Kasach­stan gewinnt die Türk­vi­zyon 2014

Mit einem Über­ra­schungs­sieg für das zwi­schen dem Kas­pi­schen Meer und Chi­na gele­ge­ne Kasach­stan, das neunt­größ­te Land der Erde, ging heu­te Abend das Fina­le der zwei­ten Türk­vi­zyon, des osma­ni­schen Gegen­ent­wurfs zum Euro­vi­si­on Song Con­test, zu Ende. Über­ra­schend vor allem des­we­gen, weil Zha­nar Dugal­o­va im Semi­fi­na­le am Mitt­woch, in dem exakt die sel­ben 25 Juro­ren abstimm­ten wie heu­te, noch auf dem drit­ten Rang lan­de­te. Doch anschei­nend war den aus­rich­ten­den Tata­ren ein Heim­sieg des vor­ges­tern noch haus­hoch oben lie­gen­den Aydar Suley­man, der heu­te auch noch vom letz­ten Start­platz aus ins Ren­nen durf­te, zu offen­sicht­lich, und so einig­te man sich auf die wäh­rend der Tro­phä­en­über­ga­be ob des uner­war­te­ten Glücks auf sehr nied­li­che Wei­se fas­sungs­lo­se Zha­nar. Und zu Recht!

Mach­te viel Wind: Türk­vi­zyons­sie­ge­rin Zha­nar aus Kach­a­s­tan

Nicht nur sah die wun­der­hüb­sche Sän­ge­rin in ihrem gold­be­stick­ten Häub­chen zau­ber­haft aus, sie hat­te mit dem flot­ten Eth­no­stam­pfer ‘Izin Korem’ (‘Ich sehe eine Spur’) auch einen her­aus­ra­gend guten Song am Start und unter­stütz­te die­sen mit einer rund­her­aus sen­sa­tio­nel­len Show, bei der mit­ten auf der Büh­ne im Kreis ste­hen­de Wind­ma­schi­nen (nimm das, Caro­la!) ein rie­si­ges rotes Tüll­tuch anmu­tig zum Tan­zen brach­ten. Auch wenn es bei­na­he zu einem Unfall gekom­men wäre, als plötz­lich noch ein kna­cki­ger Tän­zer auf­tauch­te, sich in das Auge des Hur­ri­kans warf – und bei­na­he auf dem Schlei­er aus­rutsch­te! Ein pos­sier­li­ches Ü-Tüp­fel­chen bil­de­te dann Zha­n­ars Man­do­li­nen­mann, der sein Gerät rock­star­mä­ßig via Schul­ter spiel­te. Neben Aydar kas­sier­te die­se Dar­bie­tung den größ­ten Hal­len­ap­plaus: war aber auch ein­fach geil!

Bil­lig, ey, da steh ich doch drauf: die tür­ki­sche Fun­da-Braut

Einen unglaub­li­chen Sturz1)Wie Euro­voix mut­maßt, könn­te es sich um eine Retour­kut­sche belei­dig­ter Jury­kol­le­gen han­deln: Sinan Akçıl, Kom­po­nist des tür­ki­schen Bei­trags und gleich­zei­tig Juror, hat­te im Semi etli­chen Län­dern nur einen Punkt gege­ben. Die zahl­ten es ihm jetzt mit glei­cher Mün­ze zurück. leg­te die tür­ki­sche Ver­tre­te­rin Fun­da Kılıç mit ihrer herr­lich bil­li­gen Dis­co­num­mer ‘Hop­pa’ hin: lag die das Fina­le eröff­nen­de, dünn­stim­mi­ge und leicht­ge­schürz­te Sän­ge­rin im Semi noch auf Rang zwei, lan­de­te sie heu­te schmerz­haft auf dem letz­ten Rang. Und das, obwohl (oder weil?) sie auf den Aus­ruf “Let’s kick some mother­fuc­k­in’ Ass!” ver­zich­te­te, mit dem sie am Mitt­woch noch ihre von unfass­bar gut aus­se­hen­den Tän­zern beglei­te­te Dar­bie­tung ein­lei­te­te. Auch sang sie, jeden­falls für mei­ne Ohren, heu­te bes­ser (wenn auch immer noch mit Schnapp­at­mung). Und eine per­fek­te­re Eröff­nungs­num­mer als ‘Hop­pa’ hät­te es nicht geben kön­nen. Jeden­falls lang­weil­te man sich an die­sem Abend zu kei­ner Sekun­de, obschon das tata­ri­sche Fern­se­hen die glei­chen Post­kar­ten ver­wen­de­te wie am Mitt­woch und die Künstler/innen auch alle die glei­chen Kos­tü­me tru­gen wie schon im Semi.

