Rumänien 2015: Hört den Kindern einfach zu

Ein fabelhafter Vorentscheidungsabend ging vor wenigen Minuten in Rumänien zu Ende. Mit schiefen Tönen, Glitzer-Harnessen, flammensprühenden Muschis sowie einem grandiosen Ruslana-Gastspiel (UA 2004). Und einem, man höre und staune, übereinstimmenden Sieger im Jury- und Publikumsvoting: die Rockband Voltaj, von vorne herein als Favorit geltend, fährt mit ihrer formatradiofreundlichen Popballade ‚De la capăt‘ – im Lande bereits vor dem Vorentscheid ein großer Hit – nach Wien. Dort wollen sie den Song aber leider auf englisch als ‚All over again‘ vortragen. Wie esctoday.com informiert, sind Voltaj Botschafter der Charity-Organisation Habitat for Humanity, die Gelder für den Hausbau bzw. -renovierung in Rumänien sammelt, wo viele Menschen vor allem in den ländlichen Gebieten in bitterer Armut unter menschenunwürdigen Verhältnissen leben. Mit ihrem Song, der die Ängste und Sorgen von zurückgelassenen Kindern thematisiert, deren Eltern(-teile) als Gastarbeiter außerhalb Rumäniens leben, wollen sie nach eigener Aussage Aufmerksamkeit für die sozialen Schieflagen im Land erzeugen. Ein Lied mit Botschaft also, und das wurde zumindest am heutigen Abend belohnt (und lässt auch mich beinahe über die musikalische Langeweile hinwegsehen).

Haben noch eins, zwei Koffer in Bukarest: Voltaj

Neben diesem hohen moralischen Anspruch unterhielt die Selectia Nationale aber auch mit jeder Menge herrlichsten Trashs. Direkt auf die an erster Stelle im Line-up startenden späteren Sieger folgte eine dreiköpfige Boyband mit einer der lustigsten Tanzeinlagen seit der Normal Generation (DVE 2002), danach ein gruseliger Mann, der sich von zarten Elfen in Spitzhüten (dem Markenzeichen von Zdub si Zdob [MD 2011]) umtanzen ließ, sowie ein ungleiches Pärchen aus einem schwarz behemdeten Hünen und einer kleinen rothaarigen Frau, die sich mit dem schwächlichen ‚Chica Latina‘ vergeblich um Enrique-Iglesias-Flair bemühten. Als Höhepunkt der ersten Hälfte des aus 12 Acts bestehenden Feldes erwies sich jedoch Rodica Aculova, die sich, wie die Prinzen zu berichten wissen, mit dem Titel ‚My Light‘ bereits vergeblich in der Heimat Moldawien bewarb. Auch im Großer-Bruder-Land reichte es nur für den vorletzten Platz, und zwar zu Recht, lieferte sie doch in einem disneyhaften gelben Kitschkleid mit mindestens einem ohrenzermürbend schief gesungenen hohen Ton den Angelica-Agurbash-Moment (BY 2005) des Abends.


Diese Note (ab 2:22 Min) ist in der Tonleiter nicht vorgesehen: Rodica

Nach etwas Acapella und einem von zu Salzsäulen erstarrten Vampiren begleiteten Dicken in einem arg bizarren Lederwams, der jaulte, als sitze sein Cockring zu eng, folgten die Knüller Schlag auf Schlag: beginnend mit der blonden Lara Lee, deren moderner Elektrosong ‚Superman‘ klang wie der Bonustrack einer Margaret-Berger-Single (NO 2013). Und richtig, deren Songschreiberteam zeichnet auch für den Titel verantwortlich, zu dem sich Lara von knackigen Tänzern in Billy-Idol-Gedächtnisoutfits umwuseln ließ. Es folgte eine offensichtlich für die örtliche Bad-Taste-Party kostümierte Disco-Revival-Band namens Super Trooper, in deren ‚Secret Place‘ die Zeit offensichtlich 1977 stehen blieb und die einen denkwürdigen John-Travolta-Gedächtnis-Auftritt zu einer musikalischen Melange aus der Goombay Dance Band und Modern Talking hinlegten. Fantastisch!

Auch hier die Frage: können wir das als Ersatz für ‚Black Smoke‘ kriegen? 

