Hoffnung ist Abwesenheit von Wissen (CZ, BE 2015)

Zwei bereits längere Zeit feststehende Beiträge zum Eurovision Song Contest 2015 erblickten gestern erstmals das Licht der Öffentlichkeit. Beginnen wir mit Tschechien, denn hier waren meine Erwartungen am höchsten. Hatte der Sender ČT doch die auch hierzulande als Gastsängerin von Oomph! und anderen Bands bekannte Marta Jandová und den Rocksänger Václav „Noid“ Bárta nominiert, dessen bisheriges Portfolio auf einen düsteren, atmosphärischen Kracher hoffen ließ. Wie das bei hohen Erwartungen immer ist: sie müssen zwangsläufig enttäuscht werden. Nun ist ‚Hope never dies‘ kein schlechter Song: Noids sexy tiefe Stimme und Martas engagierter Gesang ergänzen sich perfekt, dramatische Geigen und eine ordentliche Percussion heben die Rockballade ein wenig aus dem Meer der getragenen Langeweile dieses Jahrgangs heraus. Fraglos dürfte der Beitrag für das beste tschechische Eurovisionsergebnis sorgen.


Der Schöne und das Biest (CZ)

Dennoch hätte ich mir mehr versprochen, mehr Dreck, mehr Düsternis. Da liefert Noid nicht, die Nummer erscheint brav, die Last des wilden Befreiungsschlages gegen die auf den Jurygeschmack zugeschnittene Verschnarchheit bleibt nun doch alleine an den finnischen Punks hängen. Schade! Unerwartet Erfreuliches trägt hingegen Belgien bei: zwar wirkt der wallonische Castingshowstar Loïc Nottet so kindlich, dass man sich unwillkürlich fragt, ob man nicht versehentlich beim Junior-ESC gelandet sei. Andererseits war es eine Dreizehnjährige, die dem Frittenland den bislang einzigen Grand-Prix-Sieg bescherte. Und den halte ich für Loïc nicht für ausgeschlossen: sein ‚Rhythm inside‘ klingt modern und frisch – oder, wollte man es böse formulieren, wie ein Remix des 2014er Welthits ‚Royals‘ der neuseeländischen Sängerin Lorde. Wobei ich zugeben muss, bei der ersten Erwähnung dieses Vergleichs in einem Fan-Forum gedacht zu haben: „Was hat Loïc mit den finnischen Monsterrockern zu tun?“.


Für’s Rappapappen ist er vielleicht noch ein bisschen jung, oder? (BE)

Aber Lordi (FI 2006) hin, Lorde her: ‚Rhythm inside‘ ist ein verspielter, unterhaltsamer und eingängiger Song, der im diesjährigen Depressionsumfeld hinaussticht wie ein Sonnenstrahl, der sich erfolgreich durch die dicken grauen Winterwolken hindurchkämpft und der im Gegensatz zu den sicheren Proteststimmensammlern PKN und der wunderbar fröhlichen, aber eben auch leicht trashigen britischen Elektroswingnummer, welche als einziger Uptempobeitrag des Jahres die Anrufe der Balladenhasser auf sich vereinen dürfte, bei der Jury vermutlich auf keinerlei Anstoßnahme und zwangsläufig folgendem Downvoting stoßen dürfte. Sollte Loïc es live nicht vergeigen, dürfte, wie die Österreicher es so hübsch formulieren, ein „Stockerlplatz“  (Medaillenrang) drin sein.

Die ersten 30 Sekunden klingen wirklich exakt gleich, inklusive Stimme: Lorde

Wie stehen die Chancen für die beiden Beiträge aus Tschechien und Belgien?

  • BE: Das hebt sicher dermaßen wohltuend aus der Masse raus, da ist ein Top-Ten-Ergebnis am Samstag sicher. (23%, 26 Votes)
  • CZ: Das hebt sich schon genug hervor, um ins Finale einzuziehen. (22%, 25 Votes)
  • BE: Finale ist sicher, alleine schon, weil es keine Ballade ist. (15%, 17 Votes)
  • CZ: das richtige Lied zur falschen Zeit. 'Hope never dies' ist schön, geht aber unter. (13%, 15 Votes)
  • CZ: stöhn, noch eine Ballade! Das könnte mal wieder auf den letzten Platz im Semi mit null Punkten rauslaufen. (10%, 11 Votes)
  • BE. Der gewinnt! (8%, 9 Votes)
  • BE: schlechte Kopie, bombt live ganz sicher. Bleibt hängen. (6%, 7 Votes)
  • CZ: Ich find's geil. Das könnte sogar für einen Top-Ten-Platz im Finale reichen. (4%, 4 Votes)

