Türkvizyon 2014: Tatarische Pferde rennen ins Finale

Vor gut zwei Stunden ging in der tatarischen Hauptstadt Kasan das Semifinale der Türkvizyon 2014 zu Ende. Mit einem eindeutigen1)Der veranstaltende Sender Meidan TV gab sämtliche Punktewertungen bekannt. Sieger: dem Heimbeitrag! Und das zu Recht: Gaydar, Verzeihung: Aydar Suleymanov überzeugte mit einem mitreißenden Ethnostampfer über ‚Reitende Pferde‘, was nicht nur vom Titel her an ‚Dschinghis Khan‘ (DE 1979) erinnert. Von der Kinderliedhaftigkeit des Siegel-Songs weit entfernt, wusste der druckvolle Beitrag Tatarstans auch durch eine beeindruckende Show mit vielen Tänzern und einem riesigen Fesselballon zu überzeugen, auf den man Aydar per Flaschenzug hob. Ob er nach dieser Einlage allerdings noch sieben Kinder zeugen kann in einer Nacht, wage ich zu bezweifeln: sein Kostüm-Harness schien mir doch schmerzhaft eng zu sitzen. Wir hingegen versauten unsere TürkvizyonsPremiere: Fahrettin Güneş musste von Startplatz 2 aus ins Rennen, bekanntlich der Todesslot. Und so hatte er mit einigen Tonproblemen zu kämpfen, allerdings wirkte die – vom deutschen Sender Türkshow groß angekündigte – Tanzchoreografie ziemlich kläglich. Deutschland scheidet somit aus.

Noch fit im Schritt? Aydar (Tatarstan)

Entgegen der ursprünglichen Ankündigung wurde das Televoting aus technischen Gründen gecancelt, es stimmte eine 25köpfige Jury ab (ein Juror je Teilnehmerland), die jeden Beitrag mit einem bis zehn Punkten bewerten musste – außer natürlich den des eigenen Landes. 250 Punkte konnte so ein Lied maximal erreichen, und 223 davon vereinte Aydar auf sich. Womit er eigentlich als Sieger des freitäglichen Finales jetzt schon feststeht, denn dort entscheiden die selben Juroren. Bizarrerweise traten auch die Zweitplatzierten der tatarischen Vorentscheidung, Kazan World, an – für Moskau (ja, die Stadt). Sie kamen mit ihrem mittelmäßigen Poprocksong ‚Son kөtəm‘ auf Rang fünf. Viel Liebe von der Jury erfuhr auch die Türkei, die das Ganze schließlich erfand: Funda Kılıçs sehr eurovisionstauglicher, erfrischend billiger, prototypisch türkischer Discosong ‚Hoppa‘ (aus der Feder des ‚Düm Tek Tek‘-[TR 2009]-Komponisten, der auch in der Jury saß), kam mit 199 Punkten auf Rang 2, und das trotz des ziemlich dünnen Stimmchens der in fadenscheinigen Hotpants antretenden Sängerin. Doch wer achtete schon auf sie, hatte sie doch zwei männliche Saftbolzen als Tänzer mitgebracht, die alle Aufmerksamkeit fesselten. Der beim richtigen Song Contest begründeten Tradition folgend, erhielt die fabelhafte Nummer eine Höchstwertung aus Deutschland.

Kickt einige mutterfickende Ärsche: Funda (TR)

Optisch überzeugen konnte auch der Bosnier Mensur Salkić, obschon er mit langem schwarzen Mantel, glattrasiertem Gesicht und Fußballer-Irokesen ein wenig aussah wie aus 2004 hierher gebeamt. Enttäuschend auch, dass seine saftbolzige männliche Possee aus dem Bewerbungsvideo fehlte. Anstelle der Jungs brachte Mensur ein – und ich meine das als Kompliment! – Flittchen mit, das weniger obszön gewirkt hätte, wenn es statt der kürzesten Jeans-Shorts aller Zeiten gleich gar nichts angezogen hätte. Sie mimte nacheinander eine Gitarristin und eine Trommlerin, beides wenig überzeugend. Dankenswerterweise lenkte ein Tänzer ab, der mit einigen Rückwärtssalti für Unterhaltung sorgte. ‚Šutim‘, Mensurs Lied, wusste jedoch als melodischer Poprocksong mit Schub und gutem Refrain zu gefallen. Schöne Männer schickten auch Bulgarien und der Irak (Türkmeneli). İsmail Matevs halbgarer Dancepop-Beitrag ‚Yollara, Taşlara‘ übersetzt sich laut Wikipedia als ‚Zu den Straßen, zu den Steinen‘ – eine Reflektion auf die Geschehnisse rund um den Gezi-Park in Istanbul? Selbstredend straften die Juroren den in seinem schwarzen Glitzerjackett etwas schwuppig wirkenden Bulgaren ebenso ab wie den als Kellner daher kommenden Iraki Ahmet Tuzlu mit dem zäh geknödelten und hauptsächlich aus unmotiviert klingenden „Hey“s bestehenden ‚Cal Kalbimi‘, der im Aufwärmgespräch noch – auch für den Moderator – überraschend „Dein ist mein ganzes Herz“ sang. Auf deutsch!