Luminiţa Anghel vertrat Rumänien 2005 mit einem fabelhaften Housetrack und versucht es seither regelmäßig wieder – ohne Erfolg, dafür mit immer versteinerter werdendem Gesichtsausdruck. Besonders schön in dem Moment zu beobachten, als sie sie mit ihrer zähen Grand-Prix-Ballade ‚A Million Stars‘ nur den zweiten Platz erreichte und mit verbiesterter Miene den Trostpreis entgegen nehmen musste. Dabei gab sie sich mit einem pompösen Abendkleid und gleich drei muskulösen Tänzern in wunderschön mit Silberpailletten bestickten Lederharnessen wirklich Mühe, eine tolle Show abzuliefern. Unter ferner liefen landeten CEJ, die traurigen Überreste der schwedischen Kirmestechnokappelle Rednex (‚Cotton Eye Joe‘), die seit Jahren durch Rumänien tingeln und auch beim Vorentscheid schon ihre Aufwartung machten. Ihre traurige Trennungsballade ‚We were in Love‘ vermochte nicht so recht zu zünden.


In welcher schwulen Lederbar der Kostümdesigner wohl seine Anregung holte?

Zünden tat es hingegen bei Cristina Vasiu. Die Blondine kam in einem Rock auf die Bühne, der aussah, als habe ihr Schneider die obere Hälfte einer gigantischen Disco-Spiegelkugel umgearbeitet. Ihre beiden eigenen Discokugeln deckte sie mit einem schwarzen, als Schal umgelegten Fahrradschlauch ab. Dazu brachte sie vier Sexsklav/innen im hautfarbenen Bodybag mit, die hinter ihr einen Spermientanz aufführten. Als sei dies noch nicht genug, um von ihrem wirklich furchtbaren Elektroriemen ‚Nowhere‘ und ihrem schlechten Gesang abzulenken, sprühte pünktlich zum letzten Refrain ein Funkenregen unter ihrem Rock hervor, so als habe sie im Sinne des Wortes Feuer gefangen. Das reichte immerhin für 444 Anrufe und 21 Juryvoten: Platz 8 für die denkwürdigste Inszenierung dieses Jahrgangs. Und man mag gar nicht darüber spekulieren, wo sie die Feuerwerkskörper versteckt hatte…

Definiert das Wort „Trickkleid“ komplett neu: Feuermuschi Christina Vasiu

Als absoluter Höhepunkt der rumänischen Vorentscheidung erwies sich aber der Interval Act: nach einer etwa zehnminütigen Unterbrechung der Sendung, in denen der Zuschauer mit Bildern von jugendlichen Breakdancern in der Innenstadt von Bukarest unterhalten wurde, erschien die legendäre Ruslana auf der Bühne, um uns zum wohl dreitausendsten Mal ihre ‚Wild Dances‘ aufzuführen. Sowie weitere zwanzig Titel: gefühlt drei Stunden später stand sie dort immer noch, denn nicht nur hatte sie sich vertraglich zusichern lassen, ihr komplettes Repertoire aufführen zu dürfen, nein, sie ließ es sich auch nicht nehmen, unter Tränen eine Ansprache zur politischen Lage in ihrem kriegsgeschüttelten Heimatland zu halten und die Gäste im Saal dazu zu animieren, durch das Schwenken ihrer Leuchthandys zum Frieden beizutragen. Das war wohl nicht abgesprochen, stürzten an dieser Stelle doch die sich bis dahin in der Senderkantine in Sicherheit gebracht habenden Moderatoren herbei, um sie von der Bühne zu komplimentieren. Doch nicht mit Ruslana: erst nach einer weiteren Zugabe konnte sie von den Sicherheitskräften überwältigt und unter Protestgeplapper abgeführt werden, während die Kameras auf den Gastgebern des Abends ruhten. Großartig! Die Selecta Nationala lohnt einfach immer!

Das Siegerlied in der Contestfassung. Die Story im Video rührt mich ja zu Tränen, das grauenhafte Englisch aber leider auch! Bitte lasst es in Rumänisch!

Tolle Botschaft, lahmer Song: ob Voltaj es in Wien ins Finale schaffen? Und in welcher Sprache?

