Erster Supersamstag 2015: der Wind von Jönköping

Es war ein geschäftiger Samstagabend in Europa: neben dem dänischen MGP mit seinem vorhersehbaren Katastrophenergebnis fanden gestern in sechs weiteren Ländern Vorentscheidungsvorrunden statt. So beispielsweise in Finnland, wo sich im ersten Semi des Uuden Musiikin Kilpailu (UMK) erwartungsgemäß die aus vier gestandenen Kerlen mit Down-Syndrom bestehende Punkband Pertti Kurikan Nimipäivät (PKN) mit einem knackigen, dankenswerterweise kurzen Punksong durchsetzte. Sowie die musikalischen Coldplay-Eleven Satin Circus, deren Beitrag ‚Crossroads‘ im Gegensatz zu dem suizidalen Gejammer der Briten immerhin über ein klein wenig Pep verfügte, und mit dem vollbärtigen Wuschelhaarträger Paul Uotila über einen der bestaussehendsten Leadsänger des Abends. Wobei ich das Lied besser fände, wenn Krista Siegfrids (FI 2013), welche die Jungs auf dem Weg von der UMK-Garderobe auf die Studiobühne abpasste und schon mal den Refrain anstimmte, sie auch beim Auftritt unterstützt hätte. Dritter Finalist wurde ein ungefähr so breiter wie hoher Schwarzer, der auf spanisch rappte. Ein lustiges Volk, dieses Finnen!

Dann wird wieder Dir vergeben: Bart Uotila & seine Jungs (FI)

Wenig überraschende Ergebnisse auch in der ersten Runde des schwedischen Melodifestivalen. „Kopfnässer“ (Prinz-Blog) Eric Saade (SE 2011), der mit einer sehr possierlichen Choreographie und der eher infantilen Ankündigung eines absichtlich erzeugten Darmwindes („It’s gonna stink so bad, it drives you mad“) unterhielt, kam erwartungsgemäß weiter. Was einen Carcrash befürchten lässt, sollte er es nach Wien schaffen: gestern Abend kamen geschätzt 90% seines Vokalvortrags vom Band, live ist die Katastrophe vorprogrammiert. Mit einer drögen Bombast-Ballade gelangte auch Jessica Andersson, der ich ihr Mittun bei den diabolischen Fame (SE 2003) niemals verzeihen werde, ins MF-Finale. In die Andra Chansen schafften es die schwedischen Jacob Sisters, drei aufgetriedelte Hausfrauen namens Dolly Style, die sich mit bunten Perücken und Kleidern für den Kinderfasching kostümierten und mit ‚Hello hi‘ einen auf genau diese Zielgruppe konstruierten Mitsingschlager zum Besten gaben. Etwas fragwüdig allerdings die Textstelle „when we do it doggy-style“. Aber mit der Sexualkunde kann man ja nicht früh genug anfangen!

Die Pferdchen so zottig: Edgaras (LT)

Für den Linus-Svenning-raue-Schale-weicher-Kern-Dahinschmelz-Moment sorgte diesmal der anmutig schöne Pain-of-Salvation-Frontmann Daniel Gildenlöw, der barfüßig allein auf der Bühne sitzend eine vielleicht etwas zu fragile Ballade an seinen ‚Pappa‘ darbot, damit allerdings Letzter wurde. Schade! In Litauen schied gestern Abend beruhigenderweise der singende Zuhälter Edgaras Lubys aus, der seine beiden Pferdchen mit auf die Bühne gebracht hatte, aus unerfindlichen Gründen gleich zwei Cowboyhüte übereinander trug und auch sonst den virulenten Eindruck verstärkte, dass es sich bei dem baltischen Land in Wahrheit um eine einzige Freiluft-Irrenanstalt handelt. Im benachbarten Estland erwischte es im ersten Semi der Eesti Laul meinen diesjährigen Lieblingsbeitrag ‚Saatuse Laul‘ von Airi Vipulkumar Kansar, ein rundweg niedlicher Countryschlager, dargeboten von einer Frau, die wie eine Mischung aus einem Teil Dolly Parton (ca. 1972) und vier Teilen der Katzenlady von den Simpsons anmutet, und aufs Allerliebste umspielt von lustigen Seifenblasen. Pfui, Estland: ihr enttäuscht mich!