Dein ist mein ganzes Herz, Ahmet! (IQ)

Mit 198 Punkten landete Kasachstan auf Rang 3, obschon auch die als Erste auf die Bühne müssende Zhanar Dugalova mit Tonproblemen zu kämpfen hatte. Sie machte es mit hübschem Kopfschmuck und einen fetzigen Popsong mehr als wett. Verdient auf dem letzten Platz landete Georgien, das zwei geklont wirkende Bräute in identischen Spitzenblüschen und mit strengen Haarknoten schickte, sowie einen sehr zähen Song. Locker hingegen Aziza Nizamova aus Usbekistan, die optisch ein wenig an Lena Meyer-Landrut (DE 2010, 2011) erinnerte und im Aufwärmgespräch erst mal ein Selfie machte. Dem unglücklichen Beispiel Sofi Marinovas (BG 2012) folgte die Albanerin Xhoana Bejko, die zu ihrem Discoknaller ‚Zjarr dhe Ajër‘ völlig allein und verloren auf der hierfür zu großen Bühne stand. Für sie heißt es ebenso ab nach Hause wie für die mit großen Hoffnungen angetretene Gagausin Mariya Topal, eine etwas füllige Frau, die in Begleitung einer Melodika-Spielerin eine extrem lahme Ballade sang. Allerdings zeigte Meidan TV beim Schnitt ins Publikum eine flennende Zuschauerin, es muss in ‚Aaladım‘ (‚Ich habe geweint‘) also um etwas Ergreifendes gegangen sein.

Ich bin heut böse, ich hass‘ die ganze Welt: Elvin (AZ)

Als Juryschwamm erwies sich erwartungsgemäß die todesöde Ballade von Darina Siniçkina, die für die „russische Föderation“ (so die Ansage) Krim antrat. Sie erinnerte mit gesticktem Diadem, üppigen blonden Locken und prächtigem Dekolleté ein wenig an Angelica Agurbash (BY 2005), was auch für ihr unharmonisches Geschreie gilt. Aus politischen Gründen überraschend hingegen das Ausscheiden Aserbaidschans (deren Eurovisionsvertreter von 2011, Eldar Qasımov, den Pausenact gab und auch als aserbaidschanischer Juror fungierte), auch wenn bei Elvin Ordubadlis Beitrag ‚Divlərin yalqızlığı‘ irgendwie nichts zusammen passte: er wirkte in seinem Matador-Umhang wie ein Gnom, guckte gequält auf den Bühnenboden statt fröhlich in die Kamera und hielt zwischendurch kurze Ansprachen, was ihm besser gelang als das Singen. Eine kurze Rede schob auch der Rumäne Cengiz Erhan – ein Wiederkehrer – ein. Das zog aber ebenso wenig wie Animationsversuche mit halbherzigem Tanz. Zu Recht weiter kam hingegen der Mazedonier Kaan Mazhar, der zwar null Show bot, mit ‚Yolumu Bulurum‘ aber eine sehr schöne Tarkan-Nummer mit einem kokett gehauchten „Ach“ im Programm hatte und Höchstwertungen vom Balkan einsackte.

Dröger Sänger, toller Song (MK)

Zu loben ist das tatarische Fernsehen übrigens für die im Vergleich zu Eskişehir deutlich professionellere Gestaltung der Sendung. Nicht nur fehlten allzu lange Ansprachen irgendwelcher Würdeträger, man hatte auch eine ansprechende Bühne hingestellt und den Greenroom in Form von weißen Ledersitzgruppen direkt davor platziert. Während der Auftritte gab es immer mal wieder Kameraschwenks dorthin, und meist rockten die Konkurrenten fröhlich mit, so wie zum Beispiel die usbekische Lena, die zum leider arg unmelodischen Rocksong der iranischen Altherrengruppe Barış engagiert headbangte, was sehr hübsch anzuschauen war. Schön auch die Postkarten, welche die Interpreten mit ihrem Lieblingsbuch zeigten – oder, wie im Falle des Balkaren Eldar Zhanikaev, bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, nämlich dem Fußball schauen. Der hatte mit ‚Barama‘ gar keinen schlechten Song und mit einer Haremsdame, die versunken in der Bühnenecke auf den Ausgang des Säbelkampfes wartete, den zwei Tänzer um sie führten, auch keine schlechte Show. Nur der (wie im Vorjahr schon) arg verklemmt wirkende Eldar versaute die Chancen des Beitrags.

