USFÖ-Perlen: der Effekt ist frappierend

Kommenden Mittwoch will der NDR die Namen der sieben von den Plattenfirmen eingereichten Künstler/innen für Unser Song für Deutschland bekannt geben. Und auch beim Nachwuchswettbewerb lief am gestrigen Freitag der Einsendeschluss ab. Naturgemäß kam es hier seit meiner letzten Sichtung kurz vor Weihnachten noch mal zu einem Ansturm, und ebenso naturgemäß findet sich Etliches hierunter, das es schnell noch vorzustellen gilt, bevor die Brainpool-Schergen und die NDR-Jury aus dem Füllhorn der Diversität erneut bloß zehn Schattierungen von Beige für das Clubkonzert am 19. Februar herauspicken, wo es die Wildcard für Hannover zu erspielen gilt. Sensi Simon & his Brother erfuhren bereits Würdigung in diesem Blog für ihren Titel ‚Fuck you, altes Leben‘. Sie haben nun mit ‚Dedede‘ nachgelegt, einer hochgradig lustigen Kompilation all der tausend Mal gehörten, immer wieder gern genommenen Vorwurf-Phrasen, die sich bedauernswerte Heteromänner beim Streitgespräch von ihren Freundinnen oder Frauen um die Ohren schlagen lassen müssen. Das ganze kombiniert mit knackigen Balkanbläsersätzen und einer supereingängigen Hookline, ist dieser auch schon von den Kollegen vom PrinzBlog abgefeierte Song einer meiner Favoriten für den Sommerhit 2015.


Großartiges Video zudem: Sensi Simon rockt (und sein Bruder auch)!

Zum Sommerhit taugt auch der großartige Titel ‚Sommer, Sonne, Eis, Eis, Bier, Bier, Grill‘ des (jedenfalls dem Dialekt nach) Berliner Atzenmusik-Duos Tupfa & Skalpell, das eine gewisse musikalische Verwandtschaft zum Elektro-Dadaisten Tomas Tulpe aufweist, bereits im letzten Jahr einer meiner Favoriten. Wie schon Sensi Simon ist auch Tomas Mehrfachtäter: mit ‚Schmier mir eine Schnitte‘ hat er ein zweites Eisen im Feuer, welches das hier bereits vorgestellte ‚Tarzan‘ in Sachen Dachschaden deutlich übertrifft. Großes Kino! Zu den Acts, bei denen man sich unwillkürlich fragt: „Ist das eine Parodie oder meint die das ernst?“ gehört die Weimarer Künstlerin Marlene Schnabel-Marquardt, eine Dame, die nicht nur dem Namen nach unwillkürlich Assoziationen an den Erfolgsroman ‚Beim nächsten Mann wird alles anders‘ von 1987 weckt, in dem Eva Heller typische Alternative auf die Schippe nahm. Auch Marlenes offensichtlich selbst verfasster (und von Löschung bedrohter) Wikipedia-Eintrag liest sich wie eine Karikatur. Ganz passend klingt ihr Titel ‚Sonne‘ ein bisschen wie Jule Neigel auf Hibiskustee.

Eine Huldigung an die gute alte Butterbemme: Tomas Tulpe

Und wo wir gerade bei Künstler/innen mit lustigen Namen sind: visualisieren Sie doch gerade mal einen Typ von Menschen (und die Art von Musik, die er macht), während ich Ihnen den Namen Chief Riddimkilla zurufe. Haben Sie? Gut, und jetzt schauen Sie mal unten in dem Video zu ‚A good Song‘ nach. Na? Das hätten Sie nicht erwartet, oder? ‚Meine Fürze stinken nicht‘ behauptet desweiteren ein gewisser Grandmaster Gigaproll. Wer’s glaubt! Und, noch immer zum selben Thema: wie man sich als Band Hasenscheisse nennen kann, ist die eine Frage. Was ‚Das unbedingte Ding‘ sein soll, dass sie in ihrem mehrsprachigen Ragga-Dancehall-Titel besingen, die andere, ebenso ungelöste. Immerhin groovt’s ganz nett. Zu den ungelösten Rätseln der Menschheitsgeschichte gehört wohl auch, was sich „The Godfather of Discofox“ (Eigenwerbung) Dallan bei ‚Ein Mai Tai in Thailand‘ dachte? Dass sich das dumpfe Schlagerpublikum einfach alles vorsetzen lässt? Dass es nach zwei billigen Eimercocktails den schiefen Gesang und das textdichterische Desaster nicht mehr bemerkt? Falsch gedacht, Dallan!