  • Sie sollten es auf rumänisch lassen. In Englisch verliert das total. (48%, 26 Votes)
  • Na klar, das ist bewegend und eingängig. Wie soll das nicht klappen? (22%, 12 Votes)
  • Wenn es mir nach geht, nicht. Ich hasse so Gutmenschengesülze. Aber es ist Rumänien, die sind weiter. (22%, 12 Votes)
  • Sie müssen es auf englisch singen. Auf rumänisch versteht ja keiner die Botschaft. (6%, 3 Votes)
  • Auch wenn ich den Song einschläfernd finde, berührt mich die Botschaft. Kommt weiter! (2%, 1 Votes)

Total Voters: 45

Loading ... Loading ...

6 Gedanken zu “Rumänien 2015: Hört den Kindern einfach zu

  1. Wow. Musikalisch vielleicht keine Offenbarung, aber das ist mir sowas von egal. Es geschehen wirklich noch Zeichen und Wunder: das ist der erste rumänische Beitrag überhaupt, den ich auf meine Eurovisions-Playlist nehmen werde. Und da ist mir selbst die Sprache ziemlich egal, wenngleich ich mich schon frage, welcher rhythmusgestörte Trottel die englische Version verbrochen hat – das „All over again“ des Refrains passt jedenfalls hörbar nicht auf die Melodie an dieser Stelle, und die Zeile „If a strong wind blows me“ ist ein immersionsbrechender Schnitzer der übelsten Sorte (wenn ich bei einem Song dieser Bauart eins nicht brauche, sind es unfreiwillige Porno-Assoziationen!).

  2. Das Funkenmariechen ist großartig – herrlich!!! So etwas wäre 1978 ja viel neckischer gewesen als dieses biedere Cape ! 😉

    Aber mit gefällt die Voltaj-Nummer ausgesprochen gut. Das ist sicher und dieses Mal auch zu Recht im Finale weit oben.

  3. Natürlich habe ich mich auch gut unterhalten gefühlt, obwohl ich natürlich im Gegensatz zu Dir den ganzen Trash nachher NICHT im Contest sehen möchte (es sei denn, es ist wirklich gut gemachter Trash (wozu ich übrigens auch das fabelhafte Poupée de cire, poupée de son zählen würde). Deshalb bin ich auch sehr zufrieden damit, dass letztlich einer der besseren Beiträge gewonnen hat.

    Füe mich war allerdings Ruslanas Auftritt der Höhepunkt des Abends. Und damit meine ich weniger das Abspulen ihres Repertoires als den Moment, in dem sie ihre Botschaft verkünden wollte und dabei allein schon beim Wort Ukraine in Tränen ausbrach, sowie die peinlichen Versuche des rumänischen Fernsehens, das zu verhindern (zum Glück gibt es im Netz inzwischen Handyaufnahmen von Zuschauern, allerdings versteht man Ruslana da auch kaum). Sie (Ruslana) nimmt das (die Euriovision und auch die europäische Idee) wirklich sehr ernst, und das finde ich großartig. In der Pressekonferenz 2004 hatte ich das noch ein wenig belächelt, aber inzwischen hat sie ja auf allen Ebenen (als Parlamentsabgeordnete, auf dem Maidan, auf Tour …) gezeigt, wie ernst es ihr ist und wie konstant sie das verfolgt. Das findet meine ungeteilte Bewunderung, denn auch ich sehe den ESC neben allem Fun und der Musik entgegen aller lächerlichen Beteuerungen und krampfigen Bemühungen der EBU auch als eine politische Bühne und ein großartiges Element der Zeitgeschichte (man sehe sich dazu zum Beispiel einmal den Film „12 Punkte für Europa“ an). Ich sage nur „Sva bol svijeta“ (BiH 1993).

  4. Nachtrag: Hm. Ich frage mich, wo sie bei diesem Song kürzen werden – die Singleversion, die ich auf iTunes gekauft habe, ist für den Contest eine halbe Minute zu lang.

  5. Da hat mir doch tatsächlich jemand zugehört. Die jetzt in der Playlist fürs erste Semi aufgetauchte Version (die sich irreführend „De La Capat – All Over Again“ nennt, obwohl sie komplett auf Englisch ist) hat das „blows me“ durch „takes me“ ersetzt. Die Kürzung ist übrigens direkt nach dem ersten Refrain – die erste Hälfte der zweiten Strophe fehlt.

  6. Und jetzt kursiert (da bin ich über Wikipedia drangekommen) auch noch die „Eurovision-Version“. Ich hoffe mal, dass das das letzte Wort zum Thema ist, denn diese neueste Variante ist bis auf den letzten Refrain komplett rumänisch. (Yippie!)

Oder was denkst Du?