Verstießen in Deutschland gegen das Vermummungsverbot: Non-Stop (KG)

Eine hübsche Show mit leichten SM-Anleihen lieferte das kirgisische Duo Non-Stop: eine Domina mit Dutt im enggeschnürten PVC-Kleid und ein Boybandbube, begleitet von vier Tänzern mit Kordeln, mit denen sie dann natürlich auch die beiden Leadsänger aneinander fesselten. Sie schafften es ins Finale, im Gegensatz zu der auf dem unglücklichen 13. Rang landenden Vladlena Ivanova (ihr Lieblingsbuch: Der kleine Prinz) aus Jakutien (Sacha), die in einem interessanten Outfit mit Seitenpuscheln und goldener Kopfantenne ein schamanisches Beschwörungsritual abzog, begleitet von einem Rudel Wolfsmenschen. Trotz passenden Geheuls und eines ganz passablen Refrains zog sich ihr Beitrag ‚Kyn‘ dennoch etwas in die Länge – es fehlte ihm das komplett Durchgeknallte, mit dem ihre Kollegin Çıldız Tannakeşeva, die Vogelfrau aus Kemerowo, im Vorjahr die Messlatte äußerst legte.

Der Wolf, das Lamm, auf der grünen Weide (Sacha)

Die übrigens keiner der 25 Semifinalsongs reißen konnte, auch wenn sich die beiden letzten Künstler des Abends, Sayana Sobirova aus Chakassien und Ayas Kuular aus dem erst wenige Stunden vor Showbeginn angereisten Tuwa, alle Mühe gaben. Am chakassischen Beitrag war nur der Begleitsänger Dmitry Saf’yanov interessant, der in einem durchsichtigen Tüll-Shirt (in dem man seine Nippel sehen konnte) mit Ledereinsatz auftrat, bedrohlich knurrte wie ein angriffslustiger Hunderüde und dazu gelangweilt in die Gegend starrte. Tuwa hingegen enttäuschte nicht: Ayas gab optisch eine authentische Variante von Dschinghis Khan, wieherte wie ein Pferd, ließ sich von seinen Begleitern anmutig umtanzen und entzückte zum Schluss seines recht ansprechenden Songs ‚Subedei‘ mit einer amtlichen Rückung! Selbstredend mein Lieblingsbeitrag des Abends, auch wenn er natürlich nicht ins Finale weiterkam.

Dummheit oder Mogelei? Züleyha aus Turkmenistan bekam Punkte vom eigenen Juroren

Allerdings bestehen noch einige Zweifel am verkündeten Ergebnis: wie der fleißige Kollege von eurovoix nachrecherchierte, kamen kleinere Ungereimtheiten bei der Punktevergabe vor. So gab Turkmenistan, das mit dem anmutigen Tanz der sieben Haremsdamen rund um Züleyha Kakayeva durchaus überzeugte, fünf Punkte an sich selbst. Und Bosnien erhielt drei Punkte mehr, als dem Land nach Addition der Einzelwertungen eigentlich zustanden. Kleine Anfängerfehler, die schon mal unterlaufen können und beim Eurovision Song Contest ja auch oft genug passierten. Hier reichten diese Faux-Pas jedoch in beiden Fällen für das Weiterkommen ins Finale. Es bleibt daher abzuwarten, ob die Veranstalter das Ergebnis bis Freitag noch korrigieren.

Semifinale Türkvizyon 2014

Song Contest des türkischen Kulturraumes. 19.11.2014 in Kasan, Tatarstan (Autonome russische Republik).
#Land / RepublikTeil vonInterpretSongPkt.Pl.
01KasachstanKZZhanar DugalovaІzіn kөrem19803
02DeutschlandDEFahrettin GüneşSevdiğim14921
03TurkmenistanTMZüleyha KakayevaShikga-Shikga bilerzik16415
04GeorgienGEAysel Məmmədova + Ayla ŞiriyevaTenhayam14125
05UsbekistanUZAziza NizamovaDunyo bolsin Omon17210
06AlbanienALXhoana BejkoZjarr dhe Ajër15419
07GagausienMDMariya TopalAaladım16216
08UkraineUANatali DenizSän Benim14823
09IranIRBarışHeydar Baba17809
10BalkarienRUEldar ZhanikaevBarama14824
11TatarstanRUAydar SuleymanovAtlar chaba22301
12MoskauRUKazan WorldSon kөtəm19005
13KirgisienKGNon-StopSeze Bil19006
14Sacha (Jakutien)RUVladlena IvanovaKyn16812
15TürkeiTRFunda KılıçHoppa19902
16BosnienBAMensur SalkićŠutim16813
17BaschkortostanRUZamanKubair19304
18BulgarienBGİsmail MatevYollara, Taşlara16811
19TürkmeneliIQAhmet TuzluCal Kalbimi15518
20KrimUADarina SiniçkinaSuya gider17808
21AserbaidschanAZElvin OrdubadliDivlərin yalqızlığı16614
22RumänienROCengiz Erhan + Gafar Alev SibelGenclik basa bir gelir15817
23MazedonienMKKaan MazharYolumu Bulurum18107
24ChakassienRUDmitriy Saf’yanov + Sayana SobirovaOshikba14822
25TuwaRUAyas KuularSubedei15420

Fußnote(n)   [ + ]

1. Der veranstaltende Sender Meidan TV gab sämtliche Punktewertungen bekannt.

3 Gedanken zu “Türkvizyon 2014: Tatarische Pferde rennen ins Finale

  1. Mit meiner Lieblingskandidatin für Almanya wär das nicht passiert. Die hätte man nicht übersehen. Aber mich fragt ja keiner! *maul*

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