Hay­si Fan­tay­zee haben ange­ru­fen und wol­len die Ras­ta­lo­cken zurück: Zaman aus Basch­kor­to­st­an

So wie bei­spiels­wei­se die usbe­ki­sche Lena Mey­er-Land­rut (DE 2010, 2011), Azi­za Niz­amo­va: schwar­zer, boden­lan­ger Rock mit Schlitz bis zur Scham und Bea­nie. Ihre halb­ga­re Rock­po­p­num­mer hör­te sich tat­säch­lich ein wenig an wie ein von Ste­fan Raab (DE 2000) kom­po­nier­ter Alb­um­füll­ti­tel. Dann schon lie­ber Hard­rock aus dem Iran. Wie schon bei Zha­nar kam auch hier eine über die Schul­ter gespiel­te Man­do­li­ne zum Ein­satz: habe ich da einen neu­en Rock-Trend ver­passt? Scha­de nur, dass der Lead­sän­ger der Alte-Her­ren-Band Barış mein­te, unbe­dingt auch in Opern­ton­la­ge sin­gen zu müs­sen. Ziem­lich gut schnit­ten die bei­den nächs­ten Fina­lis­ten ab, und ziem­lich zu Recht. Die Band Zaman aus Basch­kor­to­st­an unter­hielt mit Maul­trom­meln, Nasen­f­lö­ten, Kehl­ge­sang und einem Ras­ta­fa­ri­tromm­ler, der dem Song ‘Kubair’ (‘Epos’) lei­der erst nach einer etwas mau­en Auf­takt­mi­nu­te Pep ver­lieh. Das kir­gi­si­sche Duo Non-Stop prä­sen­tier­te mit ‘Seze Bil’ (‘Rhyth­mus der Jah­res­zei­ten’) einen moder­nen Tanz­flä­chen­fül­ler, unter­halt­sam beglei­tet von tan­zen­den Mas­ken­män­nern, einer Domi­na mit ado­rie­rens­wer­tem Beehi­ve  und Fes­sel­spie­len sowie einer von Nuša Deren­da (SI 2001) abge­schau­ten Hebe­fi­gur.

Kat­ja Ebstein hat ange­ru­fen und will ihre Pan­to­mi­men zurück! Non-Stop aus Kir­gi­si­en

Züley­ha Kakay­e­va aus Turk­me­ni­stan war nur ins Fina­le gerutscht, weil der Juror ihres Lan­des ihr in Unkennt­nis der Regeln fünf Punk­te zuge­schus­tert hat­te und man sie nach Kor­rek­tur des Ergeb­nis­ses nicht wie­der aus­la­den woll­te. Zu mei­ner Schan­de muss ich geste­hen, dass ich mich an sie schon gar nicht mehr erin­nern konn­te, und das, obwohl sie und ihre gift­grü­nen Mai­den in ihren pit­to­res­ken Kos­tü­men und mit arschlan­gen Zöp­fen und kilo­schwe­ren, schep­pern­den Ket­ten im Haar einen tol­len Anblick boten und sich auch sehr anmu­tig dreh­ten. Nur der Song klang stel­len­wei­se etwas zäh. Viel­leicht war es auch kein gutes Omen, dass der Mode­ra­tor des Auf­wärm­ge­sprächs ein­schlief, als Züleyah ihren Titel schon mal aca­pel­la anstimm­te.  Ganz anders Vlad­le­na Iva­no­va, die Scha­ma­nin aus Sacha: sie schenk­te dem etwas per­plex drein­schau­en­den Inter­view­er eine Tas­se mit einem mira­ku­lö­sen Getränk aus ihrer süd­si­bi­ri­schen Hei­mat. Und leg­te dann, beglei­tet von ihren heu­len­den, hüp­fen­den und tan­zen­den Wolfs­men­schen, erneut eine atem­be­rau­ben­de Show auf die Büh­ne. Auch, wenn die gigan­ti­sche gol­de­ne Anten­ne auf ihrem Schopf unglück­li­che Asso­zia­tio­nen an Gise­la Cáno­vas (AD 2008) aus­lös­ten: Vland­le­na regier­te.

