Lettland 2015: Taken by a Beaver

Was ist denn da nur auf einmal mit dem Baltikum passiert? Legten gestern Abend bereits Estland und Litauen mit zwei Siegeskandidaten für Wien vor, so komplettierte Lettland vor wenigen Minuten das Trio der Fabelhaftigkeit mit einem rundweg fantastischen Beitrag, bestehend aus vier Teilen Rihanna, zwei Teilen Björk und einem Teil ‚Taken by a Stranger‘ (Lena Meyer-Landrut, DE 2011): dunkel, dräuend, kraftvoll und treibend – passend zum Songtext über die Liebe, der mit unkitschigen Worten wie „Verlangen“ und „nackt“ spielt und doch vor allem die entfesselnde Kraft der Himmelsmacht besingt. Und das ganze von der sensationell performenden und hinreißend anzuschauenden Aminata Savadogo und ihren Backings so perfekt dargeboten, dass selbst ihre haarscharf zwischen anstrengend und großartig changierende, hohe Stimme in letztere Kategorie fiel. Damit ist der dritte Knaller dieses Jahrgangs gefunden – und das alles an einem Wochenende! Endlich können wir uns auf Wien freuen!

Eine Erscheinung: Elektro-RnB-Fee Aminata (LV)

Die Endrunde der lettischen Supernova enthielt aber noch mehr positive Überraschungen: lediglich vier Songs traten im Finale gegeneinander an – und drei davon hätten ruhig siegen dürfen! Neben Aminata galt das in besonderem Maße für die von einem anderen Planeten zu kommen scheinende Mntha mit der schrägen Perücke und dem sphärisch-verspult-düsteren Ambient-Song ‚Nefelibata‘ (‚Im Wolkenkuckucksheim Lebende‘): ein absolut großartiges Stück Musik! Gegen die Fabelhaftigkeit der beiden ersten Beiträge fiel der spaßige Country-Dance-Kracher ‚Sundance‘ der Band ElektroFolk (die ganz leicht an Rednex erinnerten, nur in unpeinlich) dann fast ein wenig ab – wobei ich das Stück mit Leichtigkeit jedem einzelnen Wettbewerbsbeitrag von Unser Song für Österreich vorziehen würde. Können wir es vielleicht noch für Hannover bekommen, LTV?

Zu gut für den Contest, gehört aber in jede Plattensammlung: Mntha

Mit ‚Take me down‘ von Markus Riva komplettierte ein eher konventionell gemachter Titel, dargebracht von einem auf unsympathische Weise sehr von sich selbst überzeugt scheinenden mutmaßlichen Mitglied der Schwesternschaft, der angesichts seiner Magersucht trotz Muskelshirts und Tattoos kein bisschen sexy aussah, schließlich das Angebot: das war der einzige, den ich nicht hätte gewinnen sehen mögen. Wobei ich ‚Take me down‘ jederzeit gegen einen den bereits ausgewählten beispielsweise maltesischen oder georgischen Titel austauschen würde, wenn ich dürfte. Ursprünglich war ein Superfinale der zwei Bestplatzierten angekündigt, doch nachdem der Sender es geschafft hatte, die Präsentation der vier Beiträge samt Abstimmung und Stargästen (u.a. Reinars Kaupers, LV 2000) auf über zwei Stunden zu strecken und die für die Supernova vorgesehene Sendezeit bereits maßlos überzogen hatte, nahm man einfach das Ergebnis der ersten Televoting-Runde und erklärte die mit weitem Abstand Führende Aminata zur Siegerin. Und mit was? Mit Recht!

Supercool: ElektroFolk

Eine Erwähnung ehrenhalber verdient natürlich noch der Riga Beaver: da das lettische Fernsehen beim Internetstreaming die im Fernsehen gezeigten, zahlreichen Werbeblöcke nicht übertrug, unterhielt dort währenddessen ein tanzender, rappender und singender Mensch im Biberkostüm (in Riga grassiert die Biberplage und der Nager wird gerade zum Wahrzeichen der lettischen Metropole) die internationalen Fans. Und spielte sich, unter anderem mit einem französischsprachigen Rap, sofort in die Herzen der Internetgemeinde. Mittlerweile hat er sogar seine eigene Petition, welche die Ernennung des Bibers zum „Europäischen Kultursymbol“, mindestens aber zum lettischen Punktesprecher beim ESC 2015 in Wien fordert.  Jedenfalls verfestigt sich nach diesem Wochenende meine Überzeugung, dass es 2016 ins Baltikum geht. Und ich freu mich schon drauf wie ein Schnitzel!

Den möcht‘ ich als Eurovisionsmaskottchen 2016: der Riga Beaver

Und, wie stehen die Chancen für Aminata?

