Türkvizyon: Einmal sehen wir uns wieder

Unbemerkt von weiten Teilen der Weltöffentlichkeit (und dem Blogbetreiber) wählten in den letzten Tagen einige Länder ihren Beitrag für die am 19. und 21. November 2014 anstehende zweite Ausgabe des osmanischen Gegenentwurfs zum Eurovision Song Contest, der Türkvizyon, aus. Und wie sein großes Vorbild ist auch die eurasische Variante vor Wiederkehrern nicht gefeit: erneut darf Eldar Zhanikaev das rund 120.000 Menschen starke Bergvolk der Balkaren vertreten, das sich auf die beiden russischen Teilrepubliken Karbadino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien 1)Noch immer warte ich auf einen Besuch in beliebiger humanitärer Mission durch die ehemalige deutsche Justizministerin: über die tagesschau-Meldung „Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bereist Karbadino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien“ würde ich mich sehr, sehr freuen! verteilt. Bei seiner Premiere schied der etwas nervös wirkende Eldar bereits im Semifinale aus. Sein diesjähriger Beitrag ‚Barama‘ klingt, jedenfalls dem zwanzigsekündigen Ausschnitt nach zu urteilen, der im Bericht über seinen Vorentscheidungssieg zu hören ist (und erst recht in der Studiofassung), schon mal deutlich poppiger als sein letztjähriger, zäher Ethnobrocken ‚Adamdı bizni adıbız‘. Schafft er es also diesmal? Und falls nicht, bekommt er dann – wie sein Vorbild Valentina Monetta – noch eine dritte Chance?

Glamourös geht’s zu beim balkarischen Vorentscheid (Songausschnitt ab Minute 3:00)

Fragen über Fragen also bei der Zweitausgabe des Wettbewerbs. Die stellen sich auch im Zusammenhang mit der Vorentscheidung des diesjährigen Gastgeberlandes2)Die Ausrichterehre hängt bei der Türkvizyon nicht vom Vorjahressieg ab, sondern dem Status als aktuelle türkische Kulturhauptstadt., der russischen Republik Tatarstan. Dort gewann der 22jährige Aydar Suleymanov mit einem temporeichen und hübsch choreografierten Liedchen über galoppierende Pferde, das er – wie Eurovoix zu berichten weiß – erst zehn Tage vor dem Wettbewerb komponierte. In letzter Sekunde zum Vorentscheid zugelassen, konnte er sich mit diesem vielversprechenden Beitrag gegen 21 Konkurrenten durchsetzen und die fünfköpfige, aus etlichen „Verdienten Künstlern des Volkes“ (diesen Titel hielt ich immer für eine satirische Erfindung, aber er scheint wirklich zu existieren!) zusammengesetzte Jury für sich einnehmen. Bei der Türkvizyon werden wir ‚Atlar chaba‘ dennoch nicht zu hören bekommen – aus unerfindlichen Gründen soll Gaydar, Verzeihung, Aydar bis zum 19. November noch einen neuen Song erhalten. Hmpf.

Sie ritten um die Wette mit dem Steppenwind: Aydar und seine tausend Mann (Tatarstan)

Bleiben noch Gagausien und Aserbaidschan: in der autonomen moldawischen Teilrepublik gewann die etwas matronenhaft wirkende Mariya Topal, die sich ihren Titel ‚Aaladım‘ bis zum Türkviyzon-Semi noch von einem der Juroren textlich und musikalisch aufmöbeln lassen will. Der bei der Premiere siegreiche türkische Bruderstaat Aserbaidschan hielt zur Auswahl seines Vertreters eine Castingshow ab. Dort gewann Ervin Ordubadli, der sich vor allem durch Mut zum Hut und eine Vorliebe für etwas press sitzende T-Shirts hervortat. Auch für ihn wird noch ein Song komponiert. Keine Nachrichten gibt es bislang bezüglich des deutschen Beitrags, der nach Angaben des verantwortlichen Senders Dügün TV bereits ausgewählt sei, der Öffentlichkeit aber noch nicht präsentiert wurde. Immerhin gibt es bei der Türkvizyon, anders als von TRT bei der Eurovision bemängelt, keinen Big-Five-Bonus für das bevorzugte Auswanderungsland der Türken: wie alle seine Konkurrenten muss auch der deutsche Teilnehmer durch das Semifinale und sich dem Urteil einer nach einem komplizierten Proporz zusammengestellten Jury stellen. Sowie dem des Publikums: erstmalig sollen in Kasan auch die Zuschauer zu 50% mitbestimmen.


Ervin in der aserbaidschanischen X-Factor-Variante

Türkvizyon 2014

Song Contest des türkischen Kulturraumes. 19. und 21.11.2014 in Kasan, Tatarstan (Autonome russische Republik).
Land / RepublikTeil vonInterpretSong
AlbanienALXhoana BejkoZjarr dhe Ajër
AserbaidschanAZElvin OrdubadliDivlərin yalqızlığı
BalkarienRUEldar ZhanikaevBarama
BaschkortostanRUZamanKubair
BosnienBAMensur SalkićŠutim
BulgarienBGİsmail MatevYollara, Taşlara
ChakassienRUDmitriy Saf’yanov + Sayana SobirovaOshikba
DeutschlandDEFahrettin GüneşSevdiğim
GagausienMDMariya TopalAaladım
GeorgienGEAysel Məmmədova + Ayla ŞiriyevaTenhayam
IranIRBarışHeydar Baba
KasachstanKZZhanar DugalovaІzіn kөrem
KirgisienKGNon-StopSeze Bil
KrimUADarina SiniçkinaSuya gider
MazedonienMKKaan MazharYolumu Bulurum
RumänienROCengiz Erhan + Gafar Alev SibelGenclik basa bir gelir
RusslandRUKazan WorldSon kөtəm
Sacha (Jakutien)RUVladlena IvanovaKyn
TatarstanRUAydar SuleymanovAtlar Chaba
TurkmenistanTMZüleyha KakayevaShikga-Shikga bilerzik
TuwaRUAyas KullarSubedei
TürkeiTRFunda KılıçHoppa
TürkmeneliIQAhmet DuzluCal Kalbimi
UkraineUANatali DenizSän Benim
UsbekistanUZAziza NizamovaDunyo bolsin Omon

Fußnote(n)   [ + ]

1. Noch immer warte ich auf einen Besuch in beliebiger humanitärer Mission durch die ehemalige deutsche Justizministerin: über die tagesschau-Meldung „Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bereist Karbadino-Balkarien und Karatschai-Tscherkessien“ würde ich mich sehr, sehr freuen!
2. Die Ausrichterehre hängt bei der Türkvizyon nicht vom Vorjahressieg ab, sondern dem Status als aktuelle türkische Kulturhauptstadt.

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