Bela­rus 2015: die ver­lo­re­ne Zeit

Gibt es eine schö­ne­re Art, Weih­nach­ten abzu­schlie­ßen als mit dem Euro­fest, der weiß­rus­si­schen Vor­ent­schei­dung? Dan­ke, Bel­tele­ra­dio­com­pa­ny, für (bis auf das Ergeb­nis) knapp drei Stun­den fan­tas­ti­sche Fei­er­tags­un­ter­hal­tung! Von denen übri­gens nur die ers­ten knapp andert­halb den 15 um die Fahr­kar­te nach Wien kon­kur­rie­ren­den Titeln gewid­met waren, die man nach einer läng­li­chen Rück­schau auf Teos (BY 2014) Kopen­ha­ge­ner Käse­ku­chen-Aben­teu­er recht zügig durch­peitsch­te. Freund­li­cher­wei­se, denn außer sehr viel grot­ti­gem Ost­block-Eng­lisch stach da wenig ins Ohr. Eher optisch nen­nens­wert der schmu­cke bar­fü­ßi­ge Glatz­kopf vom Trio Napo­li, die sich brumm­krei­sel­ar­tig dre­hen­de Der­wisch-Tän­ze­rin von Daria, der mit groß­flä­chi­gen Fake-Tat­toos bemal­te Alek­sey Gross, die drei aggres­siv sin­gen­den Kampf­tran­sen von Bea­trys und die aus­ge­feil­te Feu­er-Was­ser-Eis-Cho­reo­gra­fie mit fächer­we­deln­den Hel­fe­rin­nen von Janet­te, lei­der alle­samt mit beson­ders grau­en­haf­ten Songs. Eine geson­der­te Erwäh­nung ver­die­nen außer­dem Rost­a­ny, vier bär­ti­ge lang­haa­ri­ge Bom­ben­le­ger, die sich mit ‘Elec­tric Toys’ an einer unver­dau­li­chen Mélan­ge aus Gitar­ren­mu­cke und Acht­zi­ger­jah­re-Syn­thie­pop ver­such­ten und vor allem für die unsterb­li­che Text­zei­le “Copy copy pas­te me” in Erin­ne­rung blei­ben. Mit genü­gend Wod­ka intus macht es bestimmt viel Spaß, das mit­zu­sin­gen.

Wel­ches elek­tro­ni­sches “Spiel­zeug” die wohl mei­nen? Rost­a­ny

Sie alle waren am Ende jedoch eben­so chan­cen­los wie die ursprüng­lich aus­er­ko­re­nen drei Favo­ri­ten: die bereits aus der Türk­vi­zyon bekann­te Gunesh Aba­so­va mit einer töd­lich lang­wei­li­gen Bal­la­de; mein per­sön­li­cher Lieb­lings­ti­tel ‘Only dance’, ein von Yana But­ske­vich und Muz­zart lei­der etwas arg steif vor­ge­tra­ge­ner Elek­tro-Swing-Smas­her; und natür­lich Alex­an­der Rybaks (NO 2009) fünf­köp­fi­ge Kin­der­ge­burts­tags­va­ri­an­te der Bura­novs­ki­ye Babush­ki (RU 2012), Mil­ki, die mit ‘Accent’ sogar den ein­gän­gigs­ten Song des Abends am Start hat­ten, aller­dings den Ein­druck hin­ter­lie­ßen, als sei­en sie bei der Juni­or-Euro­vi­si­on bes­ser auf­ge­ho­ben. Im Tele­vo­ting führ­ten dann zu mei­nem Erstau­nen tat­säch­lich die auch in den Wer­be­pau­sen stets pene­trant prä­sen­ten Elek­troswin­ger von Muz­zart. Doch viel­leicht hät­te die Plat­ten­fir­ma das vie­le Geld für die vie­len TV-Spots lie­ber in das Bestechen der Juroren1)Der Fair­ness hal­ber sei ver­merkt, dass einer von ihnen der rus­si­sche Euro­vi­si­ons­blog­ger Andy Mikheev (esck­az) war, und der berich­te­te, dass das Jury-Voting unbe­ein­flusst, geheim und fair gewe­sen sei, die Juro­ren unter­schied­lich alt und mit unter­schied­li­chem Back­ground und man die Tele­vo­ting-Ergeb­nis­se vor der Abstim­mung nicht gekannt habe. Die Hälf­te der Juro­ren sei mit der U-Bahn ange­reist, da “die Bestechungs­gel­der noch nicht mal fürs Taxi reich­ten,” so Mikheev augen­zwin­kernd. Also doch wohl nur ein Fall von schlech­tem Geschmack. inves­tiert: deren gab es sie­ben, und nur einer von ihnen hat­te ein ein­zel­nes Trost­pünkt­chen für die Publi­kums­fa­vo­ri­ten übrig.