Anders als beim ESC sind hier Tie­re auf der Büh­ne nicht ver­bo­ten: Vla­de­na aus Sacha

Es folg­te ein Dop­pel­pack schö­ner Män­ner, unter­bro­chen von einem miso­gy­nen Gnom. İsmail Matev aus Bul­ga­ri­en hat­te lei­der nur eine mit­tel­mä­ßi­ge Türk­po­p­num­mer dabei, ver­kauf­te die­se aber blen­dend: ohne schmie­rig zu wir­ken, char­mier­te und strahl­te er im grün wabern­den Büh­nen­ne­bel und warf Hand­küss­chen ins Publi­kum. Die Bild­re­gie des tata­ri­schen Fern­se­hens half dem allei­ne ange­tre­te­nen Sän­ger mit vie­len Schnit­ten in den Green Room, wo sei­ne Konkurrent/innen enthu­si­as­tisch mit­tanz­ten. Elvin Ordubad­li aus Aser­bai­dschan, dem Sie­ger­land der ers­ten Türk­vi­zyon, schau­te wie schon im Semi ver­knif­fen zu Boden und mur­mel­te irgend­was vor sich hin. Schäm­te er sich für sei­nen sil­ber­be­stick­ten Zor­ro-Umhang? Auch die Jury blick­te betre­ten drein. Men­sur Sal­kić aus Bos­ni­en erin­ner­te im lan­gen schwar­zen Man­tel ein wenig an Kea­nu Ree­ves in Matrix, wes­we­gen es irri­tier­te, dass er einen artis­ti­sche Sal­ti voll­füh­ren­den Tän­zer im Super­man-T-Shirt mit­brach­te. Im Ein­spie­ler war Men­sur noch mit sexy Kinn­bart zu sehen, den er für Kasan lei­der abra­siert hat­te. Wes­we­gen nun sei­ne Haut­kra­ter stär­ker auf­fie­len. Des­sen unge­ach­tet konn­te ‘Šutim’ (‘Ich schwei­ge’) als Song aber über­zeu­gen, und so erhielt Kea­nu auch tosen­den Saa­l­ap­plaus.

Die männ­li­che Sofi Mari­no­va: Ismail (BG)

Den im Ver­gleich mit Ismail deut­lich bes­se­ren Türk­pop­song hat­te Kaan Maz­har aus Maze­do­ni­en (in des­sen Ein­spie­ler natür­lich die obli­ga­te Alex­an­der-der-Gro­ße-Sta­tue aus Skop­je nicht feh­len durf­te) im Ange­bot. ‘Yolu­mu Bulurum’ (‘Ich fin­de mei­nen Weg’) klang wie ein Stück aus der Tar­kan-Kol­lek­ti­on und ging sofort ins Ohr. Aller­dings gab sich der mit sei­ner Sta­chel­fri­sur etwas demo­dé wir­ken­de Kaan nur wenig Mühe, und so lan­de­te er auf dem vor­letz­ten Platz. Die bei­den letz­ten Star­ter kann­te man in der Hal­le sehr gut, han­del­te es sich doch um die zwei Höchst­plat­zier­ten der tata­ri­schen Vor­ent­schei­dung. Kazan World, die zum Auf­wärm­ge­spräch einen Topf mit Risi­bi­si mit­brach­ten (war­um auch immer), gin­gen jedoch für Mos­kau an den Start (war­um auch immer). Und eigent­lich hät­te es auch Alba­ni­en sein kön­nen, so wie die Frau in dem roten Kleid und mit dem schwar­zen, dia­mant­be­setz­ten Tur­ban stän­dig schrie. Ihr Song: ein wir­res Kon­glo­me­rat aus Metal, Pop­rock und Dis­cog­ei­ge. Nicht schön, aber laut.

Hü, klei­ner Rei­ter, hü! Gay­dar für Tatar­stan

Den Abschluss bil­de­te auf­fäl­li­ger­wei­se der Heim­bei­trag. Aydar wirk­te sehr auf­ge­putscht – kein Wun­der, das Semi hat­te er schon gewon­nen, war­um also soll­te es heu­te anders sein? Zudem wuss­te er sich im Besitz des stim­migs­ten Gesamt­pa­ke­tes: ‘Atlar Cha­ba’ (‘Ren­nen­de Pfer­de’) ist ein packen­der Song, und mit der von Rus­la­na (UA 2004) ent­lie­he­nen Tän­zer­pos­se, einem gigan­ti­schen Ball, kit­schen Pfer­de­bild-Pro­jek­tio­nen und einer vor­schrifts­mä­ßi­gen Rückung bot er wirk­lich bes­te Unter­hal­tung. Beson­ders lus­tig die Stel­le, als man ihn an Fäden auf den Ball zog und ihm sein eng sit­zen­der Har­ness anschei­nend so stark die eige­nen Bäl­le ein­quetsch­te, dass sei­ne Stim­me eine Okta­ve höher ging. Kein Wun­der, dass er für sei­nen selbst­lo­sen Ein­satz ste­hen­de Ova­tio­nen ern­te­te. Den­noch reich­te es nach Aus­zäh­lung der Jury­stim­men dies­mal nur für Rang 2.