  • Die spielt auf jeden Fall ganz vorne mit. Großes Kino. (29%, 26 Votes)
  • Noch eine Siegesanwärterin. Die Balten haben's echt drauf dieses Jahr! (22%, 20 Votes)
  • Das packt noch nicht mal die Quali. (19%, 17 Votes)
  • Finale mit Leichtigkeit, aber dort dann ferner liefen. (17%, 15 Votes)
  • Die hätten den Biber schicken sollen! (12%, 11 Votes)

Total Voters: 89

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14 Gedanken zu “Lettland 2015: Taken by a Beaver

  1. Wir sind uns ja diesmal so einig wie selten sonst! Wobei ich das gar nicht gedacht hätte, da ich vermutet hatte, dass Dir der Hemdchenträger gefallen würder. So kann man sich täuschen. Den Satz „das war der einzige, den ich nicht hätte gewinnen sehen mögen“ unterschreibe ich.
    Nach diesem glücklichen Ausgang hoffe ich, dass wir viel Baltikum im Finale sehen werden.

  2. Ich find’s auch klasse. Moderne, unkonventionelle Beats und eine Sängerin so anmutig wie die junge Sade. Lettland hätte sich das Finale echt verdient.

  3. Ich finds auch super, aber ich fürchte, dass das nicht mainstreamtauglich genug ist, um irgendwas in Wien zu reißen.

  4. Also lieber Olli, so langsam zweifele ich doch an deinem Gehör. Wie kann man so ein unmelodisches Gekreische nur so abfeiern? Dagegen sind selbst die Songs von Faun phonetische Meisterwerke. Die Alte klingt wie ne Katze, der man auf den Schwanz getreten ist. Was ist nur mit diesem Jahrgang los, jetzt stehen schon 16 Songs fest, und fast überall hat man nur elenden Schrott gewählt.

  5. Der Song ist einfach toll! Wenn alles gut geht und es Gerechtigkeit gibt, räumt sie so ab wie Rona Nishliu.

  6. „endlich können wir uns auf Wien freuen“. Ich würde eher sagen, solang wird das von dir befürchtete Jurygate erkennbar. Pure Langeweile gepaart mit dem Versuch „was ganz neues zu wagen“. Und das muss misslingen. So schaufelt sich der ESC 2015 sein Grab. Lettland bisher das schlimmst „Lied“ des Jahrgangs. Ich hoffe, das bleibt so…

  7. der ESC 2015 hat schon drei zwingende Favoriten;
    Lettland, Litauen , Estland
    und Lettland ist einfach grandios, ein Meisterstück, Bravo

  8. Lettland? Bist DU das???
    Die Frage, was mit dem Baltikum passiert ist, finde ich gut. Normalerweise würden die Letten ja eher einen Latvian Beaver schicken, der irgendetwas über die Mayas rappt.

    „Love Injected“ ist etwas, was ich so gar nicht von diesem Land erwartet hätte. Auch wenn das nicht der größte Burner aller Zeiten ist: Wenn Aminata (hübscher Name) damit nicht ins Finale kommt, dann weiß ich nicht weiter. Lettland ist ja eh schon das neue Holland. Letzter Finaleinzug: vor SIEBEN Jahren!

    Und Aminata sieht nicht uninteressant aus. Vater: Burkina Faso, Mutter und Geburtsland: Lettland. Es hätte mich nicht gewundert, wenn sie von irgendeiner Karibikinsel gekommen wäre, denn Lettland hat ja eh schon allerlei lustiges Volk angezogen wie italienische Seeräubertenöre und deutsche Zivildienstleistende mit dem Hang zum Kuchen backen.

    Alles in allem teile ich die Begeisterung für die diesjährigen baltischen Beiträge gerne, auch wenn ich mich nicht unbedingt dem Estland-Siegerhype anschließen möchte, da „Goodbye to yesterday“ dann doch nicht herausragend genug ist und gerade die älteren Juroren eh Frankreich wählen werden, weil das so schön an die guten alten Zeiten erinnert.

  9. Hi, hi, ein Mensch im Bieberkostüm, und in Riga grassiere die Bieberplage. Justin there? Oder war es nur ein ordinärer Biber?

  10. Justin Bieber ist an sich schon eine Plage – aber gleich so viele davon ?
    Olli, nimm das „e“ raus 😉

  11. dem kann/muss ich leider uneingeschränkt zustimmen. das bisher bekannte liedgut ist sowas von unterirdisch, dass es einen graust. ok – frankreich lass ich grad noch durchgehen, aber der rest….
    und dieses lettische gewimmer möchte ich im finale nun überhaupt nicht wieder finden. europa, hab erbarmen !!!

Oder was denkst Du?