Österreich: der Schweiß tropft bis zur Lippe

Heute früh stellte der ORF die 16 Kandidat/innen um die Nachfolge Conchita Wursts (AT 2014) vor. Außer den Makemakes, die mit dem rundweg furchtbaren ‚Million Euro Smile‘ einen unverdienten Nummer-Zwei-Hit landen konnten, handelt es sich dabei ausschließlich um junge Bands und Solokünstler/innen, deren richtiger kommerzieller Durchbruch noch bevorsteht. Was Sinn macht, soll das Format Wer singt für Österreich? doch der Nachwuchsförderung dienen. Und im Gegensatz zum NDR, der beim deutschen Vor-Vorentscheid 2014 zehn Schattierungen desselben Beige aussuchte, beeindruckt die enorme musikalische Bandbreite der Austria-Acts, die sich nun am 20. Februar einer Jury stellen müssen. Sechs von ihnen kommen dann in die nächste Runde am 27. Februar, wo sich die „Coaches“ Anna F., Nazar und die bereits in der deutschen Castingshow The Voice in ähnlichem Auftrag tätigen BossHoss ihrer annehmen und sie vor „verschiedene Challenges“ stellen. Am darauffolgenden Freitag bekommen sie die Möglichkeit, jeweils zwei Songs vorzustellen, und am 13. März 2015 entscheidet das Publikum und eine Jury schließlich, wer von ihnen im Mai das Austragungsland vertritt.

Fit für den Contest: die Mizgebonez

Für das mögliche Wettbewerbslied will der ORF den sechs ausgewählten Acts „international versierte Songwriter und erfolgreiche Produzenten zur Seite“ stellen, darunter beispielsweise Julie Frost, die schon für Lena Meyer-Landruts ‚Satellite‘ (DE 2010) verantwortlich zeichnete. Die Auswahl der heute präsentierten glücklichen Sechzehn erfolgte laut ORF ebenfalls über Talentscouts, und das Ergebnis spricht laut dem österreichischen Aufrechtgehn.de-Korrespondenten, Buchautoren und Contest-Kenner Mario Lackner dafür, dass es sich um die „ehrlichst bemühteste Suche seit Jahren“ handelt. Nach erster Youtube-Sichtung sind ziemlich fabelhafte Acts darunter, allen voran Mizgebonez, ein fünfköpfiges Unterhaltungskollektiv, das der eigenen Legende zufolge aus einem lediglich aus fünf Bauernhöfen bestehenden Kaff namens Gröpz stammen will. Sie präsentieren einen tollen Mix aus den verschiedensten Musikstilen und wunderbar subversiver Comedy und gehören auf jeden Fall in die Endrunde!

Quetsch die Luftquetschn: die Folkshilfe

So wie bitteschön auch die Folkshilfe. Die drei „Burschen“ (ORF) stammen aus Oberösterreich und kreuzen Volksmusik-Sound mit supereingängigem Pop. Laut Sender außerdem mit „Humor“, was ich mangels Sprachkenntnis (die Jungs singen in Mundart und ich verstehe kaum ein Wort) mal unbesehen glauben muss will. Vor heimischem Publikum sorgen sie jedenfalls für Stimmung, und auch meine Mundwinkel gehen bei ‚Seit a poa Tog‘ unweigerlich nach oben. Das auf dem Bewerbungsfoto furchtbar zickig frisierte und geschminkte Damentrio The Su’sis macht hingegen in Swing, und zumindest im DJ-Farrapo-Remix klingt ‚This and that‘ ziemlich geil. Ein professionelles Video können die Elektrokoko-Künstler Johann Sebastian Bass vorweisen, die nach Werbeprosa eine „Verschmelzung von live gespieltem Elektropop und barockem Prunk“ zelebrieren. Oder, um es mit einem sehr bekannten und leider viel zu früh verstorbenen Österreicher zu sagen: ‚Rock me, Amadeus‘.

Milch macht müde Zombies munter: Johann Sebastian Bass

Sehr hübsch auch der tanzbare Indie-Sound des vierköpfigen Kommandos Elefant, das alleine schon für den grandiosen Albumtitel ‚Scheitern als Show‘ von 2012 Coolness-Punkte sammelt, oder Lemo, der optisch ein wenig an Pasha Parfeny (MD 2012) erinnert, musikalisch allerdings leider eher an den aktuellen, superseichten Deutschpop eines Tim Bendzko. Mit ‚Vielleicht der Sommer‘ hatte er dieses Jahr sogar einen kleineren Hit (#24 AT), auch wenn der Song ebenso unentschlossen klingt wie der Titel es suggeriert. Einen Mix aus Reggae und Hip Hop präsentiert die Royal Kombo, und auch wenn ich nicht genug kiffe, um diese Art von Musik zu mögen, kann ich dem ORF nur dazu gratulieren, auch eine solche Klangfarbe in ihren Vorentscheid zu holen. Eine Vorlage für billige Flachwitze liefert das balkanösterreichische, laut Eigenbeschreibung in „Dramapop“ (vgl. Rosenstolz [DVE 1998]) machende Duo Tandem mit dem Songtitel ‚Zeig ihn mir‘. Aber auf dieses Niveau wollen wir uns natürlich nicht hinablassen, und so sage ich denn ‚Adieu‘, gemeinsam mit Chansonsängerin Zoe Lauren Straub, und wünsche unseren Nachbarn gutes Gelingen!

Find ich seltsam und mag ich gern: das Kommando Elefant

1 Gedanke zu “Österreich: der Schweiß tropft bis zur Lippe

Oder was denkst Du?