Lieblingssong 2015: wie gewonnen, so zerronnen (EE)

Ins Eesti-Laul-Finale schafften es hingegen die Elephants from Neptune mit dem düsteren ‚Unriddle me‘ sowie der ehemalige Frontmann von Malcom Lincoln (EE 2010), Robin Jukenthal, der mit ‚Troubles‘ eine mit enervierend hoher Quäkstimme absolvierte Jazznummer darbot. Interessanterweise ließ Robin auch während der Nicht-Gesangs-Parts den Mund ständig weit offen stehen, so dass alles, was von seinem Auftritt hängen blieb, der Eindruck ist, dass er dringend mal einen Kieferorthopäden aufsuchen sollte. Etwas arg entrückt blickte Maia Vahtramäe drein, die in ihrem schulterfreien Paillettenkleid dennoch irgendwie ausschaute wie ein im falschen Körper gefangener Preisboxer. Ihrer sanften Ballade ‚Üle vesihalli taeva‘ täte ein Anziehen des Tempos um ungefähr 20% sehr gut, dennoch war dies der einzige Finaltitel, der mir auch nur ansatzweise gefiel. Ihr hattet früher doch mal so eine fantastische Vorentscheidung, liebe Esten, was ist nur geschehen?

Häuptling Silberblick: Maia (EE)

Ein wenig von dem ehemaligen „Estonian Cool“ scheint sich nach Island verflüchtigt zu haben, wo es mit Sundays ‚Fjaðrir‘ ein eher experimentelles Elektrostück ins Finale schaffte, das einige Fans vor allem visuell entfernt an Margret Bergers ‚I feed you my Love‘ (NO 2013) erinnerte. Leider gilt der Vergleich nicht musikalisch: ‚Fjaðrir‘ (‚Feder‘), eine Fabel über zwei Vögel, die sich in einer eisigen Winternacht aus den Augen verlieren, muss bedauerlicherweise ohne Bergers zwingenden Refrain beziehungsweise ganz ohne eine erkennbare Melodie auskommen. Auskommen muss der Song Contest auch ohne Regína Ósk: die mittlerweile deutlich mehr als ehemalige Hälfte meiner Allzeit-Eurovisionslieblinge Euroband (IS 2008) blieb mit ihrer mauen Ballade ‚Aldrei of seint‘ im Semi des Söngvakeppin kleben. Da halfen auch die hübschen Glasperlenschnüre nicht, mit denen Regína sich während ihres Auftritts umgab.

‚Ooh aah‘ auf Ketamin oder ‚I feed you my Love‘ auf Valium? (IS)

In der dritten und letzten Vorrunde des ungarischen A Dal gab es diesmal zumindest kein weiteres Jurygate zu verzeichnen: die ersten Fünf marschierten ohne Punktegleichstand weiter und das Publikum rettete mit der vierköpfigen Boyband Spoon die sechstplatzierte, fleischgewordene Cadinot-Porno-Fantasie mit einem okayen Radiopopliedlein. Allerdings: meine Porno-Fantasie beflügelten die knackigen, etwas erwachseneren Vollbartträger von Other Planet deutlich stärker, auch wenn deren Songtitel ‚Untold Story‘ nicht ganz die Wahrheit erzählte; handelte es sich bei dem mit jammernder Stimme vorgejaulten Synthiepopstück doch um eine bereits erzählte Geschichte, nämlich die deutlich rauere, düsterere, ungeschliffene Version von Chris Isaaks ‚Wicked Game‘. Zu den Finalistinnen zählt selbstredend auch Kati Wolf (HU 2011), die Camilla Parker-Bowles der Eurovision, die mit dem Midtempostück ‚Ne engedj el!‘ zwar nicht an ihren vielgeliebten Discoschlager ‚What about my Dreams‘ anknüpfen kann, dafür aber eine deutlich überzeugendere Performance hinlegte.

Grrrrrrr: Schönheit von einem anderen Planeten (HU)

Siegerin dieser Runde wurde Boglárka Csemer alias Boggie, die mit ‚Wars for Nothing‘ ein berührendes Update zu ‚Ein bisschen Frieden‘ (DE 1982) brachte. Etwas weniger katholisch und kitschig inszeniert, dennoch absolut effizient: wenn ab dem zweiten Refrain Boggies vierköpfiger Begleitchor in Form eines bosnischen Blocks zu ihr aufschließt, um mit ihr eine singende Mauer der friedvollen Entschlossenheit zu bilden, während auf dem Bühnenhintergrund verstörende Zahlen und Fakten zum weltweiten Kriegsgeschehen eingeblendet werden, vibriert mein Rückenmark! Am anderen Ende der Tabelle landete mit dem eingängigen ‚Listen to the Universe‘ ein eigentlich sehr schönes Lied mit eurovisionskompatibel weltallumspannenden Anspruch, das aber leider unter den arg schiefen Tönen der Interpretin Barbara Péter (und ihrer Chorsängerin) litt.

Holt die Wunderkerzen raus! (HU)

11 Gedanken zu “Erster Supersamstag 2015: der Wind von Jönköping

  1. Jessica Anderson war doch gar nicht bei den Friends…. die war zwei Jahre später bei Fame. Ist aber auch nicht besser. Aber nachdem in Schweden ja eh alles vom Duell Saade gegen Zelmerlöw ausgeht, tu ich das jetzt auch 😉

  2. Psst, Olli. die ganzen coolen Beiträge haben die Esten im zweiten Semi versteckt. Deswegen werden dann leider einige davon nächstes mal ausscheiden müssen. Wer auch immer die Aufteulung der Songs vorgenommen hat, gehört dafür öffentlich verprügelt.