Wer schreit so spät durch Wind und Nacht? Es ist Uza­ri, es ist nach Acht

Statt­des­sen schau­fel­ten die geschmacks­ge­stör­ten Mani­pu­la­to­ren, deren Ein­zel­mei­nung – wie schon beim Mal­ta­song – jeweils genau so viel zähl­te wie alle Anru­fer zusam­men, also jeweils ein Sechs­tel, ihre Höchst­wer­tun­gen der super­drö­gen Euro­vi­si­ons­bal­la­de von Gunesh zu, vor allem aber dem sieg­rei­chen Duo Uza­ri & Mai­mu­ma. Anschei­nend hat­ten die genü­gend Schmier­geld gezahlt, anders lässt sich das Ergeb­nis näm­lich nicht erklä­ren. Ein unan­ge­nehm schief knö­deln­der Hams­ter mit Hals­ent­zün­dung in einem pein­li­chen Vokuhi­la-Ober­teil, der stän­dig “Ah-ah” kreischt, und eine ihn auf der Rybak-Fie­del beglei­ten­de, stum­me Eis­prin­zes­sin: was hat­ten die Bei­den nur, was die Jurys über­zeug­te? Einen Song jeden­falls nicht, denn ‘Time’, so der offi­zi­el­le Titel ihres die Milch sau­er wer­den las­sen­den Gejo­dels, ist so ziem­lich das Schlimms­te, das ich in sech­zig Jah­ren Euro­vi­si­on jemals hören muss­te. Und das schließt ‘Rock me’ (YU 1989) aus­drück­lich ein. Soll­te nicht noch ein Bela­rus Spe­zi­al fol­gen und der Song vor Wien aus­ge­tauscht wer­den, ist der letz­te Platz im Semi wohl fest für die Weiß­rus­sen gebucht.

They no speak Ame­ri­ca­no: Muz­zart wur­den ein Opfer der Jurys

Dei­ne Ein­schät­zung: hat das bela­rus­si­sche Duo eine Chan­ce aufs Fina­le?

  • Eher dankt Luka­schen­ko frei­wil­lig ab. (40%, 20 Votes)
  • Abwar­ten, wird doch eh noch aus­ge­tauscht. (34%, 17 Votes)
  • War­um nicht? So geht Pop heu­te. (26%, 13 Votes)

Total Voters: 50

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Fußnote(n)   [ + ]

1. Der Fair­ness hal­ber sei ver­merkt, dass einer von ihnen der rus­si­sche Euro­vi­si­ons­blog­ger Andy Mikheev (esck­az) war, und der berich­te­te, dass das Jury-Voting unbe­ein­flusst, geheim und fair gewe­sen sei, die Juro­ren unter­schied­lich alt und mit unter­schied­li­chem Back­ground und man die Tele­vo­ting-Ergeb­nis­se vor der Abstim­mung nicht gekannt habe. Die Hälf­te der Juro­ren sei mit der U-Bahn ange­reist, da “die Bestechungs­gel­der noch nicht mal fürs Taxi reich­ten,” so Mikheev augen­zwin­kernd. Also doch wohl nur ein Fall von schlech­tem Geschmack.

1 Gedanke zu “Bela­rus 2015: die ver­lo­re­ne Zeit

  1. Au weia, was kommt da auf uns zu?
    Erst “Ei-ei-ei-ei-ei” aus Hol­land und jetzt “Haha­ha” und “ah-ah” für Weiß­russ­land. Und Alba­ni­en dann mit “mi-mi-mi-mi-mi” ?
    Aber für den ESC pla­nen kann man als weiß­rus­si­scher Kan­di­dat ja eh erst im März.

    Möge Herr Luka­schen­ko den Dau­men sen­ken. Ich fra­ge mich noch immer, wie man “Ice, Ice, Nice, Nice” ver­schmä­hen konn­te.

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