetorte: Ekklesia

Da ihre typische weiße Tracht, anders als die Originalkluft der umstrittenen schweizerischen Heilsarmee, keine Ordensaufschrift trägt und sie sich auch nicht Ursulinen nennen, sondern generisch Ekklasia (Schwestern), dürfte der EBU wenig Spielraum bleiben, einen Auftritt in Ordenstracht auf der Bühne der Wiener Stadthalle zu unterbinden. Obgleich die Pop-Ursulas offen zugeben, auch deswegen zum Song Contest gehen zu wollen, um im Sinne des Papstes „die Welt zu missionieren,“ wie Schwester Michaela der Times of Malta anvertraute. Aber vermutlich sind eine Handvoll treuherziger, aufopfernder Nonnen genau das Antidot, auf das waidwunde Konservative in ganz Europa nach all dem gesellschaftsliberalen Selbstverwirklichungs-Gender-Bender durch Conchita Wurst sehnsuchtsvoll warten. Unter ihren 19 Konkurrenten findet sich zudem wenig, was ihnen ernsthaft gefährlich werden könnte. Disco-Duracell-Bunny Glenn Vella (MT 2011) versucht es noch mal, und auch der singende Kinderarzt Gianluca Bezzina (2013) ist wieder am Start, diesmal als Teil des Trios L-Awah. Sie und ihre Songs sind entsetzlich harmlos und nett, können es aber keinesfalls mit der unübertrefflichen Harmlosigkeit und Nettigkeit der Nonnen aufnehmen. An vergangene große Zeiten des maltesischen Discotrashs erinnert leider nur noch Christabelle, deren Songtitel ‚Rush‘ sich jedoch zu wörtlich nimmt und sein Pulver bereits in den ersten 30 Sekunden verschießt. Was sogar die im Publikum sitzenden Nonnen in Mitwippekstase versetzte, aber eben nicht über den Refrain hinaus trägt. Nicht beim MFSE dabei sind diesmal die Geschwister Faniello – des ewigen Scheiterns wohl überdrüssig – sowie Ira Losco (MT 2002), die zunächst auf Facebook Rückkehrpläne annonciert hatte, denen ihre verbliebenen Fans aber wohl mehrheitlich ablehnend gegenüber standen. Puh, noch mal Glück gehabt!


Schickes Pulloverkleid, Christabella!

Dein Tipp: siegen die singenden Nonnen in Malta?

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  • So sicher wie das Amen in der Kirche. (38%, 14 Votes)
  • Das müsste schon mit dem Teufel zugehen. (14%, 5 Votes)

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4 Gedanken zu “Malta: Das Imperium schlägt zurück

  1. Ohrwurmverdächtig was die 6 Nonnen da präsentieren. Es könnte sich ein glatter Durchmarsch bis in die Top 5 in Wien anbahnen.

  2. Ich finde es sehr rücksichtsvoll von Youtube mir nach den singenden Ordensschwestern gleich Crucified der Army of Lovers anzubieten. Ein höchst willkommenes Gegengift zu dem typisch harmlos-netten Weltverbesserungspop.^^

    Dabei habe ich natürlich nichts gegen die Schwestern oder ihre Message, im Gegenteil. Aber es ist einfach nicht meine Musik. Sorry.

  3. Die Priester hatten ja seinerzeit in Deutschland nicht so gut abgeschnitten – aber Nonnen sind da ja auch noch eine andere Hausnummer – dieser Sister-Act wird wohl gewinnen – es ist ja auch Malta. Ein bißchen erinnert es ja auch an die Omas aus Buranow. Daniel Testa hatte im letzten Jahr eine enorme Fan-Base – und der Doctor mit seiner Familie ist immer noch sehr beliebt – aber nein, es ist Malta: die Schwestern fahren nach Wien. 🙂

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