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7 Gedanken zu “Hoffnung ist Abwesenheit von Wissen (CZ, BE 2015)

  1. Ich würde mir für beide ein tolles Ergebnis wünschen – allerdings würde ich momentan die Live-Qualitäten des tschechischen Duos höher einschätzen. Die beiden haben die stärkste (bislang) Ballade am Start und Loic einen interessanten Song, dieses rabadabapbabpbaaap macht richtig Spaß. War Belgien letztes Jahr „Muttertag“ so ist es heuer „Vatertag“ 😉

  2. „Royals“ ist von 2013. Allerdings hatten wir letztes Jahr einige sehr langlebige Hits (oder unfreundlicher gesagt, extrem wenig Bewegung in den Charts, insbesondere in den USA), und „Royals“ fällt ohnehin in eine Kategorie von Songs, die sich eher länger in den Charts halten. „Rhythm Inside“ kann zwar textlich absolut nicht mit „Royals“ mithalten, ist aber dafür musikalisch einen Tick ansprechender. Das könnte was werden. (Nebenbei: der Gedanke „warum haben Lordi 2013 wieder einen Hit?“ kam mir auch, als ich das erste Mal von Lorde las.)

    Tja. „Hope Never Dies“. Ich mochte den Song lieber, als ich ihn das erste Mal gehört habe und er „Never Forget“ (IS 2012) hieß. 😉 Aber Spaß beiseite, damit dürfte für Tschechien das Finale erreichbar sein, wenn die Liveperformance nicht total platzt.

  3. Ich muss zugeben,dass auch ich von den Tschechen enttäuscht bin. Da waren meine Erwartungen wirklich wesentlich höher. Ich hatte auf etwas Rockigeres, meinetwegen auch Düsteres gehofft. Aber vielleicht sind sie ja gut beraten mit weniger Kanten, da das ja erwiesenermaßen sowohl Juries als auch dem Großteil der Televoter besser gefällt. Gut abschneiden werden sie hoffentlich trotzdem, denn das Werk ist grundsolide und die beiden Künstler erwiesenermaßen Profis, die das live schon schaukeln werden.
    Überhaupt nicht enttäuscht bin ich dagegen von Belgien. Aber nur, weil ich an das Jüngelchen eh keine großen Erwartungen hatte. Ich kann mit diesem Machwerk schlichtweg überhaupt nichts anfangen, da gefallen mir sogar die Briten noch besser. Aber glücklicherweise wird sich Herr Nottet durch ganz bestimmt nicht vorhandene Live-Qualitäten dann ja sowieso ins Aus schießen.

  4. Tschechien hatte mich in den ersten Sekunden auch enttäuscht, aber drei Minuten später war ich dann doch sehr in dieses Lied verliebt. Die Stimme von Vaclav hat halt dann doch etwas.
    Auch wenn es die hundertste Ballade dieses Jahr ist, wäre es sehr schade, wenn Tschechien nicht ins Finale käme. Wenn die Punktzahl im Halbfinale wieder nur einstellig wird, dann ist die Hoffnung doch gestorben und Tschechien lässt sich endgültig nie mehr wieder blicken.

    Vom belgischen Beitrag war ich sehr begeistert, auch wenn es „Royals“ sehr nahe steht. Aber hauptsache, es ist keine Ballade. Ein Stockerlplatz ist für Belgien aber trotzdem nicht drin, denn die Juroren haben gaaaaaannnz andere, langweiligere Interessen.

  5. Hm. Wieder besseres Wissen mag ich ja die Illusion nicht ganz aufgeben, die ein oder andere Sendeanstalt könnte vielleicht doch noch den ein oder anderen nach 1920 geborenen Juroren entsenden, der sich vielleicht doch für kontemporäre Musik begeistern könnte. Romantische Vorstellung, ich weiß…

  6. Irgendwas passt mir an der belgischen Nummer nicht. Hmmmm. Liegt es an der seltsamen Aussprache des Buben? keine Ahnung.

    Tschechien finde ich hingegen richtig gut. Die Stimmen reißen den (zugegebenermaßen) etwas faden Song doch noch raus.

Oder was denkst Du?