Und ja, Tra­di­tio­nel­les gab es auch!

Anders, als man es vom Euro­vi­si­on Song Con­test gewohnt ist, durf­te Sie­ge­rin Zha­na ihren Song nicht noch mal per­for­men, erhielt aber eine Sta­tue und einen Blu­men­strauß, der sich im Gedrän­ge auf der Büh­ne kurz in ihrem Haar ver­hak­te. Anschlie­ßend gab es noch ein paar Reden, unter ande­rem vom tata­ri­schen Prä­si­den­ten, der optisch ein wenig an einen son­nen­bank­ge­bräun­ten Geor­ge Bush jr. erin­ner­te, gefolgt von einem Offi­zi­el­len von Türks­oy, der hin­ter der Türk­vi­zyon ste­hen­den Kul­tur­or­ga­ni­sa­ti­on, des­sen tür­kisch gestot­ter­ten Wor­te im rus­sisch gepräg­ten Kasan aller­dings auf tau­be Ohren stie­ßen. Abschlie­ßend bekam dann die Dele­ga­ti­on Turk­me­ni­stans noch einen Pokal über­reicht: in der dor­ti­gen 130.000-Seelen-Stadt Mary, einem der wich­tigs­ten Mili­tär­stütz­punk­te Zen­tral­asi­ens, fin­det die nächs­tes Jahr die drit­te Aus­ga­be des Wett­be­werbs statt. Und da freu ich mich schon drauf!

Die kom­plet­te Show. Lohnt sich!

Fina­le Türk­vi­zyon 2014

Song Con­test des tür­ki­schen Kul­tur­rau­mes. 21.11.2014 in Kasan, Tatar­stan (Auto­no­me rus­si­sche Repu­blik).
#Land / Repu­blikTeil vonInter­pretSongPkt.Pl.
01Tür­keiTRFun­da KılıçHop­pa12815
02KrimUADar­i­na Sin­içki­naSuya gider18606
03Kasach­stanKZZha­nar Dugal­o­vaІzіn kөrem22501
04Usbe­ki­stanUZAzi­za Niz­amo­vaDun­yo bol­sin Omon18307
05IranIRBarışHeydar Baba16713
06Basch­kor­to­st­anRUZamanKubair19903
07Kir­gi­si­enKGNon-StopSeze Bil19604
08Turk­me­ni­stanTMZüley­ha Kakay­e­vaShik­ga-Shik­ga biler­zik19205
09Sacha (Jaku­ti­en)RUVlad­le­na Iva­no­vaKyn18208
10Bul­ga­ri­enBGİsmail MatevYol­la­ra, Taşla­ra17211
11Aser­bai­dschanAZElvin Ordubad­liDivlə­rin yal­qız­lığı17709
12Bos­ni­enBAMen­sur Sal­kićŠutim17610
13Maze­do­ni­enMKKaan Maz­harYolu­mu Bulurum16614
14Mos­kauRUKazan WorldSon kөtəm17013
15Tatar­stanRUAydar Suley­ma­novAtlar cha­ba20102

Fußnote(n)   [ + ]

1. Wie Euro­voix mut­maßt, könn­te es sich um eine Retour­kut­sche belei­dig­ter Jury­kol­le­gen han­deln: Sinan Akçıl, Kom­po­nist des tür­ki­schen Bei­trags und gleich­zei­tig Juror, hat­te im Semi etli­chen Län­dern nur einen Punkt gege­ben. Die zahl­ten es ihm jetzt mit glei­cher Mün­ze zurück.

4 Gedanken zu “Kasach­stan gewinnt die Türk­vi­zyon 2014

  1. Tja. Viel­leicht hat man bei den Ver­ant­wort­li­chen jetzt erkannt, dass es eine sagen­haft schlech­te Idee ist, Juro­ren ein­zu­set­zen, die selbst in den Wett­be­werb invol­viert sind. Das hat mich schon am Don­ners­tag ein biss­chen gewun­dert. Aber gut, die Türk­vi­zyon ist ja noch jung, geben wir ihr noch etwas Lern­zeit.

  2. Ich konn­te nur zwi­schen­durch ab und zu rein­schau­en – Ein gutes Abschnei­den der Kasa­chi­schen Lore­en war zu erwar­ten. Sonst war für mich auch nicht viel annä­hernd Geschei­tes dabei. Das gesam­te Teil­neh­mer­feld hät­te out­fit­mä­ßig – so – direkt in der nächs­ten Geis­ter­bahn wei­ter­ar­bei­ten kön­nen. Ich hof­fe das ist kein Trend der sich im esc fort­set­zen wird.

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