  3. Jetzt muss ich doch mal in die an dieser Stelle sonst so oft geäußerte Forderung einstimmen, dass die Schweden kollektiv entmündigt gehören! Gibts’s denn sowas? Das melodiefestivalen startete fulminant mit einem echten Kracher, der für mich bislang dert beste Beitrag des gesamten Jahrgangs ist und meinetwegen den GP hätte gewinnen können (Molly Pettersson Hammar: I’ll be fine) — und dann scheidet dieser bereits im ersten Wahlgang aus. So weit kommt man also, wenn man dem Wahlvolk ganz ohne Jury-Unterstützung die Verantwortung überlässt.
    Dass es nicht für den Sieg reichen würde, hatte ich ja schon vermutet, als ich las, wer sonst noch so antritt. Wobei ich von Herrn Saade dann sogar positiv überrascht war. Nicht dass mir dessen Beitrag sonderlich gefallen hat, aber zum einen hat es diesmal definitiv nicht für meinen Hasstitel des Jahres gereicht, und zum anderen glaubte ich beim Hören sogar, dass ich Eric Abbitte tun müsste, dass ich ihn immer völlig falsch eingeschätzt hatte, und er ja tatsächlich singen kann (wenn auch mit etwas quäkiger Stimme, aber das ist Geschmackssache). Erst beim lesen dieses Blogs bin ich dann darauf aufmerksam geworden, dass es ja wohl Playback gewesen ist. Schade, aber immerhin hat er das ja vielleicht doch selbst eingesungen, nehme ich zu seinen Gunsten mal an. Und zusammen mit den ebenfalls weitergekommenen (wenn auch nur andra sjansen) Dolly Style ist das in meinen Ohren immer noch der schlechteste Beitrag dieses Semis gewesen.
    Die spinnen, die Schweden.

  4. Zu den übrigen Shows:
    FIN: Ist mir ziemlich egal, was da weiterkommt, hat mir alles nicht gefallen. Die besseren Beiträge sind in den anderen Semis. Aber symptomatisch ist es schon, dass der einzige geringfügig bessere Titel (Sydän ei nuku) natürlich nicht weiterkam.
    EST: Das geht in Ordnung. Zwar hat es Miina und Karl-Erik geschrägt, aber mit The Blurry Lane und Elephants from Neptune sind dann doch noch 2 meiner Lieblinge dabei.
    IS: Schreck lass nach! Da bin ich echt enttäuscht. Früher war mir dieses Land so sympathisch, und jetzt schmeißen sie die 3 guten Titel raus, darunter die fantastiscje Stefania, und lassen die 3 schlechteren weiter … Soll das ein schlechter Scherz sein?
    H: das geht im großen und ganzen in Ordnung. Immerhin waren die von der Jury als Top 3 bepunkteten Kandidaten auch meine ersten drei, wenn auch in etwas anderer Reihenfolge.

  5. Korrektur: meine Aussagen zu Island bezogen sich auf das erste Semi. Im Hier eigentlich thematisierten zweiten Semi bin ich allerdings nur geringfügig weniger entsetzt. Zwar ist mein Favorit Fjadhrir noch dabei, und Maria Olafsdottir ist auch ganz ok, aber wie man ein so billiges Machwerk wie den Song von Cadem sämtlichen anderen Teilnehmern vorziehen kann, ist mir ein echtes Rätsel.
    Nein, eigentlich nicht. Ich weiß ja, dass die Massen so ticken.

  6. Nachtrag zu Schweden:
    Ich hatte ja allein die Geschmacksverirrung der Schweden dafür verantwortlich gemacht, aber neuere Informationen lassen vermuten, dass das Mollygate im ersten Semi des Mello durch die schlecht durchdachte und schlecht beworbene Voting-App zustandekam. Offenbar gab es Probleme bei Installation und Bedienung, so dass die Zeitfenster für die Unterstützung der ersten Acts längst vorbei waren, bis alle gerafft hatten, wie man mit dem teil umgeht. Konsequenterweise war dann auch die Tabelle (wenn man von einer winzigen Ausnahme absieht, nämlich, dass Molly dann doch nicht Letzte, sondern „nur“ Vorletzte wurde) genau die umgekehrte Laufreihenfolge!!!
    Das das nichts mit den wirklichen Vorlieben der Schweden zu tun hat, beweist die Platzierung von Molly in den schwedischen Charts. Dort ist nämlich ihr Titel der höchtsplatzierte unter allen Mello-Teilnehmern.
    Wenn das kein Mollygate ist.

  7. @aufrechtgehn: Danke für’s Editing. Wie kann ich das das nächste Mal richtig machen? HTML eingeben?

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