Der Fünf-Euro-Fiffi lebt: Chief Riddimkilla

Zahlreich vertreten sind die Gescheiterten aus dem Schweizer Internet-Vor-Vorentscheid: neben dem Mann, der die Lotterie für den Mond‘ gewann, dem Briten Ralfi, findet sich auch die Londoner Dragqueen Asifa Lahore (‚You and I‘), die aufgrund ihres pakistanischen Migrationshintergrunds schon mehrfach Todesdrohungen erhielt, aber sehr tapfer weiter ihren künstlerischen Weg geht. Für ihre Bewerbung in Deutschland wählte sie einen Mitschnitt ihres Liveauftritts bei BBC News – vielleicht etwas unglücklich, denn da sang sie ob der Aufregung leider stellenweise etwas schief. Aus Österreich stammt hingegen Mary Broadcast, die es mitsamt Band 2012 vergeblich bei Österreich rockt den Song Contest versuchte.Chasing on the Dancefloor ist so öde, dass sie es tatsächlich in die Endauswahl schaffen könnte. Oder sollte die NDR-Jury diesmal eine musikalisch breiter gestreute Auswahl treffen? Immerhin hatten die Brainpool-Praktikanten, welche die Qual des Vorsiebens tragen mussten, diesmal weniger Arbeit: gegenüber dem Vorjahr halbierte sich die Zahl der Bewerbungen auf rund 1.200.

Ohne Bart, dennoch mutig: Asifa Lahore

Um nochmals auf das Thema Mehrfachtäter zurückzukommen: zu denjenigen, die ich ganz ernsthaft beim Clubkonzert in Hamburg sehen möchte, gehört der junge Trong Nguyen, der im hier bereits vorgestellten ‚Peter Pan‘ schon seine tänzerischen und sängerischen Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis stellte. Auch er reichte mit Jaywalk nun einen zweiten Titel ein, an dem kompositorisch unter anderem Ali Zuckowski beteiligt ist, der auch für ‚Rise like a Phoenix‘ einer gewissen Conchita Wurst (AT 2014) mitverantwortlich zeichnete. Im dazugehörigen Video tanzt Trong wiederum auf das Enthusiastischste, allerdings gefällt mir das deutsch gesungene ‚Peter Pan‘ besser. Doch auch der vom Künstler offenbar bevorzugte englischsprachige Titel taugt was. Da wir diese Werkschau zu USFÖ 2015 mit einem Song zum beliebten Thema „Männer und Frauen“ begannen, will ich mit zwei weiteren, gegensätzlichen Beispielen hierzu schließen. Wie man es nicht macht, zeigt uns Der Dustin. Sein handgeklampftes ‚Frauen‘ strotzt vor abgestandenen Klischees („Frauen, denen ist immer kalt“), die vielleicht augenzwinkernd gemeint sein mögen, aber doch nur verkrampft und sexistisch wirken. Sexistische Anmachsprüche („Hast Du Wasser in den Beinen? Meine Rute schlägt aus!“) bis zum Abwinken reiht hingegen Captain Disko in ‚Tänzer‘ auf – durch die offensichtliche Übersteigerung funktioniert hier die Satire aber bestens. Und musikalisch überzeugt der Captain auch. So geht das!

Captain Diskos Debüt-EP heißt ‚Pornografie‘ und ist aktuell erhältlich!

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